Kommunikations-Karten

(English speakers please scroll down to the paragraph: „If you don’t speak German“)

Kommunikations-Karten sind dazu da, Sachen zu sagen, wenn Sprechen gerade schwierig ist oder nicht geht.

Ich habe eine große Sammlung von Kommunikations-Karten erstellt, die ihr hier herunterladen und selbst ausdrucken könnt.

20170420_221341

Anleitung

Ihr braucht:

  • Einen Drucker, am besten mit Farbe
  • Eine Schere oder anderes Schneidwerkzeug
  • Ausweishüllen in DIN A7 (74 mm x 105 mm)
  • Die PDF, die ihr unten herunterladen könnt

Sucht euch die Seiten heraus, die ihr haben wollt und druckt sie aus.

Am besten ist dickes, weißes Papier. Aber es geht auch mit dünnem Papier.

Danach schneidet ihr die Karten aus, die euch gefallen.

Steckt die Karten in die Ausweishüllen.

Die Ausweishüllen könnt ihr dann noch mit einer Schnur oder einem Schlüssel-Ring zusammenbinden.

Andere Formate

Wenn ihr die Karten nicht in DIN A7 haben wollt, müsst ihr euch ein eigenes Dokument anlegen.

Ladet die Karten als Bilddateien herunter.

Legt ein neues Dokument an (z.B. mit Word, Libreoffice oder Google Docs) und fügt die Bilder ein.

Stellt das Bild-Format so ein, dass es die richtige Größe hat.

Danach könnt ihr wie oben beschrieben weiter machen.

Downloads

Eine Text-Version der Texte auf den Karten sowie Bildbeschreibungen findet ihr weiter unten.

Erlaubte Nutzung und Rechtliches

Ich veröffentliche die Karten unter der Lizenz: Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland.

Das bedeutet:

  • Für die private Nutzung dürft ihr mit den Karten natürlich alles machen, was ihr wollt.
  • Ihr dürft die Dateien veröffentlichen, verändern und sogar kommerziell nutzen. Dann müsst ihr aber meinen Namen als Urheber nennen (Lian Herzberg) und angeben, wenn ihr Veränderungen vorgenommen habt.

Die Bilder sind alle von OpenClipart und ggf. angepasst. Alle Grafiken auf OpenClipart sind Public Domain oder CC0, das heißt jegliche Nutzung ist ohne Auflagen erlaubt.

Wünsche und Vorschläge

Ich möchte die Sammlung hier stets erweitern. Wenn ihr noch Wünsche für weitere Kommunikations-Karten habt, hinterlasst gerne einen Kommentar, schreibt uns eine E-Mail oder kontaktiert uns auf Twitter.

If you don’t speak German

Would you like to have German-language communication cards but your language skills are not good enough to choose the ones you need? We’ll be happy to help, send us an email or contact us via twitter!

I am also always happy to make new communication cards if you have specific wishes. Feel free to ask.

If you would like to translate the communication cards, you do not need to ask. Download the vector graphics and go ahead. They are licensed as Creative Commons Attribution 3.0. That means you can freely publish copies and changed versions of the cards if you attribute me (Lian Herzberg) and indicate that you made changes.

Liste und Bildbeschreibungen

In dieser Liste steht der Text der Kommunikations-Karten. Auf jeder Karte ist zusätzlich noch eine Abbildung, daher gibt es hier auch Bildbeschreibungen.

  1. „Es geht mir nicht gut, aber ich brauche keine Hilfe. Das passiert mir öfter. Ich komme alleine zurecht.“ Bildbeschreibung: Der Umriss einer Hand, die den Daumen nach oben streckt.
  2. „Finger weg!“ Bildbeschreibung: Die Silhouette einer greifenden Hand ist durchgestrichen, ähnlich einem Warnschild.
  3. „Entschuldigung“ Bildbeschreibung: Der Umriss eines Herzens.
  4. „Autismus-Spektrum / Ich bin Autist*in. Deswegen reagiere ich empfindlich auf Geräusche, Berührungen und andere Sinneseindrücke. Mein Verhalten kann ungewöhnlich wirken. Aber so bin ich nunmal! Bitte nehmen Sie Rücksicht.“ Bildbeschreibung: Eine liegende 8 (das mathematische Zeichen für Unendlich) mit einem Regenbogen darin.
  5. Wie 4, aber „Autistin“ statt „Autist*in“.
  6. Wie 4, aber „Autist“ statt „Autist*in“.
  7. „Ich möchte allein gelassen werden. Das liegt nicht an dir. Ich bin im Moment überlastet und brauche Ruhe, um mich zu erholen.“ Bildbeschreibung: Eine stehende Comic-Figur mit geschlossenen Augen und neutralem Gesichtsausdruck steht dem Bildrand zugewendet. Die Figur hat braune Haut und kurze, rötliche Locken. Sie trägt einen hellen Pullover und eine dunkelgraue Hose.
  8. Wie 7, aber „Sie“ statt „du“.
  9. „Ich kann im Moment nicht sprechen. Aber ich kann aufschreiben, was ich sagen will.“ Bildbeschreibung: Eine Linienzeichnung von einem linierten Papier, über dem diagonal ein Füller liegt.
  10. „Ich kann im Moment nicht sprechen. Bitte lass mich in Ruhe und stelle Sie mir keine Fragen. Ich werde sagen, wenn ich wieder reden kann.“ Bildbeschreibung: Eine Comic-Figur mit X-Mund steht dem Betrachter zugewandt. Sie hat kurze, dunkelblonde Locken, hellbraune Haut und trägt einen blauen Pullover und eine dunkelgraue Hose.
  11. Wie 10, aber „Sie“ statt „du“.
  12. „Diese Situation überfordert mich. Ich kann es hier nicht aushalten. Bitte bring mich an einen ruhigeren Ort.“ Bildbeschreibung: Eine Comic-Figur mit angespanntem Gesichtsausdruck steht der Betrachterin zugewandt. Sie trägt ihr dunkelbraunes Haar in zwei Dutts. Sie hat braune Haut und trägt schlichte graue Kleidung.
  13. Wie 12, aber „Sie“ statt „du“.
  14. „Zu Laut / Es ist zu laut. Ich kann es nicht aushalten. Bitte mach es leiser. Oder bring mich an einen ruhigeren Ort.“ Bildbeschreibung: Die Silhouette eines Megaphons ist durchgestrichen, ähnlich einem Warnschild.
  15. Wie 14, aber „Sie“ statt „du“.
  16. „Medizinischer Notfall! Bitte rufen Sie sofort einen Krankenwagen! 112″ Bildbeschreibung: Eine vereinfachte Darstellung eines Krankenwagens.
  17. „Ich brauche Hilfe, um meinen Zielort zu erreichen. Adresse vom Zielort:“ Bildbeschreibung: Ein Pfahl mit vielen Wegweisern, die in verschiedene Richtungen zeigen.
  18. „Ich habe komplizierte Gesundheitsprobleme. Bitte beachten Sie meine medizinischen Notfall-Informationen!“ Bildbeschreibung: Eine Comic-Figur mit Arztkittel steht dem Betrachter zugewandt. Sie hat ein Klemmbrett in den Händen und lächelt. Sie hat dunkelbraune Haut, trägt eine Brille und hat kurzes, schwarzes Haar. Unter dem weißen Kittel trägt sie eine Krawatte und eine dunkle Hose.
  19. „Ich habe eine starke allergische Reaktion. Bitte rufen Sie sofort einen Krankenwagen! 112″ Bildbeschreibung: Eine vereinfachte Darstellung eines Krankenwagens.
  20. „Ich kann dich nicht verstehen. Bitte schreib auf, was du sagen willst.“ Bildbeschreibung: Es sind zwei Bilder. Das erste Bild zeigt zwei Hände mit dunkler Haut, die ein Smartphone bedienen. Das zweite Bild ist eine Linienzeichnung von einem linierten Papier, über dem diagonal ein Füller liegt.
  21. Wie 20, aber „Sie“ statt „du“.
  22. „Ich kann dich schlecht verstehen. Bitte sprich lauter.“ Bildbeschreibung: Die Silhouette eines Megaphons, in Richtung der Linienzeichnung eines Ohres gerichtet.
  23. Wie 22, aber „Sie“ statt „du“.
  24. „Ja“ Bildbeschreibung: Ein grüner Haken.
  25. „Nein“ Bildbeschreibung: Ein rotes X.
  26. „STOP“ Bildbeschreibung: Das STOP ist umrandet von einem roten, achteckigen Rahmen. Die Anordnung erinnert an ein Stoppschild.
  27. „Danke“ Bildbeschreibung: Ein Strauß aus violetten Blumen.
  28. „Bitte fassen Sie mich nicht an.“ Bildbeschreibung: Die Silhouette einer greifenden Hand, die mit einer dicken roten Linie durchgestrichen ist.
  29. Wie 28, aber „du“ statt „Sie“.
  30. „Können Sie mir bitte helfen?“ Bildbeschreibung: Es sind die Silhouetten zweier Hände zu sehen. Eine greift von oben herab, die andere von unten herauf. Die Hände scheinen nacheinander zu greifen.
  31. Wie 30, aber „du“ statt „Sie“.
  32. „Ich habe Ehlers-Danlos-Syndrom. Dadurch sind meine Gelenke sehr empfindlich und ich kann mich leicht verletzen. Deswegen muss ich vorsichtig sein. Das ist normal für mich.“ Bildbeschreibung: Ein Zebra ist von der Seite abgebildet.
  33. „Ich trage einen Gehörschutz, um Hintergrundgeräusche zu dämpfen. Damit kann ich dich besser verstehen. Du kannst ganz normal mit mir reden.“ Bildbeschreibung: Eine lächelnde Comic-Figur ist der Betrachterin zugewandt. Sie hat einen grünen Gehörschutz auf den Ohren. Sie hat braune Haut und trägt ihr dunkelbraunes Haar in zwei Dutts. Sie trägt graue Kleidung.
  34. Wie 33, aber „Sie“ statt „du“.
  35. „Ich habe eine Mastzellen-Störung. Deshalb reagiere ich allergisch auf viele Sachen. Zum Beispiel Nahrungsmittel, Chemikalien oder Gerüche.“ Bildbeschreibung: Eine Comic-Figur steht dem Betrachter zugewandt. Sie trägt einen weißen Mundschutz. Sie hat langes, glattes braunes Haar, dunkle Haut und trägt einen roten Pullover.
  36. „Mein Rollstuhl gehört zu meinem Körper. Bitte fass mich oder meinen Rollstuhl nicht ungefragt an.“ Bildbeschreibung: Hinter der Comic-Figur einer Person im Rollstuhl ist die Silhouette einer Hand zu sehen, die mit einer dicken roten Linie durchgestrichen ist. Die Person im Rollstuhl lächelt. Sie hat schulterlanges blondes Haar, helle Haut und hat die Arme vor der Brust verschränkt. Sie trägt einen grünen Pullover und eine blaue Hose.
  37. Wie 36, aber „Sie“ statt „du“.
  38. „Es geht mir gut.“ Bildbeschreibung: Ein lächelnder grüner Smilie.
  39. „Es geht mir nicht so gut.“ Bildbeschreibung: Ein neutral schauender orangefarbener Smilie.
  40. „Es geht mir schlecht.“ Bildbeschreibung: Ein traurig schauender roter Smilie.
  41. „Fatigue / Ich habe Fatigue. Das ist eine starke Erschöpfung, die meinen ganzen Körper betrifft. Ich werde schnell sehr müde. Deswegen muss ich mich oft ausruhen. Das ist normal für mich.“ Bildbeschreibung: Eine stehende Strichfigur ist dem Text zugewandt. Sie ist vornüber gebeugt und lässt die Arme hängen. Sie hat einen traurigen Gesichtsausdruck. Sie sieht sehr erschöpft aus.
  42. „Ich habe eine unsichtbare Behinderung. Obwohl ich gesund aussehe, bin ich stark eingeschränkt.“ Bildbeschreibung: Zwei Theater-Masken, eine lächelnd, die andere traurig. Beide Masken haben je eine schwarze und eine weiße Gesichtshälfte.
  43. „Ich habe eine Behinderung, wegen der es schwer für mich ist, zu gehen oder zu stehen. Darf ich mich bitte setzen?“ Bildbeschreibung: Eine Comic-Figur sitzt auf einem Hocker und lächelt in Richtung der betrachtenden Person. Sie hat kurzes Haar in Cornrows, dunkle Haut und trägt einen braunen Pullover und eine blaue Hose.
  44. „Ich habe eine Behinderung, die starke Schmerzen verursacht. Deswegen muss ich mich oft ausruhen. Manche Sachen kann ich deswegen nicht machen. Das ist normal für mich.“ Bildbeschreibung: Eine müde aussehende Comic-Figur ist dem Text zugewandt. Sie hat einen traurigen Gesichtsausdruck. Sie hat kurzes dunkelbraunes Haar, helle Haut und trägt einen roten Pullover, auf dem eine lächelnde Sonne zu sehen ist.
  45. „Nein, ich brauche keine Hilfe.“ Bildbeschreibung: Der Umriss einer Hand, die den Daumen nach oben streckt.
  46. „Meine Schmerzen sind gerade sehr stark. Bitte lass mich in Ruhe.“ Bildbeschreibung: Eine Comic-Zeichnung einer sehr angespannt aussehenden Person schaut in Richtung der betrachtenden Person. Sie kneift ihre Augen zusammen und zieht die Mundwinkel herunter. Sie hat orangefarbene Locken und trägt einen grauen Pullover.
  47. Wie 46, aber „Sie“ statt „du“.
  48. „Ich brauche etwas länger, um meine Gedanken zu ordnen. Bitte sei geduldig und lass mir Zeit zum Reden und Antworten.“ Bildbeschreibung: Eine nachdenklich aussehende Comic-Figur ist der betrachtenden Person zugewandt. Sie hat einen neutralen Gesichtsausdruck und hat eine Hand am Kinn. Sie hat kurzes dunkles Haar, braune Haut und trägt einen weinroten Pullover.
  49. Wie 48, aber „Sie“ statt „du“.
  50. „Ich kann im Moment nicht mehr richtig denken. Ich kann nichts mehr verstehen. Ich brauche Zeit, um mich zu erholen.“ Bildbeschreibung: Eine Comic-Figur sitzt im Schneidersitz und schaut in Richtung Bildrand. Sie hat einen neutralen Gesichtsausdruck und drei Fragezeichen über dem Kopf. Sie trägt einen rosafarbenen Pullover mit einem pinken Stern darauf. Sie hat langes dunkles Haar und braune Haut.
  51. „Meltdown / Ich fühle mich gerade sehr schlecht. Und ich kann mein Verhalten nicht kontrollieren. Das ist sehr anstrengend für mich. Es wird bald vorbei sein.“ Bildbeschreibung: Es ist eine Pilzwolke wie nach einer Atombomben-Explosion zu sehen. Sie ist orangerot eingefärbt.
  52. „Shutdown / Ich kann im Moment nicht denken und mich nur schwer bewegen. Das ist sehr anstrengend für mich. Ich brauche Ruhe, um mich zu erholen.“ Bildbeschreibung: Eine Comic-Figur mit X-Augen sitzt in der Ecke. Sie ist der betrachtenden Person zugewandt. Die X-Augen erinnern an eine tote Figur oder eine ausgeschaltete Maschine. Die Figur hat langes, glattes dunkelbraunes Haar, braune Haut und trägt einen weißen Pullover mit rosafarbenen Ärmeln.
  53. „Ich kann gerade nicht mit Menschen umgehen. Es ist mir zu viel und ich bin überfordert.“ Bildbeschreibung: Eine schwarze Katze mit aufgestelltem Fell und aufgestelltem Schwanz. Sie sieht aus, als hätte sie Angst und würde gleich kratzen.
  54. „Ich habe Angst. Bitte halten Sie meine Hand oder trösten Sie mich.“ Bildbeschreibung: Eine der beobachtenden Person zugewandte Comic-Figur, die ängstlich oder besorgt aussieht. Sie hat einen traurigen Gesichtsausdruck. Sie hält sich beide Hände ans Gesicht. Sie hat lange, dunkelblonde Locken und helle Haut. Sie trägt einen blaugrünen Pullover, auf dem eine stilisierte Sonne gezeichnet ist.
  55. Wie 54, aber „du“ statt „Sie“.
  56. „Ich habe eine Trauma-Folge-Störung. Krankenhäuser und Ärzte machen mir Angst. Bitte erklären Sie genau, was Sie machen. Gehen Sie vorsichtig und langsam mit mir um. Fragen Sie mich, bevor Sie mich anfassen. Bitte nehmen Sie Rücksicht.“ Bildbeschreibung: Ein Stethoskop (Gerät, das Ärzt*innen zum „Abhören“ benutzen).
  57. „Ich bin kein Rollstuhl! Es ist sehr unfreundlich, Menschen so zu nennen. Fußgänger nennen Sie ja auch nicht: Beine. Bitte sagen Sie: Mensch mit Rollstuhl. Oder: Rollstuhlfahrer*in.“ Bildbeschreibung: Ein Bild von einem leeren Rollstuhl und eine Linienzeichnung von einem Paar nackte Beine.
  58. „Ich kann nicht still halten. Ich habe eine Behinderung, wegen der ich mich dauernd bewegen muss. Ich kann es nicht kontrollieren. Ich mache es nicht mit Absicht. Bitte sagen Sie mir nicht, dass ich damit aufhören soll.“ Bildbeschreibung: Eine Strichfigur, die auf einem Bein steht. Das andere Bein hat sie in die Luft gehoben. Sie hat auch beide Arme angehoben. Sie hat einen überforderten Gesichtsausdruck.
  59. Wie 58, aber „du“ statt „Sie“.
  60. „Ich habe Tourette. Deswegen mache ich Bewegungen oder Geräusche, die ich nicht kontrollieren kann. Das ist anstrengend und schmerzhaft für mich. Manchmal sind es Sachen, die Sie vielleicht beleidigend finden. Bitte: Sagen Sie mir nicht, dass ich damit aufhören soll. Starren Sie mich nicht an. Fühlen Sie sich nicht angegriffen.“ Bildbeschreibung: Eine Strichfigur, die auf einem Bein steht. Das andere Bein hat sie in die Luft gehoben. Sie hat auch beide Arme angehoben. Sie hat einen überforderten Gesichtsausdruck.
  61. „Ich brauche Hilfe, um nach Hause zu kommen. Meine Adresse ist:“ Bildbeschreibung: Eine vereinfachte Darstellung eines Hauses.

Der ableistische Hass nach #München und #Reutlingen

Amokläufe und Attentate machen uns Angst.

Nein, ich meine nicht euch, die weiß, deutsch und/oder psychisch einigermaßen „gesund“ durchs Leben gehen.

Ich rede von uns, gegen die sich nach solchen Vorkommnissen der Hass der gesamten Gesellschaft richtet.

Zwei Gruppen bekommen besonders viel von diesem „Backlash“ zu spüren: Zum einen People of Colour, besonders Schwarze Menschen und Menschen, die „arabisch“ aussehen. Besonders Muslim*innen wird vorgeworfen, Terrorist*innen zu sein.

Zum anderen psychisch kranke und anderweitig neurodivergente Menschen, die jetzt unter dem Generalverdacht stehen, tickende Zeitbomben auf dem Weg zu einer blutigen Gewalttat zu sein.

Am stärksten leiden darunter natürlich Menschen, die beides sind: also psychisch kranke bzw. neurodivergente People of Colour. (Anmerkung: Ich bin weiß.)

Ich hatte ursprünglich nicht vor, den zweihundert-tausendsten Text darüber zu schreiben, wie scheiße es ist, neurodivergente Menschen zu dämonisieren. Aber nachdem ich nicht einmal auf meinen gut gefilterten Accounts in sozialen Netzwerken davor verschont blieb, mache ich es jetzt doch.

Was mir am meisten auffällt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der neurotypische, psychisch weitestgehend gesunde Menschen sich herausnehmen, über uns zu urteilen. Sie sind sich absolut sicher, dass sie das Recht haben, über unser Erleben zu schreiben, zu bewerten, wie gefährlich oder ungefährlich wir sind und wie man mit uns umgehen sollte.

Da wird darüber sinniert, ob unsere Diagnosen jetzt eigentlich „echt“ sind, ob wir wirklich „krank“ sind oder ob wir „krank gemacht“ werden (ohne uns zu fragen, ob „krank“ überhaupt das richtige Wort ist!).

Dann wird diversen Neurodivergenzen die Legitimität abgesprochen, Depressionen wären Quatsch, Antisoziale Persönlichkeitsstörung gäbe es ja gar nicht, diverse Diagnosen wären in Wirklichkeit nur ein beschönigender Name für Gewaltbereitschaft und so weiter.

Niemand kümmert sich darum, uns mal zu fragen. Bestenfalls werden Psycholog*innen oder Psychiater*innen gefragt – die natürlich auch wieder denken, sie hätten das absolute Definitionsrecht über unsere Köpfe.

Die Verfasser*innen der Hass-Texte scheinen dabei noch nicht einmal grundlegende Ahnung von dem Thema zu haben, über das sie schreiben. Ein besonders widerliches Beispiel ist dieser FAZ-Artikel (wenn ihr euch nicht sicher seid, ob ihr das anschauen wollt: NEIN.)

Mit kompliziert klingenden Wörtern und abwertenden Begriffen wird ein besonders fremdartiges, unmenschliches und angsteinflößendes Bild von uns gezeichnet.

Ich werde im Folgenden beispielhaft ein paar dieser Wörter erklären und aufzeigen, wie sie benutzt werden, um uns möglichst gefährlich wirken zu lassen. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig.

Depressionen, depressiv: Depressionen sind eine schwere psychische Krankheit, die oft tödlich endet (durch Suizid).

Depressionen gehen oft mit Antriebslosigkeit einher. Depressive können ihren Alltag nicht mehr bewältigen, fühlen sich niedergeschlagen, hoffnungslos, wertlos, hilflos, kraftlos oder leer.

Depressionen nehmen uns die Fähigkeit zur Freude, machen unsere Gedanken ziellos und träge, führen zu Konzentrations- und Gedächtnis-Schwierigkeiten und können dazu führen, dass wir unsere Pflichten, unsere Hobbies, unsere Freundschaften und uns selbst vernachlässigen.

Wisst ihr, was kein Symptom für eine Depression ist? Genau: Gewalt!

Ob Menschen gewalttätig sind, ob Menschen andere verletzen oder töten, hat absolut nichts damit zu tun, ob sie depressiv sind.

Epidemie: Aus unerfindlichen Gründen wird immer wieder so getan, als sei irgendeine Neurodivergenz eine „Epidemie“, also eine Krankheits-Häufung. Wahlweise betrifft das zum Beispiel ADHS, Autismus, Depressionen oder was auch immer.

Die Wahrheit ist: So eine Epidemie gibt es nicht.

Psychische Krankheiten und Neurodivergenzen gibt es schon immer. Erbliche Neurodivergenzen wie z.B. Autismus, Schizophrenie oder ADHS werden einfach häufiger diagnostiziert bzw. ausführlicher differenziert als früher. Das Erscheinen von Neurodivergenzen mit erblichen Aspekten wie beispielsweise Persönlichkeitsstörungen hängt vom Umfeld der Betroffenen und ihren Erfahrungen ab. Auch hier ist es so, dass die diagostischen Verfahren ständig verfeinert werden.

Depressionen, Angststörungen und Burn-Out können von einer leistungsorientierten und hasserfüllten Gesellschaft wie der, in der wir leben, natürlich verursacht und verstärkt werden. Die Lösung ist aber nicht, Betroffene besser zu isolieren und stärker zu stigmatisieren.

Geisteskrankheit, geisteskrank: Dieses Wort tut so, als wäre es ein Synonym für „psychische Krankheit, psychisch krank“. Tatsächlich schwingt aber eine abwertende Einschätzung der Intelligenz und des Urteilsvermögens der betroffenen Person mit.

Der Begriff wird meistens als schwammige Bezeichnung für irgendwas benutzt, was die schreibende Person unverständlich und furchteinflößend findet. Wie genau das jetzt mit psychischen Krankheiten zusammenhängt, wird nicht erklärt. Weiß auch niemand. Darum geht es ja auch nicht; viel wichtiger ist, irgendwie eine Bevölkerungsgruppe zu finden, die als Sündenbock herhalten kann.

Pathologisch: Das ist einfach nur ein kompliziertes Wort für „krankhaft“. Wir selbst sehen nicht alle unsere Neurodivergenzen als „krankhaft“ wahr. Für die meisten von uns sind Stimmenhören, seltsame Wahrnehmungen, Angstzustände, Selbsthass, Kommunikations-Schwierigkeiten und vieles andere einfach unser Alltag. Unter manchem davon leiden wir, unter anderem nicht. Ob etwas „pathologisch“ ist oder nicht, entscheiden Therapeut*innen und Psychiater*innen aber oft, ohne uns überhaupt zu fragen.

Persönlichkeitsstörung: Im DSM 5 sind folgende Persönlichkeitsstörungen definiert: Paranoide PS, Schizoide PS, Schizotypische PS, Antisoziale PS, Borderline-PS, Histrionische PS, Narzisstische PS, Ängstlich-vermeidende PS, Abhängige PS, Zwanghafte PS. Keine einzige davon beschreibt gewalttätiges Verhalten oder gar Mord als ein Symptom.

Die meisten Persönlichkeitsstörungen sind durch ein Muster von Angst und/oder durch ungewöhnliche Bedürfnisse definiert. Sie beeinflussen das ganze Leben, oft auf sehr unangenehme und schwierige Art und Weise.

Hört auf, persönlichkeitsgestörte Menschen für eure beschissene ableistische Agenda zu benutzen und uns als Gewalttäter*innen abzustempeln.

Psychische Störung, psychisch gestört: Der Begriff der „Störung“ kommt in vielen Diagnose-Bezeichnungen vor und ist damit scheinbar (aber wirklich nur scheinbar) sachlich. Tatsächlich ist der Begriff stark abwertend. Jemanden als „gestört“ zu bezeichnen ist eine Beschimpfung. Eine „Störung“ ist eine Abweichung vom „Normalzustand“, ein Defekt, etwas, das „behoben“ werden muss. Na, vielen Dank auch…

Psychische Krankheit, psychisch krank: Psychische Krankheiten sind erworbene (nicht angeborene) Neurodivergenzen, die den Betroffenen großes Leid verursachen, wie zum Beispiel Depressionen.

Therapeut*innen und Psychiater*innen bezeichnen alles Mögliche als psychische Krankheit, ohne Betroffene zu fragen, ob diese es überhaupt so wahrnehmen. Meistens wird vorausgesetzt, dass bestimmte Neurodivergenzen immer mit einem großen Leidensdruck einhergehen.

Entsprechend vielfältig sind die Dinge, die als psychische Krankheiten bezeichnet werden. Dazu gehören zum Beispiel Psychosen, Bipolare Störung, Angststörungen, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder Narzissmus und vieles mehr.

Allgemein „psychische Krankheiten“ als Ursache für irgendein gesellschaftliches Problem zu nennen, ist ungefähr so zielführend, wie „technische Defekte“ als Ursache für Probleme im Straßenverkehr zu nennen.

Das Problem ist nicht, dass viele Menschen psychisch krank sind. Das Problem ist, dass viele Menschen sich scheiße verhalten. Diese beiden Dinge sind absolut unabhängig voneinander.

Psychopathie, Soziopathie: Dies sind extrem abwertende Bezeichnungen für Menschen mit Antisozialer Persönlichkeitsstörung (ja, wieder diese „Störung“). Menschen mit ASPS erleben wenig oder keine Empathie und haben Schwierigkeiten damit, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.

Die Begriffe „Psychopath“ und „Soziopath“ sind vor allem aus blutigen Filmen und Serien bekannt, in dem Menschen mit ASPS als herzlose Mörder*innen dargestellt werden. Entsprechend rufen diese Wörter im Bewusstsein der meisten Menschen genau dieses Bild hervor.

Hier ist ein Blogpost, der mit den gängisten Vorurteile gegenüber Menschen mit ASPS aufräumt: Mandatory ASPD Post (englisch).

Hier ist ein Blogpost, in der eine Person mit ASPS darüber schreibt, was das bedeutet: Could you explain what ASPD is like? (englisch)

Wenn ihr keine ASPS habt, solltet ihr die Begriffe „Psychopath“ und „Soziopath“ definitiv nicht benutzen. Ein Text, in dem diese Wörter vorkommen, ist praktisch immer voll mit Ableismus.

Psychose, psychotisch: Psychosen sind Zustände, in denen eine Person Wahrnehmungen oder Vorstellungen hat, die sich von der Realität anderer Menschen deutlich unterscheiden. Psychotische Menschen können zum Beispiel Angst vor den Kameras in ihrer Wohnung haben oder davon überzeugt sein, dass Außerirdische ihre Gedanken steuern.

Psychosen sind etwas ganz anderes als eine Phantasie-Vorstellung. Was Menschen in Psychosen wahrnehmen, haben sie sich nicht „ausgedacht“ oder „erfunden“.

Psychotische Zustände gehen außerdem meistens mit weiteren massiven Problemen einher, zum Beispiel Konzentrations- und Gedächtnis-Schwierigkeiten, Probleme damit, klare Gedanken zu fassen und Entscheidungen zu treffen, große Angst vor Menschen und Orten und vieles mehr.

Menschen, die gerade eine Psychose erleben, sind nicht gefährlich. Die größte Gefahr geht von Verwirrungs-Zuständen aus, in denen psychotische Menschen unter Umständen schlechte Entscheidungen treffen können, wie beispielsweise aus einem Fenster zu springen, um sich vermeintlich in Sicherheit zu bringen oder in ein Flugzeug zu steigen und ans andere Ende der Welt zu fliegen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, welche Folgen das für ihr Leben haben könnte.

In Filmen und Serien werden psychotische Menschen oft als gewalttätig dargestellt. Wir sehen dort Charaktere, die in ihrer Verwirrung andere Leute ermorden oder ausgeklügelte Terror-Anschläge vorbereiten.

Das ist völliger Quatsch. Die Benutzung des Fachbegriffes (den viele Betroffene übrigens ebenfalls ablehnen!) vermittelt ein falsches Gefühl von Sachlichkeit. In Wirklichkeit sind solche Darstellungen vor allem stigmatisierend und tragen dazu bei, systematische und institutionalisierte Gewalt gegen psychotische Menschen zu legitimieren.

Psychotische Menschen werden oft gegen ihren Willen zwangsbehandelt, in Psychiatrien und anderen Einrichtungen festgehalten und gezwungen, Medikamente zu nehmen, die ihnen nicht gut tun.

Dabei sind Psychosen einfach eine besondere Form des Erlebens, die nicht alle Menschen kennen. Sie können sehr unangenehm sein, aber sie können für die betroffenen Leute auch sehr spirituell, erfüllend, oder eben Alltag sein.

Psychotische Menschen sind einfach Menschen: Sie können liebenswürdig sein, sie können neugierig sein, sie können aber natürlich auch gewalttätig sein, so wie alle anderen Menschen auch.

Was Psychosen auf keinen Fall sein sollten, ist ein Aufhängungspunkt für eure beschissenen, behindertenfeindlichen Texte.

Schizophrenie, schizophren: Schizophrenie ist eine Neurodivergenz, deren Name gerne völlig wahllos für alles mögliche benutzt wird, das gar nichts damit zu tun hat. Nicht nur, dass Schizophrenie ständig mit Multipler Persönlichkeit verwechselt wird, sondern sie scheint auch noch alle möglichen, furchteinflößenden Dinge in sich zu vereinen:

Schizophrene sind der Archetyp der „Verrückten“ in unser behindertenfeindlichen Vorstellung. Schizophrenie geht mit Psychosen einher; viele Schizophrene haben Halluzinationen, hören Stimmen, werden als „wahnsinnig“, „irre“, „krank“ bezeichnet und vor allen Dingen stark stigmatisiert.

Schizophrene Menschen werden extrem häufig Opfer von Gewalt. Die Diagnose kann dazu führen, dass nichts, was sie sagen, ernstgenommen wird, auch, wenn sie von Gewalterfahrungen berichten. Sie werden oft zwangsbehandelt, institutionalisiert und ausgegrenzt.

Viele Schizophrene sind obdachlos, weil sie keine menschenwürdige Unterstützung bekommen. Aus (berechtigter!) Angst vor psychiatrischer Gewalt können viele schizophrene Menschen gar keine Hilfe suchen. Schizophrenie ist ein hoher Risikofaktor für Alkoholismus und andere Suchtkrankheiten.

Und dann kommt ihr daher und tut so, als wären Schizophrene jetzt irgendwie schuld an Gewalttaten, die sie überhaupt nicht begangen haben.

Seele, seelische Verfassung, seelische Krankheit: Auf den ersten Blick wirkt es so, als seien diese Begriffe synonym zu „Psyche, psychische Verfassung, psychische Krankheit“.

Der Begriff der „Seele“ hat allerdings noch viele weitere Bedeutungen.

Während die „Psyche“ oft als sachlicher Begriff für Vorgänge im Gehirn von Menschen verwendet wird, hat die „Seele“ auch religiöse und spirituelle Bedeutung. Als „Seele“ wird der innerste Kern, das Wesen von Menschen bezeichnet. Menschen können eine „gute Seele“ oder eine „bösartige Seele“ haben. Manche religiöse und spirituelle Konzepte beinhalten eine „unsterbliche Seele“.

Wenn also die „Seele“ eines Menschen als „krank“ bezeichnet wird, ist das eine sehr tiefgehende moralische Abwertung.

Selbstmord, Suizid: Menschen, die in ihrem Leben stark leiden, entscheiden sich möglicherweise dafür, dieses Leben zu beenden.

Das hat nichts, aber auch gar nichts mit der Entscheidung zu tun, vorher erstmal irgendwelche anderen Menschen zu töten. Dafür braucht es die anmaßende Anspruchshaltung, das Recht zu haben, über das Leben anderer Menschen zu bestimmen.

Bei Morden, auf die ein Suizid folgt, sind die Ermordeten oft weniger privilegiert als die Mörder*innen: Frauen töten ihre Kinder, Männer töten ihre Frauen.

Die allermeisten Menschen, die „Amok laufen“, sind weiß und männlich. Weiße Männer haben in unserer Gesellschaft eine sehr privilegierte Position, die ihnen viele Vorteile und vor allem Macht über marginalisierte Gruppen bringen kann. Wenn sie den Eindruck haben, dass ihnen diese Machtposition verwehrt wird, werden sie oft gewalttätig.

Wir brauchen definitiv ein Gespräch darüber, warum einige Menschen sich so selbstverständlich in der Machtposition sehen. Dabei sollten wir auch darüber reden, warum neurotypische Menschen sich so selbstverständlich in der Machtposition über neurodivergente Menschen sehen.

Das Leid von Menschen, die den Suizid wählen, ist nicht dazu da, von euch zur weiteren Stigmatisierung neurodivergenter Menschen instrumentalisiert zu werden.

Stimmen hören: Für viele Menschen ist es Alltag, mehr körperlose Stimmen zu hören als nur die tonlose Stimme des eigenen Denkprozesses.

Schizophrene Menschen, Menschen mit dissoziierten Persönlichkeits-Anteilen und andere neurodivergente Menschen hören besonders häufig Stimmen.

Aber auch Menschen, die sonst überhaupt keine erwähnenswerten Neurodivergenzen haben, können Stimmen hören. Das ist überhaupt nichts Gefährliches oder Krankhaftes, sondern einfach die Art, wie manche Köpfe funktionieren.

Diese Stimmen können lustig sein oder furchteinflößend, freundlich oder feindlich. Sie können nüchtern die Situation kommentieren, sie können Witze machen, unverständliches Geschrei von sich geben, Drohungen aussprechen oder Vorschläge machen. Und ja, sie können auch Befehle geben.

Aber sie können nicht die Kontrolle über einen Menschen übernehmen. Menschen, die Stimmen hören, sind kein willenloses Opfer dieser Stimmen.

Hier ist ein Vortrag darüber, wie es ist, Stimmen zu hören: The voices in my head (englisch, mit Transkript und Untertiteln in vielen Sprachen).

Unterschiedliche Arten, die Welt und sich selbst zu erleben, sind Teil der menschlichen Vielfalt, kein Gruselkabinett.

Wahn, Wahnsinn, Wahnvorstellung, Irrsinn, irre, verrückt: Diese und ähnliche Wörter bezeichnen so ungefähr alles, was irgendwie als „unverständlich“ gilt. Dabei wird komplett ausgeblendet, wie diese Begriffe benutzt wurden, um massive Gewalt gegen neurodivergente Menschen zu rechtfertigen.

Ich hab jetzt echt nicht die Kraft, einen Aufsatz darüber zu schreiben, wie sogenannte „wahnsinnige“ oder „irre“ Menschen in der Geschichte der westlichen Kultur gefoltert und ermordet wurden (und bis heute werden).

Die Begriffe werden immer wieder durch „freundlichere“ oder „wissenschaftlichere“ Wörter ersetzt. Heute wird statt „wahnsinnig“ oft „psychotisch“ gesagt, statt „verrückt“ eben „krank“ oder „gestört“. Aber die stigmatisierende Verwendung der Begriffe bleibt genau dieselbe: Es wird impliziert, dass neurodivergente Menschen eben irgendwie gefährlich, schlecht, kaputt und weniger menschlich wären als neurotypische Menschen.

Es wird auch so getan, als sei „der Wahnsinn“ etwas, das objektiv feststellbar wäre; etwas, das Menschen „befällt“ und sie dazu führt, bösartige oder lächerliche Dinge zu tun.

Das Problem ist aber nicht, wenn sich Menschen aufgrund von Verwirrung, Unwissen, psychotischen Zuständen oder emotionalen Ausfällen böse verhalten: Das Problem ist, wenn Menschen sich bewusst, wissentlich, unter Kenntnis der Alternativen und ihrer (oft privilegierten) Position so verhalten.

Zum Beispiel, indem Menschen, die noch nie ernsthaft als „wahnsinnig“ bezeichnet und mit Zwangseinweisung bedroht wurden, solche Begriffe benutzen, um irgendjemanden als möglichst unmenschlich darzustellen oder lächerlich zu machen.

Schlusswort

Hört auf, zu behaupten, Menschen würden Gewalttaten begehen, weil sie psychisch krank oder neurodivergent seien. Menschen sind gewalttätig, weil sie die Entscheidung treffen, anderen Gewalt anzutun. Das hat nichts damit zu tun, ob sie neurodivergent sind oder nicht.

Wenn ihr die Entscheidung trefft, auf diese Art und Weise neurodivergente Menschen weiter zu stigmatisieren, aus „eurer“ Gesellschaft auszuschließen, dann ist das auch ein Akt der Gewalt, den ihr absolut bewusst begeht.

Wir sind kein „Symptom“ einer „kranken“ Gesellschaft.

Wir sind Teil der Gesellschaft. Wir lesen eure Texte, die uns abwerten und verurteilen. Wir hören, wie ihr in der Öffentlichkeit darüber redet, wie unmenschlich ihr uns findet und wie viel Angst ihr vor uns habt.

Wir sitzen neben euch in der Bahn, im Büro, im Hörsaal, auf der Couch.

Ihr begegnet uns, ihr interagiert mit uns, jeden Tag.

Ihr kauft unsere Brötchen, ihr werft uns ein paar Cent in den Becher, ihr lacht über die Art, wie wir uns bewegen, wie wir reden und wie wir uns verhalten. Ihr dreht euch angewidert von uns weg oder beschimpft uns, wenn ihr erkennt, was wir sind.

Ihr macht uns das Leben schwer.

Hört auf damit.

Empathie

(Das Video ist nicht Wort für Wort identisch, hat aber den gleichen Inhalt.)

In diesem Text werde ich Erklären, was Empathie ist, welche Formen von Empathie es gibt und dass Menschen ohne Empathie genauso wertvoll und menschlich sind wie Menschen mit Empathie. Das soll kein wissenschaftlicher Text werden, sondern eine Erklärung, um das Thema besser verstehen und besser damit umgehen zu können.

Wenn wir über Empathie reden, dann tun wir oft so, als wäre ganz klar, was Empathie überhaupt ist. In Wirklichkeit besteht Empathie aber aus ganz vielen Einzelteilen und nicht alle Menschen erleben jeden Teil davon.

Es gibt viele wissenschaftliche Texte, die Empathie in verschieden viele Teile aufteilen und diesen Teilen komplizierte Namen geben. Manche Aufteilungen benutzen den gleichen Namen für verschiedene Dinge. Empathie ist also offensichtlich gar nicht so einfach! Ich nehme hier meine eigene Aufteilung vor und gebe den Teilen einfachere Namen.

 

Was gehört zu Empathie dazu?

Gefühls-Erkennung

Viele Menschen erkennen ganz automatisch die Gefühle von anderen Menschen. Körpersprache, Tonfall, Bewegungen und Gesichtsausdrücke sind nonverbale Signale, die viele Menschen verstehen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Manchen Menschen (z.B. Autist*innen) fällt das schwer. Sie können vielleicht nur einfache und offensichtliche Gefühle erkennen. Andere Menschen können Gefühle gar nicht erkennen und müssen nachfragen, um zu wissen, wie sich jemand fühlt. Nicht alle Menschen können erkennen, wann sie nachfragen müssen. Manche Menschen können auch gar nicht fragen.

Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, Gefühle bei anderen zu erkennen, werden oft als abweisend oder ignorant wahrgenommen.

Wenn du willst, dass jemand anders deine Gefühle kennt, ist es deswegen oft zuverlässiger, einfach zu sagen, was du fühlst.

Die Gefühls-Erkennung kann erschwert werden, wenn die andere Person eine andere Körpersprache hat oder in einem ungewohnten Tonfall spricht. Zum Beispiel haben viele Autist*innen eine Körpersprache, die nicht-autistische Menschen nicht gut verstehen können. Manche Menschen lachen, wenn sie aufgeregt sind, was nicht mit Freude verwechselt werden sollte. Solche Dinge führen dazu, dass neurodivergente Menschen oft missverstanden werden.

Auch andere Behinderungen können diese nonverbalen Signale beeinflussen. Zum Beispiel kann es sein, dass Schmerzen oder Lähmungen zu einer Körperhaltung oder zu Bewegungen führen, die fälschlicherweise als Körpersprache verstanden werden. Eine Person, die noch nie sehen konnte, hat vielleicht auch nie Gesichtsausdrücke gelernt.

Auch in solchen Fällen kann es helfen, klar zu kommunizieren und nachzufragen.          

Gefühls-Übertragung

Wenn Menschen die Gefühle von anderen Menschen erkennen, kann es sein, dass sie die gleichen Gefühle selbst spüren. Die Gefühle werden also sozusagen von einer Person zur anderen „übertragen“.

Viele Menschen merken überhaupt nicht, wenn das passiert. Dann kann es sein, dass sie sich plötzlich traurig oder wütend fühlen, ohne zu wissen, dass sie das Gefühl von jemandem anders übernommen haben. Manche Menschen haben Probleme damit, eigene Gefühle zu erkennen (Gefühlsblindheit). Für sie kann Gefühls-Übertragung besonders verwirrend sein, da sie nicht nur nicht wissen, was sie fühlen, sondern auch nicht wissen, ob es ihr eigenes Gefühl ist oder von jemandem anders kommt.

Manche Neurodivergenzen (z.B. Borderline) können Menschen extrem empfänglich für Gefühle von anderen Menschen machen.

Diese Gefühls-Übertragung kann hilfreich sein, um andere Menschen zu verstehen und intuitiv herauszufinden, was sie gerade brauchen.

Nicht alle Menschen erleben diese Form von Gefühls-Übertragung. Auch das kann ein Vorteil sein, da es dadurch leichter sein kann, Menschen zu helfen, denen es schlecht geht, ohne selbst darunter zu leiden.

Gefühls-Erkennung ist Voraussetzung für diese Art von Gefühls-Übertragung. Wenn das Erkennen der Gefühle nicht klappt, kann die Übertragung auch nicht stattfinden.

Stellvertretendes Mitgefühl

Stellvertretendes Mitfühlen ist anders als Gefühls-Übertragung, da es absichtlich passiert, wenn jemand sich in eine andere Person hinein versetzt. Auf diese Weise kann man sich vorstellen, wie eine andere Person sich fühlt. Manche Menschen erfahren dadurch starke Gefühle.

Stellvertretendes Mitgefühl ist es zum Beispiel, wenn ich ein Kind auf einer Schaukel sehe und Freude empfinde, weil ich mir vorstelle, an Stelle des Kindes selbst auf der Schaukel zu sitzen. Ein anderes Beispiel ist, wenn sich jemand sich in den Finger schneidet und eine andere Person „aua“ sagt, weil sie sich vorgestellt hat, wie sich das anfühlen muss.

Um mit jemandem mitfühlen zu können, muss man nicht erkennen, wie die andere Person sich fühlt. Stattdessen basiert das Mitgefühl auf dem Erkennen der Situation.

Natürlich ist das Gefühl, das durch diese Art von Mitfühlen erzeugt wird, nicht immer das gleiche wie das, was die andere Person fühlt. Zum Beispiel kann das Kind auf der Schaukel in Wirklichkeit traurig sein, was ich nicht bemerken würde.

Nicht alle Menschen können mit anderen Menschen mitfühlen. Mitfühlen ist eine Art von Gefühls-Antwort.

Gefühls-Antwort

Gefühls-Antworten sind Gefühle, die Menschen als Reaktion auf die Gefühle oder Erlebnisse von anderen Menschen (oder auch Tieren oder Gegenständen) haben.

Es ist zum Beispiel eine Gefühls-Antwort, wenn ich mich freue, weil eine Freundin von mir einen Test bestanden hat, vor dem sie Angst hatte. Meine Freundin spürt in diesem Moment vielleicht etwas ganz anderes: Vielleicht hat sie Angst vor dem nächsten Test oder ist einfach nur müde. Eine Gefühls-Antwort ist also ein eigenes Gefühl, das sich auf jemanden anders bezieht.

Eine Gefühls-Antwort ist es zum  Beispiel auch, sich schlecht zu fühlen, nachdem man versehentlich jemanden verletzt hat oder besorgt zu sein, wenn es jemandem anders nicht gut geht.

Gefühls-Antworten können unfreiwillig entstehen und sehr intensiv sein. Mitleid würde ich als Gefühls-Antwort einordnen.

Viele Menschen, die Gefühle anderer schlecht erkennen oder keine Gefühls-Übertragung erleben, haben trotzdem Gefühls-Antworten. Aber es gibt auch Menschen, die überhaupt keine Gefühls-Antworten haben, wie zum Beispiel viele Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung.

 

Empathielosigkeit ist genauso menschlich wie Hyper-Empathie

Empathielosigkeit ist kein Schimpfwort.

Empathie ist keine einheitliche Erfahrung, sondern geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen und auf verschiedene Arten und Weisen.

Nur eine ganz bestimmte Menge und ganz bestimmte Arten, Empathie zu erleben, gelten als „normales“ Erleben neurotypischer Menschen.

Viele neurodivergente Menschen erleben Empathie anders als neurotypische Menschen. Viele von uns erleben Empathie nur teilweise. So gibt es zahlreiche Menschen, die keine Gefühls-Übertragung erleben, aber sehr wohl Gefühls-Antworten haben.

Andere von uns können nur bestimmte Gefühle empathisch wahrnehmen, weil zum Beispiel ihr eigenes Gefühls-Erleben gar nicht alle Gefühle beinhaltet.

Manche von uns erleben extrem starke Empathie, werden von empathischen Empfindungen, übertragenen Gefühlen, Mitleid und anderen Gefühls-Antworten geradezu überwältigt. Solche hyper-empathischen Menschen werden oft als „überempfindlich“ oder „zu sensibel“ angesehen.

Manche von uns empfinden auch überhaupt keine Empathie – weder Gefühls-Übertragungen noch Gefühls-Antworten jeglicher Form. Empathielose Menschen werden oft als gefühlskalte, manipulative Menschen ohne Gewissen angesehen.

Tatsächlich sind diese zahlreichen Arten, Empathie zu erleben oder eben nicht zu erleben, Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden – genauso wie Haarfarbe oder Schuhgröße. Es ist keine Voraussetzung für rücksichtsvolles Handeln, die Gefühle anderer Menschen verstehen oder nachempfinden zu können. Wer keine Reue und kein schlechtes Gewissen empfindet, verdient den gleichen Respekt und das gleiche Vertrauen wie Menschen, die für die Gefühle anderer Menschen empfänglicher sind.

Es gibt zahllose Gründe, andere Menschen gut zu behandeln. Empathie ist nur einer davon und Empathie allein reicht noch lange nicht aus, um zu gewährleisten, dass jemand andere Menschen nicht absichtlich verletzt.

Manche Menschen leiden darunter, dass sie zu viel oder zu wenig Empathie empfinden und es ist ihr gutes Recht, daran zu arbeiten.

Bewertet Menschen nach ihrem Handeln, nicht danach, was für Gefühle und Fähigkeiten sie haben oder nicht haben.

 

Neurodivergenz und Sexualität

Hier die Beiträge, die wir auf unseren Aufruf zu dem Thema erhalten haben. Ihr könnt uns natürlich auch gerne weiterhin Beiträge dazu schicken!


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Sexuelle Übergriffe

Anonym:

Meine Depression schlägt in das Gegenteil von dem um, was viele sagen: ich bin sexuell sehr aktiv und fordernd, trotz sexuellen Übergriffes in meiner Jugend, der schon beim Akt häufig zu Tränen führte. Ich habe angefangen Testosteron zu nehmen um zu transitionen und seitdem habe ich mich viel besser unter Kontrolle! Es sind eben doch die kleinen Erfolgserlebnisse. 🙂


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Suizid, Drogen und Selbstverletzung

fynn alex:

Ich habe eine Borderline Persönlichkeitsstörung.

Ein Teil der Symptomatik sind Identitätsunsicherheiten und -Schwankungen. Diese sind auch in Sexualität deutlich bemerkbar. Seit meinem 14. Lebensjahr „questione“ ich meine sexuelle Orientierung.

Dies ging teilweise innerhalb eines Tages von „homosexuell“ zu „pansexuell“ zu „asexuell“ und wieder zurück zu heterosexuell.

Inzwischen würde ich vage sagen, dass es irgendetwas in Richtung „pansexuell homoromantisch“ am ehesten trifft, doch so einfach ist das nicht da ich mir auch über mein Gender im Unklaren bin und die Schwankungen in meiner Sexualität ziemlich extrem sind.

Ein Teil davon ist die Hypersexualität, eine Phase in der der Sexualtrieb deutlich ansteigt.

Diese überlappen häufig mit manischen Phasen, die bei mir allerdings nicht sonderlich ausgeprägt sind. In der Hypersexualitätsphase passiert es mir häufig, dass ich impulsiv sexuellen Kontakt suche, dies dann aber sehr schnell bereue. Teilweise suche ich auch sexuellen Kontakt als Selbstverletzungsmethode, weil ich weiß wie sehr ich es bereuen werde, oder um dissoziative Phasen zu beenden. Dieses impulsive sexuelle Verhalten passiert meistens auch im Zusammenhang mit Drogen oder Alkohol. Diese Mischung führt dann zu einem meist suizidalen Low am nächsten Tag bei dem ich meistens extrem „sex-repulsed“ bin, was bedeutet, dass ich mich von Sex und dem Gedanken stark abgestoßen fühle. Durch die emotionale Unausgeglichenheit fängt dies meistens schon bei Körperkontakt an. In dieser Phase bekomme ich also Selbstverletzungsdränge von einer einfachen Umarmung weil mich der körperliche Kontakt so abstößt. Diese sexuellen Schwankungen machen eine funktionierende Beziehung sehr schwierig.


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Traumatisierung

Lian:

Ich bin asexuell. Üblicherweise wird Asexualität definiert als: „Empfindet keine sexuelle Anziehung“. Da ich mit dem abstrakten Begriff „sexuelle Anziehung“ wenig anfangen kann, weiß ich nicht, ob das auf mich zutrifft. Ich finde viele Menschen durchaus schön und ansprechend, aber das erzeugt in mir keine Gedanken an Sexualität, deswegen nenne ich es „ästhetische Anziehung“.

Durch Traumatisierungen ist Sexualität für mich schwierig. Vieles ist mir sehr unangenehm und triggert mich. Ich brauche klare Kommunikation und viel Aufmerksamkeit, um das zu vermeiden.

Meine empfindlichen Sinne führen dazu, dass viele Gerüche, Geschmäcke und Empfindungen, die bei sexuellen Handlungen auftreten, für mich sehr unangenehm sind. Das führt dazu, dass ich nur unter sehr bestimmten Bedingungen und mit Menschen, die sehr bestimmte Bedingungen erfüllen, überhaupt angenehme Sexualität erleben kann. Viele sexuelle Handlungen sind für mich extrem unangenehm, daher ist auch nur eine sehr eng begrenzte Auswahl für mich eträglich.

Wenn alle Bedingungen erfüllt sind und ich eine*n passende*n Sexualpartner*in dafür habe, kann Sexualität für mich relativ angenehm und entspannend sein. Meine persönliche Bewertung ist: Es ist etwas weniger gut als eine Rückenmassage und etwas besser als Haare waschen.

Insgesamt ist es also etwas, was ich mir durchaus gelegentlich vorstellen kann. Da es aber sehr schwierig ist, passende Partner*innen zu finden und die richtigen Bedingungen herzustellen, ich sehr, sehr selten Lust darauf habe und das alles einfach anstrengend ist, findet es in meinem Leben im Moment nicht statt und ich vermisse es auch nicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch einmal Sexualität haben möchte. Ich habe zwar einige sehr schöne Erfahrungen gemacht, aber da sich das doch deutlich außerhalb meiner Wohlfühl-Zone befindet, ist es für mich auch ein Akt von Selbstfürsorge, es bleiben zu lassen.

Neurodivergenz

Neurodivergent zu sein, bedeutet, dass unser Gehirn anders funktioniert, als üblicherweise als „normal“ angenommen wird. Das heißt nicht, dass wir „unnormal“ sind – aber wir werden oft so angesehen.

Das Gegenteil von neurodivergent ist neurotypisch. Das Gehirn von neurotypischen Menschen funktioniert so, wie das als „normal“ angesehen wird.

Neurodiversität ist ein ähnliches Wort, aber es hat eine etwas andere Bedeutung. Neurodiversität heißt, zu akzeptieren, dass manche Menschen neurodivergent sind und manche nicht und dass das ganz normal und gut so ist.

Weitere Begriffserklärungen gibt es hier (auf Englisch).

Hier ist eine Erklärung der Person, die das Wort Neurodivergenz erfunden hat (auch Englisch).

Einige Neurodivergenzen sind z.B. Psychosen, Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder Narzisstische Persönlichkeitsstörung, ADHS, Depressionen, Legasthenie, Epilepsie, Down-Syndrom und viele weitere.

Es ist egal, ob die Neurodivergenz schon immer vorhanden war oder erst später im Leben auftrat.

Eine Person kann auch mehrfach neurodivergent sein, das heißt, mehrere Neurodivergenzen gleichzeitig haben.

Neurodivergenz ist kein medizinischer Begriff. Es ist ein Wort, das wir benutzen, um uns miteinander auszutauschen und für unsere gesellschaftliche Anerkennung und gegen unsere Diskriminierung zu kämpfen.

Wenn du den Begriff für dich nicht passend empfindest, musst du dich nicht so nennen. Du darfst dich aber neurodivergent nennen, wenn du denkst, dass es auf dich zutrifft.

Das Wort Neurodivergenz ist wertungsfrei. Es sagt nichts darüber aus, ob die Neurodivergenz als belastend empfunden wird und Leidensdruck verursacht. Es sagt auch nichts darüber aus, ob und wie stark die Neurodivergenz zu einer Behinderung führt.

Es gibt Menschen, die alle oder einige ihrer Neurodivergenzen als unangenehm empfinden und am liebsten ohne sie leben würden. Es gibt andere Menschen, die alle oder einige ihrer Neurodivergenzen ganz okay finden und nichts daran ändern möchten.

Mit dem Begriff soll auch keine Abschaffung enger gefasster Räume erzielt werden. Es ist immer noch sinnvoll, z.B. Gemeinschaften nur für Autist*innen oder nur für Borderliner*innen zu haben.

Das alles heißt auch nicht, dass jetzt plötzlich „alle“ neurodivergent sind. Es gibt tatsächlich erschreckend viele Menschen, die sehr neurotypisch sind.

Es macht Sinn, diesen weit gefassten Begriff zu haben, weil viele unserer Probleme und Eigenschaften mehrere Gruppen von Neurodivergenten betreffen. Zum Beispiel betrifft exekutive Dysfunktion nicht nur Menschen mit ADHS, sondern auch Depressive, Schizophrene, Autist*innen und viele mehr.

Wir haben viele ähnliche Erlebnisse und machen ähnliche Erfahrungen. Zum Beispiel haben nicht nur Autist*innen Meltdowns und Shutdowns. Nicht nur Borderliner*innen haben Probleme mit emotionaler Regulierung. Nicht nur Depressive kämpfen mit Schlaflosigkeit oder lähmender Müdigkeit.

Außerdem sind wir praktisch alle von Behindertenfeindlichkeit (Ableismus), Neuro-Normativität, Diskriminierung und einem Mangel an Rücksicht und Hilfeleistungen betroffen.

Ein weiterer Vorteil dieses weit gefassten Begriffes ist, dass mehrfach neurodivergente Menschen nicht aus dem Raster fallen, wie das in enger gefassten Räumen leider oft der Fall ist.

Der Begriff ermöglicht mehr Selbstbestimmung und weniger Pathologisierung als medizinische Diagnosebegriffe. Es ist okay, deine Neurodivergenz(en) toll zu finden, egal zu finden und es ist auch okay, sie zu hassen. Es ist Raum für Selbstdefinition abseits von psychiatrischen Kategorien.

Es ist auch Raum für Menschen, die nicht wissen, wo oder wie sie genau hineinpassen. Nicht alle haben eine Diagnose oder auch nur eine grobe Ahnung, wie genau ihre Neurodivergenz heißt.

Mit einem gemeinsamen, inklusiven Kampf für Neurodiversität und für alle neurodivergenten Menschen ist es auch leichter, für Menschen mitzukämpfen, die aufgrund ihrer Behinderungen oder Stigmatisierungen keine großen eigenen Gemeinschaften haben.

Der Zusammenschluss als neurodivergente Menschen hilft (hoffentlich) auch, den weit verbreiteten lateralen Ableismus zu bekämpfen, bei dem verschieden neurodivergente Menschen sich gegenseitig diskriminieren, wie z.B. das „beliebte“ Schlechtreden von Persönlichkeitsstörungen durch Autist*innen.

(Falls die Haters das hier lesen: Darüber rege ich mich seit mindestens einem Jahr auf. Das ist also kein Seitenhieb gegen euch. Küsschen.)

Der zusammenfassende Begriff der Neurodivergenz ermöglicht es uns, weniger Ausschlüsse zu erzeugen, effektiver gegen Ableismus zu kämpfen und uns gegenseitig zu unterstützen. Ziemlich cool, oder?

Selbstdiagnosen

Eine Selbstdiagnose ist eine Diagnose, die nicht von einer Fachperson (Ärzt*in, Psychiater*in, Therapeut*in usw.) gestellt wird, sondern von einer Person für sich selbst. Das heißt, dass sich zum Beispiel jemand informiert, was ADHS ist und dann feststellt, dass er*sie ADHS hat.

Selbstdiagnosen werden oft kritisiert und Menschen ohne professionelle Diagnose wird oft gesagt, dass sie sich nicht als Autist*in, Borderliner*in usw. bezeichnen dürfen.

In diesen Beitrag möchte ich darstellen, warum Selbstdiagnosen oft nötig sind und ernstgenommen und respektiert werden sollten.

CN: Erwähnung vom Tod am Ende des Artikels.

Warum sind Selbstdiagnosen nötig?

Für viele Menschen ist der Zugang zu korrekten professionellen Diagnosen durch zahlreiche Probleme erschwert:

  • Legaler Status: Nicht alle Menschen haben (kostenlosen) Zugang zu medizinischer, psychiatrischer oder therapeutischer Behandlung. Beispielsweise für Geflüchtete oder Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis besteht praktisch keine Möglichkeit, eine Behandlung oder Diagnose zu erhalten.

  • Sozialer und finanzieller Status: Viele Menschen können sich aus zeitlichen Gründen keine Behandlung oder Diagnostik leisten. Menschen ohne Krankenversicherung oder Leistungsanspruch, wie beispielsweise prekär Selbständige, haben ebenfalls keinen Zugang zu diesen Leistungen. Selbst wenn ein Leistungsanspruch besteht, wirken hohe Anreisekosten oft als zusätzliche Barriere.

  • Barrieren: Für viele Menschen ist es aus unterschiedlichsten Gründen sehr schwierig, Ärzt*innen oder Therapeut*innen zu erreichen. Körperliche Behinderungen, Ängste, exekutive Dysfunktion und vieles weitere können den Zugang zu Terminen und Behandlungsräumen erschweren oder unmöglich machen.

  • Diskriminierung und Ableismus (Behinderten-Feindlichkeit): In vielen Fällen ist es effektiv schädlich, eine Behandlung oder Diagnose zu verfolgen. Das psychiatrische System glänzt in vielen Fällen durch Nichtbehandlung, Fehlbehandlung und schädliche „Therapien“. Aber auch außerhalb ist Diskriminierung aufgrund von Neurodivergenzen oft völlig legal: Zum Beispiel erfordern manche Berufe medizinische Tauglichkeits-Zeugnisse, die nach einer therapeutischen oder psychiatrischen Behandlung nicht mehr zu erhalten sind. Auch auf private Versicherungen, zum Beispiel Berufsunfähigkeits-Versicherungen, können Diagnosen sich negativ auswirken.

  • Stigma: Psychiatrische und therapeutische Hilfe ist in unserer Gesellschaft immer noch stark stigmatisiert. Viele Menschen scheuen sich daher jahrelang, überhaupt entsprechende Hilfe zu suchen. Besonders Menschen, die für ihre (undiagnostizierten) Neurodivergenzen Gewalt erlebt haben, tun sich schwer damit.

  • Stereotype und Vorurteile: Viele Therapeut*innen und Psychiater*innen haben verinnerlichte Vorurteile darüber, wie bestimmte Neurodivergenzen aussehen und wer sie haben kann. Zum Beispiel wird oft behauptet, Autismus würde hauptsächlich oder ausschließlich Männer betreffen, ADHS gäbe es nur bei Kindern, Borderline nur bei Frauen und so weiter. Bestimmte Eigenschaften werden auch als Ausschlusskriterium benutzt, zum Beispiel behaupten viele „Profis“, dass Autist*innen generell nicht in der Lage wären, ein zusammenhängendes Gespräch zu führen.

  • Rassismus (sehr ableistischer Artikel), Sexismus und andere *ismen spielen oft eine große Rolle bei Fehldiagnosen oder Nichtdiagnosen.

  • Komorbiditäten: Manche Kombinationen werden als unwahrscheinlich oder unmöglich gesehen. Zum Beispiel bestreiten viele Menschen, dass es möglich ist, sowohl Autismus als auch Borderline zu haben, da sie angeblich genau das Gegenteil voneinander wären (was nicht stimmt). Manche Komorbiditäten maskieren sich auch gegenseitig. Zum Beispiel kann es sein, dass soziale Probleme weniger auffallen, wenn die entsprechende Person durch ADHS sehr hyperaktiv ist. Auch körperliche Behinderungen können Symptome maskieren.

  • Erlernte Fähigkeiten zur Kompensation und Anpassung: Besonders diejenigen von uns, die schon lange mit ihrer Neurodivergenz leben, entwickeln mit der Zeit Fähigkeiten, um mit dem Alltag und schwierigen Situationen umzugehen. Diese Methoden können Symptome teilweise maskieren. Es kann auch sein, dass es uns gelingt, mit bestimmten Situationen umzugehen (z.B. Schule oder Studium) und wir erst im Berufsleben oder im Familienalltag auf unüberwindbare Schwierigkeiten stoßen.

  • Blockaden: Lange Anreisewege zu spezialisierten Diagnosestellen, lange Wartezeiten, langwierige Diagnoseverfahren, Behandlungssperren und viele weitere Blockaden werden vom Gesundheitssystem willentlich in Kauf genommen. Diese Hindernisse treffen Leute mit Behinderungen, wenig Geld, wenig Zeit und anderen Schwierigkeiten natürlich besonders schwer.

Durch diese Auflistung wird klar, dass Menschen, die keine Diagnose oder keine korrekte Diagnose ihrer Neurodivergenz besitzen, sich oft in einer sehr schwachen und verwundbaren Situation befinden und besonders auf Unterstützung durch die neurodivergente Gemeinschaft angewiesen sind.

Menschen, die sich selbst diagnostizieren, sind oft nicht so privilegiert oder so wenig behindert, dass sie die Diagnose eigentlich nicht benötigen. Es sind oft die Menschen, die durchs System gefallen sind und die weder die richtige psychiatrische, medizinische oder therapeutische Unterstützung bekommen, noch vom sozialen System ausreichend aufgefangen werden.

Selbstdiagnosen sind oft das Resultat zahlloser Stunden verzweifelter Recherche, weil wir nicht wissen, was mit uns los ist, was wir tun können, um Hilfe zu bekommen oder welche Form von Hilfe wir überhaupt brauchen.

Daher sind die Stimmen von Menschen ohne professionelle oder formale Diagnose besonders wichtig. Es geht nicht darum, wie respektabel sie die Gemeinschaft nach außen präsentieren können, sondern darum, auch die Stimmen besonders marginalisierter und verwundbarer Menschen innerhalb unserer Gemeinschaft hörbar zu machen – und zwar in ihrer Gesamtheit, nicht nur in Bezug auf ein bestimmtes Thema.

Warum sollten wir Selbstdiagnosen akzeptieren und unterstützen?

Korrekte Diagnosen können uns helfen, richtige psychiatrische oder therapeutische Behandlung, einen Schwerbehindertenausweis, Arbeitsunfähigkeit und weitere Hilfeleistungen zu erhalten. Sie sind hauptsächlich ein Werkzeug für den Staat, um unsere Bedürfnisse abzuschätzen und für das medizinische, psychiatrische und therapeutische System, um herauszufinden, wie sie uns am besten helfen können.

Es ist auch verständlich, dass Diagnosen genutzt werden, um Gemeinschaften zu bilden mit Menschen, die viele Probleme und Eigenarten gemeinsam haben. Aber es ist ein Unding, dass dieses Werkzeug genutzt wird, um in unseren Gemeinschaften effektiv Ausschlüsse zu produzieren. Für gegenseitiges Empowerment, Austausch, Selbsthilfe und Aktivismus darf der Diagnosestatus keine Rolle spielen. Auch einige größere Organisationen zur Selbstfürsprache wie beispielsweise ASAN akzeptieren Selbstdiagnosen genauso wie formale Diagnosen.

Selbstdiagnosen sind ein Akt der Selbstbestimmung. Selbstbestimmung kommt im psychiatrischen, therapeutischen und medizinischen System oft zu kurz. Wir werden ignoriert, übergangen, uns wird gesagt, was uns helfen soll, auch wenn es nicht hilft und uns wird nicht geglaubt, wenn wir wissen, was wir brauchen.

Uns wird oft die Kompetenz abgesprochen, zu wissen, inwiefern wir selbst beeinträchtigt sind, welche Schwierigkeiten wir haben, welche Hilfe wir brauchen, welche Symptome und Beschreibungen auf uns zutreffen und welche nicht. Uns wird gesagt, dass „Profis“ mit einem entsprechenden Studium viel besser einschätzen können, was in unserem Kopf passiert, als wir selbst.

Viele von uns haben eine lange Liste von Fehldiagnosen. Gerade bei psychiatrischen Diagnosen ist es oft unerlässlich, als Patient*in kritisch zu prüfen, welche der gestellten Diagnosen wirklich zutreffen. Andersherum ist es auch möglich, herausfinden, dass Dinge zutreffen, die eben nicht diagnostiziert wurden.

Eine Diagnose ist kein zweifelsfreier Beweis und Diagnosen sind durchaus auch ein Politikum und ein Machtinstrument.

Selbstdiagnosen sind nicht zwangsweise weniger gründlich oder korrekt als formale Diagnosen. Die Diagnosekriterien, die beispielsweise im DSM 5 oder im ICD 10 aufgelistet sind, sind nicht ausschließlich für Ärzt*innen lesbar. Die komplizierte Sprache in diesen Dokumenten stellt zwar für viele Menschen eine Barriere dar, aber diese ist nicht zwangsweise unüberwindbar. Weiterhin sind in diesen Dokumenten sowohl Beispiele als auch Diagnoserichtlinien und Differentialdiagnosen aufgelistet (das heißt, andere Diagnosen, die ähnliche Symptome haben).

Mit ausreichender Recherche sind Selbstdiagnosen daher oft sogar hilfreicher für uns als Fremddiagnosen.

Es muss auch die Frage gestellt werden: Wem wird geschadet, wenn sich jemand eine falsche Selbstdiagnose stellt?

Ist die Person weniger eingeschränkt, weil sie die „falsche“ Bezeichnung für sich benutzt? Nein.

Hat die Person deswegen weniger Unterstützung verdient? Nein.

Hat die Person deswegen weniger das Recht, sich zu äußern und für sich selbst einzutreten? Nein.

Es wird immer Menschen geben, die sich falsch einsortieren – sei es beispielsweise durch Münchhausen-Syndrom, durch ärztliche Fehldiagnose oder durch falsche Selbstdiagnose. Dies darf jedoch kein Grund dafür sein, sämtliche Selbstdiagnostizierten auf den Prüfstand zu stellen, bis ihre Selbstdiagnose formal bestätigt wurde.

Es ist auch ein Irrglaube, dass behindertenfeindliche Organisationen und Menschen uns nur ernst nehmen würden, wenn wir alle genau die richtige Diagnose mit Brief und Siegel haben – sie nehmen uns so oder so nicht ernst. Jedes Argument ist diesen Leuten gleich lieb: Sie werden eine Selbstdiagnose benutzen, um zu behaupten, dass wir nicht glaubwürdig wären und eine formale Diagnose, um zu behaupten, dass wir nicht zurechnungsfähig wären.

Das Problem sind nicht Leute, die sich selbst diagnostizieren, Hilfe und Austausch suchen, an unserer Gemeinschaft teilnehmen und für unsere Rechte und Bedürfnisse eintreten. Das Problem sind Leute, die darauf beharren, ihre Erfahrung wäre die einzig richtige und keine anderen Beschreibungen akzeptieren. Das Problem ist das hasserfüllte Verhalten, die Machtkämpfe, das Mobbing, die Beschimpfungen und das Unterdrücken unbeliebter Stimmen und es ist völlig egal, ob dieses Verhalten von Leuten mit professioneller Diagnose oder mit Selbstdiagnose kommt.

Um gemeinsam kämpfen zu können, ist es nicht wichtig, dass jede Person die absolut richtige (Selbst-)Diagnose und Selbstbezeichnung besitzt. Die Einschränkungen und Behinderungen sind vorhanden, egal, ob sie korrekt benannt werden oder nicht.

Gemeinsam sind wir stärker. Und damit wir wirklich gemeinsam für unsere Rechte kämpfen können, ist es wichtig, dass wir nicht in Kleinkriege verfallen.

Wir müssen akzeptieren, dass viele von uns Komorbiditäten haben und dass wir auch bei identischen Diagnosen nicht alles komplett gleich erleben. Wir müssen die Leute mitnehmen, die keine großen eigenen Gemeinschaften haben, weil ihre Behinderungen es ihnen noch schwerer machen als uns. Wir müssen die Leute mitnehmen, die vom System sogar davon abgehalten werden, Zugang zu (korrekten) Diagnosen und dadurch zu Unterstützung zu bekommen.

Wir müssen dafür kämpfen, dass Diagnosen einfacher und schneller und richtiger zu erhalten sind und dass das psychiatrische und medizinische System unsere Rechte, unsere Bedürfnisse und unsere Selbstkenntnis respektiert.

Jede einzelne Person, die mit uns kämpfen will, macht uns stärker. Und wir müssen jede einzelne Person unterstützen, die nicht kämpfen kann. Weil wir besser sein müssen als dieses System. Weil es außer uns niemanden gibt, der es tut.

Weil die Leute, die wir in unserer Gemeinschaft nicht auffangen und beschützen können, im schlimmsten Fall sterben.

Kompensation und Überkompensation

[Vielen Dank an @modern_dragon für diesen Gastbeitrag! – pe]

Kompensation und Überkompensation

Viele Menschen sind überrascht, wenn ich mich als AD(H)S-Betroffene zu erkennen gebe. Denn das Bild, das sie von AD(H)S haben, ist nur ein winziger Ausschnitt und nur eine der vielen Arten, wie sich diese spezielle Neurodivergenz manifestieren kann. Wenn in den Medien von AD(H)S die Rede ist, dann wird meistens das Stereotyp vom unkonzentrierten, hyperaktiven Grundschulkind, das mit seiner Unruhe seine Umwelt in den Wahnsinn treibt, zitiert; meistens wird nur an Jungen gedacht. Dass Konzentrationsschwierigkeiten und Hyperaktivität nur zwei von sehr vielen möglichen Symptomen sind und AD(H)S auch im Erwachsenenalter fortbesteht, wird ignoriert.

Ein zweiter Grund, warum ich üblicherweise nicht auffalle, ist meine Fähigkeit zur Kompensation. Um dieses Phänomen soll es in diesem Text hier gehen.

Was ich im folgenden schreibe, gilt wahrscheinlich auch für andere Neurodivergenzen, die mit emotionaler Dysregulation, Reizsensitivität und/oder exekutiver Dysfunktion einhergehen.

Was ist Kompensation eigentlich?

Die Wörterbuchdefinition (Der Kleine Wahrig. Wörterbuch der deutschen Sprache, München : dtv 1978) lautet: „kompensieren (med.): anatomische oder funktionelle Störungen eines Organes oder Organteiles durch gesteigerte Tätigkeit eines anderen Organs oder Organteiles ausgleichen.“

Kompensieren heißt also: Die Nachteile und Schwierigkeiten, die meine Neurodivergenz mit sich bringt, durch bestimmte Verhaltensweisen oder durch den Einsatz von mehr Energie und/oder Willenskraft ausgleichen.

Warum Kompensation nicht (immer nur) toll ist

Eins könnte ja jetzt denken: „Du kannst Deine Störung kompensieren (resp. dich manchmal, zeitweise oder fast immer so verhalten wie eine neurotypische Person)? Ist doch prima! Problem gelöst!“ Nicht ganz.

Kompensation kostet nämlich Kraft. Eins verbiegt sich, tut sich Gewalt an, treibt sich unglaublich hart an, um den Ansprüchen der Gesellschaft zu entsprechen. Kompensation heißt zumindest, dass mich Dinge (z.B. geistiges Arbeiten in unruhiger Umgebung) mehr Kraft kosten als neurotypische Menschen. Kompensation heißt, dass ich deswegen deutlich weniger Energiereserven habe und wesentlich schneller an die „ich kann nicht mehr”-Schwelle komme bzw. im Notfallmodus funktioniere. Kompensation heißt, dass mich dasselbe Arbeitspensum mehr erschöpfen kann als eine neurotypische Person (wenn Inhalt und Umstände der Arbeit mir nicht sehr entgegenkommen) und dass ich in der Folge auf die Dauer nicht so viel arbeiten kann.

Kompensationsstrategien können destruktiv sein. Dass ich in Bürojobs bis zu fünf Tassen starken Kaffee pro Tag trank, hatte nicht nur mit sozialem Jetlag zu tun, sondern war auch eine Art dysfunktionaler Selbstmedikation. Übermäßige Härte gegen sich selbst, Selbstabwertung und ständiges Sich-Antreiben führt zu Ruhelosigkeit, chronischer innerer Anspannung, kaputtem Selbstwertgefühl, dazu, sich nie eine Pause zu erlauben und in der Konsequenz Erschöpfung. Wenn mein Selbstwertgefühl daran hängt, wie viele unlustbesetzte Dinge ich bewältigen kann (weil das Beweisen, dass ich nicht faul, d*mm, undiszipliniert oder total verpeilt bin, ein wichtiger Teil meines Selbstbildes wurde), dann stelle ich Dinge, die mir Spaß machen und zur Regeneration beitragen, so oft hintenan, dass ich am Ende nie dazu komme.

Ein weiteres Beispiel ist das, was ich Notfallmodus nenne: Unter großem Druck kann ich nämlich kurzfristig (!) viel Energie mobilisieren und dadurch fokussiert und geistesgegenwärtig handeln. Im Grunde treibt mich die Notfallsituation in einen hyperfokussierten Zustand. Nur bleibt ein Notfall ein Notfall, und der damit verbundene Streß ist nichts, was ich immer haben muss. Bevor ich meine Diagnose bekam, wünschte ich mir oft, ich könnte diesen glasklaren Fokus und diese Effektivität, mit der ich unter großem Druck oft handeln kann, auch ohne den Druck haben. Mich einfach immer unter Stress zu setzen, wäre ein weiteres Beispiel einer destruktiven Kompensationsstrategie.

Ich weiß nicht, ob ich Hyperfokus als Kompensationsmechanismus zählen soll, da er sich meistens nicht absichtlich auslösen läßt. Hyperfokus hat seine Nebenwirkungen: Ich bin dann extrem auf Details fokussiert und vergesse das Große Ganze; Ich habe noch weniger Zeitwahrnehmung als normal; es fällt mir extrem schwer, auf eine andere Aufgabe umzustellen; ich merke oft körperliche Bedürfnisse nicht oder schiebe sie auf. Wenn ich aus dem Hyperfokus herauskomme, bin ich oft erschöpft und muß mich erstmal um meine körperlichen Bedürfnisse kümmern. In tiefem Hyperfokus arbeite ich sehr intensiv und habe danach oft keine große Konzentrationsfähigkeit oder exekutive Funktion mehr übrig.

Kompensationsstrategien funktionieren nicht immer. Manchmal versagt meine Kompensationsfähigkeit – unter Umständen unvorhergesehen. Dann hilft zum Beispiel kein gestellter Alarm, um mich pünktlich zu machen, ich vergesse meine Checklist, ich überhöre den Reminder, ich verliere mich in meinem Produktivitätssystem, oder ich kann mich partout nicht aufraffen, jetzt mit etwas anzufangen, das erledigt werden muß (auf das ich aber keine Lust habe).

Kompensationsstrategien kosten Zeit und Energie. Manche Dinge, die mir helfen, zu kompensieren, brauchen Zeit. Gerade die unschädlichen Strategien (etwa: Sport, Meditieren, gesundes Essen, … ) kosten auch etwas Energie, und wenn meine Energiereserven schon völlig aufgebraucht sind, ist das ein Problem.

Wenn das Fass voll ist

Wenn meine Kapazität, zu kompensieren, ihre Grenze überschritten hat, können unangenehme Dinge passieren:

  • Erschöpfung und depressive Zustände
  • Wutanfälle oder andere Gefühlsausbrüche
  • Panikanfälle
  • Blackouts, d.h. ich kann auf Erlerntes, sonst vorhandene Fähigkeiten, rationales Denken, Erinnerungen nicht zugreifen
  • ich mache Fehler (u.U. bei Dingen, die ich sonst problemlos hinbekomme); Dinge gehen dann erst recht schief, unter Umständen spektakulär.

Überkompensation

Manchmal sind oder erscheinen kompensierende AD(H)Sler_innen organisierter, leistungsfähiger und disziplinierter als durchschnittliche neurotypische Menschen. Wenn wir hyperfokussieren, kann es heißen: „Aber du kannst dich doch konzentrieren, wenn dich was interessiert!“ (was gern unzutreffenderweise gleichgesetzt wird mit „… wenn du nur willst!“). Dass Hyperfokus nur begrenzt oder gar nicht willentlich steuerbar ist und viele von uns kaum oder gar keine Zwischenstufen zwischen „vollkommen offen für alles, was gerade unsere Aufmerksamkeit erregt“ und Hyperfokus haben, wird dann übersehen. Das bedeutet nicht, dass wir weniger aufmerksamkeitsgestört sind. Es kann heißen, dass wir gerade gut funktionieren, weil die Umstände günstig sind, weil uns etwas interessiert oder weil uns eine bestimmte intellektuelle Anforderung leicht fällt. Und es kann sein, dass wir mit der Anpassung über das Ziel herausschießen und ohnehin alles hundertzehnprozentig machen wollen, oder dass wir so sehr fürchten, die Kontrolle zu verlieren, dass wir ins andere Extrem fallen.

Überkompensation kann sich dann zum Beispiel manifestieren als

  • Perfektionismus
  • zwanghaftes Verhalten
  • sich ständig antreiben und unter Druck setzen
  • nicht zur Ruhe kommen

Kompensationsfaktoren und -strategien

Die folgenden Dinge sorgen dafür, dass mich mein Alltag weniger Kraft kostet und erleichtern mir, wenn nötig, das Kompensieren:

  • neurodivergenz-kompatible Umwelt (für mich heißt das: Ruhe, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeiten, wenig Anforderungen auf einmal, Gefühl von Überblick, Ordnung und Kontrolle) nimmt mir die Anforderung ab, überhaupt zu kompensieren.
  • Wenn etwas neu und spannend ist, kann ich mich gut darauf konzentrieren
  • (genuines, nicht verordnetes) Interesse an einer Sache
  • Selbstorganisationstechniken und bewußtes (aber mir gemäßes) Zeitmanagement
  • Struktur schaffen – Struktur und Überblick helfen mir, sortiert und fokussiert zu bleiben; „mich sortieren“ (z.B. durch das Schreiben von Listen oder Plänen) ist ein konstruktiver Umgang mit mentalem Overload (der allerdings Zeit kostet).
  • Bewußt eingesetzte Zeitstruktur, Zeitkontingentierung
  • Meditation und Entspannungsübungen können mich in einem gewissen Umfang fokussierter und organisierter machen. Sie können allerdings auch meine Reizempfindlichkeit erhöhen.
  • Sport und Musizieren sind Aktivitäten, die mir helfen, mich zu regenerieren bzw. die meine Konzentrationsfähigkeit verbessern. Ausdauersport ist eine gute Gelegenheit, psychische Anspannung abzubauen.
  • In gutem Kontakt mit meinem Körper zu sein und auf körperliche Bedürfnisse (Essen, Trinken, Ruhe, Schlaf, Bewegung) zu achten, ist ein Resilienzfaktor; das hilft mir, fokussierter und „sortierter“ zu sein und mich weniger zu erschöpfen.

Schlusswort

Menschen, die sich ihrer neuro-atypischen Veranlagung nicht bewußt sind, (über)kompensieren oft automatisch und schieben den Verdacht, ihre Schwierigkeiten mit bestimmten Dingen könnten am Nervensystem liegen, weit von sich. Ich habe von wenigen Menschen so abwehrende Reaktionen auf meine Auseinandersetzung mit (meinem) AD(H)S bekommen wie von denen, bei denen ich vermute, sie könnten ebenfalls betroffen sein.

Ich halte Kompensation bis zu einem gewissen Grade für unvermeidlich, wenn eins in einer Welt zurechtkommen will, in der die Norm immer noch „neurotypisch“ heisst. Wenn ich allerdings bewusst mit dem Umfang und der Art meiner Kompensation umgehe, kann ich sie auch konstruktiver gestalten, destruktive Strategien abbauen, an ihrer Stelle weniger schädliche wählen und verinnerlichte Abwertung Schritt für Schritt durch einen freundlicheren Umgang mit mir selbst ersetzen.

Was sind Meltdowns?

Nemo:

Ein Meltdown ist das, was ich immer vorsichtig „Anfall“ nenne. Natürlich gibt es Tage, an denen komme ich so gar nicht klar, an denen ich nur noch heulend im Bett liege. Aber das ist nur der Regen vor dem Sturm. Ich bin Schizophren. Das sagten mir die Ärzte als ich 15 war. Ich leide an einer Psychose, sagten sie zu meinen Eltern.

Alles kann ein Auslöser für meine „Anfälle“ sein, meistens braucht es gar keinen wirklichen Auslöser, das macht mein Kopf dann alles von alleine. Ich könnte sagen, dass er sich ankündigt, aber das schwere Gefühl in der Brust und das Rauschen in meinem Kopf sind schon so unerträglich, dass es ab da eh kein Zurück mehr gibt.

Das Schlimmste ist dann die Flucht, die Flucht vor dem, was um mich herum ist. Ob ich gerade in der Schule bin, auf der Arbeit oder unterwegs mit Freunden, der Anfall kennt keinen Respekt. Wenn ich in einer sozialen Situation fest hänge, beginnt mein Körper damit, hin und her zu schaukeln, leise flüstere ich „Ich will nach Hause“ immer und immer wieder.

Jetzt merke ich sowieso nicht mehr, was um mich herum geschieht. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich diese grausame Phase so lange gezogen, bis ich irgendwo allein war. Wie ich oder mein Körper das aushalten ist mir bis heute nicht klar.

Zwischen 4 Wänden kauere ich am Boden, zitternd und heulend. Mein Kopf ist wie leer gefegt, dennoch höre ich Stimmen, die mir zurufen, was für ein schreckliches Wesen ich bin, dass mir etwas fehlt, dass ich nie hätte geboren werden sollen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schreie oder es sich nur so anfühlt.

Mein ganzer Körper schmerzt, als würde eine schwarze, brennende Masse sich unter meine Haut pressen und in jede einzelne Ader eindringen. Auf einmal quält mich jeder schmerzhafte Gedanke auf einmal, um mich herum seh ich nichts mehr, nur dunkle Schatten und Wände. Ich kann mir jetzt nicht mehr vorstellen, dass ich noch eine weitere Sekunde überlebe, während der nächste Atemzug mehr von dieser schwarzen Masse unter meine Haut lässt.

Oft schlage ich mich, raste aus und renne gegen die Wände, laufe im Kreis wie eine angestochene Sau, panisch und ziellos. Dann setzt die Tetanie ein. Meine Gliedmaßen verkrampfen sich. Wirklich merken tue ich das nicht, zu dem Zeitpunkt bin ich viel eher damit beschäftigt, mich mit meinen Gedanken im Kreis zu drehen. Zu versuchen, die von allen Seiten angeschossen kommenden Worte und Bilder irgendwie zu verarbeiten. Ich lande wie ein getroffener Vogel plump auf dem Boden, mein ganzer Körper wie in sich selbst gewickelt, verkrampft ringe ich nach Luft. Die Zuckungen wirken von außen sicher beängstigend, aber mich sieht ja niemand, vielleicht bilde ich mir das alles nur ein – der letzte Gedanke, zu dem ich dann nach Stunden irgendwann aus Erschöpfung einschlafe, oder auch das Bewusstsein verliere.


Lian:

Meltdowns definiere ich für mich über den Kontrollverlust. Ich kann nicht richtig denken und meine Handlungen kaum oder gar nicht steuern.

Ich bekomme Meltdowns als Reaktion auf Enttäuschungen, Frustration, Angst, Trauma-Trigger, allgemeine emotionale Belastung, Reizüberlastung, Stress und vieles andere. Ich erkenne meine Meltdowns stark in der Beschreibung anderer Autist*innen wieder.

Für mich bestehen Meltdowns aus 3 Stufen:

1) Vorstufe: Manchmal bahnt sich der Meltdown über Stunden oder 1-2 Tage an. Dann fühle ich mich unruhig, gereizt und bin sehr empfindlich. Alles ist unaushaltbar und nichts macht es besser. Ich nenne das „Ameisen unter der Haut“, weil ich nicht entkommen kann.

2) Zusammenbruch: Mein Gehirn hört auf, richtig zu funktionieren. Ich verbeiße mich an irgendeinem unangenehmen Thema, das gerade sehr präsent ist. Ich denke im Kreis. Ich bin davon überzeugt, dass es nie wieder besser wird. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Manchmal weine ich so heftig, dass ich mich davon übergeben muss.

In diesem Zustand mache ich oft anderen Menschen Vorwürfe, wenn ich davon überzeugt bin, dass sie „schuld“ sind. Manchmal blamiere ich mich auch öffentlich, z.B. indem ich meinen Meltdown live tweete. Ich bin oft verletzend gegenüber den Menschen, mit denen ich in diesem Zustand kommuniziere.

Ich bin überzeugt, dass meine Reaktion völlig angemessen und verhältnismäßig ist. Wenn mir z.B. mein Abendessen verbrannt ist, bin ich mir absolut sicher, dass ich ohne genau dieses Abendessen nie wieder glücklich sein kann, weil ich hungrig nicht schlafen kann, ohne Schlaf wird der morgige Tag furchtbar und alles danach wird auch schlimm und mein ganzes Leben wird nie wieder gut.

Der Zusammenbruch kann sich stundenlang hinziehen. Er ist extrem kräftezehrend und schädlich. Er zerstört Freundschaften und andere Beziehungen, lässt mich irrationale Entscheidungen treffen und bringt mich manchmal dazu, mich selbst zu verletzen.

Manchmal bekomme ich wie ein Zuschauer mit, was gerade passiert und wie irrational es ist. Vielleicht sehe ich die Lösung des Problems sogar genau vor mir. Ich kann aber den Lauf des Meltdowns trotzdem nicht beeinflussen und bin nicht in der Lage, die problemlösende Handlung umzusetzen.

3) Meltdown: Schließlich erreiche ich den völligen Meltdown, in dem ich den letzten Rest meiner Kontrolle verliere. Meistens kann ich diese Stufe verschieben, bis ich alleine bin. Manchmal zerschlage ich Gegenstände. Oft schlage ich mir gegen den Kopf oder auf die Oberschenkel, manchmal sitze ich auch einfach nur auf dem Fußboden und schaukele. Wenn ich es schaffe, setze ich mich in die Dusche und halte es dort aus. Ich verkrampfe und zittere am ganzen Körper. Ich kann nicht sprechen oder anderweitig kommunizieren.

Das dauert normalerweise nur einige Minuten. Wenn es ein schlimmer Meltdown ist, wiederholen sich aber Stufe 2 und 3 mehrmals im Wechsel.

Als Kind und Teenie habe ich mich während Meltdowns oft mit meinem Bruder gestritten. Es kam auch vor, dass ich körperlich aggressiv wurde. Als Kind verband ich Meltdowns mit einem Gefühl allumfassender, unhaltbarer, grundloser Wut. Mit der Zeit änderte sich das zu einem Gefühl bodenloser Verzweiflung.

Meltdowns sind der Grund, warum ich Angst vor alltäglichen Dingen wie Telefonieren, Terminen, sozialer Interaktion und anderen anstrengenden Situationen habe, die Meltdowns auslösen können.


projectenigma:

Ich habe neulich Meltdowns can be silent (Autism Spectrum Explained) [Übersetzung: Meltdowns können lautlos sein] gelesen. Dort schreibt Creigh, dass sich Meltdowns auch nach innen richten können. Also nicht nur Schreien, Dinge werfen, und ähnliches, sondern auch schlimme Gedanken und Gefühle gegen eine_n selbst.

Bei mir ist das fast nur so. Ich bin in der Situation oft daheim. Dann liege ich zum Beispiel im Bett. Dabei Gefühle von Selbsthass. Und Gedanken, alles hat keinen Sinn, ich bin schlecht, ich sollte mich von allen Leuten zurückziehen.

Oder ich stehe in der Küche und heule. Dabei auch ähnliche Gedanken, so die Küche ist Mist und ich werde daran nie etwas ändern können und ich bin schlecht und werde nie etwas hinbekommen.

Wenn Personen dabei sind, kann es auch sein, dass ich sie anmeckere. Tipps, was gut für mich sein könnte, funktionieren sowieso nicht. Das denke ich und sage das auch. Ständiges “Ich weiß nicht” kann auch so eine Aussage sein.

Häufig ist irgendeine Frustration, die von außen klein erscheint, der Anlass für eine solche Art Meltdown. Beim Gemüse-Schneiden in meiner Küche fallen zu viele Stücke davon auf den Boden. Ich bekomme sonst irgendetwas, was ich hinbekommen “sollte”, nicht hin. Oder ich bekomme von außen etwas gesagt, was mich frustiert. Egal, ob das berechtigt ist oder nicht. Oder ich bin schon sehr reizüberflutet und jemand spricht mich trotzdem an.

Was mir wirklich hilft, ist mir noch nicht so ganz klar. Wenn eine Person das ganze (mit) ausgelöst hat, ist es wohl meistens gut, wenn diese Person mich erst einmal in Ruhe lässt. Selbst wenn ich mit ihr_ihm “streite”. Dinge besprechen/klären geht besser hinterher. Denn währenddessen ist sowieso alles schlimm und falsch. Wenn eine Sache mich frustriert hat und das geht, z. B. bei Küchenarbeiten, kann es helfen, mir diese Arbeit abzunehmen. Wenn jemand es schafft, mir klarzumachen, dass etwas nicht so eilig und wichtig ist, kann das den auslösenden Druck und Frust absenken, so dass ich nicht noch tiefer “reinrutsche”. Dann kann es sein, dass ich mich manchmal recht schnell wieder erhole.

Manchmal sind Meltdowns bei mir kurz, nur ein paar Sekunden bis Minuten. Manchmal ist es länger, mit “Aufs” und “Abs”. Oft habe ich prinzipiell noch die Möglichkeit, mit einem kleinen Eck meines Verstandes mitzubekommen, was los ist, und mit Anstrengung z. B. irgendwie zu sagen, was helfen kann. Das dann aber nicht unbedingt freundlich und gut kommuniziert.

Hinterher ist das dann emotional weit weg. Ich habe nicht mehr so viel Verbindung zu dem, was war. Wenn ich im Meltdown jemand unfreundlich angegangen bin, fällt es mir schwer, das von mir aus anzusprechen, vor allem wenn das mündlich war. Es ist natürlich okay und gut, wenn andere mich dann darauf ansprechen, damit das geklärt werden kann.

Ist das nun Meltdown, was ich erlebe? Auch ohne ganz vollen Kontrollverlust? Auch wenn “nur” eine Weile meine Emotionen Wellen schlagen (Redewendung)?


Wir würden uns gerne noch weitere Berichte dieser Art wünschen, um sie in einem 2. Teil zu veröffentlichen! Ihr könnt sie an neuroqueer.blog@gmail.com schicken oder euch über unseren Twitter-Account mit uns in Verbindung setzen. 

Stimming

Was ist Stimming?

Stimming ist ein englischer Begriff für „selbststimulierendes Verhalten“. Das Wort bezeichnet Dinge, die wir tun, um uns selbst kontrollierte Sinneseindrücke zu verschaffen.

Im Deutschen fehlt ein entsprechender Begriff.

Stimming wird oft als „Herumzappeln“, als „Nervosität“ oder „Unruhe“ fehlinterpretiert.

Es gibt unheimlich viele verschiedene Stims.

Ein paar Beispiele:

  • Im Sitzen hin und her schaukeln
  • Auf Gegenständen oder den Fingern herumkauen
  • Wörter oder Geräusche immer wieder wiederholen
  • Ins Licht blinzeln oder in flackernde Lichter starren
  • Schnippsen oder klatschen
  • Mit den Händen wedeln
  • An Dingen riechen
  • Salz lecken
  • Den Kopf gegen die Wand schlagen
  • Stricken
  • Eine Decke ganz fest um sich wickeln
  • und unzählige weitere Dinge.

Wie ihr seht, gibt es Stims für jeden einzelnen Körpersinn: Für den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn, Geruchs- und Geschmackssinn sowie fürs Sehen und Hören.

Viele Stims basieren auf Wiederholung, wie das Schaukeln, Springen oder Blinzeln. Komplexe Tätigkeiten mit viel Wiederholung wie zum Beispiel Häkeln, Stricken, das Zeichnen von geometrischen Mustern, das Lösen von Puzzles oder Zauberwürfeln usw. können durchaus auch Stims sein.

Andere Stims basieren auf einem konstanten, kontrollierten Sinneseindruck. Hierzu zählen besonders Druck-Stims, also zum Beispiel der Einsatz von beschwerten Decken oder anderen Menschen, um Druck auf den eigenen Körper zu erzeugen, aber auch das feste Einwickeln einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers. Aber auch zum Beispiel kopfüber vom Bett zu hängen, kann ein Stim sein.

Sichtbares Stimming wird von Außenstehenden oft für überflüssig und sinnlos gehalten. Sehr häufig wird intensives Stimming auch als „krankhaftes“ Verhalten betrachtet.

Warum stimmen wir?

Stimming ist aber nicht „krankhaft“, und es ist auch alles andere als sinnlos oder überflüssig. Im Gegenteil!

Stimming kann uns helfen, zum Beispiel eine Reizüberlastung durch kontrollierte, starke Sinneseindrücke auszugleichen. Es kann uns beruhigen und uns helfen, Belastungen auszuhalten. Es kann Stress und Ängste verringern und kann uns dabei helfen, uns auf andere Dinge zu konzentrieren.

Abgesehen davon macht Stimming auch unheimlich viel Spaß! Viele von den Menschen, die sehr viel und intensiv stimmen, sind sehr empfindlich gegen Sinneseindrücke. Wir nehmen die durch Stimming erzeugten Reize sehr stark wahr und wenn sie uns gut tun, bereitet uns das sehr viel Freude. Schon ein schwingender Stuhl in einem Wartezimmer kann für manche von uns aus einer angsterfüllten Situation eine euphorische Stim-Party machen.

Stimming kann auch ein Teil von unserer neurodivergenten Körpersprache und Kommunikation sein. Viele von uns wedeln zum Beispiel energisch mit den Händen, um sich auszudrücken. Manche Menschen machen Geräusche, die ihre Stimmung viel besser ausdrücken können als Wörter. Gemeinsames Stimming kann uns manchmal besser miteinander verbinden als ein Gespräch.

Wer stimmt?

Alle Menschen stimmen hin und wieder. Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen Neurodivergenzen stimmen häufiger als neurotypische Menschen. Wir sind auch stärker auf Stims angewiesen, um unseren Zustand und die Reizaufnahme zu regulieren.

Ist Stimming schädlich?

Kurz gesagt: Nein!!!

Nein.

NEIN!!!!!

Stimming ist nicht schädlich. Im Gegenteil! Für viele von uns ist es absolut notwendig, um klarzukommen.

Leider ist Stimming sehr stark stigmatisiert. Viele von uns wachsen mit ständigen Ermahnungen auf. „Sitz doch mal still“, „Dein Gezappel macht mich ganz unruhig“, „Nimm die Finger aus dem Mund“ und ähnliche Anweisungen sind vielen von uns hinlänglich bekannt.

Schädliche „Therapien“ wie ABA versuchen sogar, autistischen Kindern das Stimming gewaltvoll abzugewöhnen und bezeichnen das dann als „Förderung“!

Aber das Abtrainieren von Stimming führt nicht dazu, dass wir weniger autistisch sind, weniger ADHS haben oder unser Gehirn plötzlich anders funktioniert. Es führt nur dazu, dass uns eine der wichtigsten Methoden fehlt, um die enorme Belastung durch Sinneseindrücke und Gefühle auszugleichen!

Die Stigmatisierung von Stims ist behindertenfeindliche Scheiße.

Sollte ich mir Stims abgewöhnen?

Wenn ein bestimmter Stim dich selbst stört, wünschst du dir vielleicht, ihn dir abgewöhnen zu können. Manche von uns haben Stims, die uns selbst schaden. Dazu gehören zum Beispiel: sich gegen den Kopf zu schlagen, sich die Haut aufzukratzen oder aufzubeißen, mit den Gelenken knacken, bis sie wehtun und vieles andere.

Stims können auch problematisch für uns sein, wenn sie nicht sozial akzeptiert sind oder als „eklig“ angesehen werden. Dazu gehören zum Beispiel: In der Nase oder in den Ohren bohren, (nicht-sexuelle) Berührungen am Intimbereich, laute stimmliche Stims und vieles andere.

Es besteht überhaupt keine Pflicht, sich solche Stims abzugewöhnen! Wenn es für dich okay ist oder wenn es dir zu mühsam wäre, sie dir abzugewöhnen, dann ist das ganz allein deine Entscheidung. Nur du selbst darfst bestimmen, was du mit deinem Körper machst, auch dann, wenn es ihm schadet! Wenn Menschen dich für deine Stims verurteilen, sind es schlechte Menschen.

Prinzipiell ist es erfahrungsgemäß unmöglich, sich Stims ersatzlos abzugewöhnen. Wenn wir sie bleiben lassen, wird das Bedürfnis nach kontrollierter Reizerzeugung nicht geringer. Daher können wir uns Stims meistens nur abgewöhnen, indem wir sie durch andere Stims ersetzen.

Wie kann ich schädliche Stims ersetzen?

Es ist oft schwierig, einen bestimmten Stim durch einen anderen zu ersetzen, da wir oft selbst nicht genau wissen, welche Sinneseindrücke der Handlung uns am wichtigsten sind.

Wenn jemand zum Beispiel an den Fingern kaut, ist das nicht nur ein Sinneseindruck, sondern viele verschiedene: Da ist zum einen das Gefühl, etwas mit den Fingern zu tun zu haben. Zum anderen gibt es einen geschmacklichen Eindruck. Der Kiefer ist ebenfalls beschäftigt. Das Beißen verursacht auch ein hörbares Geräusch. Außerdem entsteht eine starke Stimulation des Tastsinns an der Zunge, an den Lippen und an den Fingern.

Manchmal sind nur einige Komponenten eines Stims wichtig. In dem Fall könnte es zum Beispiel ausreichen, statt auf den eigenen Fingern auf einem Beißspielzeug herumzukauen. Für andere Menschen kann es aber auch nötig sein, zusätzlich den Tastsinn an den Fingern zu stimulieren.

Ein anderes Beispiel ist es, wenn sich jemand oft gegen den Kopf schlägt. Dadurch entsteht ein Geräusch, ein Druck am Kopf und eine Stimulation des Gleichgewichtssinns. Manche Menschen können diesen Stim dadurch ersetzen, dass sie zum Beispiel auf einem Trampolin springen oder kräftig hin und her schaukeln. Für andere ist es wichtiger, ein lautes Geräusch zu hören, und wieder andere können diesen Stim zum Beispiel durch einen Druckverband um den Kopf ersetzen. (Ich persönlich brauche je nach Situation alle drei.)

Wenn du einen bestimmten Stim wirklich dringend ersetzen willst, musst du damit rechnen, dass es viele Versuche brauchen wird. Manchmal klappt es auch nicht oder nur teilweise. Das ist okay. Du bist niemandem neurotypisches Verhalten schuldig!

Tipps für den Alltag

Das Schöne an Stimming ist, dass es sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt. Es kann jedoch schwierig sein, sich über gesellschaftliche Normen und das Stigma hinweg zu setzen. Oft wird erwartet, dass wir uns ruhig verhalten, weil ständige Bewegungen und Zappeln als Nervosität, Unsicherheit oder Angst angesehen wird. Manche Stims werden auch als „verrücktes“ oder „krankhaftes“ Verhalten angesehen.

Es gibt unzählige Gegenstände, die sich als Stim-Spielzeuge benutzen lassen. Dazu gehört zum Beispiel Kinderspielzeug: Blinkende Bälle, Flummis, Spielzeugautos, Fingerfallen oder Rasseln können sich gut dazu eignen.

Es gibt auch Spielzeug, das explizit dafür hergestellt wird, um Menschen Beschäftigung für ihre Finger zu bieten. Stimtastic ist zum Beispiel ein Online-Shop, der Stim-Spielzeuge verkauft.

Baby-Beißringe oder Beiß-Schmuck für Erwachsene können viel angenehmer zum Kauen sein als Fingernägel.

Ich kann euch nur empfehlen, euch über das angelernte Stigma und soziale Normen hinwegzusetzen und die Stim-Spielzeuge zu benutzen, die euch gut tun.

Wir müssen uns für Stimming nicht rechtfertigen. Lasst uns zusammen stimmen und das soziale Stigma gegen Stimming endlich abschaffen!