Der ableistische Hass nach #München und #Reutlingen

Amokläufe und Attentate machen uns Angst.

Nein, ich meine nicht euch, die weiß, deutsch und/oder psychisch einigermaßen „gesund“ durchs Leben gehen.

Ich rede von uns, gegen die sich nach solchen Vorkommnissen der Hass der gesamten Gesellschaft richtet.

Zwei Gruppen bekommen besonders viel von diesem „Backlash“ zu spüren: Zum einen People of Colour, besonders Schwarze Menschen und Menschen, die „arabisch“ aussehen. Besonders Muslim*innen wird vorgeworfen, Terrorist*innen zu sein.

Zum anderen psychisch kranke und anderweitig neurodivergente Menschen, die jetzt unter dem Generalverdacht stehen, tickende Zeitbomben auf dem Weg zu einer blutigen Gewalttat zu sein.

Am stärksten leiden darunter natürlich Menschen, die beides sind: also psychisch kranke bzw. neurodivergente People of Colour. (Anmerkung: Ich bin weiß.)

Ich hatte ursprünglich nicht vor, den zweihundert-tausendsten Text darüber zu schreiben, wie scheiße es ist, neurodivergente Menschen zu dämonisieren. Aber nachdem ich nicht einmal auf meinen gut gefilterten Accounts in sozialen Netzwerken davor verschont blieb, mache ich es jetzt doch.

Was mir am meisten auffällt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der neurotypische, psychisch weitestgehend gesunde Menschen sich herausnehmen, über uns zu urteilen. Sie sind sich absolut sicher, dass sie das Recht haben, über unser Erleben zu schreiben, zu bewerten, wie gefährlich oder ungefährlich wir sind und wie man mit uns umgehen sollte.

Da wird darüber sinniert, ob unsere Diagnosen jetzt eigentlich „echt“ sind, ob wir wirklich „krank“ sind oder ob wir „krank gemacht“ werden (ohne uns zu fragen, ob „krank“ überhaupt das richtige Wort ist!).

Dann wird diversen Neurodivergenzen die Legitimität abgesprochen, Depressionen wären Quatsch, Antisoziale Persönlichkeitsstörung gäbe es ja gar nicht, diverse Diagnosen wären in Wirklichkeit nur ein beschönigender Name für Gewaltbereitschaft und so weiter.

Niemand kümmert sich darum, uns mal zu fragen. Bestenfalls werden Psycholog*innen oder Psychiater*innen gefragt – die natürlich auch wieder denken, sie hätten das absolute Definitionsrecht über unsere Köpfe.

Die Verfasser*innen der Hass-Texte scheinen dabei noch nicht einmal grundlegende Ahnung von dem Thema zu haben, über das sie schreiben. Ein besonders widerliches Beispiel ist dieser FAZ-Artikel (wenn ihr euch nicht sicher seid, ob ihr das anschauen wollt: NEIN.)

Mit kompliziert klingenden Wörtern und abwertenden Begriffen wird ein besonders fremdartiges, unmenschliches und angsteinflößendes Bild von uns gezeichnet.

Ich werde im Folgenden beispielhaft ein paar dieser Wörter erklären und aufzeigen, wie sie benutzt werden, um uns möglichst gefährlich wirken zu lassen. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig.

Depressionen, depressiv: Depressionen sind eine schwere psychische Krankheit, die oft tödlich endet (durch Suizid).

Depressionen gehen oft mit Antriebslosigkeit einher. Depressive können ihren Alltag nicht mehr bewältigen, fühlen sich niedergeschlagen, hoffnungslos, wertlos, hilflos, kraftlos oder leer.

Depressionen nehmen uns die Fähigkeit zur Freude, machen unsere Gedanken ziellos und träge, führen zu Konzentrations- und Gedächtnis-Schwierigkeiten und können dazu führen, dass wir unsere Pflichten, unsere Hobbies, unsere Freundschaften und uns selbst vernachlässigen.

Wisst ihr, was kein Symptom für eine Depression ist? Genau: Gewalt!

Ob Menschen gewalttätig sind, ob Menschen andere verletzen oder töten, hat absolut nichts damit zu tun, ob sie depressiv sind.

Epidemie: Aus unerfindlichen Gründen wird immer wieder so getan, als sei irgendeine Neurodivergenz eine „Epidemie“, also eine Krankheits-Häufung. Wahlweise betrifft das zum Beispiel ADHS, Autismus, Depressionen oder was auch immer.

Die Wahrheit ist: So eine Epidemie gibt es nicht.

Psychische Krankheiten und Neurodivergenzen gibt es schon immer. Erbliche Neurodivergenzen wie z.B. Autismus, Schizophrenie oder ADHS werden einfach häufiger diagnostiziert bzw. ausführlicher differenziert als früher. Das Erscheinen von Neurodivergenzen mit erblichen Aspekten wie beispielsweise Persönlichkeitsstörungen hängt vom Umfeld der Betroffenen und ihren Erfahrungen ab. Auch hier ist es so, dass die diagostischen Verfahren ständig verfeinert werden.

Depressionen, Angststörungen und Burn-Out können von einer leistungsorientierten und hasserfüllten Gesellschaft wie der, in der wir leben, natürlich verursacht und verstärkt werden. Die Lösung ist aber nicht, Betroffene besser zu isolieren und stärker zu stigmatisieren.

Geisteskrankheit, geisteskrank: Dieses Wort tut so, als wäre es ein Synonym für „psychische Krankheit, psychisch krank“. Tatsächlich schwingt aber eine abwertende Einschätzung der Intelligenz und des Urteilsvermögens der betroffenen Person mit.

Der Begriff wird meistens als schwammige Bezeichnung für irgendwas benutzt, was die schreibende Person unverständlich und furchteinflößend findet. Wie genau das jetzt mit psychischen Krankheiten zusammenhängt, wird nicht erklärt. Weiß auch niemand. Darum geht es ja auch nicht; viel wichtiger ist, irgendwie eine Bevölkerungsgruppe zu finden, die als Sündenbock herhalten kann.

Pathologisch: Das ist einfach nur ein kompliziertes Wort für „krankhaft“. Wir selbst sehen nicht alle unsere Neurodivergenzen als „krankhaft“ wahr. Für die meisten von uns sind Stimmenhören, seltsame Wahrnehmungen, Angstzustände, Selbsthass, Kommunikations-Schwierigkeiten und vieles andere einfach unser Alltag. Unter manchem davon leiden wir, unter anderem nicht. Ob etwas „pathologisch“ ist oder nicht, entscheiden Therapeut*innen und Psychiater*innen aber oft, ohne uns überhaupt zu fragen.

Persönlichkeitsstörung: Im DSM 5 sind folgende Persönlichkeitsstörungen definiert: Paranoide PS, Schizoide PS, Schizotypische PS, Antisoziale PS, Borderline-PS, Histrionische PS, Narzisstische PS, Ängstlich-vermeidende PS, Abhängige PS, Zwanghafte PS. Keine einzige davon beschreibt gewalttätiges Verhalten oder gar Mord als ein Symptom.

Die meisten Persönlichkeitsstörungen sind durch ein Muster von Angst und/oder durch ungewöhnliche Bedürfnisse definiert. Sie beeinflussen das ganze Leben, oft auf sehr unangenehme und schwierige Art und Weise.

Hört auf, persönlichkeitsgestörte Menschen für eure beschissene ableistische Agenda zu benutzen und uns als Gewalttäter*innen abzustempeln.

Psychische Störung, psychisch gestört: Der Begriff der „Störung“ kommt in vielen Diagnose-Bezeichnungen vor und ist damit scheinbar (aber wirklich nur scheinbar) sachlich. Tatsächlich ist der Begriff stark abwertend. Jemanden als „gestört“ zu bezeichnen ist eine Beschimpfung. Eine „Störung“ ist eine Abweichung vom „Normalzustand“, ein Defekt, etwas, das „behoben“ werden muss. Na, vielen Dank auch…

Psychische Krankheit, psychisch krank: Psychische Krankheiten sind erworbene (nicht angeborene) Neurodivergenzen, die den Betroffenen großes Leid verursachen, wie zum Beispiel Depressionen.

Therapeut*innen und Psychiater*innen bezeichnen alles Mögliche als psychische Krankheit, ohne Betroffene zu fragen, ob diese es überhaupt so wahrnehmen. Meistens wird vorausgesetzt, dass bestimmte Neurodivergenzen immer mit einem großen Leidensdruck einhergehen.

Entsprechend vielfältig sind die Dinge, die als psychische Krankheiten bezeichnet werden. Dazu gehören zum Beispiel Psychosen, Bipolare Störung, Angststörungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder Narzissmus und vieles mehr.

Allgemein „psychische Krankheiten“ als Ursache für irgendein gesellschaftliches Problem zu nennen, ist ungefähr so zielführend, wie „technische Defekte“ als Ursache für Probleme im Straßenverkehr zu nennen.

Das Problem ist nicht, dass viele Menschen psychisch krank sind. Das Problem ist, dass viele Menschen sich scheiße verhalten. Diese beiden Dinge sind absolut unabhängig voneinander.

Psychopathie, Soziopathie: Dies sind extrem abwertende Bezeichnungen für Menschen mit Antisozialer Persönlichkeitsstörung (ja, wieder diese „Störung“). Menschen mit ASPS erleben wenig oder keine Empathie und haben Schwierigkeiten damit, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.

Die Begriffe „Psychopath“ und „Soziopath“ sind vor allem aus blutigen Filmen und Serien bekannt, in dem Menschen mit ASPS als herzlose Mörder*innen dargestellt werden. Entsprechend rufen diese Wörter im Bewusstsein der meisten Menschen genau dieses Bild hervor.

Hier ist ein Blogpost, der mit den gängisten Vorurteile gegenüber Menschen mit ASPS aufräumt: Mandatory ASPD Post (englisch).

Hier ist ein Blogpost, in der eine Person mit ASPS darüber schreibt, was das bedeutet: Could you explain what ASPD is like? (englisch)

Wenn ihr keine ASPS habt, solltet ihr die Begriffe „Psychopath“ und „Soziopath“ definitiv nicht benutzen. Ein Text, in dem diese Wörter vorkommen, ist praktisch immer voll mit Ableismus.

Psychose, psychotisch: Psychosen sind Zustände, in denen eine Person Wahrnehmungen oder Vorstellungen hat, die sich von der Realität anderer Menschen deutlich unterscheiden. Psychotische Menschen können zum Beispiel Angst vor den Kameras in ihrer Wohnung haben oder davon überzeugt sein, dass Außerirdische ihre Gedanken steuern.

Psychosen sind etwas ganz anderes als eine Phantasie-Vorstellung. Was Menschen in Psychosen wahrnehmen, haben sie sich nicht „ausgedacht“ oder „erfunden“.

Psychotische Zustände gehen außerdem meistens mit weiteren massiven Problemen einher, zum Beispiel Konzentrations- und Gedächtnis-Schwierigkeiten, Probleme damit, klare Gedanken zu fassen und Entscheidungen zu treffen, große Angst vor Menschen und Orten und vieles mehr.

Menschen, die gerade eine Psychose erleben, sind nicht gefährlich. Die größte Gefahr geht von Verwirrungs-Zuständen aus, in denen psychotische Menschen unter Umständen schlechte Entscheidungen treffen können, wie beispielsweise aus einem Fenster zu springen, um sich vermeintlich in Sicherheit zu bringen oder in ein Flugzeug zu steigen und ans andere Ende der Welt zu fliegen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, welche Folgen das für ihr Leben haben könnte.

In Filmen und Serien werden psychotische Menschen oft als gewalttätig dargestellt. Wir sehen dort Charaktere, die in ihrer Verwirrung andere Leute ermorden oder ausgeklügelte Terror-Anschläge vorbereiten.

Das ist völliger Quatsch. Die Benutzung des Fachbegriffes (den viele Betroffene übrigens ebenfalls ablehnen!) vermittelt ein falsches Gefühl von Sachlichkeit. In Wirklichkeit sind solche Darstellungen vor allem stigmatisierend und tragen dazu bei, systematische und institutionalisierte Gewalt gegen psychotische Menschen zu legitimieren.

Psychotische Menschen werden oft gegen ihren Willen zwangsbehandelt, in Psychiatrien und anderen Einrichtungen festgehalten und gezwungen, Medikamente zu nehmen, die ihnen nicht gut tun.

Dabei sind Psychosen einfach eine besondere Form des Erlebens, die nicht alle Menschen kennen. Sie können sehr unangenehm sein, aber sie können für die betroffenen Leute auch sehr spirituell, erfüllend, oder eben Alltag sein.

Psychotische Menschen sind einfach Menschen: Sie können liebenswürdig sein, sie können neugierig sein, sie können aber natürlich auch gewalttätig sein, so wie alle anderen Menschen auch.

Was Psychosen auf keinen Fall sein sollten, ist ein Aufhängungspunkt für eure beschissenen, behindertenfeindlichen Texte.

Schizophrenie, schizophren: Schizophrenie ist eine Neurodivergenz, deren Name gerne völlig wahllos für alles mögliche benutzt wird, das gar nichts damit zu tun hat. Nicht nur, dass Schizophrenie ständig mit Multipler Persönlichkeit verwechselt wird, sondern sie scheint auch noch alle möglichen, furchteinflößenden Dinge in sich zu vereinen:

Schizophrene sind der Archetyp der „Verrückten“ in unser behindertenfeindlichen Vorstellung. Schizophrenie geht mit Psychosen einher; viele Schizophrene haben Halluzinationen, hören Stimmen, werden als „wahnsinnig“, „irre“, „krank“ bezeichnet und vor allen Dingen stark stigmatisiert.

Schizophrene Menschen werden extrem häufig Opfer von Gewalt. Die Diagnose kann dazu führen, dass nichts, was sie sagen, ernstgenommen wird, auch, wenn sie von Gewalterfahrungen berichten. Sie werden oft zwangsbehandelt, institutionalisiert und ausgegrenzt.

Viele Schizophrene sind obdachlos, weil sie keine menschenwürdige Unterstützung bekommen. Aus (berechtigter!) Angst vor psychiatrischer Gewalt können viele schizophrene Menschen gar keine Hilfe suchen. Schizophrenie ist ein hoher Risikofaktor für Alkoholismus und andere Suchtkrankheiten.

Und dann kommt ihr daher und tut so, als wären Schizophrene jetzt irgendwie schuld an Gewalttaten, die sie überhaupt nicht begangen haben.

Seele, seelische Verfassung, seelische Krankheit: Auf den ersten Blick wirkt es so, als seien diese Begriffe synonym zu „Psyche, psychische Verfassung, psychische Krankheit“.

Der Begriff der „Seele“ hat allerdings noch viele weitere Bedeutungen.

Während die „Psyche“ oft als sachlicher Begriff für Vorgänge im Gehirn von Menschen verwendet wird, hat die „Seele“ auch religiöse und spirituelle Bedeutung. Als „Seele“ wird der innerste Kern, das Wesen von Menschen bezeichnet. Menschen können eine „gute Seele“ oder eine „bösartige Seele“ haben. Manche religiöse und spirituelle Konzepte beinhalten eine „unsterbliche Seele“.

Wenn also die „Seele“ eines Menschen als „krank“ bezeichnet wird, ist das eine sehr tiefgehende moralische Abwertung.

Selbstmord, Suizid: Menschen, die in ihrem Leben stark leiden, entscheiden sich möglicherweise dafür, dieses Leben zu beenden.

Das hat nichts, aber auch gar nichts mit der Entscheidung zu tun, vorher erstmal irgendwelche anderen Menschen zu töten. Dafür braucht es die anmaßende Anspruchshaltung, das Recht zu haben, über das Leben anderer Menschen zu bestimmen.

Bei Morden, auf die ein Suizid folgt, sind die Ermordeten oft weniger privilegiert als die Mörder*innen: Frauen töten ihre Kinder, Männer töten ihre Frauen.

Die allermeisten Menschen, die „Amok laufen“, sind weiß und männlich. Weiße Männer haben in unserer Gesellschaft eine sehr privilegierte Position, die ihnen viele Vorteile und vor allem Macht über marginalisierte Gruppen bringen kann. Wenn sie den Eindruck haben, dass ihnen diese Machtposition verwehrt wird, werden sie oft gewalttätig.

Wir brauchen definitiv ein Gespräch darüber, warum einige Menschen sich so selbstverständlich in der Machtposition sehen. Dabei sollten wir auch darüber reden, warum neurotypische Menschen sich so selbstverständlich in der Machtposition über neurodivergente Menschen sehen.

Das Leid von Menschen, die den Suizid wählen, ist nicht dazu da, von euch zur weiteren Stigmatisierung neurodivergenter Menschen instrumentalisiert zu werden.

Stimmen hören: Für viele Menschen ist es Alltag, mehr körperlose Stimmen zu hören als nur die tonlose Stimme des eigenen Denkprozesses.

Schizophrene Menschen, Menschen mit dissoziierten Persönlichkeits-Anteilen und andere neurodivergente Menschen hören besonders häufig Stimmen.

Aber auch Menschen, die sonst überhaupt keine erwähnenswerten Neurodivergenzen haben, können Stimmen hören. Das ist überhaupt nichts Gefährliches oder Krankhaftes, sondern einfach die Art, wie manche Köpfe funktionieren.

Diese Stimmen können lustig sein oder furchteinflößend, freundlich oder feindlich. Sie können nüchtern die Situation kommentieren, sie können Witze machen, unverständliches Geschrei von sich geben, Drohungen aussprechen oder Vorschläge machen. Und ja, sie können auch Befehle geben.

Aber sie können nicht die Kontrolle über einen Menschen übernehmen. Menschen, die Stimmen hören, sind kein willenloses Opfer dieser Stimmen.

Hier ist ein Vortrag darüber, wie es ist, Stimmen zu hören: The voices in my head (englisch, mit Transkript und Untertiteln in vielen Sprachen).

Unterschiedliche Arten, die Welt und sich selbst zu erleben, sind Teil der menschlichen Vielfalt, kein Gruselkabinett.

Wahn, Wahnsinn, Wahnvorstellung, Irrsinn, irre, verrückt: Diese und ähnliche Wörter bezeichnen so ungefähr alles, was irgendwie als „unverständlich“ gilt. Dabei wird komplett ausgeblendet, wie diese Begriffe benutzt wurden, um massive Gewalt gegen neurodivergente Menschen zu rechtfertigen.

Ich hab jetzt echt nicht die Kraft, einen Aufsatz darüber zu schreiben, wie sogenannte „wahnsinnige“ oder „irre“ Menschen in der Geschichte der westlichen Kultur gefoltert und ermordet wurden (und bis heute werden).

Die Begriffe werden immer wieder durch „freundlichere“ oder „wissenschaftlichere“ Wörter ersetzt. Heute wird statt „wahnsinnig“ oft „psychotisch“ gesagt, statt „verrückt“ eben „krank“ oder „gestört“. Aber die stigmatisierende Verwendung der Begriffe bleibt genau dieselbe: Es wird impliziert, dass neurodivergente Menschen eben irgendwie gefährlich, schlecht, kaputt und weniger menschlich wären als neurotypische Menschen.

Es wird auch so getan, als sei „der Wahnsinn“ etwas, das objektiv feststellbar wäre; etwas, das Menschen „befällt“ und sie dazu führt, bösartige oder lächerliche Dinge zu tun.

Das Problem ist aber nicht, wenn sich Menschen aufgrund von Verwirrung, Unwissen, psychotischen Zuständen oder emotionalen Ausfällen böse verhalten: Das Problem ist, wenn Menschen sich bewusst, wissentlich, unter Kenntnis der Alternativen und ihrer (oft privilegierten) Position so verhalten.

Zum Beispiel, indem Menschen, die noch nie ernsthaft als „wahnsinnig“ bezeichnet und mit Zwangseinweisung bedroht wurden, solche Begriffe benutzen, um irgendjemanden als möglichst unmenschlich darzustellen oder lächerlich zu machen.

Schlusswort

Hört auf, zu behaupten, Menschen würden Gewalttaten begehen, weil sie psychisch krank oder neurodivergent seien. Menschen sind gewalttätig, weil sie die Entscheidung treffen, anderen Gewalt anzutun. Das hat nichts damit zu tun, ob sie neurodivergent sind oder nicht.

Wenn ihr die Entscheidung trefft, auf diese Art und Weise neurodivergente Menschen weiter zu stigmatisieren, aus „eurer“ Gesellschaft auszuschließen, dann ist das auch ein Akt der Gewalt, den ihr absolut bewusst begeht.

Wir sind kein „Symptom“ einer „kranken“ Gesellschaft.

Wir sind Teil der Gesellschaft. Wir lesen eure Texte, die uns abwerten und verurteilen. Wir hören, wie ihr in der Öffentlichkeit darüber redet, wie unmenschlich ihr uns findet und wie viel Angst ihr vor uns habt.

Wir sitzen neben euch in der Bahn, im Büro, im Hörsaal, auf der Couch.

Ihr begegnet uns, ihr interagiert mit uns, jeden Tag.

Ihr kauft unsere Brötchen, ihr werft uns ein paar Cent in den Becher, ihr lacht über die Art, wie wir uns bewegen, wie wir reden und wie wir uns verhalten. Ihr dreht euch angewidert von uns weg oder beschimpft uns, wenn ihr erkennt, was wir sind.

Ihr macht uns das Leben schwer.

Hört auf damit.

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3 Gedanken zu „Der ableistische Hass nach #München und #Reutlingen

  1. Pingback: Deutungshoheit – 1satz

  2. Den Beitrag finde ich weitgehend gut, aber teilweise widerspricht er dem, was ich gelernt und anderweitig gelesen habe. Schizophrenie und Psychose, eigentlich bin ich der Meinung, Schizophrenie sei eine Psychose, sogar die häufigste Psychose. Ich selbst bin als schizophren diagnostiziert, das sei meine Psychose.
    Ich selbst habe keine Halluzinationen und bin nicht paranoid. Mein Problem sind meine Gefühle, die oft nicht zur Situation passen; ich selbst sage, ich habe eine Traurigkeits- und Dunkelheitsstörung. Ich werde oft aus unerfindlichen Gründen traurig. Ohne mein Medikament hatte ich immer Phasen, in denen ich in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen bin. Das waren Zeiten voller Schmerz. Ich war intensiv traurig und verzweifelt und voller Ängste. Kann man dies als Störung bezeichnen? Um ehrlich zu sein, ich habe dies immer als Störung empfunden, wobei ich finde, Störung ist noch eine harmlose Umschreibung. Es ist ein Leiden, ich habe immer sehr darunter gelitten. Ich habe nur ein Problem damit, das als Krankheit zu empfinden. Wie du geschrieben hast, eine Krankheit ist etwas, das ist gekommen, es gab mal eine Zeit, als das noch nicht da war. Aber bei mir war immer schon etwas da, ich habe mein Leben lang schon ein Leiden. Mit dem Wort Behinderung komme ich besser zurecht, es ist etwas, das mich tatsächlich behindert, und an einer Behinderung leidet man auch; man kann es zumindest.
    Und dann ist da noch die Möglichkeit, dass ich eine Exekutive Dysfunktion habe, aber ich kenne den Begriff erst seit wenigen Tagen, daher gilt es erst, das abzuklären. Es kann sehr gut sein, dass das bei mir passt. (Als ich den Begriff erfuhr, habe ich deinen Beitrag dazu gefunden, danke sehr.) Auch dies empfinde ich als Störung und Behinderung, bei mir ist das stark von Situation und Ort abhängig, daheim bekomme ich sehr wenig auf die Reihe.

    Und weil das oben nicht gut in den Text gepasst hat:
    Meine Angst vor dem Tod hat mich immer sehr belastet, aber ohne sie hätte ich vermutlich meinem Leben ein Ende gesetzt, damit dieser Schmerz aufhört.

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