Neurodivergenz und Geschlecht

In unserem Aufruf haben wir um Texte zum Zusammenspiel von Neurodivergenz und Geschlecht gebeten, vor allem in Hinblick, wie sich Eure Neurodivergenz auf Euer Geschlecht(-sempfinden) auswirkt.

Hier sind einige Beiträge:

Lian schreibt:

Ich habe aufgrund meiner Neurodivergenz große Schwierigkeiten, mein Geschlecht zu benennen.

Ich wusste zwar schon als Kind, dass ich weder Mädchen noch Junge bin, aber nachdem mir Cisnormativität eingeimpft wurde, akzeptierte ich für lange Zeit mein Schicksal, als „Mädchen“ leben zu müssen, was zu unzähligen Meltdowns und jahrelangem Selbsthass führte.

Die Erkenntnis, dass Geschlecht eben nicht zwischen den Beinen, sondern im Kopf sitzt, war für mich ein Befreiungsschlag, machte mir aber auch bewusst, dass ich keine Ahnung habe, wie mein Geschlecht heißt.

Meine Versuche, mich als „Mann“ zu sehen, haben mir nur deshalb weniger geschadet, weil ich es weniger lang versuchte.

Ich begreife nicht, was „Frau“ oder „Mann“ unabhängig von Körperlichkeiten und Geschlechterrollen bedeuten. Für andere Geschlechter ist es genauso schwierig: Ich kann mir Definitionen durchlesen, aber nicht verstehen.

Also bin ich dazu übergegangen, nachzuforschen, wie ich mich fühle in Bezug auf Körperteile, Kleidung, Namen, Pronomen und Anrede.

Mein Verhältnis zu meinem Körper ist durchwachsen: Modifikationen an Hormonsystem und Reproduktionssystem wünsche ich mir hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen und weil ich meinen Uterus abgrundtief hasse. Ist das Dysphorie? Woher soll ich das wissen? Ich weiß nicht, ob ich meinen Uterus hasse, weil er nicht zu meinem „Geschlecht“ passt oder weil er mir Schmerzen bereitet. Woher wissen Leute so was?

Brüste stören mich meistens nicht, weil mein äußeres Erscheinungsbild mir gleichgültig ist.

„Herren“-Kleidung bevorzuge ich hauptsächlich deshalb, weil die Schnitte erträglicher sind und „Damen“-Kleidung für mich unaushaltbar unbequem ist.
Als Name kam immer nur etwas Geschlechtsneutrales in Frage. Außerdem hat mein selbstgewählter Name eine schöne Farbe. Mein Geburtsname hingegen ist hässlich und falsch.

Pronomen stören mich. Am liebsten sind mir neutrale Pronomen, aber im Alltag benutze ich im Moment „er“.

Als Anrede stört mich „Frau“ mehr als „Herr“, aber vermutlich nur, weil ich mir das „Herr“ wenigstens selbst raussuchen durfte.

Insgesamt habe ich beschlossen, dass eine Transition sinnvoll wäre und Anfang 2015 mit der Zwangs-Begleittherapie begonnen.

Das ist natürlich der absolute Horror. Nicht nur, dass mein Therapeut keine Ahnung von nicht-binären Geschlechtern oder meinen Neurodivergenzen hat; er versteht auch nicht, dass ich nicht im Gesamtbild „Geschlecht“ arbeite, sondern mit einzelnen Aspekten.

Wenn ich also sage, dass Geschlecht für mich nichts Körperliches ist, versteht er nicht, warum ich trotzdem körperliche Veränderungen will. Natürlich darf ich ihm nicht nochmal erklären, dass ich meinen Uterus hasse, denn er sagte mir schon ganz am Anfang, dass das kein Grund für eine Transition wäre. Dass ich mir mehr Körper- und Gesichtsbehaarung wünsche, wäre „so was wie eine Schönheits-OP“ und dass ich es hasse, als „Frau“ bezeichnet zu werden, findet er, wäre alleine kein Grund.
Er ist auch der Meinung, Leute mit „zu vielen psychischen Störungen“ sollten keine Transition machen. (Das sagte er mir ganz am Anfang, als er dachte, ich wäre total neurotypisch.) Er unterstützt mich zwar widerwillig, aber das alles schadet mir sehr und ich wünsche mir nur, einfach akzeptiert zu werden und gesundheitlich notwendige Behandlungen machen und aussuchen zu dürfen, ohne irgendwem beweisen zu müssen, irgendein Geschlecht zu haben, das ich nicht verstehe.

Anonym schreibt:

Geschlecht ist für mich weniger spielerischer Selbstausdruck und mehr eine Quelle für Anxiety in alle Richtungen. Ich versuche, das anders zu handhaben, so, wie ich mir die coolen lockeren Leute von Tumblr vorstelle, aber entspannt sein ist so anstrengend!

Nachdem ich von nichtbinären Geschlechtern erfahren habe, hab ich mir lange vorgeworfen, dass ich mir das einrede, um etwas Besonderes zu sein. Deswegen spürte ich dauernd nach, was mein eigentliches, wahres Geschlecht sein könnte. Ich befürchtete, das Geschlechterthema wäre nur eine Masche meines Kopfes, um mich fertig zu machen, und irgendwann würde er sich ein neues Thema schnappen und damit das selbe machen, und die Trans*-Sache wäre damit vergessen. Auf diese Masche reinzufallen, wäre mir peinlich gewesen. Mein Geschlecht kam mir genauso verschwommen und launisch vor wie alles andere an mir auch. Erst, als ich ein paar Monate lang mitnotierte, begann ich, mich als genderfluid zu sehen, statt bei jedem Wechsel zu denken, ich hätte mich geirrt und gelogen und das hätte alles keinen Zusammenhang.

Anders als viele (?) genderfluide Menschen drücke ich diese Veränderungen kaum durch Kleidung aus. Ich trage meist über längere Zeit nur verschiedene Varianten des selben, in erster Linie bequem. Zwar würde ich oft gerne maskuliner aussehen (eeeeinmal in schlechten Lichtverhältnissen für einen Typen gehalten werden, bitte!), aber selbst meinen Kleidungsstil oder meine Frisur dafür zu ändern sieht einfach nach zu viel Aufwand aus und ich lasse es. Und Phasen, in denen ich mit meinem Körper weniger klarkomme und mir verzweifelt Veränderungen wünsche, fallen oft mit allgemeiner Endzeitstimmung und Aussichtslosigkeit zusammen, und ich weiß nicht, in welche Richtung das zusammenhängt.

Egal, ob das eine realistische Befürchtung ist, oder ob ich mich falsch einschätze: Leute wissen zu lassen, dass ich genderqueer bin, traue ich mir und meinen Gesprächsskills oft nicht zu. Auch den richtigen Moment zu finden fällt mir schwer, und ohnehin befürchte ich, anmaßend zu sein. Deswegen bin ich sehr froh über Namens- & Pronomensschilder, Vorstellungsrunden, in denen zumindest die Pronomen vorkommen, und alle anderen Versuche, über solche Sachen selbstverständlich und an einer fixen Stelle zu reden. Dass ich obskure Pronomen verwende und einen Namen, der cisnormativ gesehen nicht zu meinem Aussehen passt, macht es für mich da allerdings auch einfach. Für andere Leute bringen diese Formate nicht so viel, solange die Verbindung von Namen und Pronomen mit Geschlecht aufrecht bleibt.

Mira schreibt:

Subjektive Geschlechtswahrnehmung zwischen ND-Kompensation und gesellschaftlichem Konstrukt.

Dieser Text wurde geschrieben aus der Sichtweise einer weißen, als weiblich gelesenen, nicht ganz cis-Frau, die einen Universitätsabschluss in einer Naturwissenschaft hat und mit AD(H)S und Depressionen diagnostiziert wurde.

Ich habe erst vor kurzem mein Geschlecht zu meiner Twitter-Bio hinzugefügt. “mostly cis” steht da. Das ‚mostly‘ hat dabei wirklich eine Bedeutung. In meinem Erwachsenenleben werde ich, soweit ich weiß, weiblich gelesen. Es ist nicht unpassend, aber nicht alles. Müsste ich es in Zahlen fassen, macht dieses “weiblich” so ca. 75% aus.

Wie ich mein Geschlecht wahrgenommen habe, unterlag in meinem Leben Schwankunkungen. Von einem wagen Abweichungsempfinden, über Spass mit ‚als männlich gelesen werden‘, keine Frau sein wollen, glücklich mit dem Frausein ist alles dabei. Aus heutiger Sicht spielt meine Neurodiversität dabei eine Rolle, ist aber vermutlich nicht die ganze Erklärung.

Während ich meinen Frauenkörper, als er sich in der Pupertät bildete, erstmal hasste, habe ich mich mit seiner Anatomie arrangiert. Das Bodyshaming, was mit so einem Frauenkörper kommt, ist bis heute der deutlich größere Teil meiner Akzeptanzprobleme meinem Körper gegenüber. Dies ist ein besonders schwieriges Thema, da ich erst mit über 30 diagnostiziert wurde und bis dahin, sämtliche Gefühle mit Nahrungsaufnahme kompensiert habe.

Bei Störungen der Exekutivfunktionen ist Körperpflege und Aussehen ein Projekt, wenn es nicht gerade ein Hyperfokus ist. In der Pupertät wurde ungekämmt und verratzt aussehen zum Style, denn sonst wäre ich einfach nur ungepflegt gewesen. Haarewaschen und Haarefärben machten subjektiv gleich viel Aufwand, also färbte ich mir die Haare regelmäßig. Die Identifikation mit meinem von der Gesellschaft zugewiesenen Geschlecht war nachrangig gegenüber der Identifikation mit gewissen Subkulturen.

In meinen Gedanken gab es immer einen Bruch zwischen meinem Gender und dem normgesellschaftlichen Konstrukt vom Weiblichen. Ich passte nicht so ganz in dieses Schema. Ich hätte es nicht geschafft mich z. B. jeden morgen zu schminken. Also wollte ich nicht ’so ein Mädchen‘ sein. Phasenweise wollte ich wegen Privilegien, die dem männlichen Geschlecht zuteil sind, selber männlich sein.

Wärend des Studiums an einer Technischen Universität war mein Freundeskreis überwiegend männlich*. Relativ dazu empfand ich mich in dieser Zeit als unglaublich weiblich, was sich auch in meiner Kleidung wiederspiegelte. Seit ich mich durch meinen Beruf wieder in einem sehr normierten Teil der Gesellschaft befinde, empfinde ich meine Abweichung vom Weiblichen wieder sehr deutlich.

Dieses Gefühl wird durch Kompensationsverhalten meiner Neurodiversität noch verstärkt: Meine Kleidung muss so viele Ansprüche erfüllen, dass typisch weibliche* Mode oft nicht in Frage kommt.

Mein Geschlecht weicht vom gesellschaftlich konstruierten ab, was teilweise mit meiner Neurodiversität erklärbar ist. Männliches Aussehen ist aus meiner Sicht einfacher zu handhaben. Allerdings reicht das nicht als Erklärung für meine Selbstwahrnehmung. Was diese 25% sind, bleibt zu entdecken.

Robin schreibt:

Trigger-Content: Vergewaltigung, SVV, Depressionen

Ich habe eine diagonistizierte PTBS (post-traumatische Belastungsstörung) sowie chronische Depressionen und definiere mein Geschlecht als nicht-binär, trans und weitestgehend neutrois. Außerdem habe ich viele Schutzmechanismen und „Ticks“ entwickelt, die ich selbst noch nicht so gut einordnen kann.
Bevor ich von „Neurogender“ gehört habe, konnte ich für mich selbst nicht in Worte fassen, warum ich sagen kann das ich mich doch manchmal weiblich fühle und warum. Mit meiner Neurodiversität habe ich es schon gar nicht in Verbindung gebracht.

Mein erstes Mal Sex war nicht freiwillig. Fast alle ersten sexuellen Erfahrungen musste ich mit meinem Vergewaltiger erleben. Mein ganzes darauffolgendes „Liebesleben“ wurde durch dieses Erlebnis geprägt. Immer wieder habe ich mir Partner gesucht, die mich erniedrigen und ausnutzen, bin aber so gut wie nie Beziehungen eingegangen. Dabei habe ich mich immer wieder in Situationen gebracht, die mir extrem unangenehm waren und für die ich mich im nachhinein schäme. In diesen Momenten fühle ich mich immer viel mehr als Frau und kann dieses Erleben eines Geschlechts einfacher in Worten und Gefühlen erfassen. Eine abgeschwächte Form dieses Empfindens kenne ich auch, wenn es um die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung von Frauen* in unserer Gesellschaft geht und ich mich in Schilderungen wiederfinde.
Lange Zeit habe ich mir wegen meines Sexualverhaltens selbst Schmerzen zugefügt. Mein Verhalten wideret mich manchmal so sehr an, dass ich mich vor mir und meinem Körper extrem ekle.

Zusätzlich dazu habe ich eine schwierige Familiengeschichte und darauf aufbauend chronische Depressionen. Mit dem Großteil davon habe ich unfreiwillig keinen Kontakt mehr was mich in der Annahme das ich und besonders auch mein Körper abstoßend und wertlos bin nur bestärkt. Nachdem meine Familie von der Vergewaltigung erfahren hat, wurde mir unterstellt, das ich Lügen erzähle oder mir das nur eingebildet habe. Ich weiß deswegen oft nicht wie ich dazu stehen soll, dass ich ein Problem mit meinem Körper und besonders meiner großen Brust habe. Hat es auch mit meiner Geschlechtsidentität zu tun oder eher damit das ich von Männern sexuell ausgenutzt wurde und nicht nur als Lustobjekt gesehen werden will?

Ich frage mich, ob ich mich überhaupt nicht mehr als Frau empfinden werde wenn ich meine Depressionen überwunden habe oder ob es noch in geschwächter Form erhalten bleibt und wie sich mein Körpergefühl verändern könnte. Ich würde gerne von anderen Menschen lesen denen es ähnlich geht, gerade auch weil mir vieles noch unklar ist und ich nicht weiß wie ich mich ausdrücken kann. Nachdem ich über verschiedene Neurogender gelesen habe würde ich mich am ehesten als Curogender und Traumatagender verstehen, auch wenn mein Empfinden da eher schwammig ist, da ich in jüngster Zeit kaum noch Flashbacks habe.

Falls ich noch einen Beitrag vergessen habe, oder falls jemand noch einen Beitrag hierzu einreichen möchte, bitten wir um Kontakt.

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Texte gesucht: Neurodivergenz und Geschlecht

Wir suchen Texte, wie bei Euch Eure Neurodivergenz (alle Arten, auch mehrfach) und Euer Geschlecht (sei es cis Mann, cis Frau, trans, nichtbinär, agender, fluid, etc.) „zusammenspielen“. Im ersten Teil suche ich vor allem, inwieweit sich Eure Neurodivergenz auswirkt darauf, welches Geschlecht (falls überhaupt eines) Ihr seid, wie Ihr Euer Geschlecht denkt und fühlt und erlebt (falls überhaupt), und wie Ihr es ausdrücken oder nicht ausdrücken könnt (Äußerlichkeiten, evtl. auch medizinische Transition) und wie dieser Ausdruck sich auf Euer Leben (ggf. sozial, auch Gefühle, Denken etc.) wieder auswirkt.

Im zweiten Teil würde ich gerne den Fokus darauf richten, wie Euer (Nicht-)Geschlecht sich auf Eure Neurodivergenzen auswirkt. Wie Ihr im Zusammenhang mit Eurem Geschlecht die Neurodivergenzen erlebt. Wie dadurch (und evtl. auch durch andere Identitäten!) Diagnose(n) und Unterstützung zugänglich war oder nicht, usw.

Hier ist der Aufruf für Texte zum ersten Teil: Wir bitten um Texte, bis zu ca. 500 Wörter lang. (Nicht-)Geschlecht als Neurodivergente.

Einsendungen von Menschen mit anderweitig marginalisierten Identitäten (rassifiziert, nicht Mittelklasse, zusätzlichen körperlichen Behinderungen, Intersex, etc.) sind besonders willkommen. Genauso auch Einsendungen von Leuten mit mehrfachen Neurodivergenzen und/oder solchen, die besonders marginalisiert sind (z.B. Schizospektrum, Persönlichkeitsstörungen).

Für Rückfragen, und um Beiträge einzusenden, nutzt unseren Kontakt. Ihr könnt auch mich selbst kontaktieren.

Bitte sendet Beiträge bis Ende Januar ein. Wenn Euch das zu bald sein sollte oder alleine zu schreiben nicht gut geht, könnt Ihr aber gerne Euch melden. Wir finden bestimmt eine Lösung.

EDIT: Aus Gründen™ können Beiträge mindestens noch bis Ende der ersten Februar-Woche, also 7. Februar, eingereicht werden. Wenn Ihr also etwas schreiben wollt und es zum Ende Januar nicht schafft, aber bis 7. Februar, braucht Ihr nicht gesondert Kontakt aufnehmen.

Kompensation und Überkompensation

[Vielen Dank an @modern_dragon für diesen Gastbeitrag! – pe]

Kompensation und Überkompensation

Viele Menschen sind überrascht, wenn ich mich als AD(H)S-Betroffene zu erkennen gebe. Denn das Bild, das sie von AD(H)S haben, ist nur ein winziger Ausschnitt und nur eine der vielen Arten, wie sich diese spezielle Neurodivergenz manifestieren kann. Wenn in den Medien von AD(H)S die Rede ist, dann wird meistens das Stereotyp vom unkonzentrierten, hyperaktiven Grundschulkind, das mit seiner Unruhe seine Umwelt in den Wahnsinn treibt, zitiert; meistens wird nur an Jungen gedacht. Dass Konzentrationsschwierigkeiten und Hyperaktivität nur zwei von sehr vielen möglichen Symptomen sind und AD(H)S auch im Erwachsenenalter fortbesteht, wird ignoriert.

Ein zweiter Grund, warum ich üblicherweise nicht auffalle, ist meine Fähigkeit zur Kompensation. Um dieses Phänomen soll es in diesem Text hier gehen.

Was ich im folgenden schreibe, gilt wahrscheinlich auch für andere Neurodivergenzen, die mit emotionaler Dysregulation, Reizsensitivität und/oder exekutiver Dysfunktion einhergehen.

Was ist Kompensation eigentlich?

Die Wörterbuchdefinition (Der Kleine Wahrig. Wörterbuch der deutschen Sprache, München : dtv 1978) lautet: „kompensieren (med.): anatomische oder funktionelle Störungen eines Organes oder Organteiles durch gesteigerte Tätigkeit eines anderen Organs oder Organteiles ausgleichen.“

Kompensieren heißt also: Die Nachteile und Schwierigkeiten, die meine Neurodivergenz mit sich bringt, durch bestimmte Verhaltensweisen oder durch den Einsatz von mehr Energie und/oder Willenskraft ausgleichen.

Warum Kompensation nicht (immer nur) toll ist

Eins könnte ja jetzt denken: „Du kannst Deine Störung kompensieren (resp. dich manchmal, zeitweise oder fast immer so verhalten wie eine neurotypische Person)? Ist doch prima! Problem gelöst!“ Nicht ganz.

Kompensation kostet nämlich Kraft. Eins verbiegt sich, tut sich Gewalt an, treibt sich unglaublich hart an, um den Ansprüchen der Gesellschaft zu entsprechen. Kompensation heißt zumindest, dass mich Dinge (z.B. geistiges Arbeiten in unruhiger Umgebung) mehr Kraft kosten als neurotypische Menschen. Kompensation heißt, dass ich deswegen deutlich weniger Energiereserven habe und wesentlich schneller an die „ich kann nicht mehr”-Schwelle komme bzw. im Notfallmodus funktioniere. Kompensation heißt, dass mich dasselbe Arbeitspensum mehr erschöpfen kann als eine neurotypische Person (wenn Inhalt und Umstände der Arbeit mir nicht sehr entgegenkommen) und dass ich in der Folge auf die Dauer nicht so viel arbeiten kann.

Kompensationsstrategien können destruktiv sein. Dass ich in Bürojobs bis zu fünf Tassen starken Kaffee pro Tag trank, hatte nicht nur mit sozialem Jetlag zu tun, sondern war auch eine Art dysfunktionaler Selbstmedikation. Übermäßige Härte gegen sich selbst, Selbstabwertung und ständiges Sich-Antreiben führt zu Ruhelosigkeit, chronischer innerer Anspannung, kaputtem Selbstwertgefühl, dazu, sich nie eine Pause zu erlauben und in der Konsequenz Erschöpfung. Wenn mein Selbstwertgefühl daran hängt, wie viele unlustbesetzte Dinge ich bewältigen kann (weil das Beweisen, dass ich nicht faul, d*mm, undiszipliniert oder total verpeilt bin, ein wichtiger Teil meines Selbstbildes wurde), dann stelle ich Dinge, die mir Spaß machen und zur Regeneration beitragen, so oft hintenan, dass ich am Ende nie dazu komme.

Ein weiteres Beispiel ist das, was ich Notfallmodus nenne: Unter großem Druck kann ich nämlich kurzfristig (!) viel Energie mobilisieren und dadurch fokussiert und geistesgegenwärtig handeln. Im Grunde treibt mich die Notfallsituation in einen hyperfokussierten Zustand. Nur bleibt ein Notfall ein Notfall, und der damit verbundene Streß ist nichts, was ich immer haben muss. Bevor ich meine Diagnose bekam, wünschte ich mir oft, ich könnte diesen glasklaren Fokus und diese Effektivität, mit der ich unter großem Druck oft handeln kann, auch ohne den Druck haben. Mich einfach immer unter Stress zu setzen, wäre ein weiteres Beispiel einer destruktiven Kompensationsstrategie.

Ich weiß nicht, ob ich Hyperfokus als Kompensationsmechanismus zählen soll, da er sich meistens nicht absichtlich auslösen läßt. Hyperfokus hat seine Nebenwirkungen: Ich bin dann extrem auf Details fokussiert und vergesse das Große Ganze; Ich habe noch weniger Zeitwahrnehmung als normal; es fällt mir extrem schwer, auf eine andere Aufgabe umzustellen; ich merke oft körperliche Bedürfnisse nicht oder schiebe sie auf. Wenn ich aus dem Hyperfokus herauskomme, bin ich oft erschöpft und muß mich erstmal um meine körperlichen Bedürfnisse kümmern. In tiefem Hyperfokus arbeite ich sehr intensiv und habe danach oft keine große Konzentrationsfähigkeit oder exekutive Funktion mehr übrig.

Kompensationsstrategien funktionieren nicht immer. Manchmal versagt meine Kompensationsfähigkeit – unter Umständen unvorhergesehen. Dann hilft zum Beispiel kein gestellter Alarm, um mich pünktlich zu machen, ich vergesse meine Checklist, ich überhöre den Reminder, ich verliere mich in meinem Produktivitätssystem, oder ich kann mich partout nicht aufraffen, jetzt mit etwas anzufangen, das erledigt werden muß (auf das ich aber keine Lust habe).

Kompensationsstrategien kosten Zeit und Energie. Manche Dinge, die mir helfen, zu kompensieren, brauchen Zeit. Gerade die unschädlichen Strategien (etwa: Sport, Meditieren, gesundes Essen, … ) kosten auch etwas Energie, und wenn meine Energiereserven schon völlig aufgebraucht sind, ist das ein Problem.

Wenn das Fass voll ist

Wenn meine Kapazität, zu kompensieren, ihre Grenze überschritten hat, können unangenehme Dinge passieren:

  • Erschöpfung und depressive Zustände
  • Wutanfälle oder andere Gefühlsausbrüche
  • Panikanfälle
  • Blackouts, d.h. ich kann auf Erlerntes, sonst vorhandene Fähigkeiten, rationales Denken, Erinnerungen nicht zugreifen
  • ich mache Fehler (u.U. bei Dingen, die ich sonst problemlos hinbekomme); Dinge gehen dann erst recht schief, unter Umständen spektakulär.

Überkompensation

Manchmal sind oder erscheinen kompensierende AD(H)Sler_innen organisierter, leistungsfähiger und disziplinierter als durchschnittliche neurotypische Menschen. Wenn wir hyperfokussieren, kann es heißen: „Aber du kannst dich doch konzentrieren, wenn dich was interessiert!“ (was gern unzutreffenderweise gleichgesetzt wird mit „… wenn du nur willst!“). Dass Hyperfokus nur begrenzt oder gar nicht willentlich steuerbar ist und viele von uns kaum oder gar keine Zwischenstufen zwischen „vollkommen offen für alles, was gerade unsere Aufmerksamkeit erregt“ und Hyperfokus haben, wird dann übersehen. Das bedeutet nicht, dass wir weniger aufmerksamkeitsgestört sind. Es kann heißen, dass wir gerade gut funktionieren, weil die Umstände günstig sind, weil uns etwas interessiert oder weil uns eine bestimmte intellektuelle Anforderung leicht fällt. Und es kann sein, dass wir mit der Anpassung über das Ziel herausschießen und ohnehin alles hundertzehnprozentig machen wollen, oder dass wir so sehr fürchten, die Kontrolle zu verlieren, dass wir ins andere Extrem fallen.

Überkompensation kann sich dann zum Beispiel manifestieren als

  • Perfektionismus
  • zwanghaftes Verhalten
  • sich ständig antreiben und unter Druck setzen
  • nicht zur Ruhe kommen

Kompensationsfaktoren und -strategien

Die folgenden Dinge sorgen dafür, dass mich mein Alltag weniger Kraft kostet und erleichtern mir, wenn nötig, das Kompensieren:

  • neurodivergenz-kompatible Umwelt (für mich heißt das: Ruhe, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeiten, wenig Anforderungen auf einmal, Gefühl von Überblick, Ordnung und Kontrolle) nimmt mir die Anforderung ab, überhaupt zu kompensieren.
  • Wenn etwas neu und spannend ist, kann ich mich gut darauf konzentrieren
  • (genuines, nicht verordnetes) Interesse an einer Sache
  • Selbstorganisationstechniken und bewußtes (aber mir gemäßes) Zeitmanagement
  • Struktur schaffen – Struktur und Überblick helfen mir, sortiert und fokussiert zu bleiben; „mich sortieren“ (z.B. durch das Schreiben von Listen oder Plänen) ist ein konstruktiver Umgang mit mentalem Overload (der allerdings Zeit kostet).
  • Bewußt eingesetzte Zeitstruktur, Zeitkontingentierung
  • Meditation und Entspannungsübungen können mich in einem gewissen Umfang fokussierter und organisierter machen. Sie können allerdings auch meine Reizempfindlichkeit erhöhen.
  • Sport und Musizieren sind Aktivitäten, die mir helfen, mich zu regenerieren bzw. die meine Konzentrationsfähigkeit verbessern. Ausdauersport ist eine gute Gelegenheit, psychische Anspannung abzubauen.
  • In gutem Kontakt mit meinem Körper zu sein und auf körperliche Bedürfnisse (Essen, Trinken, Ruhe, Schlaf, Bewegung) zu achten, ist ein Resilienzfaktor; das hilft mir, fokussierter und „sortierter“ zu sein und mich weniger zu erschöpfen.

Schlusswort

Menschen, die sich ihrer neuro-atypischen Veranlagung nicht bewußt sind, (über)kompensieren oft automatisch und schieben den Verdacht, ihre Schwierigkeiten mit bestimmten Dingen könnten am Nervensystem liegen, weit von sich. Ich habe von wenigen Menschen so abwehrende Reaktionen auf meine Auseinandersetzung mit (meinem) AD(H)S bekommen wie von denen, bei denen ich vermute, sie könnten ebenfalls betroffen sein.

Ich halte Kompensation bis zu einem gewissen Grade für unvermeidlich, wenn eins in einer Welt zurechtkommen will, in der die Norm immer noch „neurotypisch“ heisst. Wenn ich allerdings bewusst mit dem Umfang und der Art meiner Kompensation umgehe, kann ich sie auch konstruktiver gestalten, destruktive Strategien abbauen, an ihrer Stelle weniger schädliche wählen und verinnerlichte Abwertung Schritt für Schritt durch einen freundlicheren Umgang mit mir selbst ersetzen.