Die vermeintliche Hierarchie zwischen körperlichen und psychischen Krankheiten

Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten erfahren viele verschiedene Arten von Misshandlung. Dazu gehören zum Beispiel Ausgrenzung, körperliche Gewalt, Fehl- oder Nicht-Behandlung und vieles mehr.

Oft entsteht eine Art Wettrennen darüber, welche Art von Misshandlung am schlimmsten ist oder welche Gruppe kranker oder behinderter Menschen davon am stärksten betroffen ist.

Ich denke, das liegt zum einen daran, dass über die Gewalt und Misshandlung gegen kranke und behinderte Menschen hauptsächlich geschwiegen wird. Gleichzeitig wird der Mythos verbreitet, der Staat, das medizinische System oder unsere Angehörigen würden sich um uns kümmern und es wäre schon irgendwie alles okay für uns. Daher haben wir oft den Eindruck, allen anderen würde es besser ergehen als uns selbst.

Vor allem Menschen, deren Behinderung hauptsächlich psychisch oder psychosomatisch ist, scheinen oft zu glauben, dass Menschen mit körperlichen Behinderungen eher ernstgenommen werden als Menschen mit körperlichen Behinderungen.

Dabei wird nicht nur vergessen, dass viele körperliche Behinderungen auch sehr oft nicht ernst genommen oder wahrgenommen werden, sondern es wird eine Art Hierarchie erstellt auf Basis der Annahme, es wäre immer von Vorteil, wenn die vorhandene Krankheit oder Behinderung anerkannt wird.

 

Es ist aber eben nicht immer ein Vorteil, wenn die Behinderung leicht ersichtlich ist. Menschen mit sichtbaren Behinderungen erfahren keinesfalls nur Unterstützung, Hilfe und Mitgefühl. In der Öffentlichkeit sind sie beispielsweise Spott, Anfeindungen oder Gewalt ausgeliefert, innerhalb des medizinischen Systems erfahren sie oft medizinisch legitimierte Misshandlungen.

Eine sichtbare Behinderung schützt uns nicht davor, als Störung wahrgenommen zu werden. Wenn ich mit meinem Rollator unterwegs bin, sind andere Menschen häufig genervt, weil sie mir Platz machen müssen, weil ich mich langsam bewege oder weil sie auf mich Rücksicht nehmen müssen. Die „Hilfe”, die fremde Menschen uns anbieten, wird oft grenzüberschreitend und ohne uns zu fragen einfach angewendet.

Freund*innen, Bekannte und Arbeitskolleg*innen erwarten oft, dass Menschen mit sichtbaren Behinderungen keine weiteren, unsichtbaren, sekundären Behinderungen haben. Es wird erwartet, dass wir uns über unsere Behinderung „hinwegsetzen”, sie ausgleichen, uns davon nicht einschränken lassen. Sie erwarten, dass wir alles tun, um trotzdem am produktiven Gesellschaftsleben teilhaben zu können (das heißt eigentlich immer nur: Lohnarbeit).

Wenn wir Treppen nicht erklimmen können, erwarten sie, dass wir natürlich einen langen Umweg in Kauf nehmen, um trotzdem teilnehmen zu können. Oder dass wir uns eben Stufe für Stufe nach oben kämpfen. Wenn wir etwas nicht schaffen, heißt das nämlich, dass wir uns nur nicht genug anstrengen oder es ja gar nicht wirklich wollen.

Als Beispiele zeigen sie uns gerne Erfolgsgeschichten von Menschen mit Behinderungen, die entgegen aller Widrigkeiten Erfolge hatten, die ihnen niemand zugetraut hat. Dabei ignorieren sie die Tatsache, dass dazu Privilegien und körperliche oder geistige Gegebenheiten nötig sind, die nicht alle behinderten Menschen haben.

 

Auch Körperliche Krankheiten sind oft unsichtbar. Gehörlosen Menschen sieht man zum Beispiel ihre Gehörlosigkeit nicht an, nicht alle Menschen mit körperlichen Krankheiten haben Gehhilfen und viele Menschen wissen selbst nicht unbedingt, dass sie eine körperliche Behinderung haben.

Menschen im näheren Umfeld glauben uns selten, wie schwer unsere Behinderung tatsächlich ist. Ärzt*innen, Therapeut*innen und natürlich Versicherungen und medizinische Dienste stellen unsere Behinderungen stets in Frage, egal, ob sie sie sehen können oder nicht.

Selbst, wenn wir offensichtliche Gründe für unsere Behinderung vorweisen können, wird erwartet, dass wir zunächst alles menschenmögliche probieren, um weniger behindert zu werden. Also müssen wir zuerst eine Psychotherapie machen und es trotzdem probieren und viel Sport machen und Yoga probieren und mehr schlafen und unsere Ernährung umstellen und all die anderen vielen Tricks, die angeblich unsere Gesundheit irgendwie verbessern können, auch, wenn sie uns tatsächlich vielleicht schaden.

 

Es werden oft nur Einschränkungen akzeptiert, die als alltäglich und normal angesehen werden. Eine Erkältung oder Rückenprobleme sind für die meisten Menschen leicht verständlich, aber schon Dinge wie behindernde Müdigkeit oder Schmerzen stoßen schnell auf Unglauben.

Wenn wir eine Behinderung schon lange Zeit haben, erwarten die meisten Menschen, dass wir uns inzwischen damit abgefunden und Methoden gefunden haben, um die Einschränkungen vollständig auszugleichen.

Wenn wir die Behinderung noch nicht lange haben, wird erwartet, dass wir ja problemlos ein paar Monate warten können, bis wir Untersuchungen bekommen, die vielleicht eine Diagnose ergeben, auf deren Basis wir dann vielleicht einen Schwerbehindertenausweis oder Mobilitätshilfen beantragen können.  

Wenn wir jung sind, wird erwartet, dass wir scheinbar unerschöpfliche Energieressourcen besitzen, mit denen wir jede mögliche Situation in den Griff bekommen können.

 

Die meisten Menschen, die selbst keine Behinderung haben, wollen einfach nicht einsehen, dass es Leute gibt, die nicht so viel leisten können wie sie selbst. Sie denken, Behinderung wäre zum Beispiel eine Strafe Gottes oder wir würden unseren Körper irgendwie falsch benutzen oder wir wären irgendwie selbst schuld daran oder wir müssten uns nur ein bisschen mehr anstrengen oder das wäre alles nur Einbildung.

Und wenn wir nicht behindert sein wollen (und natürlich dürfen wir damit nicht zufrieden sein!), dann sollen wir eben mal Akupunktur versuchen, zum Heilpraktiker gehen, oder eine Psychotherapie gegen chronische Schmerzen machen, oder mehr schlafen, damit der Blutdruck besser wird, oder wir sollen uns nicht so anstellen, oder unsere Symptome sind sowieso nur ein Ausdruck unseres unzufriedenstellenden Lebens, und wenn wir uns ein bisschen mehr anstrengen würden und ein bisschen aktiver wären, würde das alles besser werden.

Mit den tausend sinnlosen Tips geht es nicht darum, uns zu helfen. Es geht vielmehr darum, sich selbst irgendwie in einer besseren Position zu sehen, sich selbst einzureden, dass man selbst ja niemals in diese Situation geraten kann, weil man ja alles richtig macht.

Dazu kommt, dass sich niemand wirklich für uns verantwortlich fühlen möchte. Die Tatsache, dass wir Unterstützung und Hilfe brauchen und anderen Leuten Arbeit machen oder ihnen den Tag ein bisschen schwerer machen, stößt auf Unzufriedenheit. Wir sollten uns zufriedengeben mit dem, was wir haben und keine weiteren Ansprüche stellen.

 

Es gibt nur ganz wenige und eng definierte Arten von Krankheit und Behinderung, die in unserer Gesellschaft Mitgefühl, Verständnis und Unterstützung erfahren.

Dazu gehören zum Beispiel die ganz bestimmte, häufig auftretende Komplikationen des Älterwerdens, wie zum Beispiel Arthrose, nachlassende Bewegungsfähigkeit, nachlassende körperliche Stärke und so weiter (aber auch erst im „richtigen” Alter!).

Eine weiteres Beispiel könnte eine Depression sein, die mit einem ganz bestimmten, verständlichen Ereignis zusammenhängt, wie zum Beispiel dem Tod einer nahestehenden Person.

Dazu kommt, dass von Behinderten ganz bestimmte Verhaltensmuster erwartet werden. Jede kleinste Abweichung davon wird als Beweis dafür angesehen, dass die behinderte Person übertreibt oder lügt oder in Wirklichkeit gar nicht behindert ist.

Wer spazierengehen kann, kann doch ganz bestimmt auch arbeiten gehen, wer Filme schauen kann, kann doch gar nicht richtig krank sein, Rollstuhlfahrer*innen dürfen niemals die Beine bewegen oder gar aufstehen, wer einen Gehstock hat, kann ganz bestimmt nicht rennen, wer depressiv ist, darf nicht auf einer Party Spaß haben.

Wer einen Unfall hat und danach zum Beispiel eine Querschnittslähmung hat, muss danach in der Lage sein, das bisherige Leben so anzupassen, dass si*er trotzdem beeindruckende Erfolge erzielen kann.

Wer eine schwere Krankheit hat, muss danach entweder tot sein oder sich vollständig erholen.

Wer von Geburt an eine schwere Behinderung hat, wird kaum als menschlich angesehen. Es wird davon ausgegangen, dass diese Menschen so wie so früh sterben und nie etwas in ihrem Leben zustande bringen werden.

Die einzigen Erzählweisen von Krankheit und Behinderung sind also Geschichten mit zeitlich absehbarem, klaren Verlauf, die entweder mit dem Tod enden oder mit vollständiger Rehabilitation (das heißt: Lohnarbeit).

Wenn wir aber unser eingeschränktes Leben einfach leben wollen, nicht im Sterben liegen, aber keine Aussicht auf Besserung oder Rehabilitation besteht, fallen wir aus diesem Muster heraus. Dann kommen die Vorwürfe, das Herunterspielen, der Therapiedruck, die unerfüllbaren Erwartungen, der Unglaube und vieles mehr.

 

Die Diskriminierung gegen Behinderte findet nicht nur im öffentlichen Raum oder in privaten Beziehungen statt, sondern ist strukturell, gesamtgesellschaftlich verankert und auch gesetzlich unterstützt.

Damit meine ich nicht nur fehlende Rampen vor Gebäudeeingängen, Bordsteinkanten, die sich mit Rollstuhl oder Rollator nicht überwinden lassen, Bücher und Filme ohne Hörbuchausgabe oder Untertitel, unzugängliche oder defekte Aufzüge, fehlenden barrierefreien Wohnraum, sondern auch zum Beispiel die lachhafte finanzielle Versorgung behinderter Menschen, das Vorenthalten notwendiger Hilfsmittel, die Einschränkungen in Bezug auf erlaubte Ersparnisse, Einkommen, und vieles mehr.

 

Diese strukturellen Ausschlüsse betreffen alle behinderten Menschen.

Dabei ist es völlig egal, welcher Art unsere Krankheit oder Behinderung ist.

 

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