Exekutive Dysfunktion oder: Warum kriege ich nichts hin?

Was ist Exekutive Dysfunktion?

Exekutive Dysfunktion beschreibt im weitesten Sinne Probleme damit, Dinge zu tun. Das klingt sehr allgemein – und ist es auch. Der Begriff ist relativ unbekannt, was dazu führt, dass diejenigen von uns, die Exekutive Dysfunktion haben, oft selbst nicht wissen, was das Problem ist.

Wir halten uns für „faul“, „kaputt“, sind von den vielen Aufgaben des Alltags komplett überfordert und wissen einfach nicht, warum. Wir schieben Dinge wochen-, monate- oder jahrelang vor uns her, egal, wie dringend wir sie erledigen wollen oder müssen. Das „Vor-Sich-Herschieben“ wird oft auch Prokrastination genannt, aber Prokrastination im klassischen Sinne wird meistens durch Ängste verursacht, während Exekutive Dysfunktion etwas ist, das uns unser Leben lang und überall begleitet.

Exekutive Dysfunktion tritt besonders häufig bei Autismus, ADHS, Schizophrenie und anderen Neurodivergenzen und psychischen Krankheiten auf, ist aber nicht darauf beschränkt.

Was umfasst die Exekutive Dysfunktion?

„Exekutive Funktionen“ ist der allgemeine Begriff für die Fähigkeit, Aufgaben anzufangen, fortzusetzen und abzuschließen. Exekutive Dysfunktion, also eine Störung der Exekutiven Funktionen, behindert uns entsprechend darin. Mit dem Wort „Aufgabe“ ist hier ganz allgemein irgendein Ding gemeint, das getan werden soll, also zum Beispiel „ein Glas Wasser trinken“, „das Zimmer aufräumen“ oder „eine Abschlussarbeit schreiben“.

1. Aufgaben anfangen

Menschen mit Exekutiver Dysfunktion haben oft Probleme damit, Aufgaben zu beginnen.

Viele von uns haben Schwierigkeiten, Körpersignale wie Durst, Hunger oder Müdigkeit wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Deswegen vergessen wir oft, Aufgaben anzufangen, um diese körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Gesprochene Anweisungen sind für viele von uns schwierig zu verarbeiten. Wenn wir sie nicht aufschreiben, vergessen wir die Hälfte der Anweisungen sofort.

Aber auch, wenn wir genau wissen, was wir machen müssen, können wir es oft nicht machen, weil der Impuls zum Anfangen ausbleibt. Wir sind sozusagen startbereit, aber der Startschuss kommt einfach nicht.

Wir stehen oft überfordert vor der Gesamtaufgabe und sind unfähig, uns die Einzelschritte zu überlegen, die dafür nötig sind. Den Menschen ohne Exekutive Dysfunktion fällt das so leicht, dass sie meistens nicht einmal bemerken, dass zum Beispiel „Duschen“ nicht eine einzelne Aufgabe ist, sondern aus ganz vielen einzelnen Schritten besteht: Ich muss ins Bad gehen, mich ausziehen, das Wasser aufdrehen, dann muss ich die Shampooflasche nehmen, mir die Haare waschen, dann muss ich das Shampoo wieder ausspülen, dann das Duschgel nehmen, meinen Körper waschen und so weiter.

Viele von uns sind auch schon von der schieren Anzahl der Möglichkeiten überfordert, um eine Aufgabe zu lösen. Wir können uns nicht entscheiden, welches Kapitel unserer Abschlussarbeit wir zuerst schreiben, welche der 15 Tassen wir aus dem Schrank nehmen, ob wir über die Ampel oder durch die Unterführung gehen.

Gedächtnisprobleme können auch eine Rolle spielen, wenn wir zum Beispiel etwas, das wir einmal gelernt haben, in einer neuen Umgebung überhaupt nicht mehr anwenden können.

Diese Probleme führen dazu, dass wir oft schon beim Gedanken an eine komplizierte Aufgabe verzweifeln. Wir bleiben oft „stecken“ und anstatt eine Aufgabe zu erledigen, schaffen wir gar nichts mehr.

2. Weitermachen und Dranbleiben

Menschen mit Exekutiver Dysfunktion haben oft Probleme damit, an einer Aufgabe dranzubleiben, sie ohne Ablenkung oder unerwünschte Unterbrechungen fortzusetzen.

Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis/ Arbeitsgedächtnis können dazu führen, dass wir ständig vergessen, was wir gerade tun. Wir können uns nicht mehr erinnern, was wir gerade eben gemacht haben und wir haben oft zusammenhanglose Gedankengänge, die es schwer machen, eine Aufgabe lückenlos durchzuführen.

Konzentrationsschwierigkeiten und leicht ablenkbar zu sein ist auch ein Teil von Exekutiver Dysfunktion. Schon eine kurze Unterbrechung kann dazu führen, dass wir gar nicht mehr wissen, wo wir stehen geblieben waren und sehr lange brauchen, um wieder in die vorherige Tätigkeit hineinzufinden.

Viele von uns haben Probleme mit der Impulskontrolle, das heißt, wir lenken uns oft selbst ab, weil uns irgendwas ganz Wichtiges einfällt, das wir jetzt sofort unbedingt machen müssen, oder weil wir versuchen, viel zu viele Sachen gleichzeitig zu machen.

Ganz im Gegenteil kann es für uns aber auch manchmal extrem schwierig sein, wichtige Ablenkungen überhaupt wahrzunehmen. Das nennt sich Hyperfokus, das heißt, wir sind so konzentriert auf eine Aufgabe, dass wir alles andere komplett vergessen.

Viele von uns haben auch Probleme damit, zu erkennen, wann eine Pause oder Unterbrechung notwendig ist.

3. Aufgaben beenden und abschließen

Für Leute mit Exekutiver Dysfunktion kann es schwierig sein, eine Aufgabe zu unterbrechen oder zu beenden. Wie beim Anfangen fehlt uns der Impuls dafür. Wir machen einfach mit unserer momentanen Tätigkeit weiter, weil wir unsere Konzentration und unseren Gedankenstrang sehr schlecht selbständig unterbrechen können oder weil wir fürchten, nach einer Unterbrechung nie wieder hineinzufinden.

Aufgaben zu wechseln, ist für uns besonders schwierig, weil wir dazu nicht nur unsere momentane Aufgabe unterbrechen oder beenden müssen, sondern auch noch eine neue Aufgabe anfangen müssen – und damit haben wir wieder die zuvor beschriebenen Probleme.

Für viele von uns ist es auch schwierig, eine Aufgabe vollständig abzuschließen, weil wir durch Ablenkungen und Unterbrechungen immer aufhören, bevor wir fertig sind. Ein chronisches Problem für viele Menschen mit Exekutiver Dysfunktion ist das Ansammeln unzähliger angefangener Projekte, die sie niemals beenden.

Welchen Einfluss hat Exekutive Dysfunktion auf unser Leben?

Probleme mit Exekutiven Funktionen begleiten die meisten von uns unser ganzes Leben lang. Für viele von uns bestimmt es unseren kompletten Lebensablauf oder zumindest Teile davon.

Die Stärke der Exekutiven Dysfunktion kann abhängig sein von äußeren Umständen, Stresslevel, dem emotionalen und gesundheitlichen Zustand und vielen weiteren Faktoren. Verständnis und Unterstützung im Alltag können erheblich dazu beitragen, die Beeinträchtigung durch unsere Exekutive Dysfunktion zu verringern.

Wie zuvor beschrieben hat Exekutive Dysfunktion viele verschiedene Komponenten. Nicht alle von uns haben mit allen diesen Punkten Schwierigkeiten. Für manche Menschen kann es schwieriger sein, mit Ablenkungen umzugehen, andere haben größere Probleme mit der Aufgabenplanung.

Menschen, deren Leben stark von Exekutiver Dysfunktion beeinflusst ist, haben zum Beispiel Probleme mit dem Haushalt, mit dem Einkaufengehen, mit Körperflege, in der Schule, im Studium, beim Lernen, bei Hausarbeiten, aber auch damit, Termine wahrzunehmen, Papierkram zu erledigen, Freundschaften zu pflegen, einen Beruf oder Hobbies auszuüben.

Was kann helfen?

Was helfen kann, ist stark davon abhängig, welcher Teil der Exekutiven Funktionen uns am meisten Probleme macht.

  • Todo-Listen können helfen, um den Überblick über zu erledigende Aufgaben zu behalten.

  • Notizen können dabei helfen, sich mehrere Aufgaben oder die Einzelschritte zu merken. Sie können auch helfen, nach einer Ablenkung oder Unterbrechung den Faden wieder zu finden.

  • Erinnerungen, Alarme und Timer können helfen, um Anfangs- und End-Impulse zu geben.

  • Festgelegte Routinen können ebenfalls nützlich sein, um Anfangs- und End-Impulse zu geben.

  • Routinen können auch dabei helfen, um die Auswahl zu erleichtern: Wenn ich die gleichen Dinge immer auf die gleiche Art und Weise erledige, muss ich mir nicht jedes Mal lange überlegen, wie ich es dieses Mal machen will.

  • Medikamente können mit einigen Teilen der Exekutiven Funktionen helfen. Sie helfen manchen Leuten mehr, anderen weniger, manchen gar nicht. Nicht alle Menschen können überhaupt Medikamente nehmen. Medikamente sind keine Zauberei, aber einen Versuch kann es durchaus wert sein.

  • Das Zerlegen von großen Aufgaben in kleinere Teile und Einzelschritte kann sehr hilfreich für Leute sein, die von der Aufgabenplanung überfordert sein. Es ist oft überfordernd, sich eine ganze komplizierte Aufgabe auf einmal vorzunehmen. Wer zum Beispiel Schwierigkeiten hat, sich dazu zu motivieren, das ganze Zimmer aufzuräumen, hat es vielleicht leichter, nur eine einzelne Schublade aufzuräumen oder nur den Staub zu wischen. Es ist okay, wenn du eine Aufgabe, die andere Leute total einfach finden, schon anspruchsvoll findest und aufteilen musst!

  • Überforderung, Stress und Überlastung haben für viele von uns einen negativen Einfluss auf die Exekutive Dysfunktion. Daher kann es helfen, wirklich nur so viel zu machen, wie wir können, auch, wenn das viel weniger ist als bei anderen Menschen.

 

Ein paar Worte zum Schluss

Wenn du Probleme mit Exekutiven Funktionen hast, bist du damit nicht alleine!

Exekutive Dysfunktion ist etwas, das Menschen sehr stark behindern kann. Wie stark du damit kämpfen musst, sagt nichts über deine Intelligenz, deine Kreativität oder deinen Wert als Mensch aus. Du bist nicht „faul“ oder „kaputt“.

Es ist okay, wenn du Ausreden erfinden musst, um durchzukommen. Es ist okay, wenn du weinen musst, weil du mal wieder gar nichts hinbekommen hast. Du hast es verdient, dass auf deine Schwierigkeiten Rücksicht genommen wird. Exekutive Dysfunktion ist eine Behinderung, für die du nichts kannst.

Diejenigen von euch, die keine Exekutive Dysfunktion haben, möchte ich bitten, auf uns Rücksicht zu nehmen. Nehmt es uns nicht übel, wenn wir Abmachungen oder Termine nicht einhalten können. Wir geben uns Mühe.

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14 Gedanken zu „Exekutive Dysfunktion oder: Warum kriege ich nichts hin?

  1. Mir fehlt ein bisschen die Perspektive, dass nicht das Nichterfüllen von Anforderungen das Problem ist, sondern diese selbst das Problem sein können. Wieso „exekutive Dyfunktion“ statt die Forderung: „Für das Recht auf Faulheit“? Weil Faulheit negativ ist? Weil es mehr Anerkennung bedarf etwas nicht zu können als das Recht einzufordern, etwas nicht wollen zu dürfen?
    Wieso wertet ihr „kaputt“ und „faul“ so sehr als etwas ab, das eine_r nicht sein will, sollte, darf?

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    • Das ist ein guter Einwurf.
      Für viele von uns ist es aber tatsächlich ein Problem, weil wir auch Dinge nicht tun können, die wir von ganzem Herzen tun wollen. Die Lampe in meinem Schlafzimmer ist seit 4 Jahren kaputt und ich möchte sie liebend gerne austauschen. Ich habe seit 4 Tagen nicht geduscht und ich kann mich selber nicht mehr riechen. Ich würde total gerne umziehen, aber ich krieg es nicht auf die Reihe, mich nach Wohnungen umzuschauen. Die Katze hat auf den Staubsauger gekotzt und ich brauche 2 Tage, um es wegzumachen. Das alles ist ein riesiges Problem für mich!

      Ich möchte Faulheit nicht abwerten. Faulheit ist super. Die Ansprüche, die diese Welt an uns stellt, sind sowieso viel zu hoch. Aber für uns Leute, die sehr stark mit Exekutiver Dysfunktion zu kämpfen haben, hat „Faulheit“ eine ganz besondere Bedeutung. Es ist es ein Vorwurf, den wir viel zu oft hören und den wir uns auch oft selbst machen. Für mich bedeutet das Wort „Faulheit“ die Erinnerung an die Wochen und Monate, die ich jeden Tag weinend im Bett lag, mich für einen unheimlich schlechten Menschen hielt und mich selbst hasste, weil ich nichts hinbekam. Das alles hat tiefe Spuren in mir hinterlassen und ich kenne verdammt viele Leute, denen es ganz ähnlich geht.

      Es macht einfach einen riesigen Unterschied, ob jemand sich bewusst entscheidet, etwas nicht zu tun, oder etwas nicht tun KANN!

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      • Liebe (r) ihabc,
        es ist exakt so, wie du es beschreibst, ich have deine Beispiele mit eibem lachenden und einem weinendrn Auge gelesen…geht mir alles gensu so, s er lbst das mit der Katzenko**e konnte ivh 100% nachvollziehen. Vielen Dank für deinen Beitrag, es ust gut zu sehen, dass man nicht alleine ust, auchbwenn es einem oft s o vorkommt, gerade was die Alltagsbewältigung betrifft.
        LG

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  2. „Wie stark du damit kämpfen musst, sagt nichts über deine Intelligenz, deine Kreativität oder deinen Wert als Mensch aus.“

    – ich finde den ganzen Text sehr wichtig (und gut!), bei diesem Teil möchte ich aber anmerken: „Intelligenz“ ist ja ohnehin so eine Sache, und auch weniger intelligent zu sein ist nichts schlimmes. Ja, viele von uns bekommen das vorgeworfen und werfen es sich selbst vor, und das sollte nicht so sein. Aber das Konzept an sich kann eigentlich auch weg.

    Über einen Text zu diesen Themen würde ich mich auch sehr freuen, falls jemand von euch so einen schreiben mag und kann.

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    • Du hast vollkommen recht! Intelligenz habe ich in dem Zusammenhang erwähnt, weil es mir von außen in dem Zusammenhang oft genannt wird.
      Intelligenz als Maßstab ist völlig überflüssig und eigentlich immer nur ableistisch. Es kann weg!
      Wenn du magst, kannst du auch gern selbst so einen Text schreiben und hier veröffentlichen. Ansonsten kann es gut sein, dass wir irgendwann dazu kommen, aber ich kann keine Versprechungen machen, wann das passieren wird.

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  3. Pingback: Exekutive Dysfunktion oder: Warum kriege ich nichts hin? | neuroqueer | Der Gestaltgnostiker

  4. Was die To-do-Listen angeht, stimme ich dem zu, was unter untenstehendem Link gesagt wird:
    „“To Do” lists can continue to execute functions or end up being a dysfunctional modus operandi.“ (To-do-Listen können in Folge zu Exekutiver Funktion führen oder dazu, dass wir in einem dysfunktionalen Modus Operandi enden). Sie sind also nicht das alleinseligmachene Mittel, sondern mit Bedacht anzuwenden.
    https://aspergiangal.wordpress.com/2011/11/12/executive-dysfunction-is-relative/

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  5. Pingback: Über Exekutive Dysfunktion beim Asperger Syndrom | Blogger ASpekte

  6. Pingback: “Arbeitsscheu” | Aspergiller – Aspergill & Asperger

  7. Danke fuer dieses tolle Video und den tollen Beitrag!
    Seitdem ich als Erwachsener die Diagnose ADHS bekam, ist nun genau das mein groesstes Problem.
    Im Gegensatz zu vielen anderen Artikeln gibt es hier *nachvollziehbare* Loesungsvorschlaege.

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