Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

Hinweis: Dieser Text thematisiert Ableismus, Suizidgedanken und Selbstverletzung. Er enthält ableistische Begriffe, erwähnt Schwierigkeiten mit Essen und erwähnt Gewalt und Mobbing.

Es kostet einen hohen Preis, sich zu verstellen

Ich habe fast mein ganzes Leben lang versucht, möglichst „normal“ zu wirken. Das fing an, als ich als Kind emotionale Gewalt, Ausgrenzung, Drohungen und Beschimpfungen erlebte, weil ich mich zu „behindert“, zu „komisch“ und „unheimlich“ verhielt. Mir wurde regelmäßig erklärt, ich sei „verrückt“, „psycho“, ich würde „ins Irrenhaus“ gehören, ich würde mich „wie so ein Autist“ verhalten und vieles weitere.

So lernte ich schon früh, dass ich meine „ungewöhnlichen“ Verhaltensweisen um jeden Preis verstecken musste. Das gelang natürlich nicht immer. Meine Körpersprache, das ewige Zappeln und mein ständiges Stimming, meine ungewöhnliche Körperhaltung, meine weinerlichen Reaktionen auf Toilettenspülungen, volle Busse, helles Licht, mein unbeholfenes Sozialverhalten und Reaktionen auf emotionale Überlastung ließen mich immer irgendwie „anders“ erscheinen. Ich hatte Hobbies, für die ich ausgelacht wurde, weil sie „ungewöhnlich“ waren.

Meine Entwicklung brauchte in vielen Bereichen einfach viel, viel länger als bei anderen Menschen. Ich schaffte es nie, mein Zimmer ordentlich zu halten. Es war teilweise so schmutzig, dass ich Ungeziefer unter dem Bett hatte.

Mit zehn spielte ich noch heimlich in meinem Bett mit meinen Fäkalien. Körperpflege fiel mir schwer: Ich putzte mir nur selten die Zähne. Ich wusch mir meine Haare nicht und badete wochenlang nicht. Ich warf meine getragene Kleidung auf den Fußboden in meinem Zimmer und wenn der Kleiderschrank leer war, zog ich irgendwas aus dem Haufen heraus und zog es an, egal, wie schmutzig es war. Als ich mit zwölf anfing, unter den Achseln zu schwitzen, war ich davon überfordert und hörte erstmal komplett damit auf, T-Shirts zu wechseln.

Ich war vergesslich. Ich vergaß Hausaufgaben. Ich vergaß meinen Rucksack in der Schule oder zu Hause. Ich stand überrascht und ohne das benötigte Fahrrad vor der Schule, als Verkehrs-Schulung war – obwohl wir am Vortag darüber gesprochen hatten. Ich ging nach dem Sportunterricht ohne Hose nach Hause. Ich vergaß Abmachungen, Termine, Regeln, Anweisungen, Namen – so ziemlich alles.

Natürlich machten diese Schwierigkeiten mich zu einem optimalen Mobbing-Opfer in der Schule und in Freizeit-Veranstaltungen.

All das brachte meine Aufsichtsperson nicht etwa auf die Idee, Hilfe zu holen. Statt dessen schrie sie mich an – denn für sie war klar, dass ich das alles mit Absicht machte: „Du bist doch so schlau.“

Die Tatsache, dass ich schnell lernen konnte und, wenn ich einen guten Tag hatte, in der Schule gute Leistungen bringen konnte, war auch für meine Lehrer*innen ein eindeutiges Zeichen, dass ich nur nicht „wollte“ und „faul“ war.

Je bewusster ich mir über meine Andersheiten wurde, desto stärker kämpfte ich dagegen an. Jede Kleinigkeit hinterfragte ich danach, ob sie „normal“ genug war.

Ich hörte auf, meine Arme beim Gehen oder Sitzen nach oben zu halten, weil das „komisch“ aussah. Ich hörte auf, auf T-Shirts herumzukauen, weil davon der Kragen ausleierte und das „hässlich“ war.

Ich hinterfragte jede Minute meine Körperhaltung. War ich zu verkrampft? Zu schief? Die Beine darfst du nicht zweimal umeinander schlagen, das sieht auch „komisch“ aus. Nein, du darfst nicht nervös zwinkern. Hör auf mit dem Schaukeln, hör auf zu zappeln, das sehen doch die anderen.

Ich konnte nicht alles unterdrücken: Ich hörte nie wirklich damit auf, zu zappeln (ADHS, juhu). Ich biss mir die Finger blutig (mach ich noch immer). Ich konnte es mir nicht abgewöhnen, Papier zu essen.

Als Teenager fing ich an, mich selbst zu verletzen, weil meine Meltdowns als bösartige Wutanfälle interpretiert wurden. Selbstverletzung war das einzigste, was Meltdowns abbrechen konnte und auf diese Art und Weise Strafen für diese „Wutanfälle“ verhindern konnte.

Mit der Zeit entwickelte ich langsam die Fähigkeit, mit einigen Dingen klarzukommen, die vorher schwierig für mich waren. Bis ich achtzehn war, hatte ich meine Körperpflege einigermaßen im Griff. Bis ich zwanzig war, hatte ich mir durch ungebetene Kommentare anderer Menschen einigermaßen zusammengereimt, was „angemessene“ Kleidung war und wie oft ich sie zu wechseln hatte. (Das mit dem Sauberhalten meines Lebensraums schaffe ich bis heute nicht.)

Das machte den Weg frei für Überkompensation: Jeden Tag duschen und Beine rasieren. Dreimal am Tag Zähne putzen. Mich selbst dafür hassen, „komisch“ zu sein. Meine eigenen Reaktionen verachten. Meine Wahrnehmung nicht ernst nehmen: Salzige Erdnüsse dürfen nicht wehtun, weil sie „normalen“ Leuten nicht wehtun. Duschen müssen angenehm sein, nicht schlimm, weil „normale“ Leute Duschen gut finden. Sex musst du mögen, nicht eklig finden, weil „normale“ Leute Sex toll finden.

Ich konnte so vieles nicht selbst einschätzen und verließ mich zu 100% auf die Meinung anderer – was spätestens dann explodierte, wenn verschiedene Leute widersprüchliche Meinungen hatten.  

Also gab es Menschen, deren Meinung wichtiger war als die anderer Menschen. Ich konnte nur Klamotten anziehen, von denen nahestehende Leute mir sagten, dass sie okay aussahen. Nur Frisuren tragen, von denen sie mir sagten, dass sie okay waren. Nur Hobbies haben, von denen sie mir sagten, dass es gute Hobbies waren. Nur Dinge mögen, die sie auch mochten. Sie hatten dadurch viel Kontrolle über mich, oft, ohne es zu bemerken.

Ich hörte auf jeden Kommentar, auch, wenn er an ganz andere Leute gerichtet war – alles war gut genug, um für mich zur Richtlinie zu werden, wie ich auszusehen, mich zu bewegen, zu kleiden, zu verhalten hatte; was ich denken-fühlen-mögen sollte.

Die Kompensationsstrategie für die Vergesslichkeit war Panik: Wenn ich alle 5 Sekunden an ein Ding denke, weil ich Panik davor habe, kann ich es nicht vergessen. Wenn ich andauernd Panik habe, irgendwas vergessen zu haben, ist es wahrscheinlicher, dass ich mich wieder daran erinnere.

Den ganzen Tag aufgeregt und panisch zu sein, sorgt also dafür, dass ich Ansprüchen von außen besser gerecht werden kann. Mich auf Brechen und Biegen nach völlig willkürlichen Regeln zu richten, die ich mir aus dem Verhalten meines Umfeldes ableite, macht mich weniger auffällig. Mein ganzes Verhalten, Leben, Fühlen von anderen, neurotypischeren Menschen verifizieren zu lassen, lässt mich „normaler“ wirken.

Es macht mich auch kaputt.

Diese ständige Selbstkontrolle ist ein massiver Dauerstress. Es gibt kein Loslassen, kein Abschalten, keine Ruhe: Auch, wenn du alleine bist, kontrollierst du jede deiner Bewegungen, dein Aussehen, deine Gedanken und Gefühle. Wenn du mit anderen Menschen zusammen bist, suchst du ständig nach Hinweisen, wie du dich verhalten musst.

Es gibt keine Rückzugsorte, denn vor der verinnerlichten Kritik kannst du dich nicht verstecken.

Das ist der Preis, den Leute wie ich fürs „Normalsein“ bezahlen.

Weil es eben nicht allen so geht

Und dann wird uns ständig gesagt: „Das geht doch allen so.“ (Der Spruch ist das Zwillingskind von „stell dich nicht so an“.)

Wenn du darüber redest, wie beschissen es dir mit vielen Dingen geht, bekommst du endlos viel Bestätigung, dass das eine völlig normale Erfahrung wäre.

„Niemand geht gerne arbeiten.“ Wie viele Leute bekommen Suizidgedanken, wenn sie an Arbeit denken? Wie viele Leute denken jeden Tag auf der Arbeit: „Das hier bringt mich um“? Wie viele Leute sitzen auf der Arbeit heulend auf dem Klo und hauen den Kopf gegen die Wand? Wie viele Leute verstecken sich im Keller, um ein paar Minuten Ruhe zu haben vor dem Lärm, den Lichtern, den Menschen, den ganzen DINGEN, die dort passieren?

„Es ist normal, ein bisschen vergesslich zu sein.“ Wenn das so wäre, wäre „ich hab meine Hausaufgaben vergessen“ keine „billige Ausrede“. Dann würde es Leuten nichts ausmachen, wenn du ihren Geburtstag vergisst. Es wäre nicht peinlich, bei der Ärztin einen neuen Termin ausmachen zu müssen, weil du vergessen hast, dass heute ja schon Mittwoch war.

Aber das begriff ich nicht. Ich glaubte, was mir gesagt wurde: „Das ist normal. Du bist normal.“

Ich erwartete von mir, genauso viel zu können wie alle anderen. Kein Problem zu haben. Telefonieren musste ich aushalten können. Den Lärm musste ich aushalten können. Es musste okay für mich sein, dass meine Gedanken auf ein bestimmtes Thema gezwungen wurden, dass kein Platz war für die Dinge, an die ich denken wollte. Fühlt es sich für alle Menschen so an, wie ihr ganzes Bewusstsein aus ihrem Kopf zu popeln, wenn sie Gedanken an ein bestimmtes Thema unterdrücken müssen, weil sie sich auf etwas anderes konzentrieren sollen?

Kriegen alle Leute Herzrasen, wenn das Telefon klingelt? Kriegen alle Leute es manchmal einfach nicht hin, gesprochene Sprache zu verstehen? Sind alle Menschen von früh bis spät angespannt und panisch, weil sie die Liste von Dingen, die sie erledigen müssen, alle paar Sekunden wiederholen müssen, um sie nicht zu vergessen? Frieren alle anderen auch manchmal einfach ein und können sich mehrere Minuten lang gar nicht mehr bewegen?

Ist es üblich, alle 3 Minuten auf die Uhr zu schauen, damit du weißt, wie viel Zeit vergangen ist? Müssen alle Leute sich schon Stunden, bevor sie einen Termin haben, in ein hohes Stresslevel versetzen, um nicht zu vergessen, dass sie noch was vorhaben?

Sind wirklich alle anderen auch jeden Tag, an dem sie mit Wecker aufstehen müssen, so müde, dass sie sich bei jedem Schritt, bei jeder Bewegung fragen, wann sie endlich zusammenbrechen? Dass sie darauf hoffen, von einem Auto angefahren zu werden oder einfach bewusstlos oder tot umzufallen, damit sie endlich, endlich ausruhen können?

Kämpfen alle Leute mit den Tränen, wenn der Lärm und die Menschen und das Denken und das Erinnern und das DINGE TUN einfach zu viel sind? Jeden Tag?

Nein.

Aber das hat mir niemand gesagt. Sie haben sich mein Gejammer angehört und gesagt: „Das geht doch jedem mal so.“

Ich zwang mich dazu, Dinge zu tun, die mir schadeten. Ich ignorierte meine Schmerzen in lauten Umgebungen, die anderen Leuten nichts ausmachten. Ich achtete nicht darauf, welches Essen ich überhaupt essen konnte, sondern aß dann halt weniger, wenn mir der Geschmack zu intensiv war. Wer braucht schon Nährstoffe?

Ich erlaubte mir nicht, zu sagen, wie viel Kraft es mich kostete, Dinge zu tun, die anderen Menschen selbstverständlich vorkamen. Ich durfte es nicht zeigen, denn das wäre nicht „normal“ gewesen.

Ich konnte mir nicht einmal selbst eingestehen, dass es mich überlastete und kaputt machte. Ich hatte keine Worte dafür. Ich hatte kein Verständnis für diese Form von Überlastung.

Ich war allein mit dieser Erfahrungswelt. Es gab keine Menschen in meinem Leben, die mich verstanden, wenn ich sagte: „Der Tag war einfach zu viel.“ Oder: „Ich kann heute keine Musik ertragen.“ Oder: „Ich kann da nicht anrufen.“

Die einzige zuverlässige Antwort auf solche Aussagen war eben diese: „Das geht doch allen mal so.“

Wenn „ich schaffe das nicht“ mutiger ist als „ich schaffe das“

Mir war klar, dass ich mit vielen Dingen Schwierigkeiten hatte, die anderen leicht fielen. Aber es wurde mir nicht geglaubt. Statt dessen wurde mir großzügig versichert, dass ich es sehr wohl hinkriegen würde.

Mir war schon gegen Ende der Schulzeit klar, dass ich einen Arbeitsalltag nicht aushalten würde, denn bereits der stressarme Schulalltag, in dem ich nur meine Zeit absitzen musste und unter der Bank zeichnen, schreiben, lesen, oder einfach vor mich hinträumen konnte, überforderte mich stark. Aber auf meine Zweifel bekam ich stets dieselbe Antwort: „Da gewöhnst du dich dran. Das schaffst du schon.“

Ich sagte, dass ich Angst davor hatte, allein an einen fremden Ort zu fahren. „Das schaffst du schon.“

Ich wurde nach 2 schlaflosen Nächten und den Tränen nahe in einem Stadtviertel, in dem ich mich nicht auskannte, allein gelassen: „Die Bushaltestelle ist in diese Richtung. Das findest du schon.“

Wenn ich jemanden bat, mich abzuholen, war die Antwort: „Du kennst doch den Weg. Das findest du schon.“

Jedes Mal, wenn ich Zweifel an meinen Fähigkeiten äußerte, wurde mir bestätigt, dass ich es schon schaffen würde. Das ist nett gemeint, aber es schadete mir massiv:

Denn ich glaubte anderen Menschen diese Fehleinschätzung. Ich glaubte ihnen, dass ich „normal“ war. Ich glaubte ihnen, dass ich genau die gleichen Fähigkeiten hatte wie die anderen „normalen“ Menschen.

Das überlastete mich nicht nur gnadenlos, sondern brachte mich auch oft in gefährliche Situationen. Ich fuhr allein in fremde Städte. Ich hatte allein in fremden Städten Meltdowns. Ich irrte heulend mit kiloschwerem Gepäck nachts durch fremde Städte. Ich wurde von Leuten ausgenutzt, die erkannten, wie aufgelöst und hilflos ich war. Ich hatte keine Ahnung, warum mir so etwas passierte, warum ich nicht, wie alle anderen „normalen“ Menschen, mit solchen Situationen zurechtkam.

Mit irgendwelchen Leuten Treffen ausmachen? Kein Problem. Machen ja alle. Nur, dass ich die Leute und Situationen oft komplett falsch einschätzte, was wiederum oft zu Belästigungen und unangenehmen Situationen führte.

Beziehungen? Kein Problem. Machen ja alle. Das resultierte für mich in fünf Jahre Gewaltbeziehung.

Arbeiten? Kein Problem. Neben dem Studium jobben? Kleinkram. Ich verstand nicht, warum ich alle 2-3 Jahre komplett zusammenbrach und gar nichts mehr machen konnte.

Vollzeitjob? „Du bist doch so schlau. Du gewöhnst dich dran.“ Ich glaubte ihnen.

Nach dem Ende meines Studiums dauerte es noch 6 Monate, bis ich endgültig zusammenklappte. Als mein Bachelorzeugnis im Briefkasten war, war ich schon arbeitsunfähig geschrieben.

Ich hab mich nicht daran gewöhnt.

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „normal“ wirken.

Jeder Muskel in meinem Körper muss mir bewusst sein. Ich muss sie alle bewachen, damit auch ja keiner anfängt mit dieser wohligen, rhythmischen Bewegung.

Meine Ohren müssen gespitzt sein. Ich muss jeden Ton in meiner Umgebung in mich aufsaugen, gesprochene Worte mit höchster Konzentration herausfiltern – und ich verstehe doch nur die Hälfte – und das, was ich nicht verstehe, aus dem Kontext herleiten. Ich muss lächeln. Ich muss die Leute anschauen. Aber nicht zu lange! Wie lange ist „normal“? Ich muss lügen, weil das schneller geht als Nachdenken – irgendwas nacherzählen, was ich schonmal von irgendwem gehört habe, weil ich keine Zeit hab, in mir selbst nach einer Antwort zu suchen. Es geht nicht darum, was für ein Mensch ich bin. Es geht nicht darum, was ich mag, was ich denke, was ich fühle. Es geht nur darum, „normal“ zu wirken.

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „normale“ Dinge tun.

Ich muss Aufgaben erfüllen, die mich zum Heulen bringen. Ich muss mich durch knirschende Zähne, höllische Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und bleierne Erschöpfung kämpfen. Ich muss die körperlichen Überlastungsreaktionen hinnehmen. Ich muss die Suizidgedanken akzeptieren und verschweigen. Ich muss die Panik verstecken. Ich muss den Selbsthass runterschlucken.

Ich muss so viel Kaffee in mich reinschütten, dass mir schlecht davon wird. Ich muss mich durch Alpträume und Sekundenschlaf und Zitter-Anfälle und Meltdowns prügeln, um noch einen Arbeitstag vor dem Wochenende schaffen zu können. Ich muss das Wochenende im Bett verbringen und versuchen, bis Montag wieder geradeaus laufen zu können.

Ich darf die Dinge nicht tun, die es erträglicher machen würden, weil ich dann nicht mehr „normal“ wirken würde.

Es geht nicht darum, dass ich einen aushaltbaren Alltag habe. Es geht nicht darum, mich mit meinen Tätigkeiten wohlzufühlen. Es geht nicht darum, ein lebenswertes Leben zu führen. Es geht nur darum, genausoviel hinzukriegen wie alle anderen „normalen“ Menschen auch.

Ja: Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „es schaffen“. Für eine Weile. Bis ich zusammenbreche – oder sterbe.

Nach dem letzten Zusammenbruch habe ich mich dagegen entschieden.

Ich versuche nicht mehr, Menschen in die Augen zu schauen, wenn ich mit ihnen rede, wenn mir das unangenehm ist. Ich versuche nicht mehr, stillzuhalten, wenn ich mich bewegen muss. Ich beiße nicht mehr die Zähne zusammen, wenn es zu laut und zu hell und zu viel ist, sondern ich schütze mich davor. Ich kaufe kein „normales“ Essen mehr, sondern solches, das ich auch essen kann. Ich riskiere nicht mehr meine Sicherheit, indem ich mir ohne Begleitung Aktionen vornehme, die mich überfordern.

Ich gehe nicht mehr arbeiten.

Ich entscheide mich dagegen, mein Leben zu riskieren, nur um kapitalistischen Ansprüchen zu genügen.

Ich entscheide mich dagegen, jeden Tag nur zu überstehen, statt ihn zu erleben.

Ich entscheide mich dafür, meine Einschränkungen zu akzeptieren.

Ich entscheide mich dafür, mich zu schützen. Mein Leben zu schützen.

Ich entscheide mich für mich.

Und das bedeutet: Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

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Binder: Infosammlung

Binder sind eine Wissenschaft für sich. Weil sie auch nicht gerade billig sind, ist es schwierig, viele durchzuprobieren – und möglichst der erste sollte zufriedenstellend passen. Hier meine kleine Zusammenfassung von allem, was ich weiß, in der Hoffnung, dass es irgendwem was bringt.
Wenn ihr Erfahrungsberichte, Fragen, Hinweise, Anmerkungen und Ergänzungen habt, meldet euch! Ich werde auch gern den Artikel um mehr Infos (oder Links oder Fotos) erweitern.

Einige Infos vorneweg

  • Binder sind nicht gesundheitsschädlich. Ja, wenn ihr monatelang jeden Tag einen Binder tragt, wird sich das Gewebe anpassen und eure Brüste werden danach auch ohne Binder platt gequetscht aussehen. Das ist nicht gefährlich.
  • Zu enge Binder, billige Binder und Bandagen können sehr wohl gesundheitsschädlich sein! Das kann sogar soweit gehen, dass deine Knochen sich verschieben (!!!). Trage keinen zu engen Binder oder selbstgemachte Bandagen, und besonders nicht, wenn du noch nicht komplett fertig gewachsen bist!
  • Ein Binder sitzt richtig, wenn er die Brüste platt drückt, aber am Rest vom Körper nur gut anliegt. Er darf nirgendwo anders quetschen. Fettgewebe in Form schieben ist okay – Striemen hinterlassen oder wirklich Druck ausüben ist NICHT okay.
  • Es ist möglich, in einem Binder unbehindert zu atmen. Wenn du in deinem Binder nicht gut atmen kannst, trägst du den falschen Binder. Wähle eine größere Größe oder einen Binder aus elastischem Material.
  • Sport-BHs haben eine andere Funktion als Binder. Um die Brüste platt zu drücken, muss oft eine sehr kleine Größe gewählt werden, und das ist gesundheitsschädlich.
  • Binder funktionieren nicht für alle. Manche Leute mögen den Druck auf der Brust nicht. Andere Leute bekommen von einem stramm sitzenden Binder einen Juckreiz, der sie sehr stört. Manche Leute können sich an diese Dinge gewöhnen, andere nicht.
  • Binder sind keine Pflicht. Nein, auch ein Transmann muss keinen Binder tragen, wenn er das Gefühl nicht mag, sich keinen leisten kann oder aus irgend einem anderen Grund eben keinen Binder trägt. Deal with it.
  • Um die Größe für den Binder zu messen, … nein, ich gebe auf. Du musst auf der Website des Herstellers schauen, weil sie alle ihre eigenen Maßtabellen und Messsysteme haben. Manche wollen, dass du an der weitesten Stelle der Brust misst, andere wollen, dass du oberhalb der Brust misst, andere wollen den Wert von unterhalb der Brust. Viel Glück.

Einige Hersteller/Händler

Hilfreiche Links

Ich würde so gern Binder tragen, aber…

  • …ich habe das Gefühl, keine Luft zu bekommen / fühle mich eingeengt: Wähle einen halb langen Binder aus dünnerem, elastischen Material (je kürzer, desto besser), z.B. Danae Trans-Vormer Basic, und geh vielleicht eine Größe hoch. Die Brust wird dann ggf. nicht ganz so flach wirken. Unter Umständen ist aber auch ein Binder mit Klettverschluss sinnvoll (z.B. T-Kingdom 1480 oder Danae mit Klettverschluss), der sich bei Bedarf lockern lässt.
  • …es sieht komisch aus, macht komische Wulste: Versuch mal, eine Größe hochzugehen (ja). Das passiert meist bei großen Brüsten. Mit einem größeren Binder hast du mehr Spielraum, um das Gewebe in Form zu bringen. Zusätzlich kann es hier sinnvoll sein, einen langen Binder zu wählen.
  • …ich bin nicht so gelenkig und kann mir so etwas enges nicht über den Kopf ziehen: Binder, die einen Verschluss auf der Vorderseite haben, sind sehr leicht anzuziehen.

Auswahl des richtigen Binders

  1. Verschlussart

    Die Verschlussart bestimmt, die einfach oder schwer der Binder angezogen werden kann, wie stramm er sitzen kann und wie er ggf. durch die Kleidung hindurch zu sehen ist.

    1. Reißverschluss
      Vorteile: Mit einem Reißverschluss (bei Danae auf der Vorderseite) ist der Binder sehr einfach anzuziehen. Er kann auch relativ fest verarbeitet werden und dadurch sehr stramm sitzen, ohne beim Anziehen ein zu großes Problem darzustellen.
      Nachteile: Ein Binder mit einem Reißverschluss ist nicht verstellbar. Er passt entweder, oder eben nicht. Außerdem ist der Reißverschluss durch dünne Kleidung zu sehen. Der Ausschnitt sitzt auch oft sehr weit oben, sodass er nur unter Shirts mit sehr engem Ausschnitt verschwindet.
    2. Klettverschluss
      Vorteile: Mit einem Klettverschluss (Bei T-Kingdom unter der Achsel, bei Danae auf der Vorderseite) ist der Binder einstellbar. Er kann stramm angelegt werden oder bei Bedarf gelockert werden. Es ist auch festes Material verwendbar. Er passt sich an die Körpergröße an. Der Verschluss unter der Achsel ist nur bei ärmellosen oder sehr engen Shirts ein optisches Problem. Außerdem kann der Klettverschluss helfen, sehr widerspenstige Brüste in Form zu drücken, weil er auch schräg geschlossen werden kann.
      Nachteile: Das Schließen des Klettverschlusses unter der Achsel kann ohne Hilfe in eine ziemliche Fummelei ausarten. Ich fand es sehr anstrengend. Auf der Vorderseite ist es allerdings ziemlich einfach.
    3. Häkchen
      Vorteile: Mit Häkchen (habe ich bisher nur unter der Achsel gesehen) lässt sich der Binder sehr einfach verschließen. Die Angelegenheit ist außerdem etwas flacher und weniger störend als ein Klettverschluss. Durch die Verschlussmöglichkeit kann er stramm sitzen und mit relativ weitem Ausschnitt geschnitten werden, sodass er optisch kaum stört.
      Nachteile: Wenn nur eine Reihe Häkchen gesetzt ist, ist der Binder nicht einstellbar.
    4. Kein Verschluss – zum Überziehen
      Vorteile: Ein Binder ohne Verschluss verschwindet unter den meisten Shirts, auch unter ärmellosen Hemden. Es gibt Menschen, die sie einfacher zum Anziehen finden – das ist nicht meine Erfahrung.
      Nachteile: Ich finde sie verdammt schwer anzuziehen. Wenn ein Binder ohne Verschluss stramm sitzen soll, ist es für mich eher schmerzhaft, ihn über die Arme zu ziehen. Wenn er groß genug ist, damit ihn bequem anziehen kann, quetscht er mir nicht genug, um ihn unter einem T-Shirt zu tragen. Weiterhin ist er ebenfalls nicht einstellbar. Die Größe muss das Optimum zwischen „Ich kann ihn anziehen“ und „Er macht die Brüste platt“ sein – das heißt viel Durchprobieren.
      Hinweis: Manchmal wird empfohlen, diese Binder „von unten“ anzuziehen, also mit den Beinen zuerst. Wie das gehen soll, ist mir völlig unverständlich, weil ich nach wenigen Zentimetern auf unüberwindbare Hüftknochen stoße. Aber vielleicht bringt es ja wem was.
  2. Größe

    Selbstredend ist die Größe des Binders ein wichtiger Faktor. Welche Größe optimal ist (eher die größere oder die kleinere?) hängt sehr von der Verarbeitungsart des Binders ab. Insbesondere die Verschlussart spielt eine große Rolle.

    Bei einstellbaren Verschlussarten (Klettverschluss oder Häkchen mit mehreren Reihen) besteht viel Spielraum und der Binder kann an den eigenen Körper optimal angepasst werden.

    Aufpassen: Wenn der Binder zu klein ist, wirst du ihn trotzdem nicht anziehen können!

    Ein Binder ohne Verschluss, der zu klein ist, lässt sich nicht anziehen.
    Nein, auch nicht mit Luft Anhalten und Quetschen und ziehen. Du wirst ihn nicht über bekommen. Punkt.

    Verschiedene Hersteller bieten verschiedene Größen an. Was beim einen Hersteller S heißt, heißt beim anderen XS oder M. Im Zweifelsfalle nachmessen und die Größentabelle des Herstellers anschauen!
    Der kleinste Binder, den ich bisher gefunden habe, ist Größe XXS von gc2b, bei 71 cm Brustumfang (ich würde sogar sagen, eher kleiner, aber das steht halt in der Größentabelle). Die größten Binder, die ich bisher gesehen habe, finden sich bei Underworks und gehen bis über 140 cm Brustumfang.

  3. Waschen

    Manche Binder lassen sich nur mit der Hand waschen. Von Underworks habe ich gelesen, dass sie ziemlich zerfleddern, wenn sie mit der Maschine gewaschen werden.
    Gc2b empfiehlt Handwäsche, schreibt aber gleich dazu, dass du den Binder auch in die Maschine werfen kannst.
    Die Binder von Danae gehen ebenfalls in die Waschmaschine.
    Falls möglich, ist es natürlich schonender, einen Binder mit der Hand zu waschen. Er wird dann einfach länger halten.

  4. Material und Verarbeitungsart

    Die Materialien und Verarbeitungen, die ich bisher kennengelernt habe, sind folgende:

    1. Elastisches Material ohne Stütznähte (z.B. Danae Trans-Vormer Basic)
      Binder aus elastischem Material ohne Stütznähte sind sehr gut geeignet, um sie einfach überziehen zu können. Der Effekt wird entsprechend geringer ausfallen, dafür ist der Tragekomfort sehr hoch.
    2. Das Modell Brustpanzer (z.B. T-Kingdom Model 1480)
      Das Modell Brustpanzer besitzt an der Vorderseite einen sehr steifen, unelastischen Teil aus sehr dickem Material. Dieser kann Unebenheiten etc. sehr gut kaschieren.
    3. Unelastisches, dünnes Material (z.B. die 5-Euro-Ebay-Variante)
      Billiges Zeug. Sie sind aber nur genau dann ungefährlich, wenn du ganz tief einatmen kannst, ohne Widerstand zu spüren. Das bedeutet auch, dass solche billigen Binder nur ungefährlich sind, wenn sie die Brüste nur ein bisschen abbinden.
    4. Festes, mehrlagiges Material mit Stütznähten (z.B. gc2b), bzw. einfach sehr festes Material (Danae mit Option „extra fest“)
      Binder, die sehr fest verarbeitet sind, sind entsprechend schwierig anzuziehen. Der Effekt ist dafür besser. Es fühlt sich meiner Meinung nach aber auch sehr einengend an. Wenn du das Gefühl hast, in deinem Binder keine Luft zu kriegen, wähle dünneres Material. Der Vorteil von Stütznähten ist, dass sie die Brüste besser in Form halten und ein Verrutschen behindern.
    5. Fest verarbeitetes, aber immer noch elastisches Material (z.B. Danae Trans-Vormer Sport)
      Angenehm zu tragen bei gleichzeitig vernünftigem Effekt, wenn du Glück hast. Wenn du Pech hast, kann es die Brüste wie ein Sport-BH nach oben schieben und funktioniert gar nicht. Bei Rückenproblemen und Problemen mit engen Kleidungsstücken würde ich so einen Binder zuerst probieren.
  5. Länge des Binders

    1. Volle Länge bis über den Hosenbund
      Lange Binder eignen sich besonders gut, um ihn ohne etwas darüber anzuziehen. Bei dicken bzw. fetten Menschen kann ein langer Binder zusätzlich die Hüften ein wenig zusammendrücken und somit für eine geradere Körperform sorgen, die maskuliner wirkt. Außerdem ist kein ggf. abstehender Rand auf dem Bauch zu sehen und der Binder neigt weniger stark zum Verrutschen.
      Ein weiterer Vorteil ist, dass lange Binder im Winter sehr warm sind – der Nachteil ist, dass sie im Sommer ebenfalls ziemlich warm sind.
      Ein Nachteil kann sein, dass sie auch ziemlich auf den Bauch drücken. Ich fühle mich in einem langen Binder sehr eingeengt und habe das Gefühl, schlecht atmen zu können. Außerdem ist ein langer Binder ohne Verschluss natürlich noch schwieriger anzuziehen als ein kurzer.
    2. Kürzerer Binder, halbe Länge
      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es einfach ist, sich vom BH auf einen kurzen Binder umzugewöhnen.
      Sie können weder Bauch noch Hüften in Form drücken, was je nach Vorliebe ein Vorteil oder ein Nachteil sein kann.
      Je nach Material kann ein kurzer Binder auch gut als Ersatz für ein Bikini-Oberteil geeignet sein.
  6. Brustgröße und Brustform

    Die Größe und Form der Brust ist natürlich ausschlaggebend für die Wahl des Binders. Kleine Brüste und Brüste mit breiter Wurzel, die von sich aus bereits weit hinter der Achsel verschwinden, sind am einfachsten zu kaschieren – hier würde ich empfehlen, Verschluss und Verarbeitungs-Art des Binders nach Tragekomfort auszuwählen. Bereits ein kaum drückender Binder aus elastischem Material kann einen ausreichenden Effekt erziehen. (Denkt dran: Der Brustkorb von Leuten ohne Boobs ist auch kein Brett. Eine kleine Wölbung erzielt einen natürlichen Effekt.)

    Die Binder von gc2b sollen auch für große Brüste gut geeignet sein. Generell gilt für große Brüste, dass kleiner (enger) nicht unbedingt besser ist, weil es dann keinen Spielraum mehr gibt, um das Gewebe in Form zu schieben.

    Bei Brüsten jeder Form und Größe gilt: Das Zurechtrücken des Gewebes nach dem Anziehen ist die halbe Miete! Dazu solltest du unter den Achseln unter den Binder greifen und die Brüste nach außen und unten schieben.
    Es gibt auch sehr „widerspenstige“ Brüste, die sich kaum zurechtrücken lassen bzw. sehr schnell wieder ausbrechen.
    Je nach Schnitt des Binders und Körperform kann es auch sein, dass der Binder die Brüste gar nicht abbindet oder sie sogar nach oben schiebt und noch prominenter macht. Das ist insbesondere ein Risiko, wenn der Binder keine Stütznähte hat, die die Brüste in Form bringen (z.B. Danae). Binder mit Stütznähten oder einem rauhen Innenmaterial (z.B. gc2b) können helfen, ein Verrutschen des Gewebes zu verhindern.
    Wahrscheinlich ist in so einem Fall ein maßgeschneiderter oder angepasster Binder die beste Wahl.
    Wenn du mit dieser Problematik Erfahrungen hast und eine Lösung gefunden hast: bitte sag mir, welche das war!

  7. Lieferzeit

    Wer schnell und am besten vorgestern einen Binder will, sollte nicht unbedingt aus den USA bestellen. Erfahrungsgemäß kommen Artikel aus Asien innerhalb von 1-2 Wochen, aus der EU binnen weniger Tage. Auf Bestellungen aus den USA hab ich schon monatelang gewartet. Das ist auch in Hinsicht auf möglichen Umtausch des Artikels zu beachten.

  8. Preis

    Binder sind leider ziemlich teuer. Die 5-Euro-Ebay-Variante lohnt sich nicht, da du mit deiner Gesundheit vermutlich einen höheren Preis bezahlst. Viel Unterschied gibt es bei den Bindern nicht – zusammen mit Versandkosten war ich immer bei um die 50 Euro. (An dieser Stelle der freundliche Hinweis: Wenn du einen Binder hast, den du nicht trägst, schenke oder verkaufe ihn weiter – viele von uns haben wenig Geld und haben große Schwierigkeiten, die 50€ für einen neuen, professionellen Binder auszugeben.)

Fotos und Erfahrungsberichte

High Performance Velcro Short von Lesloveboat (Juya), Größe L

bei einer BH-Größe von ca. 70E (ungefitted hätte ich wohl 75B/C getragen)

Toll: fühlt sich erträglich an.

Nervig: Der festere Stoff geht nicht über die gesamte Vorderseite, sondern endet kurz unter dem Halsausschnitt. Es ist deswegen sehr leicht, die Brüste oben herauszudrücken, wenn der Klettverschluss nicht unten deutlich weniger eng ist als oben. Dadurch steht der untere Teil aber zu weit ab und macht auch unter weiterer Kleidung eine deutliche Kante.

Der Klettverschlussteil auf der Seite ist extrem fest/dick und saß bei mir so, dass er ganz stark auf die Rippen drückte, wenn ich zB ein bisschen zusammengekauert dasaß.
Während ich den Klettverschluss meistens eng/in der Mitte zumachte, fühlte sich der Binder an den Schultern zu eng an, egal wie locker er war. Also: Nervig bewegungseinschränkend. Andererseits hatte ich nie Verspannungen (wie mit falsch sitzenden Sport-BHs immer).
Die Brüste ließen sich praktisch gar nicht in Form schieben.

Danae Trans-Vormer 102 Basic

BH-Größe ca. 65 B-C

danaebasic
Kein Verschluss, halbe Länge. Das Material ist sehr elastisch und weich. Dieser hier ist mir eigentlich ein bisschen zu groß (Größe S), aber der Effekt ist trotzdem okay. Den trage ich an Tagen, an denen ich mit dem Druckgefühl nicht klarkomme.

Danae Trans-Vormer 104 Sport

BH-Größe ca. 65 B-C

danaesport
Reißverschluss vorne, halbe Länge (Größe XS). Das Material ist immer noch elastisch, der Binder gibt sehr guten Halt und einen guten Plättungs-Effekt. Durch den Reißverschluss nur unter schlabberigen Oberteilen schön.

Danae Trans-Vormer 103 Singlet, Option Extra Fest

BH-Größe ca. 65 B-C

danaelangextrafest
Langer Binder ohne Verschluss, mit der Option „Extra fest“, Größe XS. Das Material ist sehr steif und gerade so elastisch, dass ich es aus- und anziehen kann. Nur für sehr gelenkige und leidensfähige Menschen zu empfehlen. Nächstes Mal werde ich entweder eine Größe größer nehmen oder kein extra festes Material.

T-Kingdom 1480

BH-Größe ca. 65 B-C

tkingdom1480
Klettverschluss unter der linken Achsel. Das Material auf der Brust ist sehr steif und fest – ein Brustpanzer.

Billigzeug

BH-Größe ca. 65 B-C

ebay
Billiger Noname-Binder von Ebay, der mir unvermutet gut passt. Der Verschluss ist eine Reihe Häkchen. Das Material ist dünn und unelastisch. Ich kann ihn nur deshalb tragen, weil er zwar eng genug ist, um meine Brüste abzudrücken, aber ansonsten weiter ist als mein Körper. Das bedeutet, dass der Effekt nicht besonders gut ist und dass der Binder am Bauch absteht.

Beiträge gesucht: Neurodivergenz, Beziehungen & Romantik

Bist du neurodivergent (zum Beispiel bipolar, autistisch, schizophren, hast Tics, eine Persönlichkeitsstörung, Angststörung oder Anderes) und deine Neurodivergenz hat einen Einfluss auf dein Erleben von romantischen Beziehungen?

Dann wünschen wir uns einen Beitrag von dir!

(Wir akzeptieren und unterstützen Selbstdiagnosen. Es ist auch okay, wenn du nicht weißt, wie deine Neurodivergenz heißt, sondern nur weißt, dass dein Kopf nicht so funktioniert wie der von den meisten Menschen.)

Wir hätten gerne einen Text darüber, wie deine Neurodivergenz deine romantische Orientierung, deine Einstellung zu romantischen Beziehungen, deine Beziehungsfähigkeit, dein (Nicht-)Erleben von romantischen Beziehungen und so weiter beeinflusst.

Ganz besonders würden wir uns natürlich über Beiträge von People of Colour und behinderten Menschen freuen. Wenn es für dich schwierig ist, den Text zu schreiben, unterstützen wir dich gern. Du kannst uns statt einem Text auch eine Audio-Datei oder ein Video zukommen lassen.

Wenn du einen Text schreiben möchtest, kannst du uns zum Beispiel über unsere E-Mail-Adresse neuroqueer.blog@gmail.com kontaktieren. Wir sind auch auf Twitter mit dem Account @neuroqueer_blog. Bitte schreibt keine Texte als Kommentar auf diesen Post.

Wir bitten dich, die Textlänge auf ca. 600 Wörter zu begrenzen.

Wenn du einen Text einreichst, sag uns bitte, welchen Namen wir in der Veröffentlichung für dich benutzen sollen.

Bitte schick uns deinen Text bis zum 1. Mai 2016. Du darfst auch gerne danach noch jederzeit einen Text einreichen, der wird dann einfach hinzugefügt.

Janis über Sexualität, Beziehungen und Neurodivergenz

Transkript:

Hallo, ich bin Janis und ich möchte heute über das Thema Neurodivergenz und meine Sexualität reden. Zur Info: Ich bin Autist, selbstdiagnostiziert, allerdings jetzt, also ich beschäftige mich erst seit ein paar Monaten damit, aber die Symptome und alles, was damit zu tun hat, hab ich natürlich schon viel, viel länger, also schon seit ich ein Kind bin.

Also ich bin selber… ich hab mich lange als lesbisch definiert, mittlerweile weiß ich, dass ich mich auch in andere Menschen verlieben kann, aber ich hab bisher noch keinen Namen dafür gefunden, aber auf jeden Fall ist es so, dass ich mich eigentlich noch nie in Cis-Männer verliebt habe.

Es ist so, dass ich gemerkt habe, dass meine Sexualität anders ist als jetzt bei anderen Menschen, die ich kennengelernt habe und dass ich da auch viel Ausgrenzung erfahren hab, das heißt jetzt konkret, dass ich zum Beispiel an Stellen, wo andere Frauen empfindlich sind, überhaupt nicht empfindlich bin.

Und es kam dann oft schnell das Thema auf: Ja, warum reagierst denn du da nicht so, oder warum bist du da nicht so empfindlich und das ist halt für mich dann oft schlimm gewesen, weil es mir das Gefühl gab, ich bin nicht normal, ich bin irgendwie komisch, ich bin irgendwie, was weiß ich, und es war halt das eine, was sehr schwierig war.

Das andere, was auch in Beziehungen immer wieder schwierig war, was es auch schwierig gemacht hat, überhaupt Beziehungen zu finden, also ich hatte in meinem Leben bisher nur zwei Beziehungen, war, dass ich Probleme hab mit Initiative.

Also normalerweise erwartet man ja immer von jemanden, dass dann einer auf einen zukommt irgendwann und sagt: hey Schatz, keine Ahnung, wollen wir mal irgendwie kuscheln, oder wollen wir irgendwie, was weiß ich, oder auch bevor die Beziehung erst beginnt, erwartet man halt, dass jemand einfach so mit einem flirtet und auf einen zugeht und irgendwas macht.

Und das Problem war einfach, dass ich natürlich schon Gefühle empfunden habe für die Person, oder auch für Personen, mit denen ich nicht in einer Beziehung war, aber ich konnte das nie ausdrücken, also ich hatte da sehr große Schwierigkeiten, weil ich einfach nicht wusste: was ist der richtige Weg?, weil ich als Kind und Jugendliche oft als aufdringlich empfunden worden bin, weil ich einfach nicht wusste: Wie sagt man das, wie sagt man jemandem, dass man jemanden mag? Wie sagt man jemandem, dass man irgendwie Begehren empfindet für jemanden? Wie flirtet man mit jemandem?

Das war für mich alles eine total fremde Welt, also ich hab echt, als ich so 15, 16 war, nach einer Flirt-Schule gesucht oder so, aber das gab es halt nur, wenn überhaupt, für Hetero-Menschen und das hat halt dann für mich nicht gepasst, weil ich wollte ja nicht mit einem Mann flirten.

Und das war für mich sehr schwierig und oft, wenn ich dann doch irgendwann gesagt hab: Hey, also ich empfinde irgendwas für dich, wo ich dann gemerkt habe, ich muss es einfach sagen – sonst ist der Schmerz und diese Zerrissenheit und dieses: Ja, was ist, wenn sie auch was empfindet? Und wenn du es nicht sagst, dann passiert ja nichts – dann waren die Leute oft sehr überrascht, von wegen: Was? Davon hat man ja gar nichts gemerkt! Wirklich?

Oder auch, wenn es dann zu Beziehungen gekommen ist, dann war es auch so, dass ich dann oft gesagt bekommen habe, von wegen, ich wäre halt kalt und ich wäre faul und so, weil ich angeblich nicht so viel in die Beziehung investieren würde oder auch nicht so viel geben würde in der Beziehung, weil halt einfach nichts von mir kommen würde. Also mir hat eine sogar gesagt, ich wäre einfach prüde, weil von mir selber aus nichts kommt.

Und ich hab lange überlegt, warum das so ist, aber es ist nicht so, dass ich kein sexuelles Begehren hätte oder so. Ich hatte auf jeden Fall – aber mein Problem war immer: Wie äußere ich das? Wie kann ich auf Menschen zugehen? Weil ich einfach viele Sachen von Menschen einfach nicht verstanden habe, viele Verhaltensweisen und auch viele, viele so Zeichen, also weil mir auch immer gesagt worden ist: Ja, ich geb dir doch Zeichen und du müsstest es doch eigentlich merken, dass ich irgendwie was von dir will! Und dass es doch klar ist, dass man auch mal was dazu tun muss und so und das war für mich immer sehr, sehr schwierig, weil ich nicht wusste, warum, und was da genau los ist.

Und jetzt, wo ich natürlich weiß, dass ich Autist bin, ist das halt anders. Also da wird mir halt vieles klar. Und ich persönlich würde mir auch wieder eine Beziehung wünschen, aber mein Problem ist halt auch, dass ich einfach Angst habe, dann wieder in diese Sachen zu stapfen. Also, dass mir wieder gesagt wird: Also du bist irgendwie faul oder kalt oder was auch immer.

Was mir noch aufgefallen ist, ist, dass mir – ich hatte früher, am Anfang meiner Zeit, wo ich gemerkt habe, dass ich lesbisch bin, ganz viele, ich nenne es mal Internet-Beziehungen, also wir miteinander geflirtet haben und so, ohne halt uns gesehen zu haben, wo ganz viele gesagt haben: Um Gottes Willen! – aber wo ich gemerkt habe, dass mir das irgendwie leichter fällt, wenn die Person nicht so nah dran ist, also wenn es völlig reicht, mit der Person zu telefonieren und ihr da meine Liebe zu sagen oder halt eben per Schrift oder so.

Und das ist einfach so, dass ich mir manchmal wünsche, ich hätte einfach wieder so eine Internet-Beziehung, wo ich einfach mit jemandem flirten kann und irgendwie wieder so sagen kann, wie toll wir uns finden, und Liebes-Postkarten hin und her schicken und solche Dinge. Aber so jemanden zu finden, ist auch ziemlich schwer, weil die meisten Menschen, die ich kenne, wünschen sich halt schon irgendwie eine andere Art von Beziehung, dass man irgendwie halt in der Nähe wohnt und solche Sachen.

Ich hoffe, das war jetzt informativ für euch oder hilfreich oder so, und ich wünsche euch noch einen ganz schönen Tag. Ciao!

Empathie

(Das Video ist nicht Wort für Wort identisch, hat aber den gleichen Inhalt.)

In diesem Text werde ich Erklären, was Empathie ist, welche Formen von Empathie es gibt und dass Menschen ohne Empathie genauso wertvoll und menschlich sind wie Menschen mit Empathie. Das soll kein wissenschaftlicher Text werden, sondern eine Erklärung, um das Thema besser verstehen und besser damit umgehen zu können.

Wenn wir über Empathie reden, dann tun wir oft so, als wäre ganz klar, was Empathie überhaupt ist. In Wirklichkeit besteht Empathie aber aus ganz vielen Einzelteilen und nicht alle Menschen erleben jeden Teil davon.

Es gibt viele wissenschaftliche Texte, die Empathie in verschieden viele Teile aufteilen und diesen Teilen komplizierte Namen geben. Manche Aufteilungen benutzen den gleichen Namen für verschiedene Dinge. Empathie ist also offensichtlich gar nicht so einfach! Ich nehme hier meine eigene Aufteilung vor und gebe den Teilen einfachere Namen.

 

Was gehört zu Empathie dazu?

Gefühls-Erkennung

Viele Menschen erkennen ganz automatisch die Gefühle von anderen Menschen. Körpersprache, Tonfall, Bewegungen und Gesichtsausdrücke sind nonverbale Signale, die viele Menschen verstehen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Manchen Menschen (z.B. Autist*innen) fällt das schwer. Sie können vielleicht nur einfache und offensichtliche Gefühle erkennen. Andere Menschen können Gefühle gar nicht erkennen und müssen nachfragen, um zu wissen, wie sich jemand fühlt. Nicht alle Menschen können erkennen, wann sie nachfragen müssen. Manche Menschen können auch gar nicht fragen.

Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, Gefühle bei anderen zu erkennen, werden oft als abweisend oder ignorant wahrgenommen.

Wenn du willst, dass jemand anders deine Gefühle kennt, ist es deswegen oft zuverlässiger, einfach zu sagen, was du fühlst.

Die Gefühls-Erkennung kann erschwert werden, wenn die andere Person eine andere Körpersprache hat oder in einem ungewohnten Tonfall spricht. Zum Beispiel haben viele Autist*innen eine Körpersprache, die nicht-autistische Menschen nicht gut verstehen können. Manche Menschen lachen, wenn sie aufgeregt sind, was nicht mit Freude verwechselt werden sollte. Solche Dinge führen dazu, dass neurodivergente Menschen oft missverstanden werden.

Auch andere Behinderungen können diese nonverbalen Signale beeinflussen. Zum Beispiel kann es sein, dass Schmerzen oder Lähmungen zu einer Körperhaltung oder zu Bewegungen führen, die fälschlicherweise als Körpersprache verstanden werden. Eine Person, die noch nie sehen konnte, hat vielleicht auch nie Gesichtsausdrücke gelernt.

Auch in solchen Fällen kann es helfen, klar zu kommunizieren und nachzufragen.          

Gefühls-Übertragung

Wenn Menschen die Gefühle von anderen Menschen erkennen, kann es sein, dass sie die gleichen Gefühle selbst spüren. Die Gefühle werden also sozusagen von einer Person zur anderen „übertragen“.

Viele Menschen merken überhaupt nicht, wenn das passiert. Dann kann es sein, dass sie sich plötzlich traurig oder wütend fühlen, ohne zu wissen, dass sie das Gefühl von jemandem anders übernommen haben. Manche Menschen haben Probleme damit, eigene Gefühle zu erkennen (Gefühlsblindheit). Für sie kann Gefühls-Übertragung besonders verwirrend sein, da sie nicht nur nicht wissen, was sie fühlen, sondern auch nicht wissen, ob es ihr eigenes Gefühl ist oder von jemandem anders kommt.

Manche Neurodivergenzen (z.B. Borderline) können Menschen extrem empfänglich für Gefühle von anderen Menschen machen.

Diese Gefühls-Übertragung kann hilfreich sein, um andere Menschen zu verstehen und intuitiv herauszufinden, was sie gerade brauchen.

Nicht alle Menschen erleben diese Form von Gefühls-Übertragung. Auch das kann ein Vorteil sein, da es dadurch leichter sein kann, Menschen zu helfen, denen es schlecht geht, ohne selbst darunter zu leiden.

Gefühls-Erkennung ist Voraussetzung für diese Art von Gefühls-Übertragung. Wenn das Erkennen der Gefühle nicht klappt, kann die Übertragung auch nicht stattfinden.

Stellvertretendes Mitgefühl

Stellvertretendes Mitfühlen ist anders als Gefühls-Übertragung, da es absichtlich passiert, wenn jemand sich in eine andere Person hinein versetzt. Auf diese Weise kann man sich vorstellen, wie eine andere Person sich fühlt. Manche Menschen erfahren dadurch starke Gefühle.

Stellvertretendes Mitgefühl ist es zum Beispiel, wenn ich ein Kind auf einer Schaukel sehe und Freude empfinde, weil ich mir vorstelle, an Stelle des Kindes selbst auf der Schaukel zu sitzen. Ein anderes Beispiel ist, wenn sich jemand sich in den Finger schneidet und eine andere Person „aua“ sagt, weil sie sich vorgestellt hat, wie sich das anfühlen muss.

Um mit jemandem mitfühlen zu können, muss man nicht erkennen, wie die andere Person sich fühlt. Stattdessen basiert das Mitgefühl auf dem Erkennen der Situation.

Natürlich ist das Gefühl, das durch diese Art von Mitfühlen erzeugt wird, nicht immer das gleiche wie das, was die andere Person fühlt. Zum Beispiel kann das Kind auf der Schaukel in Wirklichkeit traurig sein, was ich nicht bemerken würde.

Nicht alle Menschen können mit anderen Menschen mitfühlen. Mitfühlen ist eine Art von Gefühls-Antwort.

Gefühls-Antwort

Gefühls-Antworten sind Gefühle, die Menschen als Reaktion auf die Gefühle oder Erlebnisse von anderen Menschen (oder auch Tieren oder Gegenständen) haben.

Es ist zum Beispiel eine Gefühls-Antwort, wenn ich mich freue, weil eine Freundin von mir einen Test bestanden hat, vor dem sie Angst hatte. Meine Freundin spürt in diesem Moment vielleicht etwas ganz anderes: Vielleicht hat sie Angst vor dem nächsten Test oder ist einfach nur müde. Eine Gefühls-Antwort ist also ein eigenes Gefühl, das sich auf jemanden anders bezieht.

Eine Gefühls-Antwort ist es zum  Beispiel auch, sich schlecht zu fühlen, nachdem man versehentlich jemanden verletzt hat oder besorgt zu sein, wenn es jemandem anders nicht gut geht.

Gefühls-Antworten können unfreiwillig entstehen und sehr intensiv sein. Mitleid würde ich als Gefühls-Antwort einordnen.

Viele Menschen, die Gefühle anderer schlecht erkennen oder keine Gefühls-Übertragung erleben, haben trotzdem Gefühls-Antworten. Aber es gibt auch Menschen, die überhaupt keine Gefühls-Antworten haben, wie zum Beispiel viele Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung.

 

Empathielosigkeit ist genauso menschlich wie Hyper-Empathie

Empathielosigkeit ist kein Schimpfwort.

Empathie ist keine einheitliche Erfahrung, sondern geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen und auf verschiedene Arten und Weisen.

Nur eine ganz bestimmte Menge und ganz bestimmte Arten, Empathie zu erleben, gelten als „normales“ Erleben neurotypischer Menschen.

Viele neurodivergente Menschen erleben Empathie anders als neurotypische Menschen. Viele von uns erleben Empathie nur teilweise. So gibt es zahlreiche Menschen, die keine Gefühls-Übertragung erleben, aber sehr wohl Gefühls-Antworten haben.

Andere von uns können nur bestimmte Gefühle empathisch wahrnehmen, weil zum Beispiel ihr eigenes Gefühls-Erleben gar nicht alle Gefühle beinhaltet.

Manche von uns erleben extrem starke Empathie, werden von empathischen Empfindungen, übertragenen Gefühlen, Mitleid und anderen Gefühls-Antworten geradezu überwältigt. Solche hyper-empathischen Menschen werden oft als „überempfindlich“ oder „zu sensibel“ angesehen.

Manche von uns empfinden auch überhaupt keine Empathie – weder Gefühls-Übertragungen noch Gefühls-Antworten jeglicher Form. Empathielose Menschen werden oft als gefühlskalte, manipulative Menschen ohne Gewissen angesehen.

Tatsächlich sind diese zahlreichen Arten, Empathie zu erleben oder eben nicht zu erleben, Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden – genauso wie Haarfarbe oder Schuhgröße. Es ist keine Voraussetzung für rücksichtsvolles Handeln, die Gefühle anderer Menschen verstehen oder nachempfinden zu können. Wer keine Reue und kein schlechtes Gewissen empfindet, verdient den gleichen Respekt und das gleiche Vertrauen wie Menschen, die für die Gefühle anderer Menschen empfänglicher sind.

Es gibt zahllose Gründe, andere Menschen gut zu behandeln. Empathie ist nur einer davon und Empathie allein reicht noch lange nicht aus, um zu gewährleisten, dass jemand andere Menschen nicht absichtlich verletzt.

Manche Menschen leiden darunter, dass sie zu viel oder zu wenig Empathie empfinden und es ist ihr gutes Recht, daran zu arbeiten.

Bewertet Menschen nach ihrem Handeln, nicht danach, was für Gefühle und Fähigkeiten sie haben oder nicht haben.

 

Neurodivergenz und Sexualität

Hier die Beiträge, die wir auf unseren Aufruf zu dem Thema erhalten haben. Ihr könnt uns natürlich auch gerne weiterhin Beiträge dazu schicken!


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Sexuelle Übergriffe

Anonym:

Meine Depression schlägt in das Gegenteil von dem um, was viele sagen: ich bin sexuell sehr aktiv und fordernd, trotz sexuellen Übergriffes in meiner Jugend, der schon beim Akt häufig zu Tränen führte. Ich habe angefangen Testosteron zu nehmen um zu transitionen und seitdem habe ich mich viel besser unter Kontrolle! Es sind eben doch die kleinen Erfolgserlebnisse. 🙂


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Suizid, Drogen und Selbstverletzung

fynn alex:

Ich habe eine Borderline Persönlichkeitsstörung.

Ein Teil der Symptomatik sind Identitätsunsicherheiten und -Schwankungen. Diese sind auch in Sexualität deutlich bemerkbar. Seit meinem 14. Lebensjahr „questione“ ich meine sexuelle Orientierung.

Dies ging teilweise innerhalb eines Tages von „homosexuell“ zu „pansexuell“ zu „asexuell“ und wieder zurück zu heterosexuell.

Inzwischen würde ich vage sagen, dass es irgendetwas in Richtung „pansexuell homoromantisch“ am ehesten trifft, doch so einfach ist das nicht da ich mir auch über mein Gender im Unklaren bin und die Schwankungen in meiner Sexualität ziemlich extrem sind.

Ein Teil davon ist die Hypersexualität, eine Phase in der der Sexualtrieb deutlich ansteigt.

Diese überlappen häufig mit manischen Phasen, die bei mir allerdings nicht sonderlich ausgeprägt sind. In der Hypersexualitätsphase passiert es mir häufig, dass ich impulsiv sexuellen Kontakt suche, dies dann aber sehr schnell bereue. Teilweise suche ich auch sexuellen Kontakt als Selbstverletzungsmethode, weil ich weiß wie sehr ich es bereuen werde, oder um dissoziative Phasen zu beenden. Dieses impulsive sexuelle Verhalten passiert meistens auch im Zusammenhang mit Drogen oder Alkohol. Diese Mischung führt dann zu einem meist suizidalen Low am nächsten Tag bei dem ich meistens extrem „sex-repulsed“ bin, was bedeutet, dass ich mich von Sex und dem Gedanken stark abgestoßen fühle. Durch die emotionale Unausgeglichenheit fängt dies meistens schon bei Körperkontakt an. In dieser Phase bekomme ich also Selbstverletzungsdränge von einer einfachen Umarmung weil mich der körperliche Kontakt so abstößt. Diese sexuellen Schwankungen machen eine funktionierende Beziehung sehr schwierig.


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Traumatisierung

Lian:

Ich bin asexuell. Üblicherweise wird Asexualität definiert als: „Empfindet keine sexuelle Anziehung“. Da ich mit dem abstrakten Begriff „sexuelle Anziehung“ wenig anfangen kann, weiß ich nicht, ob das auf mich zutrifft. Ich finde viele Menschen durchaus schön und ansprechend, aber das erzeugt in mir keine Gedanken an Sexualität, deswegen nenne ich es „ästhetische Anziehung“.

Durch Traumatisierungen ist Sexualität für mich schwierig. Vieles ist mir sehr unangenehm und triggert mich. Ich brauche klare Kommunikation und viel Aufmerksamkeit, um das zu vermeiden.

Meine empfindlichen Sinne führen dazu, dass viele Gerüche, Geschmäcke und Empfindungen, die bei sexuellen Handlungen auftreten, für mich sehr unangenehm sind. Das führt dazu, dass ich nur unter sehr bestimmten Bedingungen und mit Menschen, die sehr bestimmte Bedingungen erfüllen, überhaupt angenehme Sexualität erleben kann. Viele sexuelle Handlungen sind für mich extrem unangenehm, daher ist auch nur eine sehr eng begrenzte Auswahl für mich eträglich.

Wenn alle Bedingungen erfüllt sind und ich eine*n passende*n Sexualpartner*in dafür habe, kann Sexualität für mich relativ angenehm und entspannend sein. Meine persönliche Bewertung ist: Es ist etwas weniger gut als eine Rückenmassage und etwas besser als Haare waschen.

Insgesamt ist es also etwas, was ich mir durchaus gelegentlich vorstellen kann. Da es aber sehr schwierig ist, passende Partner*innen zu finden und die richtigen Bedingungen herzustellen, ich sehr, sehr selten Lust darauf habe und das alles einfach anstrengend ist, findet es in meinem Leben im Moment nicht statt und ich vermisse es auch nicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch einmal Sexualität haben möchte. Ich habe zwar einige sehr schöne Erfahrungen gemacht, aber da sich das doch deutlich außerhalb meiner Wohlfühl-Zone befindet, ist es für mich auch ein Akt von Selbstfürsorge, es bleiben zu lassen.