Vornamensänderung in geschlechtsneutrale Vornamen

Ich habe meinen Vornamen geändert. Eine Zusammenfassung dieses Artikels in Stichpunkte findet ihr weiter unten.

Nachdem ich den Gang über das Transsexuellengesetz (TSG) wegen des furchtbaren Therapeuten, an den ich geraten war, abgebrochen hatte, brauchte ich dringend einen alternativen Weg, um eine für mich aushaltbare Lösung zu finden.

Das Wichtigste war für mich, meinen richtigen Vornamen endlich überall benutzen zu können und den Deadname endgültig loszuwerden. Also entschied ich mich für den Weg über das Gesetz zur Änderung der Vornamen.

Das ist deutlich einfacher als der Gang übers TSG: Es ist nur ein Kurzgutachten von einer*m Psychotherapeut*in (oder Psychiater*in) nötig, ein Text über die Gründe für die Vornamensänderung, ein Führungszeugnis und natürlich die Aufklärung der zuständigen Beamten über nichtbinäre Geschlechter und die Rechtsprechung zu geschlechtsneutralen Vornamen.

Nach dem Abbruch der schädlichen „Therapie” wollte ich keine weitere Therapie mehr beginnen. Ich fragte mich herum und nahm schließlich Kontakt zu einer Psychotherapeutin auf, die sich bereit erklärte, mit mir nur so viele Sitzungen zu machen, wie zur Erstellung des Gutachtens notwendig wären. Sie rechnete mit 2-3 Sitzungen, wir brauchten 2.

Da sie keine Kassenzulassung hat, musste ich die Sitzungen und das Kurzgutachten privat bezahlen, das blieb insgesamt aber noch unter 200 €. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Preis für das Kurzgutachten, aber es war wirklich wenig, ich glaube 20 € oder so.

Mit der Psychotherapeutin hatte ich wirklich Glück. Sie war sehr respektvoll und verständnisvoll. Wir redeten über mein Geschlecht, meine Neurodivergenzen und meine Trauma-Erfahrungen.

Die Trauma-Erfahrungen waren deshalb ein Thema, weil ich die Begründung für die Vornamensänderung zweigleisig aufgebaut habe: Grund 1 war mein nichtbinäres Geschlecht, Grund 2 war die Verbindung meines Vornamens mit meinem Trauma.

ProjectEnigma erstellte ein Dokument mit einer Zusammenfassung von Gesetzen und Urteilen zur Zulässigkeit geschlechtsneutraler Vornamen (Unisex-Namen). Einen Link hierzu findet ihr am Ende dieses Textes.

Ich ging bei meiner zuständigen Behörde vorbei und nahm zunächst nur dieses Dokument mit. Die Beamte zeigte sich verständnisvoll, aber unsicher zum Thema geschlechtsneutrale Vornamen, das Dokument war hier sehr hilfreich.

Die Beamte war nicht zufrieden damit, dass ich nur für das Kurzgutachten bei der Therapeutin war. Sie sagte, ich müsste eine Therapie machen. Dafür gibt es keine Rechtsgrundlage. Das Kurzgutachten muss ausreichend sein.

Ich hatte keine Energie, um auf meinem Recht zu beharren. Wir einigten uns darauf, dass es reichen würde, einen Bericht von meinem vorherigen Therapeuten vorzulegen, aus dem hervorging, dass ich trans bin. Dafür nahm ich den nächstbesten Bericht von meinem vorherigen Therapeuten her, der das Wort „Transsexualität” enthielt und zu 95% überhaupt nichts mit dem Thema zu tun hatte.

Danach brauchte ich eine Weile, bis ich alle nötigen Dokumente zusammen hatte, eine frisch erstellte Geburtsurkunde aus meinem Geburtsort, ein erweitertes Führungszeugnis und so weiter.

Wie schon erwähnt, baute ich meine Begründung für den Antrag zweiteilig auf. Ich beschrieb einerseits, dass ich meinen Vornamen mit Gewalterfahrungen verbinde und davon Abstand bekommen möchte. Andererseits erklärte ich, was ein nichtbinäres Geschlecht ist und warum der Weg über das TSG für mich nicht in Frage kommt.

Ich achtete darauf, die Probleme, die mir mein Ausweis-Vorname im Alltag bereitet, möglichst genau zu beschreiben. Ich verzichtete auf Beschönigungen.

Nach langem Überlegen habe ich mich entschieden, meine Begründung öffentlich zu machen. Bitte beachtet, dass dieser Text sehr persönlich ist. Er beinhaltet auch Beschreibung von Gewalterfahrungen. Ich zeige ihn hier nur, damit ihr eine Idee habt, wie so eine Begründung aussehen kann. Einen Link findet ihr am Ende dieses Posts.

Ein paar Wochen später packte ich alles zusammen und ging damit wieder bei der Behörde vorbei.

Danach dauerte es zwei Monate, in denen ich gar nichts hörte, dann kam die Bestätigung. Jetzt muss ich nur noch die Urkunde abholen und 125 € bezahlen.


Zusammenfassung

  • Für den Antrag ist ein Kurzgutachten nötig, das belegt, dass mir durch den Ausweis-Vornamen erhebliches psychisches Leid entsteht
  • Ich war zum Zeitpunkt der Antragstellung nicht in Therapie
  • Ich fand eine Privat-Therapeutin, die mit mir 2 Sitzungen machte, um das Kurzgutachten zu erstellen
  • Die Sitzungen und das Gutachten kosteten mich zusammen ca. 200 €
  • ProjectEnigma erstellte eine rein informative Übersicht über die Gesetze und Rechtsprechung zu geschlechtsneutralen Vornamen
  • Dieses Übersichts-Dokument gab ich bei der Behörde ab, nicht als Teil des Antrages, sondern zur Erleichterung des Prozesses
  • Die Behörde verlangte noch einen Bericht von meinem vorherigen Therapeuten, aus dem hervorging, dass ich trans bin
  • Das ist nicht rechtmäßig, da das Kurzgutachten der Privat-Therapeutin ausreichend ist, aber ich hatte nicht die Energie, mich zu widersetzen
  • Meinen Antrag begründete ich folgendermaßen:
    • Mein alter Vorname ist für mich untrennbar mit Trauma verbunden
    • Ich bin nichtbinär, daher ist das Transsexuellengesetz für mich ungeeignet
    • Mein Ausweis-Vorname bereitet mir im Alltag erhebliche Schwierigkeiten
  • Der Antrag war erfolgreich, es gab keine weiteren Probleme, es kostete mich 125 €
  • Gesamt-Kosten für den Vorgang unter 400 € (Kosten für neue Ausweise, Karten etc. nicht enthalten)

Downloads

Neurodivergenz, Romantik & Beziehungen

das_sexy_alien:

Hinweis: In diesem Beitrag werden Sexarbeit und Gewalt in Beziehungen erwähnt.

Ich kann tatsächlich von mir behaupten, eine romantische Beziehung zu führen. Dass es soweit kam, ist etwas überraschend. Lange war so etwas wie „eine richtige Beziehung“ für mich etwas sehr abstraktes. Meiner Normschönheit zum Dank gab es zwar seit meiner Jugend immer wieder Menschen, die mir mehr oder weniger deutlich zu verstehen geben versuchten, an so etwas mit mir durchaus interessiert zu sein, doch es wurde mit mir einfach nie konkret. Entweder verstand ich Autist*in ihre Flirtversuche erst gar nicht als solche, oder ich war von ihrer Attraktivität dann doch nicht so beeindruckt, dass ich sie nah genug an mich und mein bereits in die Depression abgleitendes Gefühlsleben ran lassen wollte. Manche fand ich auch einfach sexuell schlicht nicht interessant.

Als mir mal jemand über einen längeren Zeitraum hinweg in sexueller Hinsicht zu gefallen vermochte, da entstand für mich zum ersten Mal tatsächlich eine Art Beziehung. Nur romantisch war diese nicht. Eine „richtige Beziehung“ wollte er auch nicht. In Konflikten und Gewalt endete unsere „Fick-Freundschaft“ trotzdem. Zum Glück ist das vorbei.

Die Beziehung, die ich jetzt habe ist dagegen sehr glücklich. Wie wir das hinkriegen? Nun, wir wohnen immer noch nicht zusammen. Obwohl wir schon mehrere Jahre zusammen sind. Wir haben auch nicht vor, es jemals zu tun. Zumindest nicht in näherer Zukunft. Wir brauchen beide viel Raum für uns selbst. Jede* von uns kriegt genug Platz für ihr* eigenes Chaos. Auch zeitlich lassen wir uns viel Raum. Ob für die Arbeit, die Self-Care oder andere Beziehungen. Sehen wir uns öfter als alle zwei Wochen, dann sehen wir uns für unsere Verhältnisse oft. Das hat sich so eingependelt und funktioniert für uns beide gut.

Es gibt vielleicht Leute, die behaupten möchten, unsere Beziehung wäre keine „richtige Beziehung“, wenn wir nicht bald zusammen ziehen, schwanger werden, heiraten, ein Haus bauen und einen Baum pflanzen. Aber wir haben uns schon früh in unserer Beziehung dagegen entschieden, sie normgerecht zu führen. Wir sind schließlich auch keine der Norm entsprechenden Menschen.

Unser Kennenlernen über eine Website für Swinger war schon etwas unkonventionell. Für mich ist es aber sehr angenehm schon vor dem ersten Date ziemlich genau zu wissen, was auf mich im Bett zukommen könnte. Auch war durch die Art, wie wir uns gefunden hatten, zwischen uns ein Bewusstsein da, dass nichts muss, aber sehr viel kann.

Unkonventionell war auch der Zeitpunkt in unserer Beziehung, an dem ich feststellte, romantische Gefühle entwickelt zu haben. Wir waren schon wirklich lange zusammen. Es lief gut mit uns. Es gab nichts, was ich zwischen uns vermisste. Ich freute mich immer auf unsere Treffen. Doch plötzlich, ohne dass ich es kommen sah, war da eine größere, aufregendere, überwältigendere Form von Freude, wenn wir uns wiedersahen. „Schmetterlinge im Bauch“ beschreibt dieses für mich neue Gefühl wirklichlich sehr gut. So fühlt sich also Romantik an. Faszinierend.

Ich kann jedoch froh sein, nicht so schnell romantische Gefühle zu entwickeln. Bei meiner Arbeit muss ich mich nicht an die Regel aus dem Film „Pretty Woman“ halten, dass eine* Sexarbeiter*in ihre Kund*innen keines Falls küssen sollte, sonst kämen Gefühle ins Spie. An diese Regel halten sich einige Kolleg*innen tatsächlich. Nein, ich kann recht authentischen „Girlfriend-Sex“ anbieten. Manchmal bin ich sogar für romantische Klischees wie ein Abendessen bei Kerzenschein zu haben. Dass es okay sein kann, wenn ich mich da nicht ganz angemessen verhalte, weiß ich ja aus „Pretty Woman“.


Noam:

Hinweis: In diesem Beitrag werden Gewalt in Beziehungen und selbstdestruktives Verhalten erwähnt.

Ich bin genderqueer und bisexuell. Und bipolar. Oder zumindest liege ich auf dem bipolaren Spektrum, weiss aber noch nicht wo. Zwischenzeitlich wusste ich nicht ob meine Neurodivergenz sich auf mein Geschlecht oder meine Sexualität auswirkt.
Ersteres kann ich inzwischen mit Sicherheit sagen: nein. Zweiteres: schon irgendwie. In selbstzerstörerischen Zeiten scheine ich mehr auf Männer zu „stehen“. Ausserhalb dessen hatte ich Crushes auf alle Möglichen Menschen mit verschiedenen Geschlechtern. Das hat mich zwischenzeitlich sehr fertig gemacht, inzwischen kann ich besser damit umgehen.

Ich bin tendenziell in eher stark sexuellen Phasen in Beziehungen geschlittert. Im Laufe derer konnte das dann aber auch ins krasse Gegenteil umschwanken. Ich dachte dann etwas stimme mit der Beziehung nicht (Ursache-Wirkung Depressionen und so)
Manchmal war da was dran, manchmal auch weniger. In meiner ersten Beziehung erfuhr ich dafür Gewalt. In den darauffolgenden tat ich sie mir eher selbst an aus Angst vor dem was ich in der Ersten gelernt hatte.

Vor allem in der (hypo?)manie als auch in gemischten Episoden war destruktiver Sex Teil von meinem Leben.

In diesen Momenten war mir mein Gegenüber eigentlich egal (manche von ihnen mochte ich nicht mal. Auch den Sex mochte ich nicht), was mich zwischenzeitlich an meiner Bisexualität hat zweifeln lassen.

Hatte das tatsächlich noch mit Begehren zu tun oder war das einfach nur mein unkontrollierbares Ich?

Etwa 2010/11 hatte ich dann meinen bislang heftigsten Zusammenbruch. Nachdem ich danach einigermassen meine Wunden geleckt hatte konnte ich auch wieder zarteres Begehren empfinden und fand mich angenehm überrascht wie vielseitig dieses doch sein kann. Wie fein und unterschiedlich und wunderschön. Das war auch der Moment in dem ich Bi als Identität für mich zurückerobern konnte.

In der Scherbenreichen Zeit nach dem Zusammenbruch, nach der Depression und inmitten einer gemischten Episode durch die Medikamente, lernte ich dann meinen jetzigen Partner kennen.

Vor allem in gemischten Episoden empfinde ich sexuelles Begehren nicht immer als angenehm, als ein wenig überwältigend und hart. Diese Zwischenebe der Zärtlichkeit fehlt, die Ruhe fehlt. Es kann Spaß machen, es kann aber auch zerstören. Jemanden zu haben der immer wieder nachfragt „möchtest du das gerade?“ hilft mir mich nicht im Rausch zu verlieren. Auch wenn es erst seltsam war. Überhaupt war es seltsam gefragt zu werden.

Ich bin sicher nicht die einfachste Person um eine Beziehung zu führen, aber in dieser habe ich gelernt das es nicht unmöglich ist. Jede Episode ist auf ihre eigene Weise in Ordnung hier. Ich darf meinen Partner auch unabhängig von Sex lieben. Ich glaube das ist das Neuste für mich.

Es ist nicht immer leicht, Begehren immer wieder anderst (oder gar nicht) zu spüren. Zu akzeptieren dass auch meine Sexualität schwanken kann war schwer.

Also ja, ich glaube es wirkt sich sehr auf meine Beziehung aus, aber macht mich nicht unliebbar, auch wenn ich das zwischenzeitlich geglaubt habe.


Lian:

Hinweis: In diesem Beitrag wird Gewalt in Beziehungen erwähnt.

Beziehungen finde ich schwierig.

In dieser Hinsicht (und auch in anderen Bereichen) fühle ich meine Eigenschaften sehr treffend von der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung beschrieben: Ich habe große Probleme damit, emotionale Nähe aufzubauen und zuzulassen. Es fällt mir schwer, anderen Menschen zu vertrauen. Ich gehe Menschen meistens aus dem Weg, auch, wenn ich sie eigentlich mag. Es gibt immer nur sehr wenige Leute in meinem Leben, die ich nicht aktiv vermeide, und das hat noch mit keinem Menschen länger als ein paar Jahre angehalten.

Ich kann mich bei weitem nicht genug auf andere Leute einlassen, um an Beziehungen auch nur zu denken. Schon die Vorstellung, jemanden emotional so nah an mich heranzulassen, macht mir Angst. Es ist mir unheimlich, einer anderen Person so viele Möglichkeiten zu bieten, mich zu verletzen. Es ist mir unangenehm, mich so angreifbar zu machen.

Dazu kommt, dass das Einleiten und Aufrechterhalten von Beziehungen viel Mut und Energie braucht, die ich nicht habe.

Daher bezeichne ich mich als aromantisch. Ich weiß nicht, was meine romantische Orientierung wäre, wenn ich diese Schwierigkeiten mit Nähe und Vertrauen nicht hätte.

Ich bin also wegen meiner Neurodivergenzen aromantisch.

In der Vergangenheit hatte ich zwei längere Beziehungen. In einer davon war mein Partner gewalttätig. Ich blieb in der Beziehung, weil ich dachte, es wäre normal, und weil ich die finanzielle und materielle Sicherheit brauchte, die ich durch die Beziehung erlangte. Es war mir nicht möglich, Manipulation als solche zu erkennen.

Nach dem Ende dieser Beziehung fing ich bald eine neue Beziehung mit einem sehr liebevollen Partner an. Für mich war die Beziehung trotzdem nur der Versuch, existenzielle Sicherheit zu erlangen, mich „normal“ zu fühlen und den gesellschaftlichen Erwartungen an meine Sexualität und Romantik gerecht zu werden. Als mir das bewusst wurde, beendete ich die Beziehung.

Seitdem hatte ich nie das Bedürfnis, eine neue Beziehung anzufangen. Das ist okay.

Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

Hinweis: Dieser Text thematisiert Ableismus, Suizidgedanken und Selbstverletzung. Er enthält ableistische Begriffe, erwähnt Schwierigkeiten mit Essen und erwähnt Gewalt und Mobbing.

Es kostet einen hohen Preis, sich zu verstellen

Ich habe fast mein ganzes Leben lang versucht, möglichst „normal“ zu wirken. Das fing an, als ich als Kind emotionale Gewalt, Ausgrenzung, Drohungen und Beschimpfungen erlebte, weil ich mich zu „behindert“, zu „komisch“ und „unheimlich“ verhielt. Mir wurde regelmäßig erklärt, ich sei „verrückt“, „psycho“, ich würde „ins Irrenhaus“ gehören, ich würde mich „wie so ein Autist“ verhalten und vieles weitere.

So lernte ich schon früh, dass ich meine „ungewöhnlichen“ Verhaltensweisen um jeden Preis verstecken musste. Das gelang natürlich nicht immer. Meine Körpersprache, das ewige Zappeln und mein ständiges Stimming, meine ungewöhnliche Körperhaltung, meine weinerlichen Reaktionen auf Toilettenspülungen, volle Busse, helles Licht, mein unbeholfenes Sozialverhalten und Reaktionen auf emotionale Überlastung ließen mich immer irgendwie „anders“ erscheinen. Ich hatte Hobbies, für die ich ausgelacht wurde, weil sie „ungewöhnlich“ waren.

Meine Entwicklung brauchte in vielen Bereichen einfach viel, viel länger als bei anderen Menschen. Ich schaffte es nie, mein Zimmer ordentlich zu halten. Es war teilweise so schmutzig, dass ich Ungeziefer unter dem Bett hatte.

Mit zehn spielte ich noch heimlich in meinem Bett mit meinen Fäkalien. Körperpflege fiel mir schwer: Ich putzte mir nur selten die Zähne. Ich wusch mir meine Haare nicht und badete wochenlang nicht. Ich warf meine getragene Kleidung auf den Fußboden in meinem Zimmer und wenn der Kleiderschrank leer war, zog ich irgendwas aus dem Haufen heraus und zog es an, egal, wie schmutzig es war. Als ich mit zwölf anfing, unter den Achseln zu schwitzen, war ich davon überfordert und hörte erstmal komplett damit auf, T-Shirts zu wechseln.

Ich war vergesslich. Ich vergaß Hausaufgaben. Ich vergaß meinen Rucksack in der Schule oder zu Hause. Ich stand überrascht und ohne das benötigte Fahrrad vor der Schule, als Verkehrs-Schulung war – obwohl wir am Vortag darüber gesprochen hatten. Ich ging nach dem Sportunterricht ohne Hose nach Hause. Ich vergaß Abmachungen, Termine, Regeln, Anweisungen, Namen – so ziemlich alles.

Natürlich machten diese Schwierigkeiten mich zu einem optimalen Mobbing-Opfer in der Schule und in Freizeit-Veranstaltungen.

All das brachte meine Aufsichtsperson nicht etwa auf die Idee, Hilfe zu holen. Statt dessen schrie sie mich an – denn für sie war klar, dass ich das alles mit Absicht machte: „Du bist doch so schlau.“

Die Tatsache, dass ich schnell lernen konnte und, wenn ich einen guten Tag hatte, in der Schule gute Leistungen bringen konnte, war auch für meine Lehrer*innen ein eindeutiges Zeichen, dass ich nur nicht „wollte“ und „faul“ war.

Je bewusster ich mir über meine Andersheiten wurde, desto stärker kämpfte ich dagegen an. Jede Kleinigkeit hinterfragte ich danach, ob sie „normal“ genug war.

Ich hörte auf, meine Arme beim Gehen oder Sitzen nach oben zu halten, weil das „komisch“ aussah. Ich hörte auf, auf T-Shirts herumzukauen, weil davon der Kragen ausleierte und das „hässlich“ war.

Ich hinterfragte jede Minute meine Körperhaltung. War ich zu verkrampft? Zu schief? Die Beine darfst du nicht zweimal umeinander schlagen, das sieht auch „komisch“ aus. Nein, du darfst nicht nervös zwinkern. Hör auf mit dem Schaukeln, hör auf zu zappeln, das sehen doch die anderen.

Ich konnte nicht alles unterdrücken: Ich hörte nie wirklich damit auf, zu zappeln (ADHS, juhu). Ich biss mir die Finger blutig (mach ich noch immer). Ich konnte es mir nicht abgewöhnen, Papier zu essen.

Als Teenager fing ich an, mich selbst zu verletzen, weil meine Meltdowns als bösartige Wutanfälle interpretiert wurden. Selbstverletzung war das einzigste, was Meltdowns abbrechen konnte und auf diese Art und Weise Strafen für diese „Wutanfälle“ verhindern konnte.

Mit der Zeit entwickelte ich langsam die Fähigkeit, mit einigen Dingen klarzukommen, die vorher schwierig für mich waren. Bis ich achtzehn war, hatte ich meine Körperpflege einigermaßen im Griff. Bis ich zwanzig war, hatte ich mir durch ungebetene Kommentare anderer Menschen einigermaßen zusammengereimt, was „angemessene“ Kleidung war und wie oft ich sie zu wechseln hatte. (Das mit dem Sauberhalten meines Lebensraums schaffe ich bis heute nicht.)

Das machte den Weg frei für Überkompensation: Jeden Tag duschen und Beine rasieren. Dreimal am Tag Zähne putzen. Mich selbst dafür hassen, „komisch“ zu sein. Meine eigenen Reaktionen verachten. Meine Wahrnehmung nicht ernst nehmen: Salzige Erdnüsse dürfen nicht wehtun, weil sie „normalen“ Leuten nicht wehtun. Duschen müssen angenehm sein, nicht schlimm, weil „normale“ Leute Duschen gut finden. Sex musst du mögen, nicht eklig finden, weil „normale“ Leute Sex toll finden.

Ich konnte so vieles nicht selbst einschätzen und verließ mich zu 100% auf die Meinung anderer – was spätestens dann explodierte, wenn verschiedene Leute widersprüchliche Meinungen hatten.  

Also gab es Menschen, deren Meinung wichtiger war als die anderer Menschen. Ich konnte nur Klamotten anziehen, von denen nahestehende Leute mir sagten, dass sie okay aussahen. Nur Frisuren tragen, von denen sie mir sagten, dass sie okay waren. Nur Hobbies haben, von denen sie mir sagten, dass es gute Hobbies waren. Nur Dinge mögen, die sie auch mochten. Sie hatten dadurch viel Kontrolle über mich, oft, ohne es zu bemerken.

Ich hörte auf jeden Kommentar, auch, wenn er an ganz andere Leute gerichtet war – alles war gut genug, um für mich zur Richtlinie zu werden, wie ich auszusehen, mich zu bewegen, zu kleiden, zu verhalten hatte; was ich denken-fühlen-mögen sollte.

Die Kompensationsstrategie für die Vergesslichkeit war Panik: Wenn ich alle 5 Sekunden an ein Ding denke, weil ich Panik davor habe, kann ich es nicht vergessen. Wenn ich andauernd Panik habe, irgendwas vergessen zu haben, ist es wahrscheinlicher, dass ich mich wieder daran erinnere.

Den ganzen Tag aufgeregt und panisch zu sein, sorgt also dafür, dass ich Ansprüchen von außen besser gerecht werden kann. Mich auf Brechen und Biegen nach völlig willkürlichen Regeln zu richten, die ich mir aus dem Verhalten meines Umfeldes ableite, macht mich weniger auffällig. Mein ganzes Verhalten, Leben, Fühlen von anderen, neurotypischeren Menschen verifizieren zu lassen, lässt mich „normaler“ wirken.

Es macht mich auch kaputt.

Diese ständige Selbstkontrolle ist ein massiver Dauerstress. Es gibt kein Loslassen, kein Abschalten, keine Ruhe: Auch, wenn du alleine bist, kontrollierst du jede deiner Bewegungen, dein Aussehen, deine Gedanken und Gefühle. Wenn du mit anderen Menschen zusammen bist, suchst du ständig nach Hinweisen, wie du dich verhalten musst.

Es gibt keine Rückzugsorte, denn vor der verinnerlichten Kritik kannst du dich nicht verstecken.

Das ist der Preis, den Leute wie ich fürs „Normalsein“ bezahlen.

Weil es eben nicht allen so geht

Und dann wird uns ständig gesagt: „Das geht doch allen so.“ (Der Spruch ist das Zwillingskind von „stell dich nicht so an“.)

Wenn du darüber redest, wie beschissen es dir mit vielen Dingen geht, bekommst du endlos viel Bestätigung, dass das eine völlig normale Erfahrung wäre.

„Niemand geht gerne arbeiten.“ Wie viele Leute bekommen Suizidgedanken, wenn sie an Arbeit denken? Wie viele Leute denken jeden Tag auf der Arbeit: „Das hier bringt mich um“? Wie viele Leute sitzen auf der Arbeit heulend auf dem Klo und hauen den Kopf gegen die Wand? Wie viele Leute verstecken sich im Keller, um ein paar Minuten Ruhe zu haben vor dem Lärm, den Lichtern, den Menschen, den ganzen DINGEN, die dort passieren?

„Es ist normal, ein bisschen vergesslich zu sein.“ Wenn das so wäre, wäre „ich hab meine Hausaufgaben vergessen“ keine „billige Ausrede“. Dann würde es Leuten nichts ausmachen, wenn du ihren Geburtstag vergisst. Es wäre nicht peinlich, bei der Ärztin einen neuen Termin ausmachen zu müssen, weil du vergessen hast, dass heute ja schon Mittwoch war.

Aber das begriff ich nicht. Ich glaubte, was mir gesagt wurde: „Das ist normal. Du bist normal.“

Ich erwartete von mir, genauso viel zu können wie alle anderen. Kein Problem zu haben. Telefonieren musste ich aushalten können. Den Lärm musste ich aushalten können. Es musste okay für mich sein, dass meine Gedanken auf ein bestimmtes Thema gezwungen wurden, dass kein Platz war für die Dinge, an die ich denken wollte. Fühlt es sich für alle Menschen so an, wie ihr ganzes Bewusstsein aus ihrem Kopf zu popeln, wenn sie Gedanken an ein bestimmtes Thema unterdrücken müssen, weil sie sich auf etwas anderes konzentrieren sollen?

Kriegen alle Leute Herzrasen, wenn das Telefon klingelt? Kriegen alle Leute es manchmal einfach nicht hin, gesprochene Sprache zu verstehen? Sind alle Menschen von früh bis spät angespannt und panisch, weil sie die Liste von Dingen, die sie erledigen müssen, alle paar Sekunden wiederholen müssen, um sie nicht zu vergessen? Frieren alle anderen auch manchmal einfach ein und können sich mehrere Minuten lang gar nicht mehr bewegen?

Ist es üblich, alle 3 Minuten auf die Uhr zu schauen, damit du weißt, wie viel Zeit vergangen ist? Müssen alle Leute sich schon Stunden, bevor sie einen Termin haben, in ein hohes Stresslevel versetzen, um nicht zu vergessen, dass sie noch was vorhaben?

Sind wirklich alle anderen auch jeden Tag, an dem sie mit Wecker aufstehen müssen, so müde, dass sie sich bei jedem Schritt, bei jeder Bewegung fragen, wann sie endlich zusammenbrechen? Dass sie darauf hoffen, von einem Auto angefahren zu werden oder einfach bewusstlos oder tot umzufallen, damit sie endlich, endlich ausruhen können?

Kämpfen alle Leute mit den Tränen, wenn der Lärm und die Menschen und das Denken und das Erinnern und das DINGE TUN einfach zu viel sind? Jeden Tag?

Nein.

Aber das hat mir niemand gesagt. Sie haben sich mein Gejammer angehört und gesagt: „Das geht doch jedem mal so.“

Ich zwang mich dazu, Dinge zu tun, die mir schadeten. Ich ignorierte meine Schmerzen in lauten Umgebungen, die anderen Leuten nichts ausmachten. Ich achtete nicht darauf, welches Essen ich überhaupt essen konnte, sondern aß dann halt weniger, wenn mir der Geschmack zu intensiv war. Wer braucht schon Nährstoffe?

Ich erlaubte mir nicht, zu sagen, wie viel Kraft es mich kostete, Dinge zu tun, die anderen Menschen selbstverständlich vorkamen. Ich durfte es nicht zeigen, denn das wäre nicht „normal“ gewesen.

Ich konnte mir nicht einmal selbst eingestehen, dass es mich überlastete und kaputt machte. Ich hatte keine Worte dafür. Ich hatte kein Verständnis für diese Form von Überlastung.

Ich war allein mit dieser Erfahrungswelt. Es gab keine Menschen in meinem Leben, die mich verstanden, wenn ich sagte: „Der Tag war einfach zu viel.“ Oder: „Ich kann heute keine Musik ertragen.“ Oder: „Ich kann da nicht anrufen.“

Die einzige zuverlässige Antwort auf solche Aussagen war eben diese: „Das geht doch allen mal so.“

Wenn „ich schaffe das nicht“ mutiger ist als „ich schaffe das“

Mir war klar, dass ich mit vielen Dingen Schwierigkeiten hatte, die anderen leicht fielen. Aber es wurde mir nicht geglaubt. Statt dessen wurde mir großzügig versichert, dass ich es sehr wohl hinkriegen würde.

Mir war schon gegen Ende der Schulzeit klar, dass ich einen Arbeitsalltag nicht aushalten würde, denn bereits der stressarme Schulalltag, in dem ich nur meine Zeit absitzen musste und unter der Bank zeichnen, schreiben, lesen, oder einfach vor mich hinträumen konnte, überforderte mich stark. Aber auf meine Zweifel bekam ich stets dieselbe Antwort: „Da gewöhnst du dich dran. Das schaffst du schon.“

Ich sagte, dass ich Angst davor hatte, allein an einen fremden Ort zu fahren. „Das schaffst du schon.“

Ich wurde nach 2 schlaflosen Nächten und den Tränen nahe in einem Stadtviertel, in dem ich mich nicht auskannte, allein gelassen: „Die Bushaltestelle ist in diese Richtung. Das findest du schon.“

Wenn ich jemanden bat, mich abzuholen, war die Antwort: „Du kennst doch den Weg. Das findest du schon.“

Jedes Mal, wenn ich Zweifel an meinen Fähigkeiten äußerte, wurde mir bestätigt, dass ich es schon schaffen würde. Das ist nett gemeint, aber es schadete mir massiv:

Denn ich glaubte anderen Menschen diese Fehleinschätzung. Ich glaubte ihnen, dass ich „normal“ war. Ich glaubte ihnen, dass ich genau die gleichen Fähigkeiten hatte wie die anderen „normalen“ Menschen.

Das überlastete mich nicht nur gnadenlos, sondern brachte mich auch oft in gefährliche Situationen. Ich fuhr allein in fremde Städte. Ich hatte allein in fremden Städten Meltdowns. Ich irrte heulend mit kiloschwerem Gepäck nachts durch fremde Städte. Ich wurde von Leuten ausgenutzt, die erkannten, wie aufgelöst und hilflos ich war. Ich hatte keine Ahnung, warum mir so etwas passierte, warum ich nicht, wie alle anderen „normalen“ Menschen, mit solchen Situationen zurechtkam.

Mit irgendwelchen Leuten Treffen ausmachen? Kein Problem. Machen ja alle. Nur, dass ich die Leute und Situationen oft komplett falsch einschätzte, was wiederum oft zu Belästigungen und unangenehmen Situationen führte.

Beziehungen? Kein Problem. Machen ja alle. Das resultierte für mich in fünf Jahre Gewaltbeziehung.

Arbeiten? Kein Problem. Neben dem Studium jobben? Kleinkram. Ich verstand nicht, warum ich alle 2-3 Jahre komplett zusammenbrach und gar nichts mehr machen konnte.

Vollzeitjob? „Du bist doch so schlau. Du gewöhnst dich dran.“ Ich glaubte ihnen.

Nach dem Ende meines Studiums dauerte es noch 6 Monate, bis ich endgültig zusammenklappte. Als mein Bachelorzeugnis im Briefkasten war, war ich schon arbeitsunfähig geschrieben.

Ich hab mich nicht daran gewöhnt.

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „normal“ wirken.

Jeder Muskel in meinem Körper muss mir bewusst sein. Ich muss sie alle bewachen, damit auch ja keiner anfängt mit dieser wohligen, rhythmischen Bewegung.

Meine Ohren müssen gespitzt sein. Ich muss jeden Ton in meiner Umgebung in mich aufsaugen, gesprochene Worte mit höchster Konzentration herausfiltern – und ich verstehe doch nur die Hälfte – und das, was ich nicht verstehe, aus dem Kontext herleiten. Ich muss lächeln. Ich muss die Leute anschauen. Aber nicht zu lange! Wie lange ist „normal“? Ich muss lügen, weil das schneller geht als Nachdenken – irgendwas nacherzählen, was ich schonmal von irgendwem gehört habe, weil ich keine Zeit hab, in mir selbst nach einer Antwort zu suchen. Es geht nicht darum, was für ein Mensch ich bin. Es geht nicht darum, was ich mag, was ich denke, was ich fühle. Es geht nur darum, „normal“ zu wirken.

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „normale“ Dinge tun.

Ich muss Aufgaben erfüllen, die mich zum Heulen bringen. Ich muss mich durch knirschende Zähne, höllische Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und bleierne Erschöpfung kämpfen. Ich muss die körperlichen Überlastungsreaktionen hinnehmen. Ich muss die Suizidgedanken akzeptieren und verschweigen. Ich muss die Panik verstecken. Ich muss den Selbsthass runterschlucken.

Ich muss so viel Kaffee in mich reinschütten, dass mir schlecht davon wird. Ich muss mich durch Alpträume und Sekundenschlaf und Zitter-Anfälle und Meltdowns prügeln, um noch einen Arbeitstag vor dem Wochenende schaffen zu können. Ich muss das Wochenende im Bett verbringen und versuchen, bis Montag wieder geradeaus laufen zu können.

Ich darf die Dinge nicht tun, die es erträglicher machen würden, weil ich dann nicht mehr „normal“ wirken würde.

Es geht nicht darum, dass ich einen aushaltbaren Alltag habe. Es geht nicht darum, mich mit meinen Tätigkeiten wohlzufühlen. Es geht nicht darum, ein lebenswertes Leben zu führen. Es geht nur darum, genausoviel hinzukriegen wie alle anderen „normalen“ Menschen auch.

Ja: Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „es schaffen“. Für eine Weile. Bis ich zusammenbreche – oder sterbe.

Nach dem letzten Zusammenbruch habe ich mich dagegen entschieden.

Ich versuche nicht mehr, Menschen in die Augen zu schauen, wenn ich mit ihnen rede, wenn mir das unangenehm ist. Ich versuche nicht mehr, stillzuhalten, wenn ich mich bewegen muss. Ich beiße nicht mehr die Zähne zusammen, wenn es zu laut und zu hell und zu viel ist, sondern ich schütze mich davor. Ich kaufe kein „normales“ Essen mehr, sondern solches, das ich auch essen kann. Ich riskiere nicht mehr meine Sicherheit, indem ich mir ohne Begleitung Aktionen vornehme, die mich überfordern.

Ich gehe nicht mehr arbeiten.

Ich entscheide mich dagegen, mein Leben zu riskieren, nur um kapitalistischen Ansprüchen zu genügen.

Ich entscheide mich dagegen, jeden Tag nur zu überstehen, statt ihn zu erleben.

Ich entscheide mich dafür, meine Einschränkungen zu akzeptieren.

Ich entscheide mich dafür, mich zu schützen. Mein Leben zu schützen.

Ich entscheide mich für mich.

Und das bedeutet: Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

Janis über Sexualität, Beziehungen und Neurodivergenz

Transkript:

Hallo, ich bin Janis und ich möchte heute über das Thema Neurodivergenz und meine Sexualität reden. Zur Info: Ich bin Autist, selbstdiagnostiziert, allerdings jetzt, also ich beschäftige mich erst seit ein paar Monaten damit, aber die Symptome und alles, was damit zu tun hat, hab ich natürlich schon viel, viel länger, also schon seit ich ein Kind bin.

Also ich bin selber… ich hab mich lange als lesbisch definiert, mittlerweile weiß ich, dass ich mich auch in andere Menschen verlieben kann, aber ich hab bisher noch keinen Namen dafür gefunden, aber auf jeden Fall ist es so, dass ich mich eigentlich noch nie in Cis-Männer verliebt habe.

Es ist so, dass ich gemerkt habe, dass meine Sexualität anders ist als jetzt bei anderen Menschen, die ich kennengelernt habe und dass ich da auch viel Ausgrenzung erfahren hab, das heißt jetzt konkret, dass ich zum Beispiel an Stellen, wo andere Frauen empfindlich sind, überhaupt nicht empfindlich bin.

Und es kam dann oft schnell das Thema auf: Ja, warum reagierst denn du da nicht so, oder warum bist du da nicht so empfindlich und das ist halt für mich dann oft schlimm gewesen, weil es mir das Gefühl gab, ich bin nicht normal, ich bin irgendwie komisch, ich bin irgendwie, was weiß ich, und es war halt das eine, was sehr schwierig war.

Das andere, was auch in Beziehungen immer wieder schwierig war, was es auch schwierig gemacht hat, überhaupt Beziehungen zu finden, also ich hatte in meinem Leben bisher nur zwei Beziehungen, war, dass ich Probleme hab mit Initiative.

Also normalerweise erwartet man ja immer von jemanden, dass dann einer auf einen zukommt irgendwann und sagt: hey Schatz, keine Ahnung, wollen wir mal irgendwie kuscheln, oder wollen wir irgendwie, was weiß ich, oder auch bevor die Beziehung erst beginnt, erwartet man halt, dass jemand einfach so mit einem flirtet und auf einen zugeht und irgendwas macht.

Und das Problem war einfach, dass ich natürlich schon Gefühle empfunden habe für die Person, oder auch für Personen, mit denen ich nicht in einer Beziehung war, aber ich konnte das nie ausdrücken, also ich hatte da sehr große Schwierigkeiten, weil ich einfach nicht wusste: was ist der richtige Weg?, weil ich als Kind und Jugendliche oft als aufdringlich empfunden worden bin, weil ich einfach nicht wusste: Wie sagt man das, wie sagt man jemandem, dass man jemanden mag? Wie sagt man jemandem, dass man irgendwie Begehren empfindet für jemanden? Wie flirtet man mit jemandem?

Das war für mich alles eine total fremde Welt, also ich hab echt, als ich so 15, 16 war, nach einer Flirt-Schule gesucht oder so, aber das gab es halt nur, wenn überhaupt, für Hetero-Menschen und das hat halt dann für mich nicht gepasst, weil ich wollte ja nicht mit einem Mann flirten.

Und das war für mich sehr schwierig und oft, wenn ich dann doch irgendwann gesagt hab: Hey, also ich empfinde irgendwas für dich, wo ich dann gemerkt habe, ich muss es einfach sagen – sonst ist der Schmerz und diese Zerrissenheit und dieses: Ja, was ist, wenn sie auch was empfindet? Und wenn du es nicht sagst, dann passiert ja nichts – dann waren die Leute oft sehr überrascht, von wegen: Was? Davon hat man ja gar nichts gemerkt! Wirklich?

Oder auch, wenn es dann zu Beziehungen gekommen ist, dann war es auch so, dass ich dann oft gesagt bekommen habe, von wegen, ich wäre halt kalt und ich wäre faul und so, weil ich angeblich nicht so viel in die Beziehung investieren würde oder auch nicht so viel geben würde in der Beziehung, weil halt einfach nichts von mir kommen würde. Also mir hat eine sogar gesagt, ich wäre einfach prüde, weil von mir selber aus nichts kommt.

Und ich hab lange überlegt, warum das so ist, aber es ist nicht so, dass ich kein sexuelles Begehren hätte oder so. Ich hatte auf jeden Fall – aber mein Problem war immer: Wie äußere ich das? Wie kann ich auf Menschen zugehen? Weil ich einfach viele Sachen von Menschen einfach nicht verstanden habe, viele Verhaltensweisen und auch viele, viele so Zeichen, also weil mir auch immer gesagt worden ist: Ja, ich geb dir doch Zeichen und du müsstest es doch eigentlich merken, dass ich irgendwie was von dir will! Und dass es doch klar ist, dass man auch mal was dazu tun muss und so und das war für mich immer sehr, sehr schwierig, weil ich nicht wusste, warum, und was da genau los ist.

Und jetzt, wo ich natürlich weiß, dass ich Autist bin, ist das halt anders. Also da wird mir halt vieles klar. Und ich persönlich würde mir auch wieder eine Beziehung wünschen, aber mein Problem ist halt auch, dass ich einfach Angst habe, dann wieder in diese Sachen zu stapfen. Also, dass mir wieder gesagt wird: Also du bist irgendwie faul oder kalt oder was auch immer.

Was mir noch aufgefallen ist, ist, dass mir – ich hatte früher, am Anfang meiner Zeit, wo ich gemerkt habe, dass ich lesbisch bin, ganz viele, ich nenne es mal Internet-Beziehungen, also wir miteinander geflirtet haben und so, ohne halt uns gesehen zu haben, wo ganz viele gesagt haben: Um Gottes Willen! – aber wo ich gemerkt habe, dass mir das irgendwie leichter fällt, wenn die Person nicht so nah dran ist, also wenn es völlig reicht, mit der Person zu telefonieren und ihr da meine Liebe zu sagen oder halt eben per Schrift oder so.

Und das ist einfach so, dass ich mir manchmal wünsche, ich hätte einfach wieder so eine Internet-Beziehung, wo ich einfach mit jemandem flirten kann und irgendwie wieder so sagen kann, wie toll wir uns finden, und Liebes-Postkarten hin und her schicken und solche Dinge. Aber so jemanden zu finden, ist auch ziemlich schwer, weil die meisten Menschen, die ich kenne, wünschen sich halt schon irgendwie eine andere Art von Beziehung, dass man irgendwie halt in der Nähe wohnt und solche Sachen.

Ich hoffe, das war jetzt informativ für euch oder hilfreich oder so, und ich wünsche euch noch einen ganz schönen Tag. Ciao!

Neurodivergenz und Sexualität

Hier die Beiträge, die wir auf unseren Aufruf zu dem Thema erhalten haben. Ihr könnt uns natürlich auch gerne weiterhin Beiträge dazu schicken!


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Sexuelle Übergriffe

Anonym:

Meine Depression schlägt in das Gegenteil von dem um, was viele sagen: ich bin sexuell sehr aktiv und fordernd, trotz sexuellen Übergriffes in meiner Jugend, der schon beim Akt häufig zu Tränen führte. Ich habe angefangen Testosteron zu nehmen um zu transitionen und seitdem habe ich mich viel besser unter Kontrolle! Es sind eben doch die kleinen Erfolgserlebnisse. 🙂


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Suizid, Drogen und Selbstverletzung

fynn alex:

Ich habe eine Borderline Persönlichkeitsstörung.

Ein Teil der Symptomatik sind Identitätsunsicherheiten und -Schwankungen. Diese sind auch in Sexualität deutlich bemerkbar. Seit meinem 14. Lebensjahr „questione“ ich meine sexuelle Orientierung.

Dies ging teilweise innerhalb eines Tages von „homosexuell“ zu „pansexuell“ zu „asexuell“ und wieder zurück zu heterosexuell.

Inzwischen würde ich vage sagen, dass es irgendetwas in Richtung „pansexuell homoromantisch“ am ehesten trifft, doch so einfach ist das nicht da ich mir auch über mein Gender im Unklaren bin und die Schwankungen in meiner Sexualität ziemlich extrem sind.

Ein Teil davon ist die Hypersexualität, eine Phase in der der Sexualtrieb deutlich ansteigt.

Diese überlappen häufig mit manischen Phasen, die bei mir allerdings nicht sonderlich ausgeprägt sind. In der Hypersexualitätsphase passiert es mir häufig, dass ich impulsiv sexuellen Kontakt suche, dies dann aber sehr schnell bereue. Teilweise suche ich auch sexuellen Kontakt als Selbstverletzungsmethode, weil ich weiß wie sehr ich es bereuen werde, oder um dissoziative Phasen zu beenden. Dieses impulsive sexuelle Verhalten passiert meistens auch im Zusammenhang mit Drogen oder Alkohol. Diese Mischung führt dann zu einem meist suizidalen Low am nächsten Tag bei dem ich meistens extrem „sex-repulsed“ bin, was bedeutet, dass ich mich von Sex und dem Gedanken stark abgestoßen fühle. Durch die emotionale Unausgeglichenheit fängt dies meistens schon bei Körperkontakt an. In dieser Phase bekomme ich also Selbstverletzungsdränge von einer einfachen Umarmung weil mich der körperliche Kontakt so abstößt. Diese sexuellen Schwankungen machen eine funktionierende Beziehung sehr schwierig.


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Traumatisierung

Lian:

Ich bin asexuell. Üblicherweise wird Asexualität definiert als: „Empfindet keine sexuelle Anziehung“. Da ich mit dem abstrakten Begriff „sexuelle Anziehung“ wenig anfangen kann, weiß ich nicht, ob das auf mich zutrifft. Ich finde viele Menschen durchaus schön und ansprechend, aber das erzeugt in mir keine Gedanken an Sexualität, deswegen nenne ich es „ästhetische Anziehung“.

Durch Traumatisierungen ist Sexualität für mich schwierig. Vieles ist mir sehr unangenehm und triggert mich. Ich brauche klare Kommunikation und viel Aufmerksamkeit, um das zu vermeiden.

Meine empfindlichen Sinne führen dazu, dass viele Gerüche, Geschmäcke und Empfindungen, die bei sexuellen Handlungen auftreten, für mich sehr unangenehm sind. Das führt dazu, dass ich nur unter sehr bestimmten Bedingungen und mit Menschen, die sehr bestimmte Bedingungen erfüllen, überhaupt angenehme Sexualität erleben kann. Viele sexuelle Handlungen sind für mich extrem unangenehm, daher ist auch nur eine sehr eng begrenzte Auswahl für mich eträglich.

Wenn alle Bedingungen erfüllt sind und ich eine*n passende*n Sexualpartner*in dafür habe, kann Sexualität für mich relativ angenehm und entspannend sein. Meine persönliche Bewertung ist: Es ist etwas weniger gut als eine Rückenmassage und etwas besser als Haare waschen.

Insgesamt ist es also etwas, was ich mir durchaus gelegentlich vorstellen kann. Da es aber sehr schwierig ist, passende Partner*innen zu finden und die richtigen Bedingungen herzustellen, ich sehr, sehr selten Lust darauf habe und das alles einfach anstrengend ist, findet es in meinem Leben im Moment nicht statt und ich vermisse es auch nicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch einmal Sexualität haben möchte. Ich habe zwar einige sehr schöne Erfahrungen gemacht, aber da sich das doch deutlich außerhalb meiner Wohlfühl-Zone befindet, ist es für mich auch ein Akt von Selbstfürsorge, es bleiben zu lassen.

Neurodivergenz und Geschlecht

In unserem Aufruf haben wir um Texte zum Zusammenspiel von Neurodivergenz und Geschlecht gebeten, vor allem in Hinblick, wie sich Eure Neurodivergenz auf Euer Geschlecht(-sempfinden) auswirkt.

Hier sind einige Beiträge:

Lian schreibt:

Ich habe aufgrund meiner Neurodivergenz große Schwierigkeiten, mein Geschlecht zu benennen.

Ich wusste zwar schon als Kind, dass ich weder Mädchen noch Junge bin, aber nachdem mir Cisnormativität eingeimpft wurde, akzeptierte ich für lange Zeit mein Schicksal, als „Mädchen“ leben zu müssen, was zu unzähligen Meltdowns und jahrelangem Selbsthass führte.

Die Erkenntnis, dass Geschlecht eben nicht zwischen den Beinen, sondern im Kopf sitzt, war für mich ein Befreiungsschlag, machte mir aber auch bewusst, dass ich keine Ahnung habe, wie mein Geschlecht heißt.

Meine Versuche, mich als „Mann“ zu sehen, haben mir nur deshalb weniger geschadet, weil ich es weniger lang versuchte.

Ich begreife nicht, was „Frau“ oder „Mann“ unabhängig von Körperlichkeiten und Geschlechterrollen bedeuten. Für andere Geschlechter ist es genauso schwierig: Ich kann mir Definitionen durchlesen, aber nicht verstehen.

Also bin ich dazu übergegangen, nachzuforschen, wie ich mich fühle in Bezug auf Körperteile, Kleidung, Namen, Pronomen und Anrede.

Mein Verhältnis zu meinem Körper ist durchwachsen: Modifikationen an Hormonsystem und Reproduktionssystem wünsche ich mir hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen und weil ich meinen Uterus abgrundtief hasse. Ist das Dysphorie? Woher soll ich das wissen? Ich weiß nicht, ob ich meinen Uterus hasse, weil er nicht zu meinem „Geschlecht“ passt oder weil er mir Schmerzen bereitet. Woher wissen Leute so was?

Brüste stören mich meistens nicht, weil mein äußeres Erscheinungsbild mir gleichgültig ist.

„Herren“-Kleidung bevorzuge ich hauptsächlich deshalb, weil die Schnitte erträglicher sind und „Damen“-Kleidung für mich unaushaltbar unbequem ist.
Als Name kam immer nur etwas Geschlechtsneutrales in Frage. Außerdem hat mein selbstgewählter Name eine schöne Farbe. Mein Geburtsname hingegen ist hässlich und falsch.

Pronomen stören mich. Am liebsten sind mir neutrale Pronomen, aber im Alltag benutze ich im Moment „er“.

Als Anrede stört mich „Frau“ mehr als „Herr“, aber vermutlich nur, weil ich mir das „Herr“ wenigstens selbst raussuchen durfte.

Insgesamt habe ich beschlossen, dass eine Transition sinnvoll wäre und Anfang 2015 mit der Zwangs-Begleittherapie begonnen.

Das ist natürlich der absolute Horror. Nicht nur, dass mein Therapeut keine Ahnung von nicht-binären Geschlechtern oder meinen Neurodivergenzen hat; er versteht auch nicht, dass ich nicht im Gesamtbild „Geschlecht“ arbeite, sondern mit einzelnen Aspekten.

Wenn ich also sage, dass Geschlecht für mich nichts Körperliches ist, versteht er nicht, warum ich trotzdem körperliche Veränderungen will. Natürlich darf ich ihm nicht nochmal erklären, dass ich meinen Uterus hasse, denn er sagte mir schon ganz am Anfang, dass das kein Grund für eine Transition wäre. Dass ich mir mehr Körper- und Gesichtsbehaarung wünsche, wäre „so was wie eine Schönheits-OP“ und dass ich es hasse, als „Frau“ bezeichnet zu werden, findet er, wäre alleine kein Grund.
Er ist auch der Meinung, Leute mit „zu vielen psychischen Störungen“ sollten keine Transition machen. (Das sagte er mir ganz am Anfang, als er dachte, ich wäre total neurotypisch.) Er unterstützt mich zwar widerwillig, aber das alles schadet mir sehr und ich wünsche mir nur, einfach akzeptiert zu werden und gesundheitlich notwendige Behandlungen machen und aussuchen zu dürfen, ohne irgendwem beweisen zu müssen, irgendein Geschlecht zu haben, das ich nicht verstehe.

Anonym schreibt:

Geschlecht ist für mich weniger spielerischer Selbstausdruck und mehr eine Quelle für Anxiety in alle Richtungen. Ich versuche, das anders zu handhaben, so, wie ich mir die coolen lockeren Leute von Tumblr vorstelle, aber entspannt sein ist so anstrengend!

Nachdem ich von nichtbinären Geschlechtern erfahren habe, hab ich mir lange vorgeworfen, dass ich mir das einrede, um etwas Besonderes zu sein. Deswegen spürte ich dauernd nach, was mein eigentliches, wahres Geschlecht sein könnte. Ich befürchtete, das Geschlechterthema wäre nur eine Masche meines Kopfes, um mich fertig zu machen, und irgendwann würde er sich ein neues Thema schnappen und damit das selbe machen, und die Trans*-Sache wäre damit vergessen. Auf diese Masche reinzufallen, wäre mir peinlich gewesen. Mein Geschlecht kam mir genauso verschwommen und launisch vor wie alles andere an mir auch. Erst, als ich ein paar Monate lang mitnotierte, begann ich, mich als genderfluid zu sehen, statt bei jedem Wechsel zu denken, ich hätte mich geirrt und gelogen und das hätte alles keinen Zusammenhang.

Anders als viele (?) genderfluide Menschen drücke ich diese Veränderungen kaum durch Kleidung aus. Ich trage meist über längere Zeit nur verschiedene Varianten des selben, in erster Linie bequem. Zwar würde ich oft gerne maskuliner aussehen (eeeeinmal in schlechten Lichtverhältnissen für einen Typen gehalten werden, bitte!), aber selbst meinen Kleidungsstil oder meine Frisur dafür zu ändern sieht einfach nach zu viel Aufwand aus und ich lasse es. Und Phasen, in denen ich mit meinem Körper weniger klarkomme und mir verzweifelt Veränderungen wünsche, fallen oft mit allgemeiner Endzeitstimmung und Aussichtslosigkeit zusammen, und ich weiß nicht, in welche Richtung das zusammenhängt.

Egal, ob das eine realistische Befürchtung ist, oder ob ich mich falsch einschätze: Leute wissen zu lassen, dass ich genderqueer bin, traue ich mir und meinen Gesprächsskills oft nicht zu. Auch den richtigen Moment zu finden fällt mir schwer, und ohnehin befürchte ich, anmaßend zu sein. Deswegen bin ich sehr froh über Namens- & Pronomensschilder, Vorstellungsrunden, in denen zumindest die Pronomen vorkommen, und alle anderen Versuche, über solche Sachen selbstverständlich und an einer fixen Stelle zu reden. Dass ich obskure Pronomen verwende und einen Namen, der cisnormativ gesehen nicht zu meinem Aussehen passt, macht es für mich da allerdings auch einfach. Für andere Leute bringen diese Formate nicht so viel, solange die Verbindung von Namen und Pronomen mit Geschlecht aufrecht bleibt.

Mira schreibt:

Subjektive Geschlechtswahrnehmung zwischen ND-Kompensation und gesellschaftlichem Konstrukt.

Dieser Text wurde geschrieben aus der Sichtweise einer weißen, als weiblich gelesenen, nicht ganz cis-Frau, die einen Universitätsabschluss in einer Naturwissenschaft hat und mit AD(H)S und Depressionen diagnostiziert wurde.

Ich habe erst vor kurzem mein Geschlecht zu meiner Twitter-Bio hinzugefügt. “mostly cis” steht da. Das ‚mostly‘ hat dabei wirklich eine Bedeutung. In meinem Erwachsenenleben werde ich, soweit ich weiß, weiblich gelesen. Es ist nicht unpassend, aber nicht alles. Müsste ich es in Zahlen fassen, macht dieses “weiblich” so ca. 75% aus.

Wie ich mein Geschlecht wahrgenommen habe, unterlag in meinem Leben Schwankunkungen. Von einem wagen Abweichungsempfinden, über Spass mit ‚als männlich gelesen werden‘, keine Frau sein wollen, glücklich mit dem Frausein ist alles dabei. Aus heutiger Sicht spielt meine Neurodiversität dabei eine Rolle, ist aber vermutlich nicht die ganze Erklärung.

Während ich meinen Frauenkörper, als er sich in der Pupertät bildete, erstmal hasste, habe ich mich mit seiner Anatomie arrangiert. Das Bodyshaming, was mit so einem Frauenkörper kommt, ist bis heute der deutlich größere Teil meiner Akzeptanzprobleme meinem Körper gegenüber. Dies ist ein besonders schwieriges Thema, da ich erst mit über 30 diagnostiziert wurde und bis dahin, sämtliche Gefühle mit Nahrungsaufnahme kompensiert habe.

Bei Störungen der Exekutivfunktionen ist Körperpflege und Aussehen ein Projekt, wenn es nicht gerade ein Hyperfokus ist. In der Pupertät wurde ungekämmt und verratzt aussehen zum Style, denn sonst wäre ich einfach nur ungepflegt gewesen. Haarewaschen und Haarefärben machten subjektiv gleich viel Aufwand, also färbte ich mir die Haare regelmäßig. Die Identifikation mit meinem von der Gesellschaft zugewiesenen Geschlecht war nachrangig gegenüber der Identifikation mit gewissen Subkulturen.

In meinen Gedanken gab es immer einen Bruch zwischen meinem Gender und dem normgesellschaftlichen Konstrukt vom Weiblichen. Ich passte nicht so ganz in dieses Schema. Ich hätte es nicht geschafft mich z. B. jeden morgen zu schminken. Also wollte ich nicht ’so ein Mädchen‘ sein. Phasenweise wollte ich wegen Privilegien, die dem männlichen Geschlecht zuteil sind, selber männlich sein.

Wärend des Studiums an einer Technischen Universität war mein Freundeskreis überwiegend männlich*. Relativ dazu empfand ich mich in dieser Zeit als unglaublich weiblich, was sich auch in meiner Kleidung wiederspiegelte. Seit ich mich durch meinen Beruf wieder in einem sehr normierten Teil der Gesellschaft befinde, empfinde ich meine Abweichung vom Weiblichen wieder sehr deutlich.

Dieses Gefühl wird durch Kompensationsverhalten meiner Neurodiversität noch verstärkt: Meine Kleidung muss so viele Ansprüche erfüllen, dass typisch weibliche* Mode oft nicht in Frage kommt.

Mein Geschlecht weicht vom gesellschaftlich konstruierten ab, was teilweise mit meiner Neurodiversität erklärbar ist. Männliches Aussehen ist aus meiner Sicht einfacher zu handhaben. Allerdings reicht das nicht als Erklärung für meine Selbstwahrnehmung. Was diese 25% sind, bleibt zu entdecken.

Robin schreibt:

Trigger-Content: Vergewaltigung, SVV, Depressionen

Ich habe eine diagonistizierte PTBS (post-traumatische Belastungsstörung) sowie chronische Depressionen und definiere mein Geschlecht als nicht-binär, trans und weitestgehend neutrois. Außerdem habe ich viele Schutzmechanismen und „Ticks“ entwickelt, die ich selbst noch nicht so gut einordnen kann.
Bevor ich von „Neurogender“ gehört habe, konnte ich für mich selbst nicht in Worte fassen, warum ich sagen kann das ich mich doch manchmal weiblich fühle und warum. Mit meiner Neurodiversität habe ich es schon gar nicht in Verbindung gebracht.

Mein erstes Mal Sex war nicht freiwillig. Fast alle ersten sexuellen Erfahrungen musste ich mit meinem Vergewaltiger erleben. Mein ganzes darauffolgendes „Liebesleben“ wurde durch dieses Erlebnis geprägt. Immer wieder habe ich mir Partner gesucht, die mich erniedrigen und ausnutzen, bin aber so gut wie nie Beziehungen eingegangen. Dabei habe ich mich immer wieder in Situationen gebracht, die mir extrem unangenehm waren und für die ich mich im nachhinein schäme. In diesen Momenten fühle ich mich immer viel mehr als Frau und kann dieses Erleben eines Geschlechts einfacher in Worten und Gefühlen erfassen. Eine abgeschwächte Form dieses Empfindens kenne ich auch, wenn es um die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung von Frauen* in unserer Gesellschaft geht und ich mich in Schilderungen wiederfinde.
Lange Zeit habe ich mir wegen meines Sexualverhaltens selbst Schmerzen zugefügt. Mein Verhalten wideret mich manchmal so sehr an, dass ich mich vor mir und meinem Körper extrem ekle.

Zusätzlich dazu habe ich eine schwierige Familiengeschichte und darauf aufbauend chronische Depressionen. Mit dem Großteil davon habe ich unfreiwillig keinen Kontakt mehr was mich in der Annahme das ich und besonders auch mein Körper abstoßend und wertlos bin nur bestärkt. Nachdem meine Familie von der Vergewaltigung erfahren hat, wurde mir unterstellt, das ich Lügen erzähle oder mir das nur eingebildet habe. Ich weiß deswegen oft nicht wie ich dazu stehen soll, dass ich ein Problem mit meinem Körper und besonders meiner großen Brust habe. Hat es auch mit meiner Geschlechtsidentität zu tun oder eher damit das ich von Männern sexuell ausgenutzt wurde und nicht nur als Lustobjekt gesehen werden will?

Ich frage mich, ob ich mich überhaupt nicht mehr als Frau empfinden werde wenn ich meine Depressionen überwunden habe oder ob es noch in geschwächter Form erhalten bleibt und wie sich mein Körpergefühl verändern könnte. Ich würde gerne von anderen Menschen lesen denen es ähnlich geht, gerade auch weil mir vieles noch unklar ist und ich nicht weiß wie ich mich ausdrücken kann. Nachdem ich über verschiedene Neurogender gelesen habe würde ich mich am ehesten als Curogender und Traumatagender verstehen, auch wenn mein Empfinden da eher schwammig ist, da ich in jüngster Zeit kaum noch Flashbacks habe.

Falls ich noch einen Beitrag vergessen habe, oder falls jemand noch einen Beitrag hierzu einreichen möchte, bitten wir um Kontakt.

Kompensation und Überkompensation

[Vielen Dank an @modern_dragon für diesen Gastbeitrag! – pe]

Kompensation und Überkompensation

Viele Menschen sind überrascht, wenn ich mich als AD(H)S-Betroffene zu erkennen gebe. Denn das Bild, das sie von AD(H)S haben, ist nur ein winziger Ausschnitt und nur eine der vielen Arten, wie sich diese spezielle Neurodivergenz manifestieren kann. Wenn in den Medien von AD(H)S die Rede ist, dann wird meistens das Stereotyp vom unkonzentrierten, hyperaktiven Grundschulkind, das mit seiner Unruhe seine Umwelt in den Wahnsinn treibt, zitiert; meistens wird nur an Jungen gedacht. Dass Konzentrationsschwierigkeiten und Hyperaktivität nur zwei von sehr vielen möglichen Symptomen sind und AD(H)S auch im Erwachsenenalter fortbesteht, wird ignoriert.

Ein zweiter Grund, warum ich üblicherweise nicht auffalle, ist meine Fähigkeit zur Kompensation. Um dieses Phänomen soll es in diesem Text hier gehen.

Was ich im folgenden schreibe, gilt wahrscheinlich auch für andere Neurodivergenzen, die mit emotionaler Dysregulation, Reizsensitivität und/oder exekutiver Dysfunktion einhergehen.

Was ist Kompensation eigentlich?

Die Wörterbuchdefinition (Der Kleine Wahrig. Wörterbuch der deutschen Sprache, München : dtv 1978) lautet: „kompensieren (med.): anatomische oder funktionelle Störungen eines Organes oder Organteiles durch gesteigerte Tätigkeit eines anderen Organs oder Organteiles ausgleichen.“

Kompensieren heißt also: Die Nachteile und Schwierigkeiten, die meine Neurodivergenz mit sich bringt, durch bestimmte Verhaltensweisen oder durch den Einsatz von mehr Energie und/oder Willenskraft ausgleichen.

Warum Kompensation nicht (immer nur) toll ist

Eins könnte ja jetzt denken: „Du kannst Deine Störung kompensieren (resp. dich manchmal, zeitweise oder fast immer so verhalten wie eine neurotypische Person)? Ist doch prima! Problem gelöst!“ Nicht ganz.

Kompensation kostet nämlich Kraft. Eins verbiegt sich, tut sich Gewalt an, treibt sich unglaublich hart an, um den Ansprüchen der Gesellschaft zu entsprechen. Kompensation heißt zumindest, dass mich Dinge (z.B. geistiges Arbeiten in unruhiger Umgebung) mehr Kraft kosten als neurotypische Menschen. Kompensation heißt, dass ich deswegen deutlich weniger Energiereserven habe und wesentlich schneller an die „ich kann nicht mehr”-Schwelle komme bzw. im Notfallmodus funktioniere. Kompensation heißt, dass mich dasselbe Arbeitspensum mehr erschöpfen kann als eine neurotypische Person (wenn Inhalt und Umstände der Arbeit mir nicht sehr entgegenkommen) und dass ich in der Folge auf die Dauer nicht so viel arbeiten kann.

Kompensationsstrategien können destruktiv sein. Dass ich in Bürojobs bis zu fünf Tassen starken Kaffee pro Tag trank, hatte nicht nur mit sozialem Jetlag zu tun, sondern war auch eine Art dysfunktionaler Selbstmedikation. Übermäßige Härte gegen sich selbst, Selbstabwertung und ständiges Sich-Antreiben führt zu Ruhelosigkeit, chronischer innerer Anspannung, kaputtem Selbstwertgefühl, dazu, sich nie eine Pause zu erlauben und in der Konsequenz Erschöpfung. Wenn mein Selbstwertgefühl daran hängt, wie viele unlustbesetzte Dinge ich bewältigen kann (weil das Beweisen, dass ich nicht faul, d*mm, undiszipliniert oder total verpeilt bin, ein wichtiger Teil meines Selbstbildes wurde), dann stelle ich Dinge, die mir Spaß machen und zur Regeneration beitragen, so oft hintenan, dass ich am Ende nie dazu komme.

Ein weiteres Beispiel ist das, was ich Notfallmodus nenne: Unter großem Druck kann ich nämlich kurzfristig (!) viel Energie mobilisieren und dadurch fokussiert und geistesgegenwärtig handeln. Im Grunde treibt mich die Notfallsituation in einen hyperfokussierten Zustand. Nur bleibt ein Notfall ein Notfall, und der damit verbundene Streß ist nichts, was ich immer haben muss. Bevor ich meine Diagnose bekam, wünschte ich mir oft, ich könnte diesen glasklaren Fokus und diese Effektivität, mit der ich unter großem Druck oft handeln kann, auch ohne den Druck haben. Mich einfach immer unter Stress zu setzen, wäre ein weiteres Beispiel einer destruktiven Kompensationsstrategie.

Ich weiß nicht, ob ich Hyperfokus als Kompensationsmechanismus zählen soll, da er sich meistens nicht absichtlich auslösen läßt. Hyperfokus hat seine Nebenwirkungen: Ich bin dann extrem auf Details fokussiert und vergesse das Große Ganze; Ich habe noch weniger Zeitwahrnehmung als normal; es fällt mir extrem schwer, auf eine andere Aufgabe umzustellen; ich merke oft körperliche Bedürfnisse nicht oder schiebe sie auf. Wenn ich aus dem Hyperfokus herauskomme, bin ich oft erschöpft und muß mich erstmal um meine körperlichen Bedürfnisse kümmern. In tiefem Hyperfokus arbeite ich sehr intensiv und habe danach oft keine große Konzentrationsfähigkeit oder exekutive Funktion mehr übrig.

Kompensationsstrategien funktionieren nicht immer. Manchmal versagt meine Kompensationsfähigkeit – unter Umständen unvorhergesehen. Dann hilft zum Beispiel kein gestellter Alarm, um mich pünktlich zu machen, ich vergesse meine Checklist, ich überhöre den Reminder, ich verliere mich in meinem Produktivitätssystem, oder ich kann mich partout nicht aufraffen, jetzt mit etwas anzufangen, das erledigt werden muß (auf das ich aber keine Lust habe).

Kompensationsstrategien kosten Zeit und Energie. Manche Dinge, die mir helfen, zu kompensieren, brauchen Zeit. Gerade die unschädlichen Strategien (etwa: Sport, Meditieren, gesundes Essen, … ) kosten auch etwas Energie, und wenn meine Energiereserven schon völlig aufgebraucht sind, ist das ein Problem.

Wenn das Fass voll ist

Wenn meine Kapazität, zu kompensieren, ihre Grenze überschritten hat, können unangenehme Dinge passieren:

  • Erschöpfung und depressive Zustände
  • Wutanfälle oder andere Gefühlsausbrüche
  • Panikanfälle
  • Blackouts, d.h. ich kann auf Erlerntes, sonst vorhandene Fähigkeiten, rationales Denken, Erinnerungen nicht zugreifen
  • ich mache Fehler (u.U. bei Dingen, die ich sonst problemlos hinbekomme); Dinge gehen dann erst recht schief, unter Umständen spektakulär.

Überkompensation

Manchmal sind oder erscheinen kompensierende AD(H)Sler_innen organisierter, leistungsfähiger und disziplinierter als durchschnittliche neurotypische Menschen. Wenn wir hyperfokussieren, kann es heißen: „Aber du kannst dich doch konzentrieren, wenn dich was interessiert!“ (was gern unzutreffenderweise gleichgesetzt wird mit „… wenn du nur willst!“). Dass Hyperfokus nur begrenzt oder gar nicht willentlich steuerbar ist und viele von uns kaum oder gar keine Zwischenstufen zwischen „vollkommen offen für alles, was gerade unsere Aufmerksamkeit erregt“ und Hyperfokus haben, wird dann übersehen. Das bedeutet nicht, dass wir weniger aufmerksamkeitsgestört sind. Es kann heißen, dass wir gerade gut funktionieren, weil die Umstände günstig sind, weil uns etwas interessiert oder weil uns eine bestimmte intellektuelle Anforderung leicht fällt. Und es kann sein, dass wir mit der Anpassung über das Ziel herausschießen und ohnehin alles hundertzehnprozentig machen wollen, oder dass wir so sehr fürchten, die Kontrolle zu verlieren, dass wir ins andere Extrem fallen.

Überkompensation kann sich dann zum Beispiel manifestieren als

  • Perfektionismus
  • zwanghaftes Verhalten
  • sich ständig antreiben und unter Druck setzen
  • nicht zur Ruhe kommen

Kompensationsfaktoren und -strategien

Die folgenden Dinge sorgen dafür, dass mich mein Alltag weniger Kraft kostet und erleichtern mir, wenn nötig, das Kompensieren:

  • neurodivergenz-kompatible Umwelt (für mich heißt das: Ruhe, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeiten, wenig Anforderungen auf einmal, Gefühl von Überblick, Ordnung und Kontrolle) nimmt mir die Anforderung ab, überhaupt zu kompensieren.
  • Wenn etwas neu und spannend ist, kann ich mich gut darauf konzentrieren
  • (genuines, nicht verordnetes) Interesse an einer Sache
  • Selbstorganisationstechniken und bewußtes (aber mir gemäßes) Zeitmanagement
  • Struktur schaffen – Struktur und Überblick helfen mir, sortiert und fokussiert zu bleiben; „mich sortieren“ (z.B. durch das Schreiben von Listen oder Plänen) ist ein konstruktiver Umgang mit mentalem Overload (der allerdings Zeit kostet).
  • Bewußt eingesetzte Zeitstruktur, Zeitkontingentierung
  • Meditation und Entspannungsübungen können mich in einem gewissen Umfang fokussierter und organisierter machen. Sie können allerdings auch meine Reizempfindlichkeit erhöhen.
  • Sport und Musizieren sind Aktivitäten, die mir helfen, mich zu regenerieren bzw. die meine Konzentrationsfähigkeit verbessern. Ausdauersport ist eine gute Gelegenheit, psychische Anspannung abzubauen.
  • In gutem Kontakt mit meinem Körper zu sein und auf körperliche Bedürfnisse (Essen, Trinken, Ruhe, Schlaf, Bewegung) zu achten, ist ein Resilienzfaktor; das hilft mir, fokussierter und „sortierter“ zu sein und mich weniger zu erschöpfen.

Schlusswort

Menschen, die sich ihrer neuro-atypischen Veranlagung nicht bewußt sind, (über)kompensieren oft automatisch und schieben den Verdacht, ihre Schwierigkeiten mit bestimmten Dingen könnten am Nervensystem liegen, weit von sich. Ich habe von wenigen Menschen so abwehrende Reaktionen auf meine Auseinandersetzung mit (meinem) AD(H)S bekommen wie von denen, bei denen ich vermute, sie könnten ebenfalls betroffen sein.

Ich halte Kompensation bis zu einem gewissen Grade für unvermeidlich, wenn eins in einer Welt zurechtkommen will, in der die Norm immer noch „neurotypisch“ heisst. Wenn ich allerdings bewusst mit dem Umfang und der Art meiner Kompensation umgehe, kann ich sie auch konstruktiver gestalten, destruktive Strategien abbauen, an ihrer Stelle weniger schädliche wählen und verinnerlichte Abwertung Schritt für Schritt durch einen freundlicheren Umgang mit mir selbst ersetzen.

Was sind Meltdowns?

Nemo:

Ein Meltdown ist das, was ich immer vorsichtig „Anfall“ nenne. Natürlich gibt es Tage, an denen komme ich so gar nicht klar, an denen ich nur noch heulend im Bett liege. Aber das ist nur der Regen vor dem Sturm. Ich bin Schizophren. Das sagten mir die Ärzte als ich 15 war. Ich leide an einer Psychose, sagten sie zu meinen Eltern.

Alles kann ein Auslöser für meine „Anfälle“ sein, meistens braucht es gar keinen wirklichen Auslöser, das macht mein Kopf dann alles von alleine. Ich könnte sagen, dass er sich ankündigt, aber das schwere Gefühl in der Brust und das Rauschen in meinem Kopf sind schon so unerträglich, dass es ab da eh kein Zurück mehr gibt.

Das Schlimmste ist dann die Flucht, die Flucht vor dem, was um mich herum ist. Ob ich gerade in der Schule bin, auf der Arbeit oder unterwegs mit Freunden, der Anfall kennt keinen Respekt. Wenn ich in einer sozialen Situation fest hänge, beginnt mein Körper damit, hin und her zu schaukeln, leise flüstere ich „Ich will nach Hause“ immer und immer wieder.

Jetzt merke ich sowieso nicht mehr, was um mich herum geschieht. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich diese grausame Phase so lange gezogen, bis ich irgendwo allein war. Wie ich oder mein Körper das aushalten ist mir bis heute nicht klar.

Zwischen 4 Wänden kauere ich am Boden, zitternd und heulend. Mein Kopf ist wie leer gefegt, dennoch höre ich Stimmen, die mir zurufen, was für ein schreckliches Wesen ich bin, dass mir etwas fehlt, dass ich nie hätte geboren werden sollen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schreie oder es sich nur so anfühlt.

Mein ganzer Körper schmerzt, als würde eine schwarze, brennende Masse sich unter meine Haut pressen und in jede einzelne Ader eindringen. Auf einmal quält mich jeder schmerzhafte Gedanke auf einmal, um mich herum seh ich nichts mehr, nur dunkle Schatten und Wände. Ich kann mir jetzt nicht mehr vorstellen, dass ich noch eine weitere Sekunde überlebe, während der nächste Atemzug mehr von dieser schwarzen Masse unter meine Haut lässt.

Oft schlage ich mich, raste aus und renne gegen die Wände, laufe im Kreis wie eine angestochene Sau, panisch und ziellos. Dann setzt die Tetanie ein. Meine Gliedmaßen verkrampfen sich. Wirklich merken tue ich das nicht, zu dem Zeitpunkt bin ich viel eher damit beschäftigt, mich mit meinen Gedanken im Kreis zu drehen. Zu versuchen, die von allen Seiten angeschossen kommenden Worte und Bilder irgendwie zu verarbeiten. Ich lande wie ein getroffener Vogel plump auf dem Boden, mein ganzer Körper wie in sich selbst gewickelt, verkrampft ringe ich nach Luft. Die Zuckungen wirken von außen sicher beängstigend, aber mich sieht ja niemand, vielleicht bilde ich mir das alles nur ein – der letzte Gedanke, zu dem ich dann nach Stunden irgendwann aus Erschöpfung einschlafe, oder auch das Bewusstsein verliere.


Lian:

Meltdowns definiere ich für mich über den Kontrollverlust. Ich kann nicht richtig denken und meine Handlungen kaum oder gar nicht steuern.

Ich bekomme Meltdowns als Reaktion auf Enttäuschungen, Frustration, Angst, Trauma-Trigger, allgemeine emotionale Belastung, Reizüberlastung, Stress und vieles andere. Ich erkenne meine Meltdowns stark in der Beschreibung anderer Autist*innen wieder.

Für mich bestehen Meltdowns aus 3 Stufen:

1) Vorstufe: Manchmal bahnt sich der Meltdown über Stunden oder 1-2 Tage an. Dann fühle ich mich unruhig, gereizt und bin sehr empfindlich. Alles ist unaushaltbar und nichts macht es besser. Ich nenne das „Ameisen unter der Haut“, weil ich nicht entkommen kann.

2) Zusammenbruch: Mein Gehirn hört auf, richtig zu funktionieren. Ich verbeiße mich an irgendeinem unangenehmen Thema, das gerade sehr präsent ist. Ich denke im Kreis. Ich bin davon überzeugt, dass es nie wieder besser wird. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Manchmal weine ich so heftig, dass ich mich davon übergeben muss.

In diesem Zustand mache ich oft anderen Menschen Vorwürfe, wenn ich davon überzeugt bin, dass sie „schuld“ sind. Manchmal blamiere ich mich auch öffentlich, z.B. indem ich meinen Meltdown live tweete. Ich bin oft verletzend gegenüber den Menschen, mit denen ich in diesem Zustand kommuniziere.

Ich bin überzeugt, dass meine Reaktion völlig angemessen und verhältnismäßig ist. Wenn mir z.B. mein Abendessen verbrannt ist, bin ich mir absolut sicher, dass ich ohne genau dieses Abendessen nie wieder glücklich sein kann, weil ich hungrig nicht schlafen kann, ohne Schlaf wird der morgige Tag furchtbar und alles danach wird auch schlimm und mein ganzes Leben wird nie wieder gut.

Der Zusammenbruch kann sich stundenlang hinziehen. Er ist extrem kräftezehrend und schädlich. Er zerstört Freundschaften und andere Beziehungen, lässt mich irrationale Entscheidungen treffen und bringt mich manchmal dazu, mich selbst zu verletzen.

Manchmal bekomme ich wie ein Zuschauer mit, was gerade passiert und wie irrational es ist. Vielleicht sehe ich die Lösung des Problems sogar genau vor mir. Ich kann aber den Lauf des Meltdowns trotzdem nicht beeinflussen und bin nicht in der Lage, die problemlösende Handlung umzusetzen.

3) Meltdown: Schließlich erreiche ich den völligen Meltdown, in dem ich den letzten Rest meiner Kontrolle verliere. Meistens kann ich diese Stufe verschieben, bis ich alleine bin. Manchmal zerschlage ich Gegenstände. Oft schlage ich mir gegen den Kopf oder auf die Oberschenkel, manchmal sitze ich auch einfach nur auf dem Fußboden und schaukele. Wenn ich es schaffe, setze ich mich in die Dusche und halte es dort aus. Ich verkrampfe und zittere am ganzen Körper. Ich kann nicht sprechen oder anderweitig kommunizieren.

Das dauert normalerweise nur einige Minuten. Wenn es ein schlimmer Meltdown ist, wiederholen sich aber Stufe 2 und 3 mehrmals im Wechsel.

Als Kind und Teenie habe ich mich während Meltdowns oft mit meinem Bruder gestritten. Es kam auch vor, dass ich körperlich aggressiv wurde. Als Kind verband ich Meltdowns mit einem Gefühl allumfassender, unhaltbarer, grundloser Wut. Mit der Zeit änderte sich das zu einem Gefühl bodenloser Verzweiflung.

Meltdowns sind der Grund, warum ich Angst vor alltäglichen Dingen wie Telefonieren, Terminen, sozialer Interaktion und anderen anstrengenden Situationen habe, die Meltdowns auslösen können.


projectenigma:

Ich habe neulich Meltdowns can be silent (Autism Spectrum Explained) [Übersetzung: Meltdowns können lautlos sein] gelesen. Dort schreibt Creigh, dass sich Meltdowns auch nach innen richten können. Also nicht nur Schreien, Dinge werfen, und ähnliches, sondern auch schlimme Gedanken und Gefühle gegen eine_n selbst.

Bei mir ist das fast nur so. Ich bin in der Situation oft daheim. Dann liege ich zum Beispiel im Bett. Dabei Gefühle von Selbsthass. Und Gedanken, alles hat keinen Sinn, ich bin schlecht, ich sollte mich von allen Leuten zurückziehen.

Oder ich stehe in der Küche und heule. Dabei auch ähnliche Gedanken, so die Küche ist Mist und ich werde daran nie etwas ändern können und ich bin schlecht und werde nie etwas hinbekommen.

Wenn Personen dabei sind, kann es auch sein, dass ich sie anmeckere. Tipps, was gut für mich sein könnte, funktionieren sowieso nicht. Das denke ich und sage das auch. Ständiges “Ich weiß nicht” kann auch so eine Aussage sein.

Häufig ist irgendeine Frustration, die von außen klein erscheint, der Anlass für eine solche Art Meltdown. Beim Gemüse-Schneiden in meiner Küche fallen zu viele Stücke davon auf den Boden. Ich bekomme sonst irgendetwas, was ich hinbekommen “sollte”, nicht hin. Oder ich bekomme von außen etwas gesagt, was mich frustiert. Egal, ob das berechtigt ist oder nicht. Oder ich bin schon sehr reizüberflutet und jemand spricht mich trotzdem an.

Was mir wirklich hilft, ist mir noch nicht so ganz klar. Wenn eine Person das ganze (mit) ausgelöst hat, ist es wohl meistens gut, wenn diese Person mich erst einmal in Ruhe lässt. Selbst wenn ich mit ihr_ihm “streite”. Dinge besprechen/klären geht besser hinterher. Denn währenddessen ist sowieso alles schlimm und falsch. Wenn eine Sache mich frustriert hat und das geht, z. B. bei Küchenarbeiten, kann es helfen, mir diese Arbeit abzunehmen. Wenn jemand es schafft, mir klarzumachen, dass etwas nicht so eilig und wichtig ist, kann das den auslösenden Druck und Frust absenken, so dass ich nicht noch tiefer “reinrutsche”. Dann kann es sein, dass ich mich manchmal recht schnell wieder erhole.

Manchmal sind Meltdowns bei mir kurz, nur ein paar Sekunden bis Minuten. Manchmal ist es länger, mit “Aufs” und “Abs”. Oft habe ich prinzipiell noch die Möglichkeit, mit einem kleinen Eck meines Verstandes mitzubekommen, was los ist, und mit Anstrengung z. B. irgendwie zu sagen, was helfen kann. Das dann aber nicht unbedingt freundlich und gut kommuniziert.

Hinterher ist das dann emotional weit weg. Ich habe nicht mehr so viel Verbindung zu dem, was war. Wenn ich im Meltdown jemand unfreundlich angegangen bin, fällt es mir schwer, das von mir aus anzusprechen, vor allem wenn das mündlich war. Es ist natürlich okay und gut, wenn andere mich dann darauf ansprechen, damit das geklärt werden kann.

Ist das nun Meltdown, was ich erlebe? Auch ohne ganz vollen Kontrollverlust? Auch wenn “nur” eine Weile meine Emotionen Wellen schlagen (Redewendung)?


Wir würden uns gerne noch weitere Berichte dieser Art wünschen, um sie in einem 2. Teil zu veröffentlichen! Ihr könnt sie an neuroqueer.blog@gmail.com schicken oder euch über unseren Twitter-Account mit uns in Verbindung setzen.