Vornamensänderung in geschlechtsneutrale Vornamen

Ich habe meinen Vornamen geändert. Eine Zusammenfassung dieses Artikels in Stichpunkte findet ihr weiter unten.

Nachdem ich den Gang über das Transsexuellengesetz (TSG) wegen des furchtbaren Therapeuten, an den ich geraten war, abgebrochen hatte, brauchte ich dringend einen alternativen Weg, um eine für mich aushaltbare Lösung zu finden.

Das Wichtigste war für mich, meinen richtigen Vornamen endlich überall benutzen zu können und den Deadname endgültig loszuwerden. Also entschied ich mich für den Weg über das Gesetz zur Änderung der Vornamen.

Das ist deutlich einfacher als der Gang übers TSG: Es ist nur ein Kurzgutachten von einer*m Psychotherapeut*in (oder Psychiater*in) nötig, ein Text über die Gründe für die Vornamensänderung, ein Führungszeugnis und natürlich die Aufklärung der zuständigen Beamten über nichtbinäre Geschlechter und die Rechtsprechung zu geschlechtsneutralen Vornamen.

Nach dem Abbruch der schädlichen „Therapie” wollte ich keine weitere Therapie mehr beginnen. Ich fragte mich herum und nahm schließlich Kontakt zu einer Psychotherapeutin auf, die sich bereit erklärte, mit mir nur so viele Sitzungen zu machen, wie zur Erstellung des Gutachtens notwendig wären. Sie rechnete mit 2-3 Sitzungen, wir brauchten 2.

Da sie keine Kassenzulassung hat, musste ich die Sitzungen und das Kurzgutachten privat bezahlen, das blieb insgesamt aber noch unter 200 €. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Preis für das Kurzgutachten, aber es war wirklich wenig, ich glaube 20 € oder so.

Mit der Psychotherapeutin hatte ich wirklich Glück. Sie war sehr respektvoll und verständnisvoll. Wir redeten über mein Geschlecht, meine Neurodivergenzen und meine Trauma-Erfahrungen.

Die Trauma-Erfahrungen waren deshalb ein Thema, weil ich die Begründung für die Vornamensänderung zweigleisig aufgebaut habe: Grund 1 war mein nichtbinäres Geschlecht, Grund 2 war die Verbindung meines Vornamens mit meinem Trauma.

ProjectEnigma erstellte ein Dokument mit einer Zusammenfassung von Gesetzen und Urteilen zur Zulässigkeit geschlechtsneutraler Vornamen (Unisex-Namen). Einen Link hierzu findet ihr am Ende dieses Textes.

Ich ging bei meiner zuständigen Behörde vorbei und nahm zunächst nur dieses Dokument mit. Die Beamte zeigte sich verständnisvoll, aber unsicher zum Thema geschlechtsneutrale Vornamen, das Dokument war hier sehr hilfreich.

Die Beamte war nicht zufrieden damit, dass ich nur für das Kurzgutachten bei der Therapeutin war. Sie sagte, ich müsste eine Therapie machen. Dafür gibt es keine Rechtsgrundlage. Das Kurzgutachten muss ausreichend sein.

Ich hatte keine Energie, um auf meinem Recht zu beharren. Wir einigten uns darauf, dass es reichen würde, einen Bericht von meinem vorherigen Therapeuten vorzulegen, aus dem hervorging, dass ich trans bin. Dafür nahm ich den nächstbesten Bericht von meinem vorherigen Therapeuten her, der das Wort „Transsexualität” enthielt und zu 95% überhaupt nichts mit dem Thema zu tun hatte.

Danach brauchte ich eine Weile, bis ich alle nötigen Dokumente zusammen hatte, eine frisch erstellte Geburtsurkunde aus meinem Geburtsort, ein erweitertes Führungszeugnis und so weiter.

Wie schon erwähnt, baute ich meine Begründung für den Antrag zweiteilig auf. Ich beschrieb einerseits, dass ich meinen Vornamen mit Gewalterfahrungen verbinde und davon Abstand bekommen möchte. Andererseits erklärte ich, was ein nichtbinäres Geschlecht ist und warum der Weg über das TSG für mich nicht in Frage kommt.

Ich achtete darauf, die Probleme, die mir mein Ausweis-Vorname im Alltag bereitet, möglichst genau zu beschreiben. Ich verzichtete auf Beschönigungen.

Nach langem Überlegen habe ich mich entschieden, meine Begründung öffentlich zu machen. Bitte beachtet, dass dieser Text sehr persönlich ist. Er beinhaltet auch Beschreibung von Gewalterfahrungen. Ich zeige ihn hier nur, damit ihr eine Idee habt, wie so eine Begründung aussehen kann. Einen Link findet ihr am Ende dieses Posts.

Ein paar Wochen später packte ich alles zusammen und ging damit wieder bei der Behörde vorbei.

Danach dauerte es zwei Monate, in denen ich gar nichts hörte, dann kam die Bestätigung. Jetzt muss ich nur noch die Urkunde abholen und 125 € bezahlen.


Zusammenfassung

  • Für den Antrag ist ein Kurzgutachten nötig, das belegt, dass mir durch den Ausweis-Vornamen erhebliches psychisches Leid entsteht
  • Ich war zum Zeitpunkt der Antragstellung nicht in Therapie
  • Ich fand eine Privat-Therapeutin, die mit mir 2 Sitzungen machte, um das Kurzgutachten zu erstellen
  • Die Sitzungen und das Gutachten kosteten mich zusammen ca. 200 €
  • ProjectEnigma erstellte eine rein informative Übersicht über die Gesetze und Rechtsprechung zu geschlechtsneutralen Vornamen
  • Dieses Übersichts-Dokument gab ich bei der Behörde ab, nicht als Teil des Antrages, sondern zur Erleichterung des Prozesses
  • Die Behörde verlangte noch einen Bericht von meinem vorherigen Therapeuten, aus dem hervorging, dass ich trans bin
  • Das ist nicht rechtmäßig, da das Kurzgutachten der Privat-Therapeutin ausreichend ist, aber ich hatte nicht die Energie, mich zu widersetzen
  • Meinen Antrag begründete ich folgendermaßen:
    • Mein alter Vorname ist für mich untrennbar mit Trauma verbunden
    • Ich bin nichtbinär, daher ist das Transsexuellengesetz für mich ungeeignet
    • Mein Ausweis-Vorname bereitet mir im Alltag erhebliche Schwierigkeiten
  • Der Antrag war erfolgreich, es gab keine weiteren Probleme, es kostete mich 125 €
  • Gesamt-Kosten für den Vorgang unter 400 € (Kosten für neue Ausweise, Karten etc. nicht enthalten)

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Binder: Infosammlung

Binder sind eine Wissenschaft für sich. Weil sie auch nicht gerade billig sind, ist es schwierig, viele durchzuprobieren – und möglichst der erste sollte zufriedenstellend passen. Hier meine kleine Zusammenfassung von allem, was ich weiß, in der Hoffnung, dass es irgendwem was bringt.
Wenn ihr Erfahrungsberichte, Fragen, Hinweise, Anmerkungen und Ergänzungen habt, meldet euch! Ich werde auch gern den Artikel um mehr Infos (oder Links oder Fotos) erweitern.

Einige Infos vorneweg

  • Binder sind nicht gesundheitsschädlich. Ja, wenn ihr monatelang jeden Tag einen Binder tragt, wird sich das Gewebe anpassen und eure Brüste werden danach auch ohne Binder platt gequetscht aussehen. Das ist nicht gefährlich.
  • Zu enge Binder, billige Binder und Bandagen können sehr wohl gesundheitsschädlich sein! Das kann sogar soweit gehen, dass deine Knochen sich verschieben (!!!). Trage keinen zu engen Binder oder selbstgemachte Bandagen, und besonders nicht, wenn du noch nicht komplett fertig gewachsen bist!
  • Ein Binder sitzt richtig, wenn er die Brüste platt drückt, aber am Rest vom Körper nur gut anliegt. Er darf nirgendwo anders quetschen. Fettgewebe in Form schieben ist okay – Striemen hinterlassen oder wirklich Druck ausüben ist NICHT okay.
  • Es ist möglich, in einem Binder unbehindert zu atmen. Wenn du in deinem Binder nicht gut atmen kannst, trägst du den falschen Binder. Wähle eine größere Größe oder einen Binder aus elastischem Material.
  • Sport-BHs haben eine andere Funktion als Binder. Um die Brüste platt zu drücken, muss oft eine sehr kleine Größe gewählt werden, und das ist gesundheitsschädlich.
  • Binder funktionieren nicht für alle. Manche Leute mögen den Druck auf der Brust nicht. Andere Leute bekommen von einem stramm sitzenden Binder einen Juckreiz, der sie sehr stört. Manche Leute können sich an diese Dinge gewöhnen, andere nicht.
  • Binder sind keine Pflicht. Nein, auch ein Transmann muss keinen Binder tragen, wenn er das Gefühl nicht mag, sich keinen leisten kann oder aus irgend einem anderen Grund eben keinen Binder trägt. Deal with it.
  • Um die Größe für den Binder zu messen, … nein, ich gebe auf. Du musst auf der Website des Herstellers schauen, weil sie alle ihre eigenen Maßtabellen und Messsysteme haben. Manche wollen, dass du an der weitesten Stelle der Brust misst, andere wollen, dass du oberhalb der Brust misst, andere wollen den Wert von unterhalb der Brust. Viel Glück.

Einige Hersteller/Händler

Hilfreiche Links

Ich würde so gern Binder tragen, aber…

  • …ich habe das Gefühl, keine Luft zu bekommen / fühle mich eingeengt: Wähle einen halb langen Binder aus dünnerem, elastischen Material (je kürzer, desto besser), z.B. Danae Trans-Vormer Basic, und geh vielleicht eine Größe hoch. Die Brust wird dann ggf. nicht ganz so flach wirken. Unter Umständen ist aber auch ein Binder mit Klettverschluss sinnvoll (z.B. T-Kingdom 1480 oder Danae mit Klettverschluss), der sich bei Bedarf lockern lässt.
  • …es sieht komisch aus, macht komische Wulste: Versuch mal, eine Größe hochzugehen (ja). Das passiert meist bei großen Brüsten. Mit einem größeren Binder hast du mehr Spielraum, um das Gewebe in Form zu bringen. Zusätzlich kann es hier sinnvoll sein, einen langen Binder zu wählen.
  • …ich bin nicht so gelenkig und kann mir so etwas enges nicht über den Kopf ziehen: Binder, die einen Verschluss auf der Vorderseite haben, sind sehr leicht anzuziehen.

Auswahl des richtigen Binders

  1. Verschlussart

    Die Verschlussart bestimmt, die einfach oder schwer der Binder angezogen werden kann, wie stramm er sitzen kann und wie er ggf. durch die Kleidung hindurch zu sehen ist.

    1. Reißverschluss
      Vorteile: Mit einem Reißverschluss (bei Danae auf der Vorderseite) ist der Binder sehr einfach anzuziehen. Er kann auch relativ fest verarbeitet werden und dadurch sehr stramm sitzen, ohne beim Anziehen ein zu großes Problem darzustellen.
      Nachteile: Ein Binder mit einem Reißverschluss ist nicht verstellbar. Er passt entweder, oder eben nicht. Außerdem ist der Reißverschluss durch dünne Kleidung zu sehen. Der Ausschnitt sitzt auch oft sehr weit oben, sodass er nur unter Shirts mit sehr engem Ausschnitt verschwindet.
    2. Klettverschluss
      Vorteile: Mit einem Klettverschluss (Bei T-Kingdom unter der Achsel, bei Danae auf der Vorderseite) ist der Binder einstellbar. Er kann stramm angelegt werden oder bei Bedarf gelockert werden. Es ist auch festes Material verwendbar. Er passt sich an die Körpergröße an. Der Verschluss unter der Achsel ist nur bei ärmellosen oder sehr engen Shirts ein optisches Problem. Außerdem kann der Klettverschluss helfen, sehr widerspenstige Brüste in Form zu drücken, weil er auch schräg geschlossen werden kann.
      Nachteile: Das Schließen des Klettverschlusses unter der Achsel kann ohne Hilfe in eine ziemliche Fummelei ausarten. Ich fand es sehr anstrengend. Auf der Vorderseite ist es allerdings ziemlich einfach.
    3. Häkchen
      Vorteile: Mit Häkchen (habe ich bisher nur unter der Achsel gesehen) lässt sich der Binder sehr einfach verschließen. Die Angelegenheit ist außerdem etwas flacher und weniger störend als ein Klettverschluss. Durch die Verschlussmöglichkeit kann er stramm sitzen und mit relativ weitem Ausschnitt geschnitten werden, sodass er optisch kaum stört.
      Nachteile: Wenn nur eine Reihe Häkchen gesetzt ist, ist der Binder nicht einstellbar.
    4. Kein Verschluss – zum Überziehen
      Vorteile: Ein Binder ohne Verschluss verschwindet unter den meisten Shirts, auch unter ärmellosen Hemden. Es gibt Menschen, die sie einfacher zum Anziehen finden – das ist nicht meine Erfahrung.
      Nachteile: Ich finde sie verdammt schwer anzuziehen. Wenn ein Binder ohne Verschluss stramm sitzen soll, ist es für mich eher schmerzhaft, ihn über die Arme zu ziehen. Wenn er groß genug ist, damit ihn bequem anziehen kann, quetscht er mir nicht genug, um ihn unter einem T-Shirt zu tragen. Weiterhin ist er ebenfalls nicht einstellbar. Die Größe muss das Optimum zwischen „Ich kann ihn anziehen“ und „Er macht die Brüste platt“ sein – das heißt viel Durchprobieren.
      Hinweis: Manchmal wird empfohlen, diese Binder „von unten“ anzuziehen, also mit den Beinen zuerst. Wie das gehen soll, ist mir völlig unverständlich, weil ich nach wenigen Zentimetern auf unüberwindbare Hüftknochen stoße. Aber vielleicht bringt es ja wem was.
  2. Größe

    Selbstredend ist die Größe des Binders ein wichtiger Faktor. Welche Größe optimal ist (eher die größere oder die kleinere?) hängt sehr von der Verarbeitungsart des Binders ab. Insbesondere die Verschlussart spielt eine große Rolle.

    Bei einstellbaren Verschlussarten (Klettverschluss oder Häkchen mit mehreren Reihen) besteht viel Spielraum und der Binder kann an den eigenen Körper optimal angepasst werden.

    Aufpassen: Wenn der Binder zu klein ist, wirst du ihn trotzdem nicht anziehen können!

    Ein Binder ohne Verschluss, der zu klein ist, lässt sich nicht anziehen.
    Nein, auch nicht mit Luft Anhalten und Quetschen und ziehen. Du wirst ihn nicht über bekommen. Punkt.

    Verschiedene Hersteller bieten verschiedene Größen an. Was beim einen Hersteller S heißt, heißt beim anderen XS oder M. Im Zweifelsfalle nachmessen und die Größentabelle des Herstellers anschauen!
    Der kleinste Binder, den ich bisher gefunden habe, ist Größe XXS von gc2b, bei 71 cm Brustumfang (ich würde sogar sagen, eher kleiner, aber das steht halt in der Größentabelle). Die größten Binder, die ich bisher gesehen habe, finden sich bei Underworks und gehen bis über 140 cm Brustumfang.

  3. Waschen

    Manche Binder lassen sich nur mit der Hand waschen. Von Underworks habe ich gelesen, dass sie ziemlich zerfleddern, wenn sie mit der Maschine gewaschen werden.
    Gc2b empfiehlt Handwäsche, schreibt aber gleich dazu, dass du den Binder auch in die Maschine werfen kannst.
    Die Binder von Danae gehen ebenfalls in die Waschmaschine.
    Falls möglich, ist es natürlich schonender, einen Binder mit der Hand zu waschen. Er wird dann einfach länger halten.

  4. Material und Verarbeitungsart

    Die Materialien und Verarbeitungen, die ich bisher kennengelernt habe, sind folgende:

    1. Elastisches Material ohne Stütznähte (z.B. Danae Trans-Vormer Basic)
      Binder aus elastischem Material ohne Stütznähte sind sehr gut geeignet, um sie einfach überziehen zu können. Der Effekt wird entsprechend geringer ausfallen, dafür ist der Tragekomfort sehr hoch.
    2. Das Modell Brustpanzer (z.B. T-Kingdom Model 1480)
      Das Modell Brustpanzer besitzt an der Vorderseite einen sehr steifen, unelastischen Teil aus sehr dickem Material. Dieser kann Unebenheiten etc. sehr gut kaschieren.
    3. Unelastisches, dünnes Material (z.B. die 5-Euro-Ebay-Variante)
      Billiges Zeug. Sie sind aber nur genau dann ungefährlich, wenn du ganz tief einatmen kannst, ohne Widerstand zu spüren. Das bedeutet auch, dass solche billigen Binder nur ungefährlich sind, wenn sie die Brüste nur ein bisschen abbinden.
    4. Festes, mehrlagiges Material mit Stütznähten (z.B. gc2b), bzw. einfach sehr festes Material (Danae mit Option „extra fest“)
      Binder, die sehr fest verarbeitet sind, sind entsprechend schwierig anzuziehen. Der Effekt ist dafür besser. Es fühlt sich meiner Meinung nach aber auch sehr einengend an. Wenn du das Gefühl hast, in deinem Binder keine Luft zu kriegen, wähle dünneres Material. Der Vorteil von Stütznähten ist, dass sie die Brüste besser in Form halten und ein Verrutschen behindern.
    5. Fest verarbeitetes, aber immer noch elastisches Material (z.B. Danae Trans-Vormer Sport)
      Angenehm zu tragen bei gleichzeitig vernünftigem Effekt, wenn du Glück hast. Wenn du Pech hast, kann es die Brüste wie ein Sport-BH nach oben schieben und funktioniert gar nicht. Bei Rückenproblemen und Problemen mit engen Kleidungsstücken würde ich so einen Binder zuerst probieren.
  5. Länge des Binders

    1. Volle Länge bis über den Hosenbund
      Lange Binder eignen sich besonders gut, um ihn ohne etwas darüber anzuziehen. Bei dicken bzw. fetten Menschen kann ein langer Binder zusätzlich die Hüften ein wenig zusammendrücken und somit für eine geradere Körperform sorgen, die maskuliner wirkt. Außerdem ist kein ggf. abstehender Rand auf dem Bauch zu sehen und der Binder neigt weniger stark zum Verrutschen.
      Ein weiterer Vorteil ist, dass lange Binder im Winter sehr warm sind – der Nachteil ist, dass sie im Sommer ebenfalls ziemlich warm sind.
      Ein Nachteil kann sein, dass sie auch ziemlich auf den Bauch drücken. Ich fühle mich in einem langen Binder sehr eingeengt und habe das Gefühl, schlecht atmen zu können. Außerdem ist ein langer Binder ohne Verschluss natürlich noch schwieriger anzuziehen als ein kurzer.
    2. Kürzerer Binder, halbe Länge
      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es einfach ist, sich vom BH auf einen kurzen Binder umzugewöhnen.
      Sie können weder Bauch noch Hüften in Form drücken, was je nach Vorliebe ein Vorteil oder ein Nachteil sein kann.
      Je nach Material kann ein kurzer Binder auch gut als Ersatz für ein Bikini-Oberteil geeignet sein.
  6. Brustgröße und Brustform

    Die Größe und Form der Brust ist natürlich ausschlaggebend für die Wahl des Binders. Kleine Brüste und Brüste mit breiter Wurzel, die von sich aus bereits weit hinter der Achsel verschwinden, sind am einfachsten zu kaschieren – hier würde ich empfehlen, Verschluss und Verarbeitungs-Art des Binders nach Tragekomfort auszuwählen. Bereits ein kaum drückender Binder aus elastischem Material kann einen ausreichenden Effekt erziehen. (Denkt dran: Der Brustkorb von Leuten ohne Boobs ist auch kein Brett. Eine kleine Wölbung erzielt einen natürlichen Effekt.)

    Die Binder von gc2b sollen auch für große Brüste gut geeignet sein. Generell gilt für große Brüste, dass kleiner (enger) nicht unbedingt besser ist, weil es dann keinen Spielraum mehr gibt, um das Gewebe in Form zu schieben.

    Bei Brüsten jeder Form und Größe gilt: Das Zurechtrücken des Gewebes nach dem Anziehen ist die halbe Miete! Dazu solltest du unter den Achseln unter den Binder greifen und die Brüste nach außen und unten schieben.
    Es gibt auch sehr „widerspenstige“ Brüste, die sich kaum zurechtrücken lassen bzw. sehr schnell wieder ausbrechen.
    Je nach Schnitt des Binders und Körperform kann es auch sein, dass der Binder die Brüste gar nicht abbindet oder sie sogar nach oben schiebt und noch prominenter macht. Das ist insbesondere ein Risiko, wenn der Binder keine Stütznähte hat, die die Brüste in Form bringen (z.B. Danae). Binder mit Stütznähten oder einem rauhen Innenmaterial (z.B. gc2b) können helfen, ein Verrutschen des Gewebes zu verhindern.
    Wahrscheinlich ist in so einem Fall ein maßgeschneiderter oder angepasster Binder die beste Wahl.
    Wenn du mit dieser Problematik Erfahrungen hast und eine Lösung gefunden hast: bitte sag mir, welche das war!

  7. Lieferzeit

    Wer schnell und am besten vorgestern einen Binder will, sollte nicht unbedingt aus den USA bestellen. Erfahrungsgemäß kommen Artikel aus Asien innerhalb von 1-2 Wochen, aus der EU binnen weniger Tage. Auf Bestellungen aus den USA hab ich schon monatelang gewartet. Das ist auch in Hinsicht auf möglichen Umtausch des Artikels zu beachten.

  8. Preis

    Binder sind leider ziemlich teuer. Die 5-Euro-Ebay-Variante lohnt sich nicht, da du mit deiner Gesundheit vermutlich einen höheren Preis bezahlst. Viel Unterschied gibt es bei den Bindern nicht – zusammen mit Versandkosten war ich immer bei um die 50 Euro. (An dieser Stelle der freundliche Hinweis: Wenn du einen Binder hast, den du nicht trägst, schenke oder verkaufe ihn weiter – viele von uns haben wenig Geld und haben große Schwierigkeiten, die 50€ für einen neuen, professionellen Binder auszugeben.)

Fotos und Erfahrungsberichte

High Performance Velcro Short von Lesloveboat (Juya), Größe L

bei einer BH-Größe von ca. 70E (ungefitted hätte ich wohl 75B/C getragen)

Toll: fühlt sich erträglich an.

Nervig: Der festere Stoff geht nicht über die gesamte Vorderseite, sondern endet kurz unter dem Halsausschnitt. Es ist deswegen sehr leicht, die Brüste oben herauszudrücken, wenn der Klettverschluss nicht unten deutlich weniger eng ist als oben. Dadurch steht der untere Teil aber zu weit ab und macht auch unter weiterer Kleidung eine deutliche Kante.

Der Klettverschlussteil auf der Seite ist extrem fest/dick und saß bei mir so, dass er ganz stark auf die Rippen drückte, wenn ich zB ein bisschen zusammengekauert dasaß.
Während ich den Klettverschluss meistens eng/in der Mitte zumachte, fühlte sich der Binder an den Schultern zu eng an, egal wie locker er war. Also: Nervig bewegungseinschränkend. Andererseits hatte ich nie Verspannungen (wie mit falsch sitzenden Sport-BHs immer).
Die Brüste ließen sich praktisch gar nicht in Form schieben.

Danae Trans-Vormer 102 Basic

BH-Größe ca. 65 B-C

danaebasic
Kein Verschluss, halbe Länge. Das Material ist sehr elastisch und weich. Dieser hier ist mir eigentlich ein bisschen zu groß (Größe S), aber der Effekt ist trotzdem okay. Den trage ich an Tagen, an denen ich mit dem Druckgefühl nicht klarkomme.

Danae Trans-Vormer 104 Sport

BH-Größe ca. 65 B-C

danaesport
Reißverschluss vorne, halbe Länge (Größe XS). Das Material ist immer noch elastisch, der Binder gibt sehr guten Halt und einen guten Plättungs-Effekt. Durch den Reißverschluss nur unter schlabberigen Oberteilen schön.

Danae Trans-Vormer 103 Singlet, Option Extra Fest

BH-Größe ca. 65 B-C

danaelangextrafest
Langer Binder ohne Verschluss, mit der Option „Extra fest“, Größe XS. Das Material ist sehr steif und gerade so elastisch, dass ich es aus- und anziehen kann. Nur für sehr gelenkige und leidensfähige Menschen zu empfehlen. Nächstes Mal werde ich entweder eine Größe größer nehmen oder kein extra festes Material.

T-Kingdom 1480

BH-Größe ca. 65 B-C

tkingdom1480
Klettverschluss unter der linken Achsel. Das Material auf der Brust ist sehr steif und fest – ein Brustpanzer.

Billigzeug

BH-Größe ca. 65 B-C

ebay
Billiger Noname-Binder von Ebay, der mir unvermutet gut passt. Der Verschluss ist eine Reihe Häkchen. Das Material ist dünn und unelastisch. Ich kann ihn nur deshalb tragen, weil er zwar eng genug ist, um meine Brüste abzudrücken, aber ansonsten weiter ist als mein Körper. Das bedeutet, dass der Effekt nicht besonders gut ist und dass der Binder am Bauch absteht.

Empathie

(Das Video ist nicht Wort für Wort identisch, hat aber den gleichen Inhalt.)

In diesem Text werde ich Erklären, was Empathie ist, welche Formen von Empathie es gibt und dass Menschen ohne Empathie genauso wertvoll und menschlich sind wie Menschen mit Empathie. Das soll kein wissenschaftlicher Text werden, sondern eine Erklärung, um das Thema besser verstehen und besser damit umgehen zu können.

Wenn wir über Empathie reden, dann tun wir oft so, als wäre ganz klar, was Empathie überhaupt ist. In Wirklichkeit besteht Empathie aber aus ganz vielen Einzelteilen und nicht alle Menschen erleben jeden Teil davon.

Es gibt viele wissenschaftliche Texte, die Empathie in verschieden viele Teile aufteilen und diesen Teilen komplizierte Namen geben. Manche Aufteilungen benutzen den gleichen Namen für verschiedene Dinge. Empathie ist also offensichtlich gar nicht so einfach! Ich nehme hier meine eigene Aufteilung vor und gebe den Teilen einfachere Namen.

 

Was gehört zu Empathie dazu?

Gefühls-Erkennung

Viele Menschen erkennen ganz automatisch die Gefühle von anderen Menschen. Körpersprache, Tonfall, Bewegungen und Gesichtsausdrücke sind nonverbale Signale, die viele Menschen verstehen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Manchen Menschen (z.B. Autist*innen) fällt das schwer. Sie können vielleicht nur einfache und offensichtliche Gefühle erkennen. Andere Menschen können Gefühle gar nicht erkennen und müssen nachfragen, um zu wissen, wie sich jemand fühlt. Nicht alle Menschen können erkennen, wann sie nachfragen müssen. Manche Menschen können auch gar nicht fragen.

Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, Gefühle bei anderen zu erkennen, werden oft als abweisend oder ignorant wahrgenommen.

Wenn du willst, dass jemand anders deine Gefühle kennt, ist es deswegen oft zuverlässiger, einfach zu sagen, was du fühlst.

Die Gefühls-Erkennung kann erschwert werden, wenn die andere Person eine andere Körpersprache hat oder in einem ungewohnten Tonfall spricht. Zum Beispiel haben viele Autist*innen eine Körpersprache, die nicht-autistische Menschen nicht gut verstehen können. Manche Menschen lachen, wenn sie aufgeregt sind, was nicht mit Freude verwechselt werden sollte. Solche Dinge führen dazu, dass neurodivergente Menschen oft missverstanden werden.

Auch andere Behinderungen können diese nonverbalen Signale beeinflussen. Zum Beispiel kann es sein, dass Schmerzen oder Lähmungen zu einer Körperhaltung oder zu Bewegungen führen, die fälschlicherweise als Körpersprache verstanden werden. Eine Person, die noch nie sehen konnte, hat vielleicht auch nie Gesichtsausdrücke gelernt.

Auch in solchen Fällen kann es helfen, klar zu kommunizieren und nachzufragen.          

Gefühls-Übertragung

Wenn Menschen die Gefühle von anderen Menschen erkennen, kann es sein, dass sie die gleichen Gefühle selbst spüren. Die Gefühle werden also sozusagen von einer Person zur anderen „übertragen“.

Viele Menschen merken überhaupt nicht, wenn das passiert. Dann kann es sein, dass sie sich plötzlich traurig oder wütend fühlen, ohne zu wissen, dass sie das Gefühl von jemandem anders übernommen haben. Manche Menschen haben Probleme damit, eigene Gefühle zu erkennen (Gefühlsblindheit). Für sie kann Gefühls-Übertragung besonders verwirrend sein, da sie nicht nur nicht wissen, was sie fühlen, sondern auch nicht wissen, ob es ihr eigenes Gefühl ist oder von jemandem anders kommt.

Manche Neurodivergenzen (z.B. Borderline) können Menschen extrem empfänglich für Gefühle von anderen Menschen machen.

Diese Gefühls-Übertragung kann hilfreich sein, um andere Menschen zu verstehen und intuitiv herauszufinden, was sie gerade brauchen.

Nicht alle Menschen erleben diese Form von Gefühls-Übertragung. Auch das kann ein Vorteil sein, da es dadurch leichter sein kann, Menschen zu helfen, denen es schlecht geht, ohne selbst darunter zu leiden.

Gefühls-Erkennung ist Voraussetzung für diese Art von Gefühls-Übertragung. Wenn das Erkennen der Gefühle nicht klappt, kann die Übertragung auch nicht stattfinden.

Stellvertretendes Mitgefühl

Stellvertretendes Mitfühlen ist anders als Gefühls-Übertragung, da es absichtlich passiert, wenn jemand sich in eine andere Person hinein versetzt. Auf diese Weise kann man sich vorstellen, wie eine andere Person sich fühlt. Manche Menschen erfahren dadurch starke Gefühle.

Stellvertretendes Mitgefühl ist es zum Beispiel, wenn ich ein Kind auf einer Schaukel sehe und Freude empfinde, weil ich mir vorstelle, an Stelle des Kindes selbst auf der Schaukel zu sitzen. Ein anderes Beispiel ist, wenn sich jemand sich in den Finger schneidet und eine andere Person „aua“ sagt, weil sie sich vorgestellt hat, wie sich das anfühlen muss.

Um mit jemandem mitfühlen zu können, muss man nicht erkennen, wie die andere Person sich fühlt. Stattdessen basiert das Mitgefühl auf dem Erkennen der Situation.

Natürlich ist das Gefühl, das durch diese Art von Mitfühlen erzeugt wird, nicht immer das gleiche wie das, was die andere Person fühlt. Zum Beispiel kann das Kind auf der Schaukel in Wirklichkeit traurig sein, was ich nicht bemerken würde.

Nicht alle Menschen können mit anderen Menschen mitfühlen. Mitfühlen ist eine Art von Gefühls-Antwort.

Gefühls-Antwort

Gefühls-Antworten sind Gefühle, die Menschen als Reaktion auf die Gefühle oder Erlebnisse von anderen Menschen (oder auch Tieren oder Gegenständen) haben.

Es ist zum Beispiel eine Gefühls-Antwort, wenn ich mich freue, weil eine Freundin von mir einen Test bestanden hat, vor dem sie Angst hatte. Meine Freundin spürt in diesem Moment vielleicht etwas ganz anderes: Vielleicht hat sie Angst vor dem nächsten Test oder ist einfach nur müde. Eine Gefühls-Antwort ist also ein eigenes Gefühl, das sich auf jemanden anders bezieht.

Eine Gefühls-Antwort ist es zum  Beispiel auch, sich schlecht zu fühlen, nachdem man versehentlich jemanden verletzt hat oder besorgt zu sein, wenn es jemandem anders nicht gut geht.

Gefühls-Antworten können unfreiwillig entstehen und sehr intensiv sein. Mitleid würde ich als Gefühls-Antwort einordnen.

Viele Menschen, die Gefühle anderer schlecht erkennen oder keine Gefühls-Übertragung erleben, haben trotzdem Gefühls-Antworten. Aber es gibt auch Menschen, die überhaupt keine Gefühls-Antworten haben, wie zum Beispiel viele Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung.

 

Empathielosigkeit ist genauso menschlich wie Hyper-Empathie

Empathielosigkeit ist kein Schimpfwort.

Empathie ist keine einheitliche Erfahrung, sondern geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen und auf verschiedene Arten und Weisen.

Nur eine ganz bestimmte Menge und ganz bestimmte Arten, Empathie zu erleben, gelten als „normales“ Erleben neurotypischer Menschen.

Viele neurodivergente Menschen erleben Empathie anders als neurotypische Menschen. Viele von uns erleben Empathie nur teilweise. So gibt es zahlreiche Menschen, die keine Gefühls-Übertragung erleben, aber sehr wohl Gefühls-Antworten haben.

Andere von uns können nur bestimmte Gefühle empathisch wahrnehmen, weil zum Beispiel ihr eigenes Gefühls-Erleben gar nicht alle Gefühle beinhaltet.

Manche von uns erleben extrem starke Empathie, werden von empathischen Empfindungen, übertragenen Gefühlen, Mitleid und anderen Gefühls-Antworten geradezu überwältigt. Solche hyper-empathischen Menschen werden oft als „überempfindlich“ oder „zu sensibel“ angesehen.

Manche von uns empfinden auch überhaupt keine Empathie – weder Gefühls-Übertragungen noch Gefühls-Antworten jeglicher Form. Empathielose Menschen werden oft als gefühlskalte, manipulative Menschen ohne Gewissen angesehen.

Tatsächlich sind diese zahlreichen Arten, Empathie zu erleben oder eben nicht zu erleben, Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden – genauso wie Haarfarbe oder Schuhgröße. Es ist keine Voraussetzung für rücksichtsvolles Handeln, die Gefühle anderer Menschen verstehen oder nachempfinden zu können. Wer keine Reue und kein schlechtes Gewissen empfindet, verdient den gleichen Respekt und das gleiche Vertrauen wie Menschen, die für die Gefühle anderer Menschen empfänglicher sind.

Es gibt zahllose Gründe, andere Menschen gut zu behandeln. Empathie ist nur einer davon und Empathie allein reicht noch lange nicht aus, um zu gewährleisten, dass jemand andere Menschen nicht absichtlich verletzt.

Manche Menschen leiden darunter, dass sie zu viel oder zu wenig Empathie empfinden und es ist ihr gutes Recht, daran zu arbeiten.

Bewertet Menschen nach ihrem Handeln, nicht danach, was für Gefühle und Fähigkeiten sie haben oder nicht haben.

 

Neurodivergenz

Neurodivergent zu sein, bedeutet, dass unser Gehirn anders funktioniert, als üblicherweise als „normal“ angenommen wird. Das heißt nicht, dass wir „unnormal“ sind – aber wir werden oft so angesehen.

Das Gegenteil von neurodivergent ist neurotypisch. Das Gehirn von neurotypischen Menschen funktioniert so, wie das als „normal“ angesehen wird.

Neurodiversität ist ein ähnliches Wort, aber es hat eine etwas andere Bedeutung. Neurodiversität heißt, zu akzeptieren, dass manche Menschen neurodivergent sind und manche nicht und dass das ganz normal und gut so ist.

Weitere Begriffserklärungen gibt es hier (auf Englisch).

Hier ist eine Erklärung der Person, die das Wort Neurodivergenz erfunden hat (auch Englisch).

Einige Neurodivergenzen sind z.B. Psychosen, Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder Narzisstische Persönlichkeitsstörung, ADHS, Depressionen, Legasthenie, Epilepsie, Down-Syndrom und viele weitere.

Es ist egal, ob die Neurodivergenz schon immer vorhanden war oder erst später im Leben auftrat.

Eine Person kann auch mehrfach neurodivergent sein, das heißt, mehrere Neurodivergenzen gleichzeitig haben.

Neurodivergenz ist kein medizinischer Begriff. Es ist ein Wort, das wir benutzen, um uns miteinander auszutauschen und für unsere gesellschaftliche Anerkennung und gegen unsere Diskriminierung zu kämpfen.

Wenn du den Begriff für dich nicht passend empfindest, musst du dich nicht so nennen. Du darfst dich aber neurodivergent nennen, wenn du denkst, dass es auf dich zutrifft.

Das Wort Neurodivergenz ist wertungsfrei. Es sagt nichts darüber aus, ob die Neurodivergenz als belastend empfunden wird und Leidensdruck verursacht. Es sagt auch nichts darüber aus, ob und wie stark die Neurodivergenz zu einer Behinderung führt.

Es gibt Menschen, die alle oder einige ihrer Neurodivergenzen als unangenehm empfinden und am liebsten ohne sie leben würden. Es gibt andere Menschen, die alle oder einige ihrer Neurodivergenzen ganz okay finden und nichts daran ändern möchten.

Mit dem Begriff soll auch keine Abschaffung enger gefasster Räume erzielt werden. Es ist immer noch sinnvoll, z.B. Gemeinschaften nur für Autist*innen oder nur für Borderliner*innen zu haben.

Das alles heißt auch nicht, dass jetzt plötzlich „alle“ neurodivergent sind. Es gibt tatsächlich erschreckend viele Menschen, die sehr neurotypisch sind.

Es macht Sinn, diesen weit gefassten Begriff zu haben, weil viele unserer Probleme und Eigenschaften mehrere Gruppen von Neurodivergenten betreffen. Zum Beispiel betrifft exekutive Dysfunktion nicht nur Menschen mit ADHS, sondern auch Depressive, Schizophrene, Autist*innen und viele mehr.

Wir haben viele ähnliche Erlebnisse und machen ähnliche Erfahrungen. Zum Beispiel haben nicht nur Autist*innen Meltdowns und Shutdowns. Nicht nur Borderliner*innen haben Probleme mit emotionaler Regulierung. Nicht nur Depressive kämpfen mit Schlaflosigkeit oder lähmender Müdigkeit.

Außerdem sind wir praktisch alle von Behindertenfeindlichkeit (Ableismus), Neuro-Normativität, Diskriminierung und einem Mangel an Rücksicht und Hilfeleistungen betroffen.

Ein weiterer Vorteil dieses weit gefassten Begriffes ist, dass mehrfach neurodivergente Menschen nicht aus dem Raster fallen, wie das in enger gefassten Räumen leider oft der Fall ist.

Der Begriff ermöglicht mehr Selbstbestimmung und weniger Pathologisierung als medizinische Diagnosebegriffe. Es ist okay, deine Neurodivergenz(en) toll zu finden, egal zu finden und es ist auch okay, sie zu hassen. Es ist Raum für Selbstdefinition abseits von psychiatrischen Kategorien.

Es ist auch Raum für Menschen, die nicht wissen, wo oder wie sie genau hineinpassen. Nicht alle haben eine Diagnose oder auch nur eine grobe Ahnung, wie genau ihre Neurodivergenz heißt.

Mit einem gemeinsamen, inklusiven Kampf für Neurodiversität und für alle neurodivergenten Menschen ist es auch leichter, für Menschen mitzukämpfen, die aufgrund ihrer Behinderungen oder Stigmatisierungen keine großen eigenen Gemeinschaften haben.

Der Zusammenschluss als neurodivergente Menschen hilft (hoffentlich) auch, den weit verbreiteten lateralen Ableismus zu bekämpfen, bei dem verschieden neurodivergente Menschen sich gegenseitig diskriminieren, wie z.B. das „beliebte“ Schlechtreden von Persönlichkeitsstörungen durch Autist*innen.

(Falls die Haters das hier lesen: Darüber rege ich mich seit mindestens einem Jahr auf. Das ist also kein Seitenhieb gegen euch. Küsschen.)

Der zusammenfassende Begriff der Neurodivergenz ermöglicht es uns, weniger Ausschlüsse zu erzeugen, effektiver gegen Ableismus zu kämpfen und uns gegenseitig zu unterstützen. Ziemlich cool, oder?

Kompensation und Überkompensation

[Vielen Dank an @modern_dragon für diesen Gastbeitrag! – pe]

Kompensation und Überkompensation

Viele Menschen sind überrascht, wenn ich mich als AD(H)S-Betroffene zu erkennen gebe. Denn das Bild, das sie von AD(H)S haben, ist nur ein winziger Ausschnitt und nur eine der vielen Arten, wie sich diese spezielle Neurodivergenz manifestieren kann. Wenn in den Medien von AD(H)S die Rede ist, dann wird meistens das Stereotyp vom unkonzentrierten, hyperaktiven Grundschulkind, das mit seiner Unruhe seine Umwelt in den Wahnsinn treibt, zitiert; meistens wird nur an Jungen gedacht. Dass Konzentrationsschwierigkeiten und Hyperaktivität nur zwei von sehr vielen möglichen Symptomen sind und AD(H)S auch im Erwachsenenalter fortbesteht, wird ignoriert.

Ein zweiter Grund, warum ich üblicherweise nicht auffalle, ist meine Fähigkeit zur Kompensation. Um dieses Phänomen soll es in diesem Text hier gehen.

Was ich im folgenden schreibe, gilt wahrscheinlich auch für andere Neurodivergenzen, die mit emotionaler Dysregulation, Reizsensitivität und/oder exekutiver Dysfunktion einhergehen.

Was ist Kompensation eigentlich?

Die Wörterbuchdefinition (Der Kleine Wahrig. Wörterbuch der deutschen Sprache, München : dtv 1978) lautet: „kompensieren (med.): anatomische oder funktionelle Störungen eines Organes oder Organteiles durch gesteigerte Tätigkeit eines anderen Organs oder Organteiles ausgleichen.“

Kompensieren heißt also: Die Nachteile und Schwierigkeiten, die meine Neurodivergenz mit sich bringt, durch bestimmte Verhaltensweisen oder durch den Einsatz von mehr Energie und/oder Willenskraft ausgleichen.

Warum Kompensation nicht (immer nur) toll ist

Eins könnte ja jetzt denken: „Du kannst Deine Störung kompensieren (resp. dich manchmal, zeitweise oder fast immer so verhalten wie eine neurotypische Person)? Ist doch prima! Problem gelöst!“ Nicht ganz.

Kompensation kostet nämlich Kraft. Eins verbiegt sich, tut sich Gewalt an, treibt sich unglaublich hart an, um den Ansprüchen der Gesellschaft zu entsprechen. Kompensation heißt zumindest, dass mich Dinge (z.B. geistiges Arbeiten in unruhiger Umgebung) mehr Kraft kosten als neurotypische Menschen. Kompensation heißt, dass ich deswegen deutlich weniger Energiereserven habe und wesentlich schneller an die „ich kann nicht mehr”-Schwelle komme bzw. im Notfallmodus funktioniere. Kompensation heißt, dass mich dasselbe Arbeitspensum mehr erschöpfen kann als eine neurotypische Person (wenn Inhalt und Umstände der Arbeit mir nicht sehr entgegenkommen) und dass ich in der Folge auf die Dauer nicht so viel arbeiten kann.

Kompensationsstrategien können destruktiv sein. Dass ich in Bürojobs bis zu fünf Tassen starken Kaffee pro Tag trank, hatte nicht nur mit sozialem Jetlag zu tun, sondern war auch eine Art dysfunktionaler Selbstmedikation. Übermäßige Härte gegen sich selbst, Selbstabwertung und ständiges Sich-Antreiben führt zu Ruhelosigkeit, chronischer innerer Anspannung, kaputtem Selbstwertgefühl, dazu, sich nie eine Pause zu erlauben und in der Konsequenz Erschöpfung. Wenn mein Selbstwertgefühl daran hängt, wie viele unlustbesetzte Dinge ich bewältigen kann (weil das Beweisen, dass ich nicht faul, d*mm, undiszipliniert oder total verpeilt bin, ein wichtiger Teil meines Selbstbildes wurde), dann stelle ich Dinge, die mir Spaß machen und zur Regeneration beitragen, so oft hintenan, dass ich am Ende nie dazu komme.

Ein weiteres Beispiel ist das, was ich Notfallmodus nenne: Unter großem Druck kann ich nämlich kurzfristig (!) viel Energie mobilisieren und dadurch fokussiert und geistesgegenwärtig handeln. Im Grunde treibt mich die Notfallsituation in einen hyperfokussierten Zustand. Nur bleibt ein Notfall ein Notfall, und der damit verbundene Streß ist nichts, was ich immer haben muss. Bevor ich meine Diagnose bekam, wünschte ich mir oft, ich könnte diesen glasklaren Fokus und diese Effektivität, mit der ich unter großem Druck oft handeln kann, auch ohne den Druck haben. Mich einfach immer unter Stress zu setzen, wäre ein weiteres Beispiel einer destruktiven Kompensationsstrategie.

Ich weiß nicht, ob ich Hyperfokus als Kompensationsmechanismus zählen soll, da er sich meistens nicht absichtlich auslösen läßt. Hyperfokus hat seine Nebenwirkungen: Ich bin dann extrem auf Details fokussiert und vergesse das Große Ganze; Ich habe noch weniger Zeitwahrnehmung als normal; es fällt mir extrem schwer, auf eine andere Aufgabe umzustellen; ich merke oft körperliche Bedürfnisse nicht oder schiebe sie auf. Wenn ich aus dem Hyperfokus herauskomme, bin ich oft erschöpft und muß mich erstmal um meine körperlichen Bedürfnisse kümmern. In tiefem Hyperfokus arbeite ich sehr intensiv und habe danach oft keine große Konzentrationsfähigkeit oder exekutive Funktion mehr übrig.

Kompensationsstrategien funktionieren nicht immer. Manchmal versagt meine Kompensationsfähigkeit – unter Umständen unvorhergesehen. Dann hilft zum Beispiel kein gestellter Alarm, um mich pünktlich zu machen, ich vergesse meine Checklist, ich überhöre den Reminder, ich verliere mich in meinem Produktivitätssystem, oder ich kann mich partout nicht aufraffen, jetzt mit etwas anzufangen, das erledigt werden muß (auf das ich aber keine Lust habe).

Kompensationsstrategien kosten Zeit und Energie. Manche Dinge, die mir helfen, zu kompensieren, brauchen Zeit. Gerade die unschädlichen Strategien (etwa: Sport, Meditieren, gesundes Essen, … ) kosten auch etwas Energie, und wenn meine Energiereserven schon völlig aufgebraucht sind, ist das ein Problem.

Wenn das Fass voll ist

Wenn meine Kapazität, zu kompensieren, ihre Grenze überschritten hat, können unangenehme Dinge passieren:

  • Erschöpfung und depressive Zustände
  • Wutanfälle oder andere Gefühlsausbrüche
  • Panikanfälle
  • Blackouts, d.h. ich kann auf Erlerntes, sonst vorhandene Fähigkeiten, rationales Denken, Erinnerungen nicht zugreifen
  • ich mache Fehler (u.U. bei Dingen, die ich sonst problemlos hinbekomme); Dinge gehen dann erst recht schief, unter Umständen spektakulär.

Überkompensation

Manchmal sind oder erscheinen kompensierende AD(H)Sler_innen organisierter, leistungsfähiger und disziplinierter als durchschnittliche neurotypische Menschen. Wenn wir hyperfokussieren, kann es heißen: „Aber du kannst dich doch konzentrieren, wenn dich was interessiert!“ (was gern unzutreffenderweise gleichgesetzt wird mit „… wenn du nur willst!“). Dass Hyperfokus nur begrenzt oder gar nicht willentlich steuerbar ist und viele von uns kaum oder gar keine Zwischenstufen zwischen „vollkommen offen für alles, was gerade unsere Aufmerksamkeit erregt“ und Hyperfokus haben, wird dann übersehen. Das bedeutet nicht, dass wir weniger aufmerksamkeitsgestört sind. Es kann heißen, dass wir gerade gut funktionieren, weil die Umstände günstig sind, weil uns etwas interessiert oder weil uns eine bestimmte intellektuelle Anforderung leicht fällt. Und es kann sein, dass wir mit der Anpassung über das Ziel herausschießen und ohnehin alles hundertzehnprozentig machen wollen, oder dass wir so sehr fürchten, die Kontrolle zu verlieren, dass wir ins andere Extrem fallen.

Überkompensation kann sich dann zum Beispiel manifestieren als

  • Perfektionismus
  • zwanghaftes Verhalten
  • sich ständig antreiben und unter Druck setzen
  • nicht zur Ruhe kommen

Kompensationsfaktoren und -strategien

Die folgenden Dinge sorgen dafür, dass mich mein Alltag weniger Kraft kostet und erleichtern mir, wenn nötig, das Kompensieren:

  • neurodivergenz-kompatible Umwelt (für mich heißt das: Ruhe, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeiten, wenig Anforderungen auf einmal, Gefühl von Überblick, Ordnung und Kontrolle) nimmt mir die Anforderung ab, überhaupt zu kompensieren.
  • Wenn etwas neu und spannend ist, kann ich mich gut darauf konzentrieren
  • (genuines, nicht verordnetes) Interesse an einer Sache
  • Selbstorganisationstechniken und bewußtes (aber mir gemäßes) Zeitmanagement
  • Struktur schaffen – Struktur und Überblick helfen mir, sortiert und fokussiert zu bleiben; „mich sortieren“ (z.B. durch das Schreiben von Listen oder Plänen) ist ein konstruktiver Umgang mit mentalem Overload (der allerdings Zeit kostet).
  • Bewußt eingesetzte Zeitstruktur, Zeitkontingentierung
  • Meditation und Entspannungsübungen können mich in einem gewissen Umfang fokussierter und organisierter machen. Sie können allerdings auch meine Reizempfindlichkeit erhöhen.
  • Sport und Musizieren sind Aktivitäten, die mir helfen, mich zu regenerieren bzw. die meine Konzentrationsfähigkeit verbessern. Ausdauersport ist eine gute Gelegenheit, psychische Anspannung abzubauen.
  • In gutem Kontakt mit meinem Körper zu sein und auf körperliche Bedürfnisse (Essen, Trinken, Ruhe, Schlaf, Bewegung) zu achten, ist ein Resilienzfaktor; das hilft mir, fokussierter und „sortierter“ zu sein und mich weniger zu erschöpfen.

Schlusswort

Menschen, die sich ihrer neuro-atypischen Veranlagung nicht bewußt sind, (über)kompensieren oft automatisch und schieben den Verdacht, ihre Schwierigkeiten mit bestimmten Dingen könnten am Nervensystem liegen, weit von sich. Ich habe von wenigen Menschen so abwehrende Reaktionen auf meine Auseinandersetzung mit (meinem) AD(H)S bekommen wie von denen, bei denen ich vermute, sie könnten ebenfalls betroffen sein.

Ich halte Kompensation bis zu einem gewissen Grade für unvermeidlich, wenn eins in einer Welt zurechtkommen will, in der die Norm immer noch „neurotypisch“ heisst. Wenn ich allerdings bewusst mit dem Umfang und der Art meiner Kompensation umgehe, kann ich sie auch konstruktiver gestalten, destruktive Strategien abbauen, an ihrer Stelle weniger schädliche wählen und verinnerlichte Abwertung Schritt für Schritt durch einen freundlicheren Umgang mit mir selbst ersetzen.

Was sind Meltdowns?

Nemo:

Ein Meltdown ist das, was ich immer vorsichtig „Anfall“ nenne. Natürlich gibt es Tage, an denen komme ich so gar nicht klar, an denen ich nur noch heulend im Bett liege. Aber das ist nur der Regen vor dem Sturm. Ich bin Schizophren. Das sagten mir die Ärzte als ich 15 war. Ich leide an einer Psychose, sagten sie zu meinen Eltern.

Alles kann ein Auslöser für meine „Anfälle“ sein, meistens braucht es gar keinen wirklichen Auslöser, das macht mein Kopf dann alles von alleine. Ich könnte sagen, dass er sich ankündigt, aber das schwere Gefühl in der Brust und das Rauschen in meinem Kopf sind schon so unerträglich, dass es ab da eh kein Zurück mehr gibt.

Das Schlimmste ist dann die Flucht, die Flucht vor dem, was um mich herum ist. Ob ich gerade in der Schule bin, auf der Arbeit oder unterwegs mit Freunden, der Anfall kennt keinen Respekt. Wenn ich in einer sozialen Situation fest hänge, beginnt mein Körper damit, hin und her zu schaukeln, leise flüstere ich „Ich will nach Hause“ immer und immer wieder.

Jetzt merke ich sowieso nicht mehr, was um mich herum geschieht. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich diese grausame Phase so lange gezogen, bis ich irgendwo allein war. Wie ich oder mein Körper das aushalten ist mir bis heute nicht klar.

Zwischen 4 Wänden kauere ich am Boden, zitternd und heulend. Mein Kopf ist wie leer gefegt, dennoch höre ich Stimmen, die mir zurufen, was für ein schreckliches Wesen ich bin, dass mir etwas fehlt, dass ich nie hätte geboren werden sollen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schreie oder es sich nur so anfühlt.

Mein ganzer Körper schmerzt, als würde eine schwarze, brennende Masse sich unter meine Haut pressen und in jede einzelne Ader eindringen. Auf einmal quält mich jeder schmerzhafte Gedanke auf einmal, um mich herum seh ich nichts mehr, nur dunkle Schatten und Wände. Ich kann mir jetzt nicht mehr vorstellen, dass ich noch eine weitere Sekunde überlebe, während der nächste Atemzug mehr von dieser schwarzen Masse unter meine Haut lässt.

Oft schlage ich mich, raste aus und renne gegen die Wände, laufe im Kreis wie eine angestochene Sau, panisch und ziellos. Dann setzt die Tetanie ein. Meine Gliedmaßen verkrampfen sich. Wirklich merken tue ich das nicht, zu dem Zeitpunkt bin ich viel eher damit beschäftigt, mich mit meinen Gedanken im Kreis zu drehen. Zu versuchen, die von allen Seiten angeschossen kommenden Worte und Bilder irgendwie zu verarbeiten. Ich lande wie ein getroffener Vogel plump auf dem Boden, mein ganzer Körper wie in sich selbst gewickelt, verkrampft ringe ich nach Luft. Die Zuckungen wirken von außen sicher beängstigend, aber mich sieht ja niemand, vielleicht bilde ich mir das alles nur ein – der letzte Gedanke, zu dem ich dann nach Stunden irgendwann aus Erschöpfung einschlafe, oder auch das Bewusstsein verliere.


Lian:

Meltdowns definiere ich für mich über den Kontrollverlust. Ich kann nicht richtig denken und meine Handlungen kaum oder gar nicht steuern.

Ich bekomme Meltdowns als Reaktion auf Enttäuschungen, Frustration, Angst, Trauma-Trigger, allgemeine emotionale Belastung, Reizüberlastung, Stress und vieles andere. Ich erkenne meine Meltdowns stark in der Beschreibung anderer Autist*innen wieder.

Für mich bestehen Meltdowns aus 3 Stufen:

1) Vorstufe: Manchmal bahnt sich der Meltdown über Stunden oder 1-2 Tage an. Dann fühle ich mich unruhig, gereizt und bin sehr empfindlich. Alles ist unaushaltbar und nichts macht es besser. Ich nenne das „Ameisen unter der Haut“, weil ich nicht entkommen kann.

2) Zusammenbruch: Mein Gehirn hört auf, richtig zu funktionieren. Ich verbeiße mich an irgendeinem unangenehmen Thema, das gerade sehr präsent ist. Ich denke im Kreis. Ich bin davon überzeugt, dass es nie wieder besser wird. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Manchmal weine ich so heftig, dass ich mich davon übergeben muss.

In diesem Zustand mache ich oft anderen Menschen Vorwürfe, wenn ich davon überzeugt bin, dass sie „schuld“ sind. Manchmal blamiere ich mich auch öffentlich, z.B. indem ich meinen Meltdown live tweete. Ich bin oft verletzend gegenüber den Menschen, mit denen ich in diesem Zustand kommuniziere.

Ich bin überzeugt, dass meine Reaktion völlig angemessen und verhältnismäßig ist. Wenn mir z.B. mein Abendessen verbrannt ist, bin ich mir absolut sicher, dass ich ohne genau dieses Abendessen nie wieder glücklich sein kann, weil ich hungrig nicht schlafen kann, ohne Schlaf wird der morgige Tag furchtbar und alles danach wird auch schlimm und mein ganzes Leben wird nie wieder gut.

Der Zusammenbruch kann sich stundenlang hinziehen. Er ist extrem kräftezehrend und schädlich. Er zerstört Freundschaften und andere Beziehungen, lässt mich irrationale Entscheidungen treffen und bringt mich manchmal dazu, mich selbst zu verletzen.

Manchmal bekomme ich wie ein Zuschauer mit, was gerade passiert und wie irrational es ist. Vielleicht sehe ich die Lösung des Problems sogar genau vor mir. Ich kann aber den Lauf des Meltdowns trotzdem nicht beeinflussen und bin nicht in der Lage, die problemlösende Handlung umzusetzen.

3) Meltdown: Schließlich erreiche ich den völligen Meltdown, in dem ich den letzten Rest meiner Kontrolle verliere. Meistens kann ich diese Stufe verschieben, bis ich alleine bin. Manchmal zerschlage ich Gegenstände. Oft schlage ich mir gegen den Kopf oder auf die Oberschenkel, manchmal sitze ich auch einfach nur auf dem Fußboden und schaukele. Wenn ich es schaffe, setze ich mich in die Dusche und halte es dort aus. Ich verkrampfe und zittere am ganzen Körper. Ich kann nicht sprechen oder anderweitig kommunizieren.

Das dauert normalerweise nur einige Minuten. Wenn es ein schlimmer Meltdown ist, wiederholen sich aber Stufe 2 und 3 mehrmals im Wechsel.

Als Kind und Teenie habe ich mich während Meltdowns oft mit meinem Bruder gestritten. Es kam auch vor, dass ich körperlich aggressiv wurde. Als Kind verband ich Meltdowns mit einem Gefühl allumfassender, unhaltbarer, grundloser Wut. Mit der Zeit änderte sich das zu einem Gefühl bodenloser Verzweiflung.

Meltdowns sind der Grund, warum ich Angst vor alltäglichen Dingen wie Telefonieren, Terminen, sozialer Interaktion und anderen anstrengenden Situationen habe, die Meltdowns auslösen können.


projectenigma:

Ich habe neulich Meltdowns can be silent (Autism Spectrum Explained) [Übersetzung: Meltdowns können lautlos sein] gelesen. Dort schreibt Creigh, dass sich Meltdowns auch nach innen richten können. Also nicht nur Schreien, Dinge werfen, und ähnliches, sondern auch schlimme Gedanken und Gefühle gegen eine_n selbst.

Bei mir ist das fast nur so. Ich bin in der Situation oft daheim. Dann liege ich zum Beispiel im Bett. Dabei Gefühle von Selbsthass. Und Gedanken, alles hat keinen Sinn, ich bin schlecht, ich sollte mich von allen Leuten zurückziehen.

Oder ich stehe in der Küche und heule. Dabei auch ähnliche Gedanken, so die Küche ist Mist und ich werde daran nie etwas ändern können und ich bin schlecht und werde nie etwas hinbekommen.

Wenn Personen dabei sind, kann es auch sein, dass ich sie anmeckere. Tipps, was gut für mich sein könnte, funktionieren sowieso nicht. Das denke ich und sage das auch. Ständiges “Ich weiß nicht” kann auch so eine Aussage sein.

Häufig ist irgendeine Frustration, die von außen klein erscheint, der Anlass für eine solche Art Meltdown. Beim Gemüse-Schneiden in meiner Küche fallen zu viele Stücke davon auf den Boden. Ich bekomme sonst irgendetwas, was ich hinbekommen “sollte”, nicht hin. Oder ich bekomme von außen etwas gesagt, was mich frustiert. Egal, ob das berechtigt ist oder nicht. Oder ich bin schon sehr reizüberflutet und jemand spricht mich trotzdem an.

Was mir wirklich hilft, ist mir noch nicht so ganz klar. Wenn eine Person das ganze (mit) ausgelöst hat, ist es wohl meistens gut, wenn diese Person mich erst einmal in Ruhe lässt. Selbst wenn ich mit ihr_ihm “streite”. Dinge besprechen/klären geht besser hinterher. Denn währenddessen ist sowieso alles schlimm und falsch. Wenn eine Sache mich frustriert hat und das geht, z. B. bei Küchenarbeiten, kann es helfen, mir diese Arbeit abzunehmen. Wenn jemand es schafft, mir klarzumachen, dass etwas nicht so eilig und wichtig ist, kann das den auslösenden Druck und Frust absenken, so dass ich nicht noch tiefer “reinrutsche”. Dann kann es sein, dass ich mich manchmal recht schnell wieder erhole.

Manchmal sind Meltdowns bei mir kurz, nur ein paar Sekunden bis Minuten. Manchmal ist es länger, mit “Aufs” und “Abs”. Oft habe ich prinzipiell noch die Möglichkeit, mit einem kleinen Eck meines Verstandes mitzubekommen, was los ist, und mit Anstrengung z. B. irgendwie zu sagen, was helfen kann. Das dann aber nicht unbedingt freundlich und gut kommuniziert.

Hinterher ist das dann emotional weit weg. Ich habe nicht mehr so viel Verbindung zu dem, was war. Wenn ich im Meltdown jemand unfreundlich angegangen bin, fällt es mir schwer, das von mir aus anzusprechen, vor allem wenn das mündlich war. Es ist natürlich okay und gut, wenn andere mich dann darauf ansprechen, damit das geklärt werden kann.

Ist das nun Meltdown, was ich erlebe? Auch ohne ganz vollen Kontrollverlust? Auch wenn “nur” eine Weile meine Emotionen Wellen schlagen (Redewendung)?


Wir würden uns gerne noch weitere Berichte dieser Art wünschen, um sie in einem 2. Teil zu veröffentlichen! Ihr könnt sie an neuroqueer.blog@gmail.com schicken oder euch über unseren Twitter-Account mit uns in Verbindung setzen. 

Stimming

Was ist Stimming?

Stimming ist ein englischer Begriff für „selbststimulierendes Verhalten“. Das Wort bezeichnet Dinge, die wir tun, um uns selbst kontrollierte Sinneseindrücke zu verschaffen.

Im Deutschen fehlt ein entsprechender Begriff.

Stimming wird oft als „Herumzappeln“, als „Nervosität“ oder „Unruhe“ fehlinterpretiert.

Es gibt unheimlich viele verschiedene Stims.

Ein paar Beispiele:

  • Im Sitzen hin und her schaukeln
  • Auf Gegenständen oder den Fingern herumkauen
  • Wörter oder Geräusche immer wieder wiederholen
  • Ins Licht blinzeln oder in flackernde Lichter starren
  • Schnippsen oder klatschen
  • Mit den Händen wedeln
  • An Dingen riechen
  • Salz lecken
  • Den Kopf gegen die Wand schlagen
  • Stricken
  • Eine Decke ganz fest um sich wickeln
  • und unzählige weitere Dinge.

Wie ihr seht, gibt es Stims für jeden einzelnen Körpersinn: Für den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn, Geruchs- und Geschmackssinn sowie fürs Sehen und Hören.

Viele Stims basieren auf Wiederholung, wie das Schaukeln, Springen oder Blinzeln. Komplexe Tätigkeiten mit viel Wiederholung wie zum Beispiel Häkeln, Stricken, das Zeichnen von geometrischen Mustern, das Lösen von Puzzles oder Zauberwürfeln usw. können durchaus auch Stims sein.

Andere Stims basieren auf einem konstanten, kontrollierten Sinneseindruck. Hierzu zählen besonders Druck-Stims, also zum Beispiel der Einsatz von beschwerten Decken oder anderen Menschen, um Druck auf den eigenen Körper zu erzeugen, aber auch das feste Einwickeln einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers. Aber auch zum Beispiel kopfüber vom Bett zu hängen, kann ein Stim sein.

Sichtbares Stimming wird von Außenstehenden oft für überflüssig und sinnlos gehalten. Sehr häufig wird intensives Stimming auch als „krankhaftes“ Verhalten betrachtet.

Warum stimmen wir?

Stimming ist aber nicht „krankhaft“, und es ist auch alles andere als sinnlos oder überflüssig. Im Gegenteil!

Stimming kann uns helfen, zum Beispiel eine Reizüberlastung durch kontrollierte, starke Sinneseindrücke auszugleichen. Es kann uns beruhigen und uns helfen, Belastungen auszuhalten. Es kann Stress und Ängste verringern und kann uns dabei helfen, uns auf andere Dinge zu konzentrieren.

Abgesehen davon macht Stimming auch unheimlich viel Spaß! Viele von den Menschen, die sehr viel und intensiv stimmen, sind sehr empfindlich gegen Sinneseindrücke. Wir nehmen die durch Stimming erzeugten Reize sehr stark wahr und wenn sie uns gut tun, bereitet uns das sehr viel Freude. Schon ein schwingender Stuhl in einem Wartezimmer kann für manche von uns aus einer angsterfüllten Situation eine euphorische Stim-Party machen.

Stimming kann auch ein Teil von unserer neurodivergenten Körpersprache und Kommunikation sein. Viele von uns wedeln zum Beispiel energisch mit den Händen, um sich auszudrücken. Manche Menschen machen Geräusche, die ihre Stimmung viel besser ausdrücken können als Wörter. Gemeinsames Stimming kann uns manchmal besser miteinander verbinden als ein Gespräch.

Wer stimmt?

Alle Menschen stimmen hin und wieder. Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen Neurodivergenzen stimmen häufiger als neurotypische Menschen. Wir sind auch stärker auf Stims angewiesen, um unseren Zustand und die Reizaufnahme zu regulieren.

Ist Stimming schädlich?

Kurz gesagt: Nein!!!

Nein.

NEIN!!!!!

Stimming ist nicht schädlich. Im Gegenteil! Für viele von uns ist es absolut notwendig, um klarzukommen.

Leider ist Stimming sehr stark stigmatisiert. Viele von uns wachsen mit ständigen Ermahnungen auf. „Sitz doch mal still“, „Dein Gezappel macht mich ganz unruhig“, „Nimm die Finger aus dem Mund“ und ähnliche Anweisungen sind vielen von uns hinlänglich bekannt.

Schädliche „Therapien“ wie ABA versuchen sogar, autistischen Kindern das Stimming gewaltvoll abzugewöhnen und bezeichnen das dann als „Förderung“!

Aber das Abtrainieren von Stimming führt nicht dazu, dass wir weniger autistisch sind, weniger ADHS haben oder unser Gehirn plötzlich anders funktioniert. Es führt nur dazu, dass uns eine der wichtigsten Methoden fehlt, um die enorme Belastung durch Sinneseindrücke und Gefühle auszugleichen!

Die Stigmatisierung von Stims ist behindertenfeindliche Scheiße.

Sollte ich mir Stims abgewöhnen?

Wenn ein bestimmter Stim dich selbst stört, wünschst du dir vielleicht, ihn dir abgewöhnen zu können. Manche von uns haben Stims, die uns selbst schaden. Dazu gehören zum Beispiel: sich gegen den Kopf zu schlagen, sich die Haut aufzukratzen oder aufzubeißen, mit den Gelenken knacken, bis sie wehtun und vieles andere.

Stims können auch problematisch für uns sein, wenn sie nicht sozial akzeptiert sind oder als „eklig“ angesehen werden. Dazu gehören zum Beispiel: In der Nase oder in den Ohren bohren, (nicht-sexuelle) Berührungen am Intimbereich, laute stimmliche Stims und vieles andere.

Es besteht überhaupt keine Pflicht, sich solche Stims abzugewöhnen! Wenn es für dich okay ist oder wenn es dir zu mühsam wäre, sie dir abzugewöhnen, dann ist das ganz allein deine Entscheidung. Nur du selbst darfst bestimmen, was du mit deinem Körper machst, auch dann, wenn es ihm schadet! Wenn Menschen dich für deine Stims verurteilen, sind es schlechte Menschen.

Prinzipiell ist es erfahrungsgemäß unmöglich, sich Stims ersatzlos abzugewöhnen. Wenn wir sie bleiben lassen, wird das Bedürfnis nach kontrollierter Reizerzeugung nicht geringer. Daher können wir uns Stims meistens nur abgewöhnen, indem wir sie durch andere Stims ersetzen.

Wie kann ich schädliche Stims ersetzen?

Es ist oft schwierig, einen bestimmten Stim durch einen anderen zu ersetzen, da wir oft selbst nicht genau wissen, welche Sinneseindrücke der Handlung uns am wichtigsten sind.

Wenn jemand zum Beispiel an den Fingern kaut, ist das nicht nur ein Sinneseindruck, sondern viele verschiedene: Da ist zum einen das Gefühl, etwas mit den Fingern zu tun zu haben. Zum anderen gibt es einen geschmacklichen Eindruck. Der Kiefer ist ebenfalls beschäftigt. Das Beißen verursacht auch ein hörbares Geräusch. Außerdem entsteht eine starke Stimulation des Tastsinns an der Zunge, an den Lippen und an den Fingern.

Manchmal sind nur einige Komponenten eines Stims wichtig. In dem Fall könnte es zum Beispiel ausreichen, statt auf den eigenen Fingern auf einem Beißspielzeug herumzukauen. Für andere Menschen kann es aber auch nötig sein, zusätzlich den Tastsinn an den Fingern zu stimulieren.

Ein anderes Beispiel ist es, wenn sich jemand oft gegen den Kopf schlägt. Dadurch entsteht ein Geräusch, ein Druck am Kopf und eine Stimulation des Gleichgewichtssinns. Manche Menschen können diesen Stim dadurch ersetzen, dass sie zum Beispiel auf einem Trampolin springen oder kräftig hin und her schaukeln. Für andere ist es wichtiger, ein lautes Geräusch zu hören, und wieder andere können diesen Stim zum Beispiel durch einen Druckverband um den Kopf ersetzen. (Ich persönlich brauche je nach Situation alle drei.)

Wenn du einen bestimmten Stim wirklich dringend ersetzen willst, musst du damit rechnen, dass es viele Versuche brauchen wird. Manchmal klappt es auch nicht oder nur teilweise. Das ist okay. Du bist niemandem neurotypisches Verhalten schuldig!

Tipps für den Alltag

Das Schöne an Stimming ist, dass es sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt. Es kann jedoch schwierig sein, sich über gesellschaftliche Normen und das Stigma hinweg zu setzen. Oft wird erwartet, dass wir uns ruhig verhalten, weil ständige Bewegungen und Zappeln als Nervosität, Unsicherheit oder Angst angesehen wird. Manche Stims werden auch als „verrücktes“ oder „krankhaftes“ Verhalten angesehen.

Es gibt unzählige Gegenstände, die sich als Stim-Spielzeuge benutzen lassen. Dazu gehört zum Beispiel Kinderspielzeug: Blinkende Bälle, Flummis, Spielzeugautos, Fingerfallen oder Rasseln können sich gut dazu eignen.

Es gibt auch Spielzeug, das explizit dafür hergestellt wird, um Menschen Beschäftigung für ihre Finger zu bieten. Stimtastic ist zum Beispiel ein Online-Shop, der Stim-Spielzeuge verkauft.

Baby-Beißringe oder Beiß-Schmuck für Erwachsene können viel angenehmer zum Kauen sein als Fingernägel.

Ich kann euch nur empfehlen, euch über das angelernte Stigma und soziale Normen hinwegzusetzen und die Stim-Spielzeuge zu benutzen, die euch gut tun.

Wir müssen uns für Stimming nicht rechtfertigen. Lasst uns zusammen stimmen und das soziale Stigma gegen Stimming endlich abschaffen!

Exekutive Dysfunktion oder: Warum kriege ich nichts hin?

Was ist Exekutive Dysfunktion?

Exekutive Dysfunktion beschreibt im weitesten Sinne Probleme damit, Dinge zu tun. Das klingt sehr allgemein – und ist es auch. Der Begriff ist relativ unbekannt, was dazu führt, dass diejenigen von uns, die Exekutive Dysfunktion haben, oft selbst nicht wissen, was das Problem ist.

Wir halten uns für „faul“, „kaputt“, sind von den vielen Aufgaben des Alltags komplett überfordert und wissen einfach nicht, warum. Wir schieben Dinge wochen-, monate- oder jahrelang vor uns her, egal, wie dringend wir sie erledigen wollen oder müssen. Das „Vor-Sich-Herschieben“ wird oft auch Prokrastination genannt, aber Prokrastination im klassischen Sinne wird meistens durch Ängste verursacht, während Exekutive Dysfunktion etwas ist, das uns unser Leben lang und überall begleitet.

Exekutive Dysfunktion tritt besonders häufig bei Autismus, ADHS, Schizophrenie und anderen Neurodivergenzen und psychischen Krankheiten auf, ist aber nicht darauf beschränkt.

Was umfasst die Exekutive Dysfunktion?

„Exekutive Funktionen“ ist der allgemeine Begriff für die Fähigkeit, Aufgaben anzufangen, fortzusetzen und abzuschließen. Exekutive Dysfunktion, also eine Störung der Exekutiven Funktionen, behindert uns entsprechend darin. Mit dem Wort „Aufgabe“ ist hier ganz allgemein irgendein Ding gemeint, das getan werden soll, also zum Beispiel „ein Glas Wasser trinken“, „das Zimmer aufräumen“ oder „eine Abschlussarbeit schreiben“.

1. Aufgaben anfangen

Menschen mit Exekutiver Dysfunktion haben oft Probleme damit, Aufgaben zu beginnen.

Viele von uns haben Schwierigkeiten, Körpersignale wie Durst, Hunger oder Müdigkeit wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Deswegen vergessen wir oft, Aufgaben anzufangen, um diese körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Gesprochene Anweisungen sind für viele von uns schwierig zu verarbeiten. Wenn wir sie nicht aufschreiben, vergessen wir die Hälfte der Anweisungen sofort.

Aber auch, wenn wir genau wissen, was wir machen müssen, können wir es oft nicht machen, weil der Impuls zum Anfangen ausbleibt. Wir sind sozusagen startbereit, aber der Startschuss kommt einfach nicht.

Wir stehen oft überfordert vor der Gesamtaufgabe und sind unfähig, uns die Einzelschritte zu überlegen, die dafür nötig sind. Den Menschen ohne Exekutive Dysfunktion fällt das so leicht, dass sie meistens nicht einmal bemerken, dass zum Beispiel „Duschen“ nicht eine einzelne Aufgabe ist, sondern aus ganz vielen einzelnen Schritten besteht: Ich muss ins Bad gehen, mich ausziehen, das Wasser aufdrehen, dann muss ich die Shampooflasche nehmen, mir die Haare waschen, dann muss ich das Shampoo wieder ausspülen, dann das Duschgel nehmen, meinen Körper waschen und so weiter.

Viele von uns sind auch schon von der schieren Anzahl der Möglichkeiten überfordert, um eine Aufgabe zu lösen. Wir können uns nicht entscheiden, welches Kapitel unserer Abschlussarbeit wir zuerst schreiben, welche der 15 Tassen wir aus dem Schrank nehmen, ob wir über die Ampel oder durch die Unterführung gehen.

Gedächtnisprobleme können auch eine Rolle spielen, wenn wir zum Beispiel etwas, das wir einmal gelernt haben, in einer neuen Umgebung überhaupt nicht mehr anwenden können.

Diese Probleme führen dazu, dass wir oft schon beim Gedanken an eine komplizierte Aufgabe verzweifeln. Wir bleiben oft „stecken“ und anstatt eine Aufgabe zu erledigen, schaffen wir gar nichts mehr.

2. Weitermachen und Dranbleiben

Menschen mit Exekutiver Dysfunktion haben oft Probleme damit, an einer Aufgabe dranzubleiben, sie ohne Ablenkung oder unerwünschte Unterbrechungen fortzusetzen.

Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis/ Arbeitsgedächtnis können dazu führen, dass wir ständig vergessen, was wir gerade tun. Wir können uns nicht mehr erinnern, was wir gerade eben gemacht haben und wir haben oft zusammenhanglose Gedankengänge, die es schwer machen, eine Aufgabe lückenlos durchzuführen.

Konzentrationsschwierigkeiten und leicht ablenkbar zu sein ist auch ein Teil von Exekutiver Dysfunktion. Schon eine kurze Unterbrechung kann dazu führen, dass wir gar nicht mehr wissen, wo wir stehen geblieben waren und sehr lange brauchen, um wieder in die vorherige Tätigkeit hineinzufinden.

Viele von uns haben Probleme mit der Impulskontrolle, das heißt, wir lenken uns oft selbst ab, weil uns irgendwas ganz Wichtiges einfällt, das wir jetzt sofort unbedingt machen müssen, oder weil wir versuchen, viel zu viele Sachen gleichzeitig zu machen.

Ganz im Gegenteil kann es für uns aber auch manchmal extrem schwierig sein, wichtige Ablenkungen überhaupt wahrzunehmen. Das nennt sich Hyperfokus, das heißt, wir sind so konzentriert auf eine Aufgabe, dass wir alles andere komplett vergessen.

Viele von uns haben auch Probleme damit, zu erkennen, wann eine Pause oder Unterbrechung notwendig ist.

3. Aufgaben beenden und abschließen

Für Leute mit Exekutiver Dysfunktion kann es schwierig sein, eine Aufgabe zu unterbrechen oder zu beenden. Wie beim Anfangen fehlt uns der Impuls dafür. Wir machen einfach mit unserer momentanen Tätigkeit weiter, weil wir unsere Konzentration und unseren Gedankenstrang sehr schlecht selbständig unterbrechen können oder weil wir fürchten, nach einer Unterbrechung nie wieder hineinzufinden.

Aufgaben zu wechseln, ist für uns besonders schwierig, weil wir dazu nicht nur unsere momentane Aufgabe unterbrechen oder beenden müssen, sondern auch noch eine neue Aufgabe anfangen müssen – und damit haben wir wieder die zuvor beschriebenen Probleme.

Für viele von uns ist es auch schwierig, eine Aufgabe vollständig abzuschließen, weil wir durch Ablenkungen und Unterbrechungen immer aufhören, bevor wir fertig sind. Ein chronisches Problem für viele Menschen mit Exekutiver Dysfunktion ist das Ansammeln unzähliger angefangener Projekte, die sie niemals beenden.

Welchen Einfluss hat Exekutive Dysfunktion auf unser Leben?

Probleme mit Exekutiven Funktionen begleiten die meisten von uns unser ganzes Leben lang. Für viele von uns bestimmt es unseren kompletten Lebensablauf oder zumindest Teile davon.

Die Stärke der Exekutiven Dysfunktion kann abhängig sein von äußeren Umständen, Stresslevel, dem emotionalen und gesundheitlichen Zustand und vielen weiteren Faktoren. Verständnis und Unterstützung im Alltag können erheblich dazu beitragen, die Beeinträchtigung durch unsere Exekutive Dysfunktion zu verringern.

Wie zuvor beschrieben hat Exekutive Dysfunktion viele verschiedene Komponenten. Nicht alle von uns haben mit allen diesen Punkten Schwierigkeiten. Für manche Menschen kann es schwieriger sein, mit Ablenkungen umzugehen, andere haben größere Probleme mit der Aufgabenplanung.

Menschen, deren Leben stark von Exekutiver Dysfunktion beeinflusst ist, haben zum Beispiel Probleme mit dem Haushalt, mit dem Einkaufengehen, mit Körperflege, in der Schule, im Studium, beim Lernen, bei Hausarbeiten, aber auch damit, Termine wahrzunehmen, Papierkram zu erledigen, Freundschaften zu pflegen, einen Beruf oder Hobbies auszuüben.

Was kann helfen?

Was helfen kann, ist stark davon abhängig, welcher Teil der Exekutiven Funktionen uns am meisten Probleme macht.

  • Todo-Listen können helfen, um den Überblick über zu erledigende Aufgaben zu behalten.

  • Notizen können dabei helfen, sich mehrere Aufgaben oder die Einzelschritte zu merken. Sie können auch helfen, nach einer Ablenkung oder Unterbrechung den Faden wieder zu finden.

  • Erinnerungen, Alarme und Timer können helfen, um Anfangs- und End-Impulse zu geben.

  • Festgelegte Routinen können ebenfalls nützlich sein, um Anfangs- und End-Impulse zu geben.

  • Routinen können auch dabei helfen, um die Auswahl zu erleichtern: Wenn ich die gleichen Dinge immer auf die gleiche Art und Weise erledige, muss ich mir nicht jedes Mal lange überlegen, wie ich es dieses Mal machen will.

  • Medikamente können mit einigen Teilen der Exekutiven Funktionen helfen. Sie helfen manchen Leuten mehr, anderen weniger, manchen gar nicht. Nicht alle Menschen können überhaupt Medikamente nehmen. Medikamente sind keine Zauberei, aber einen Versuch kann es durchaus wert sein.

  • Das Zerlegen von großen Aufgaben in kleinere Teile und Einzelschritte kann sehr hilfreich für Leute sein, die von der Aufgabenplanung überfordert sein. Es ist oft überfordernd, sich eine ganze komplizierte Aufgabe auf einmal vorzunehmen. Wer zum Beispiel Schwierigkeiten hat, sich dazu zu motivieren, das ganze Zimmer aufzuräumen, hat es vielleicht leichter, nur eine einzelne Schublade aufzuräumen oder nur den Staub zu wischen. Es ist okay, wenn du eine Aufgabe, die andere Leute total einfach finden, schon anspruchsvoll findest und aufteilen musst!

  • Überforderung, Stress und Überlastung haben für viele von uns einen negativen Einfluss auf die Exekutive Dysfunktion. Daher kann es helfen, wirklich nur so viel zu machen, wie wir können, auch, wenn das viel weniger ist als bei anderen Menschen.

 

Ein paar Worte zum Schluss

Wenn du Probleme mit Exekutiven Funktionen hast, bist du damit nicht alleine!

Exekutive Dysfunktion ist etwas, das Menschen sehr stark behindern kann. Wie stark du damit kämpfen musst, sagt nichts über deine Intelligenz, deine Kreativität oder deinen Wert als Mensch aus. Du bist nicht „faul“ oder „kaputt“.

Es ist okay, wenn du Ausreden erfinden musst, um durchzukommen. Es ist okay, wenn du weinen musst, weil du mal wieder gar nichts hinbekommen hast. Du hast es verdient, dass auf deine Schwierigkeiten Rücksicht genommen wird. Exekutive Dysfunktion ist eine Behinderung, für die du nichts kannst.

Diejenigen von euch, die keine Exekutive Dysfunktion haben, möchte ich bitten, auf uns Rücksicht zu nehmen. Nehmt es uns nicht übel, wenn wir Abmachungen oder Termine nicht einhalten können. Wir geben uns Mühe.