Empathie

(Das Video ist nicht Wort für Wort identisch, hat aber den gleichen Inhalt.)

In diesem Text werde ich Erklären, was Empathie ist, welche Formen von Empathie es gibt und dass Menschen ohne Empathie genauso wertvoll und menschlich sind wie Menschen mit Empathie. Das soll kein wissenschaftlicher Text werden, sondern eine Erklärung, um das Thema besser verstehen und besser damit umgehen zu können.

Wenn wir über Empathie reden, dann tun wir oft so, als wäre ganz klar, was Empathie überhaupt ist. In Wirklichkeit besteht Empathie aber aus ganz vielen Einzelteilen und nicht alle Menschen erleben jeden Teil davon.

Es gibt viele wissenschaftliche Texte, die Empathie in verschieden viele Teile aufteilen und diesen Teilen komplizierte Namen geben. Manche Aufteilungen benutzen den gleichen Namen für verschiedene Dinge. Empathie ist also offensichtlich gar nicht so einfach! Ich nehme hier meine eigene Aufteilung vor und gebe den Teilen einfachere Namen.

 

Was gehört zu Empathie dazu?

Gefühls-Erkennung

Viele Menschen erkennen ganz automatisch die Gefühle von anderen Menschen. Körpersprache, Tonfall, Bewegungen und Gesichtsausdrücke sind nonverbale Signale, die viele Menschen verstehen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Manchen Menschen (z.B. Autist*innen) fällt das schwer. Sie können vielleicht nur einfache und offensichtliche Gefühle erkennen. Andere Menschen können Gefühle gar nicht erkennen und müssen nachfragen, um zu wissen, wie sich jemand fühlt. Nicht alle Menschen können erkennen, wann sie nachfragen müssen. Manche Menschen können auch gar nicht fragen.

Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, Gefühle bei anderen zu erkennen, werden oft als abweisend oder ignorant wahrgenommen.

Wenn du willst, dass jemand anders deine Gefühle kennt, ist es deswegen oft zuverlässiger, einfach zu sagen, was du fühlst.

Die Gefühls-Erkennung kann erschwert werden, wenn die andere Person eine andere Körpersprache hat oder in einem ungewohnten Tonfall spricht. Zum Beispiel haben viele Autist*innen eine Körpersprache, die nicht-autistische Menschen nicht gut verstehen können. Manche Menschen lachen, wenn sie aufgeregt sind, was nicht mit Freude verwechselt werden sollte. Solche Dinge führen dazu, dass neurodivergente Menschen oft missverstanden werden.

Auch andere Behinderungen können diese nonverbalen Signale beeinflussen. Zum Beispiel kann es sein, dass Schmerzen oder Lähmungen zu einer Körperhaltung oder zu Bewegungen führen, die fälschlicherweise als Körpersprache verstanden werden. Eine Person, die noch nie sehen konnte, hat vielleicht auch nie Gesichtsausdrücke gelernt.

Auch in solchen Fällen kann es helfen, klar zu kommunizieren und nachzufragen.          

Gefühls-Übertragung

Wenn Menschen die Gefühle von anderen Menschen erkennen, kann es sein, dass sie die gleichen Gefühle selbst spüren. Die Gefühle werden also sozusagen von einer Person zur anderen „übertragen“.

Viele Menschen merken überhaupt nicht, wenn das passiert. Dann kann es sein, dass sie sich plötzlich traurig oder wütend fühlen, ohne zu wissen, dass sie das Gefühl von jemandem anders übernommen haben. Manche Menschen haben Probleme damit, eigene Gefühle zu erkennen (Gefühlsblindheit). Für sie kann Gefühls-Übertragung besonders verwirrend sein, da sie nicht nur nicht wissen, was sie fühlen, sondern auch nicht wissen, ob es ihr eigenes Gefühl ist oder von jemandem anders kommt.

Manche Neurodivergenzen (z.B. Borderline) können Menschen extrem empfänglich für Gefühle von anderen Menschen machen.

Diese Gefühls-Übertragung kann hilfreich sein, um andere Menschen zu verstehen und intuitiv herauszufinden, was sie gerade brauchen.

Nicht alle Menschen erleben diese Form von Gefühls-Übertragung. Auch das kann ein Vorteil sein, da es dadurch leichter sein kann, Menschen zu helfen, denen es schlecht geht, ohne selbst darunter zu leiden.

Gefühls-Erkennung ist Voraussetzung für diese Art von Gefühls-Übertragung. Wenn das Erkennen der Gefühle nicht klappt, kann die Übertragung auch nicht stattfinden.

Stellvertretendes Mitgefühl

Stellvertretendes Mitfühlen ist anders als Gefühls-Übertragung, da es absichtlich passiert, wenn jemand sich in eine andere Person hinein versetzt. Auf diese Weise kann man sich vorstellen, wie eine andere Person sich fühlt. Manche Menschen erfahren dadurch starke Gefühle.

Stellvertretendes Mitgefühl ist es zum Beispiel, wenn ich ein Kind auf einer Schaukel sehe und Freude empfinde, weil ich mir vorstelle, an Stelle des Kindes selbst auf der Schaukel zu sitzen. Ein anderes Beispiel ist, wenn sich jemand sich in den Finger schneidet und eine andere Person „aua“ sagt, weil sie sich vorgestellt hat, wie sich das anfühlen muss.

Um mit jemandem mitfühlen zu können, muss man nicht erkennen, wie die andere Person sich fühlt. Stattdessen basiert das Mitgefühl auf dem Erkennen der Situation.

Natürlich ist das Gefühl, das durch diese Art von Mitfühlen erzeugt wird, nicht immer das gleiche wie das, was die andere Person fühlt. Zum Beispiel kann das Kind auf der Schaukel in Wirklichkeit traurig sein, was ich nicht bemerken würde.

Nicht alle Menschen können mit anderen Menschen mitfühlen. Mitfühlen ist eine Art von Gefühls-Antwort.

Gefühls-Antwort

Gefühls-Antworten sind Gefühle, die Menschen als Reaktion auf die Gefühle oder Erlebnisse von anderen Menschen (oder auch Tieren oder Gegenständen) haben.

Es ist zum Beispiel eine Gefühls-Antwort, wenn ich mich freue, weil eine Freundin von mir einen Test bestanden hat, vor dem sie Angst hatte. Meine Freundin spürt in diesem Moment vielleicht etwas ganz anderes: Vielleicht hat sie Angst vor dem nächsten Test oder ist einfach nur müde. Eine Gefühls-Antwort ist also ein eigenes Gefühl, das sich auf jemanden anders bezieht.

Eine Gefühls-Antwort ist es zum  Beispiel auch, sich schlecht zu fühlen, nachdem man versehentlich jemanden verletzt hat oder besorgt zu sein, wenn es jemandem anders nicht gut geht.

Gefühls-Antworten können unfreiwillig entstehen und sehr intensiv sein. Mitleid würde ich als Gefühls-Antwort einordnen.

Viele Menschen, die Gefühle anderer schlecht erkennen oder keine Gefühls-Übertragung erleben, haben trotzdem Gefühls-Antworten. Aber es gibt auch Menschen, die überhaupt keine Gefühls-Antworten haben, wie zum Beispiel viele Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung.

 

Empathielosigkeit ist genauso menschlich wie Hyper-Empathie

Empathielosigkeit ist kein Schimpfwort.

Empathie ist keine einheitliche Erfahrung, sondern geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen und auf verschiedene Arten und Weisen.

Nur eine ganz bestimmte Menge und ganz bestimmte Arten, Empathie zu erleben, gelten als „normales“ Erleben neurotypischer Menschen.

Viele neurodivergente Menschen erleben Empathie anders als neurotypische Menschen. Viele von uns erleben Empathie nur teilweise. So gibt es zahlreiche Menschen, die keine Gefühls-Übertragung erleben, aber sehr wohl Gefühls-Antworten haben.

Andere von uns können nur bestimmte Gefühle empathisch wahrnehmen, weil zum Beispiel ihr eigenes Gefühls-Erleben gar nicht alle Gefühle beinhaltet.

Manche von uns erleben extrem starke Empathie, werden von empathischen Empfindungen, übertragenen Gefühlen, Mitleid und anderen Gefühls-Antworten geradezu überwältigt. Solche hyper-empathischen Menschen werden oft als „überempfindlich“ oder „zu sensibel“ angesehen.

Manche von uns empfinden auch überhaupt keine Empathie – weder Gefühls-Übertragungen noch Gefühls-Antworten jeglicher Form. Empathielose Menschen werden oft als gefühlskalte, manipulative Menschen ohne Gewissen angesehen.

Tatsächlich sind diese zahlreichen Arten, Empathie zu erleben oder eben nicht zu erleben, Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden – genauso wie Haarfarbe oder Schuhgröße. Es ist keine Voraussetzung für rücksichtsvolles Handeln, die Gefühle anderer Menschen verstehen oder nachempfinden zu können. Wer keine Reue und kein schlechtes Gewissen empfindet, verdient den gleichen Respekt und das gleiche Vertrauen wie Menschen, die für die Gefühle anderer Menschen empfänglicher sind.

Es gibt zahllose Gründe, andere Menschen gut zu behandeln. Empathie ist nur einer davon und Empathie allein reicht noch lange nicht aus, um zu gewährleisten, dass jemand andere Menschen nicht absichtlich verletzt.

Manche Menschen leiden darunter, dass sie zu viel oder zu wenig Empathie empfinden und es ist ihr gutes Recht, daran zu arbeiten.

Bewertet Menschen nach ihrem Handeln, nicht danach, was für Gefühle und Fähigkeiten sie haben oder nicht haben.

 

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4 Gedanken zu „Empathie

  1. Danke für die Übersicht & Erklärungen. 🙂

    Bei dem Video finde ich deine Stimme sehr angenehm & gut zu verstehen, außerdem mag ich deine Körpersprache & finde sie beruhigend.
    Und mich freuen die hübschen Kisten im Hintergrund. Vielen Dank dafür! 🙂

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  2. Mir ist etwas eingefallen. Ich hab einen Tipp für Leutis, die Problem mit der Gefühlsübertragung haben:
    Eine Therapeutin hat mir mal geraten, mir einen Schild zu basteln. Also, nur so geistig, im Kopf. Einen Schutzschild. Und den irgendwie schön gestalten, halt so, dass er mir wirklich gut gefällt. Und wenn ich merke, dass ich zu arg die Emotionen (oftmals „negative“) von einem anderen Leuti auf-/annehme, soll ich den Schutzschild vor mich halten.
    Es hilft bei weitem nicht immer (und es braucht extrem arg Übung, wie leider alles, was irgendwie mit irgendeiner Form von Therapie/Persönlichkeitsarbeit zu tun hat), aber hin und wieder kann es hilfreich sein.
    Manchmal stelle ich mir auch vor, dass ich in einem isolierten Raum sitze, nur so eine kleine Blase, die ich um mich rum trage. Und dass da keine fremden Emotionen reinkommen.
    Ja.

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  3. Die einfachen, sich selbst erklärenden Worte zu Empathie finde ich sehr hilfreich. Und auch die Aufforderung seine Gefühle zu verbalisieren ist prima, da so ein zusätzlicher Kommunikationsweg eröffnet wird. Je mehr Kommunikationskanäle offen sind, desto eher bleiben Kommunikationsstörungen aus.
    Schwierig finde ich den Begriff „Empathielosigkeit“, da er mir aus der Ebene einer betrachtenden Person bekannt vorkommt. Keine Empathie zu zeigen, heißt ja nicht keine zu haben. Manchmal kann sie auch nur einfach nicht spontan oder unverzerrt gezeigt werden. Da wird auf der Zuschreibungsebene viel Leid erzeugt.
    Das soll nicht heißen, dass es nicht auch empathielose Menschen gibt.
    Empathie ist kein positiver Wert an sich. Gekoppelt an sehr starken Egoismus kommen da sehr unschöne Dinge heraus. Ich lese die hater-Aktivitäten in sozialen Netzwerken so. Die aktivsten hatenden Personen sind mit Sicherheit empathisch. Sie nutzen aber ihre Empathie, um Schwächen, Angriffslächen, Punkte, an denen es weh tut, bei anderen herauszufinden und diese zur Selbst-Befriedigung zu attackieren. Das ist in der Wirkung das direkte Gegenteil von gelebter Empathie und doch nur durch empathische Fähigkeiten möglich.

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