Vornamensänderung in geschlechtsneutrale Vornamen

Ich habe meinen Vornamen geändert. Eine Zusammenfassung dieses Artikels in Stichpunkte findet ihr weiter unten.

Nachdem ich den Gang über das Transsexuellengesetz (TSG) wegen des furchtbaren Therapeuten, an den ich geraten war, abgebrochen hatte, brauchte ich dringend einen alternativen Weg, um eine für mich aushaltbare Lösung zu finden.

Das Wichtigste war für mich, meinen richtigen Vornamen endlich überall benutzen zu können und den Deadname endgültig loszuwerden. Also entschied ich mich für den Weg über das Gesetz zur Änderung der Vornamen.

Das ist deutlich einfacher als der Gang übers TSG: Es ist nur ein Kurzgutachten von einer*m Psychotherapeut*in (oder Psychiater*in) nötig, ein Text über die Gründe für die Vornamensänderung, ein Führungszeugnis und natürlich die Aufklärung der zuständigen Beamten über nichtbinäre Geschlechter und die Rechtsprechung zu geschlechtsneutralen Vornamen.

Nach dem Abbruch der schädlichen „Therapie” wollte ich keine weitere Therapie mehr beginnen. Ich fragte mich herum und nahm schließlich Kontakt zu einer Psychotherapeutin auf, die sich bereit erklärte, mit mir nur so viele Sitzungen zu machen, wie zur Erstellung des Gutachtens notwendig wären. Sie rechnete mit 2-3 Sitzungen, wir brauchten 2.

Da sie keine Kassenzulassung hat, musste ich die Sitzungen und das Kurzgutachten privat bezahlen, das blieb insgesamt aber noch unter 200 €. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Preis für das Kurzgutachten, aber es war wirklich wenig, ich glaube 20 € oder so.

Mit der Psychotherapeutin hatte ich wirklich Glück. Sie war sehr respektvoll und verständnisvoll. Wir redeten über mein Geschlecht, meine Neurodivergenzen und meine Trauma-Erfahrungen.

Die Trauma-Erfahrungen waren deshalb ein Thema, weil ich die Begründung für die Vornamensänderung zweigleisig aufgebaut habe: Grund 1 war mein nichtbinäres Geschlecht, Grund 2 war die Verbindung meines Vornamens mit meinem Trauma.

ProjectEnigma erstellte ein Dokument mit einer Zusammenfassung von Gesetzen und Urteilen zur Zulässigkeit geschlechtsneutraler Vornamen (Unisex-Namen). Einen Link hierzu findet ihr am Ende dieses Textes.

Ich ging bei meiner zuständigen Behörde vorbei und nahm zunächst nur dieses Dokument mit. Die Beamte zeigte sich verständnisvoll, aber unsicher zum Thema geschlechtsneutrale Vornamen, das Dokument war hier sehr hilfreich.

Die Beamte war nicht zufrieden damit, dass ich nur für das Kurzgutachten bei der Therapeutin war. Sie sagte, ich müsste eine Therapie machen. Dafür gibt es keine Rechtsgrundlage. Das Kurzgutachten muss ausreichend sein.

Ich hatte keine Energie, um auf meinem Recht zu beharren. Wir einigten uns darauf, dass es reichen würde, einen Bericht von meinem vorherigen Therapeuten vorzulegen, aus dem hervorging, dass ich trans bin. Dafür nahm ich den nächstbesten Bericht von meinem vorherigen Therapeuten her, der das Wort „Transsexualität” enthielt und zu 95% überhaupt nichts mit dem Thema zu tun hatte.

Danach brauchte ich eine Weile, bis ich alle nötigen Dokumente zusammen hatte, eine frisch erstellte Geburtsurkunde aus meinem Geburtsort, ein erweitertes Führungszeugnis und so weiter.

Wie schon erwähnt, baute ich meine Begründung für den Antrag zweiteilig auf. Ich beschrieb einerseits, dass ich meinen Vornamen mit Gewalterfahrungen verbinde und davon Abstand bekommen möchte. Andererseits erklärte ich, was ein nichtbinäres Geschlecht ist und warum der Weg über das TSG für mich nicht in Frage kommt.

Ich achtete darauf, die Probleme, die mir mein Ausweis-Vorname im Alltag bereitet, möglichst genau zu beschreiben. Ich verzichtete auf Beschönigungen.

Nach langem Überlegen habe ich mich entschieden, meine Begründung öffentlich zu machen. Bitte beachtet, dass dieser Text sehr persönlich ist. Er beinhaltet auch Beschreibung von Gewalterfahrungen. Ich zeige ihn hier nur, damit ihr eine Idee habt, wie so eine Begründung aussehen kann. Einen Link findet ihr am Ende dieses Posts.

Ein paar Wochen später packte ich alles zusammen und ging damit wieder bei der Behörde vorbei.

Danach dauerte es zwei Monate, in denen ich gar nichts hörte, dann kam die Bestätigung. Jetzt muss ich nur noch die Urkunde abholen und 125 € bezahlen.


Zusammenfassung

  • Für den Antrag ist ein Kurzgutachten nötig, das belegt, dass mir durch den Ausweis-Vornamen erhebliches psychisches Leid entsteht
  • Ich war zum Zeitpunkt der Antragstellung nicht in Therapie
  • Ich fand eine Privat-Therapeutin, die mit mir 2 Sitzungen machte, um das Kurzgutachten zu erstellen
  • Die Sitzungen und das Gutachten kosteten mich zusammen ca. 200 €
  • ProjectEnigma erstellte eine rein informative Übersicht über die Gesetze und Rechtsprechung zu geschlechtsneutralen Vornamen
  • Dieses Übersichts-Dokument gab ich bei der Behörde ab, nicht als Teil des Antrages, sondern zur Erleichterung des Prozesses
  • Die Behörde verlangte noch einen Bericht von meinem vorherigen Therapeuten, aus dem hervorging, dass ich trans bin
  • Das ist nicht rechtmäßig, da das Kurzgutachten der Privat-Therapeutin ausreichend ist, aber ich hatte nicht die Energie, mich zu widersetzen
  • Meinen Antrag begründete ich folgendermaßen:
    • Mein alter Vorname ist für mich untrennbar mit Trauma verbunden
    • Ich bin nichtbinär, daher ist das Transsexuellengesetz für mich ungeeignet
    • Mein Ausweis-Vorname bereitet mir im Alltag erhebliche Schwierigkeiten
  • Der Antrag war erfolgreich, es gab keine weiteren Probleme, es kostete mich 125 €
  • Gesamt-Kosten für den Vorgang unter 400 € (Kosten für neue Ausweise, Karten etc. nicht enthalten)

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