Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

Hinweis: Dieser Text thematisiert Ableismus, Suizidgedanken und Selbstverletzung. Er enthält ableistische Begriffe, erwähnt Schwierigkeiten mit Essen und erwähnt Gewalt und Mobbing.

Es kostet einen hohen Preis, sich zu verstellen

Ich habe fast mein ganzes Leben lang versucht, möglichst „normal“ zu wirken. Das fing an, als ich als Kind emotionale Gewalt, Ausgrenzung, Drohungen und Beschimpfungen erlebte, weil ich mich zu „behindert“, zu „komisch“ und „unheimlich“ verhielt. Mir wurde regelmäßig erklärt, ich sei „verrückt“, „psycho“, ich würde „ins Irrenhaus“ gehören, ich würde mich „wie so ein Autist“ verhalten und vieles weitere.

So lernte ich schon früh, dass ich meine „ungewöhnlichen“ Verhaltensweisen um jeden Preis verstecken musste. Das gelang natürlich nicht immer. Meine Körpersprache, das ewige Zappeln und mein ständiges Stimming, meine ungewöhnliche Körperhaltung, meine weinerlichen Reaktionen auf Toilettenspülungen, volle Busse, helles Licht, mein unbeholfenes Sozialverhalten und Reaktionen auf emotionale Überlastung ließen mich immer irgendwie „anders“ erscheinen. Ich hatte Hobbies, für die ich ausgelacht wurde, weil sie „ungewöhnlich“ waren.

Meine Entwicklung brauchte in vielen Bereichen einfach viel, viel länger als bei anderen Menschen. Ich schaffte es nie, mein Zimmer ordentlich zu halten. Es war teilweise so schmutzig, dass ich Ungeziefer unter dem Bett hatte.

Mit zehn spielte ich noch heimlich in meinem Bett mit meinen Fäkalien. Körperpflege fiel mir schwer: Ich putzte mir nur selten die Zähne. Ich wusch mir meine Haare nicht und badete wochenlang nicht. Ich warf meine getragene Kleidung auf den Fußboden in meinem Zimmer und wenn der Kleiderschrank leer war, zog ich irgendwas aus dem Haufen heraus und zog es an, egal, wie schmutzig es war. Als ich mit zwölf anfing, unter den Achseln zu schwitzen, war ich davon überfordert und hörte erstmal komplett damit auf, T-Shirts zu wechseln.

Ich war vergesslich. Ich vergaß Hausaufgaben. Ich vergaß meinen Rucksack in der Schule oder zu Hause. Ich stand überrascht und ohne das benötigte Fahrrad vor der Schule, als Verkehrs-Schulung war – obwohl wir am Vortag darüber gesprochen hatten. Ich ging nach dem Sportunterricht ohne Hose nach Hause. Ich vergaß Abmachungen, Termine, Regeln, Anweisungen, Namen – so ziemlich alles.

Natürlich machten diese Schwierigkeiten mich zu einem optimalen Mobbing-Opfer in der Schule und in Freizeit-Veranstaltungen.

All das brachte meine Aufsichtsperson nicht etwa auf die Idee, Hilfe zu holen. Statt dessen schrie sie mich an – denn für sie war klar, dass ich das alles mit Absicht machte: „Du bist doch so schlau.“

Die Tatsache, dass ich schnell lernen konnte und, wenn ich einen guten Tag hatte, in der Schule gute Leistungen bringen konnte, war auch für meine Lehrer*innen ein eindeutiges Zeichen, dass ich nur nicht „wollte“ und „faul“ war.

Je bewusster ich mir über meine Andersheiten wurde, desto stärker kämpfte ich dagegen an. Jede Kleinigkeit hinterfragte ich danach, ob sie „normal“ genug war.

Ich hörte auf, meine Arme beim Gehen oder Sitzen nach oben zu halten, weil das „komisch“ aussah. Ich hörte auf, auf T-Shirts herumzukauen, weil davon der Kragen ausleierte und das „hässlich“ war.

Ich hinterfragte jede Minute meine Körperhaltung. War ich zu verkrampft? Zu schief? Die Beine darfst du nicht zweimal umeinander schlagen, das sieht auch „komisch“ aus. Nein, du darfst nicht nervös zwinkern. Hör auf mit dem Schaukeln, hör auf zu zappeln, das sehen doch die anderen.

Ich konnte nicht alles unterdrücken: Ich hörte nie wirklich damit auf, zu zappeln (ADHS, juhu). Ich biss mir die Finger blutig (mach ich noch immer). Ich konnte es mir nicht abgewöhnen, Papier zu essen.

Als Teenager fing ich an, mich selbst zu verletzen, weil meine Meltdowns als bösartige Wutanfälle interpretiert wurden. Selbstverletzung war das einzigste, was Meltdowns abbrechen konnte und auf diese Art und Weise Strafen für diese „Wutanfälle“ verhindern konnte.

Mit der Zeit entwickelte ich langsam die Fähigkeit, mit einigen Dingen klarzukommen, die vorher schwierig für mich waren. Bis ich achtzehn war, hatte ich meine Körperpflege einigermaßen im Griff. Bis ich zwanzig war, hatte ich mir durch ungebetene Kommentare anderer Menschen einigermaßen zusammengereimt, was „angemessene“ Kleidung war und wie oft ich sie zu wechseln hatte. (Das mit dem Sauberhalten meines Lebensraums schaffe ich bis heute nicht.)

Das machte den Weg frei für Überkompensation: Jeden Tag duschen und Beine rasieren. Dreimal am Tag Zähne putzen. Mich selbst dafür hassen, „komisch“ zu sein. Meine eigenen Reaktionen verachten. Meine Wahrnehmung nicht ernst nehmen: Salzige Erdnüsse dürfen nicht wehtun, weil sie „normalen“ Leuten nicht wehtun. Duschen müssen angenehm sein, nicht schlimm, weil „normale“ Leute Duschen gut finden. Sex musst du mögen, nicht eklig finden, weil „normale“ Leute Sex toll finden.

Ich konnte so vieles nicht selbst einschätzen und verließ mich zu 100% auf die Meinung anderer – was spätestens dann explodierte, wenn verschiedene Leute widersprüchliche Meinungen hatten.  

Also gab es Menschen, deren Meinung wichtiger war als die anderer Menschen. Ich konnte nur Klamotten anziehen, von denen nahestehende Leute mir sagten, dass sie okay aussahen. Nur Frisuren tragen, von denen sie mir sagten, dass sie okay waren. Nur Hobbies haben, von denen sie mir sagten, dass es gute Hobbies waren. Nur Dinge mögen, die sie auch mochten. Sie hatten dadurch viel Kontrolle über mich, oft, ohne es zu bemerken.

Ich hörte auf jeden Kommentar, auch, wenn er an ganz andere Leute gerichtet war – alles war gut genug, um für mich zur Richtlinie zu werden, wie ich auszusehen, mich zu bewegen, zu kleiden, zu verhalten hatte; was ich denken-fühlen-mögen sollte.

Die Kompensationsstrategie für die Vergesslichkeit war Panik: Wenn ich alle 5 Sekunden an ein Ding denke, weil ich Panik davor habe, kann ich es nicht vergessen. Wenn ich andauernd Panik habe, irgendwas vergessen zu haben, ist es wahrscheinlicher, dass ich mich wieder daran erinnere.

Den ganzen Tag aufgeregt und panisch zu sein, sorgt also dafür, dass ich Ansprüchen von außen besser gerecht werden kann. Mich auf Brechen und Biegen nach völlig willkürlichen Regeln zu richten, die ich mir aus dem Verhalten meines Umfeldes ableite, macht mich weniger auffällig. Mein ganzes Verhalten, Leben, Fühlen von anderen, neurotypischeren Menschen verifizieren zu lassen, lässt mich „normaler“ wirken.

Es macht mich auch kaputt.

Diese ständige Selbstkontrolle ist ein massiver Dauerstress. Es gibt kein Loslassen, kein Abschalten, keine Ruhe: Auch, wenn du alleine bist, kontrollierst du jede deiner Bewegungen, dein Aussehen, deine Gedanken und Gefühle. Wenn du mit anderen Menschen zusammen bist, suchst du ständig nach Hinweisen, wie du dich verhalten musst.

Es gibt keine Rückzugsorte, denn vor der verinnerlichten Kritik kannst du dich nicht verstecken.

Das ist der Preis, den Leute wie ich fürs „Normalsein“ bezahlen.

Weil es eben nicht allen so geht

Und dann wird uns ständig gesagt: „Das geht doch allen so.“ (Der Spruch ist das Zwillingskind von „stell dich nicht so an“.)

Wenn du darüber redest, wie beschissen es dir mit vielen Dingen geht, bekommst du endlos viel Bestätigung, dass das eine völlig normale Erfahrung wäre.

„Niemand geht gerne arbeiten.“ Wie viele Leute bekommen Suizidgedanken, wenn sie an Arbeit denken? Wie viele Leute denken jeden Tag auf der Arbeit: „Das hier bringt mich um“? Wie viele Leute sitzen auf der Arbeit heulend auf dem Klo und hauen den Kopf gegen die Wand? Wie viele Leute verstecken sich im Keller, um ein paar Minuten Ruhe zu haben vor dem Lärm, den Lichtern, den Menschen, den ganzen DINGEN, die dort passieren?

„Es ist normal, ein bisschen vergesslich zu sein.“ Wenn das so wäre, wäre „ich hab meine Hausaufgaben vergessen“ keine „billige Ausrede“. Dann würde es Leuten nichts ausmachen, wenn du ihren Geburtstag vergisst. Es wäre nicht peinlich, bei der Ärztin einen neuen Termin ausmachen zu müssen, weil du vergessen hast, dass heute ja schon Mittwoch war.

Aber das begriff ich nicht. Ich glaubte, was mir gesagt wurde: „Das ist normal. Du bist normal.“

Ich erwartete von mir, genauso viel zu können wie alle anderen. Kein Problem zu haben. Telefonieren musste ich aushalten können. Den Lärm musste ich aushalten können. Es musste okay für mich sein, dass meine Gedanken auf ein bestimmtes Thema gezwungen wurden, dass kein Platz war für die Dinge, an die ich denken wollte. Fühlt es sich für alle Menschen so an, wie ihr ganzes Bewusstsein aus ihrem Kopf zu popeln, wenn sie Gedanken an ein bestimmtes Thema unterdrücken müssen, weil sie sich auf etwas anderes konzentrieren sollen?

Kriegen alle Leute Herzrasen, wenn das Telefon klingelt? Kriegen alle Leute es manchmal einfach nicht hin, gesprochene Sprache zu verstehen? Sind alle Menschen von früh bis spät angespannt und panisch, weil sie die Liste von Dingen, die sie erledigen müssen, alle paar Sekunden wiederholen müssen, um sie nicht zu vergessen? Frieren alle anderen auch manchmal einfach ein und können sich mehrere Minuten lang gar nicht mehr bewegen?

Ist es üblich, alle 3 Minuten auf die Uhr zu schauen, damit du weißt, wie viel Zeit vergangen ist? Müssen alle Leute sich schon Stunden, bevor sie einen Termin haben, in ein hohes Stresslevel versetzen, um nicht zu vergessen, dass sie noch was vorhaben?

Sind wirklich alle anderen auch jeden Tag, an dem sie mit Wecker aufstehen müssen, so müde, dass sie sich bei jedem Schritt, bei jeder Bewegung fragen, wann sie endlich zusammenbrechen? Dass sie darauf hoffen, von einem Auto angefahren zu werden oder einfach bewusstlos oder tot umzufallen, damit sie endlich, endlich ausruhen können?

Kämpfen alle Leute mit den Tränen, wenn der Lärm und die Menschen und das Denken und das Erinnern und das DINGE TUN einfach zu viel sind? Jeden Tag?

Nein.

Aber das hat mir niemand gesagt. Sie haben sich mein Gejammer angehört und gesagt: „Das geht doch jedem mal so.“

Ich zwang mich dazu, Dinge zu tun, die mir schadeten. Ich ignorierte meine Schmerzen in lauten Umgebungen, die anderen Leuten nichts ausmachten. Ich achtete nicht darauf, welches Essen ich überhaupt essen konnte, sondern aß dann halt weniger, wenn mir der Geschmack zu intensiv war. Wer braucht schon Nährstoffe?

Ich erlaubte mir nicht, zu sagen, wie viel Kraft es mich kostete, Dinge zu tun, die anderen Menschen selbstverständlich vorkamen. Ich durfte es nicht zeigen, denn das wäre nicht „normal“ gewesen.

Ich konnte mir nicht einmal selbst eingestehen, dass es mich überlastete und kaputt machte. Ich hatte keine Worte dafür. Ich hatte kein Verständnis für diese Form von Überlastung.

Ich war allein mit dieser Erfahrungswelt. Es gab keine Menschen in meinem Leben, die mich verstanden, wenn ich sagte: „Der Tag war einfach zu viel.“ Oder: „Ich kann heute keine Musik ertragen.“ Oder: „Ich kann da nicht anrufen.“

Die einzige zuverlässige Antwort auf solche Aussagen war eben diese: „Das geht doch allen mal so.“

Wenn „ich schaffe das nicht“ mutiger ist als „ich schaffe das“

Mir war klar, dass ich mit vielen Dingen Schwierigkeiten hatte, die anderen leicht fielen. Aber es wurde mir nicht geglaubt. Statt dessen wurde mir großzügig versichert, dass ich es sehr wohl hinkriegen würde.

Mir war schon gegen Ende der Schulzeit klar, dass ich einen Arbeitsalltag nicht aushalten würde, denn bereits der stressarme Schulalltag, in dem ich nur meine Zeit absitzen musste und unter der Bank zeichnen, schreiben, lesen, oder einfach vor mich hinträumen konnte, überforderte mich stark. Aber auf meine Zweifel bekam ich stets dieselbe Antwort: „Da gewöhnst du dich dran. Das schaffst du schon.“

Ich sagte, dass ich Angst davor hatte, allein an einen fremden Ort zu fahren. „Das schaffst du schon.“

Ich wurde nach 2 schlaflosen Nächten und den Tränen nahe in einem Stadtviertel, in dem ich mich nicht auskannte, allein gelassen: „Die Bushaltestelle ist in diese Richtung. Das findest du schon.“

Wenn ich jemanden bat, mich abzuholen, war die Antwort: „Du kennst doch den Weg. Das findest du schon.“

Jedes Mal, wenn ich Zweifel an meinen Fähigkeiten äußerte, wurde mir bestätigt, dass ich es schon schaffen würde. Das ist nett gemeint, aber es schadete mir massiv:

Denn ich glaubte anderen Menschen diese Fehleinschätzung. Ich glaubte ihnen, dass ich „normal“ war. Ich glaubte ihnen, dass ich genau die gleichen Fähigkeiten hatte wie die anderen „normalen“ Menschen.

Das überlastete mich nicht nur gnadenlos, sondern brachte mich auch oft in gefährliche Situationen. Ich fuhr allein in fremde Städte. Ich hatte allein in fremden Städten Meltdowns. Ich irrte heulend mit kiloschwerem Gepäck nachts durch fremde Städte. Ich wurde von Leuten ausgenutzt, die erkannten, wie aufgelöst und hilflos ich war. Ich hatte keine Ahnung, warum mir so etwas passierte, warum ich nicht, wie alle anderen „normalen“ Menschen, mit solchen Situationen zurechtkam.

Mit irgendwelchen Leuten Treffen ausmachen? Kein Problem. Machen ja alle. Nur, dass ich die Leute und Situationen oft komplett falsch einschätzte, was wiederum oft zu Belästigungen und unangenehmen Situationen führte.

Beziehungen? Kein Problem. Machen ja alle. Das resultierte für mich in fünf Jahre Gewaltbeziehung.

Arbeiten? Kein Problem. Neben dem Studium jobben? Kleinkram. Ich verstand nicht, warum ich alle 2-3 Jahre komplett zusammenbrach und gar nichts mehr machen konnte.

Vollzeitjob? „Du bist doch so schlau. Du gewöhnst dich dran.“ Ich glaubte ihnen.

Nach dem Ende meines Studiums dauerte es noch 6 Monate, bis ich endgültig zusammenklappte. Als mein Bachelorzeugnis im Briefkasten war, war ich schon arbeitsunfähig geschrieben.

Ich hab mich nicht daran gewöhnt.

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „normal“ wirken.

Jeder Muskel in meinem Körper muss mir bewusst sein. Ich muss sie alle bewachen, damit auch ja keiner anfängt mit dieser wohligen, rhythmischen Bewegung.

Meine Ohren müssen gespitzt sein. Ich muss jeden Ton in meiner Umgebung in mich aufsaugen, gesprochene Worte mit höchster Konzentration herausfiltern – und ich verstehe doch nur die Hälfte – und das, was ich nicht verstehe, aus dem Kontext herleiten. Ich muss lächeln. Ich muss die Leute anschauen. Aber nicht zu lange! Wie lange ist „normal“? Ich muss lügen, weil das schneller geht als Nachdenken – irgendwas nacherzählen, was ich schonmal von irgendwem gehört habe, weil ich keine Zeit hab, in mir selbst nach einer Antwort zu suchen. Es geht nicht darum, was für ein Mensch ich bin. Es geht nicht darum, was ich mag, was ich denke, was ich fühle. Es geht nur darum, „normal“ zu wirken.

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „normale“ Dinge tun.

Ich muss Aufgaben erfüllen, die mich zum Heulen bringen. Ich muss mich durch knirschende Zähne, höllische Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und bleierne Erschöpfung kämpfen. Ich muss die körperlichen Überlastungsreaktionen hinnehmen. Ich muss die Suizidgedanken akzeptieren und verschweigen. Ich muss die Panik verstecken. Ich muss den Selbsthass runterschlucken.

Ich muss so viel Kaffee in mich reinschütten, dass mir schlecht davon wird. Ich muss mich durch Alpträume und Sekundenschlaf und Zitter-Anfälle und Meltdowns prügeln, um noch einen Arbeitstag vor dem Wochenende schaffen zu können. Ich muss das Wochenende im Bett verbringen und versuchen, bis Montag wieder geradeaus laufen zu können.

Ich darf die Dinge nicht tun, die es erträglicher machen würden, weil ich dann nicht mehr „normal“ wirken würde.

Es geht nicht darum, dass ich einen aushaltbaren Alltag habe. Es geht nicht darum, mich mit meinen Tätigkeiten wohlzufühlen. Es geht nicht darum, ein lebenswertes Leben zu führen. Es geht nur darum, genausoviel hinzukriegen wie alle anderen „normalen“ Menschen auch.

Ja: Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „es schaffen“. Für eine Weile. Bis ich zusammenbreche – oder sterbe.

Nach dem letzten Zusammenbruch habe ich mich dagegen entschieden.

Ich versuche nicht mehr, Menschen in die Augen zu schauen, wenn ich mit ihnen rede, wenn mir das unangenehm ist. Ich versuche nicht mehr, stillzuhalten, wenn ich mich bewegen muss. Ich beiße nicht mehr die Zähne zusammen, wenn es zu laut und zu hell und zu viel ist, sondern ich schütze mich davor. Ich kaufe kein „normales“ Essen mehr, sondern solches, das ich auch essen kann. Ich riskiere nicht mehr meine Sicherheit, indem ich mir ohne Begleitung Aktionen vornehme, die mich überfordern.

Ich gehe nicht mehr arbeiten.

Ich entscheide mich dagegen, mein Leben zu riskieren, nur um kapitalistischen Ansprüchen zu genügen.

Ich entscheide mich dagegen, jeden Tag nur zu überstehen, statt ihn zu erleben.

Ich entscheide mich dafür, meine Einschränkungen zu akzeptieren.

Ich entscheide mich dafür, mich zu schützen. Mein Leben zu schützen.

Ich entscheide mich für mich.

Und das bedeutet: Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

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2 Gedanken zu „Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

  1. Vielen Dank für Deine ehrliche Offenheit!! Mir liefen die Tränen nur so runter gerade beim Lesen. Der Zufall hat mich hergeführt, werde aber wohl noch eine Weile hier bleiben. Erkenne mich in so Vielem wieder. Danke für Deinen Mut!

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