Neurodivergenz, Romantik & Beziehungen

das_sexy_alien:

Hinweis: In diesem Beitrag werden Sexarbeit und Gewalt in Beziehungen erwähnt.

Ich kann tatsächlich von mir behaupten, eine romantische Beziehung zu führen. Dass es soweit kam, ist etwas überraschend. Lange war so etwas wie „eine richtige Beziehung“ für mich etwas sehr abstraktes. Meiner Normschönheit zum Dank gab es zwar seit meiner Jugend immer wieder Menschen, die mir mehr oder weniger deutlich zu verstehen geben versuchten, an so etwas mit mir durchaus interessiert zu sein, doch es wurde mit mir einfach nie konkret. Entweder verstand ich Autist*in ihre Flirtversuche erst gar nicht als solche, oder ich war von ihrer Attraktivität dann doch nicht so beeindruckt, dass ich sie nah genug an mich und mein bereits in die Depression abgleitendes Gefühlsleben ran lassen wollte. Manche fand ich auch einfach sexuell schlicht nicht interessant.

Als mir mal jemand über einen längeren Zeitraum hinweg in sexueller Hinsicht zu gefallen vermochte, da entstand für mich zum ersten Mal tatsächlich eine Art Beziehung. Nur romantisch war diese nicht. Eine „richtige Beziehung“ wollte er auch nicht. In Konflikten und Gewalt endete unsere „Fick-Freundschaft“ trotzdem. Zum Glück ist das vorbei.

Die Beziehung, die ich jetzt habe ist dagegen sehr glücklich. Wie wir das hinkriegen? Nun, wir wohnen immer noch nicht zusammen. Obwohl wir schon mehrere Jahre zusammen sind. Wir haben auch nicht vor, es jemals zu tun. Zumindest nicht in näherer Zukunft. Wir brauchen beide viel Raum für uns selbst. Jede* von uns kriegt genug Platz für ihr* eigenes Chaos. Auch zeitlich lassen wir uns viel Raum. Ob für die Arbeit, die Self-Care oder andere Beziehungen. Sehen wir uns öfter als alle zwei Wochen, dann sehen wir uns für unsere Verhältnisse oft. Das hat sich so eingependelt und funktioniert für uns beide gut.

Es gibt vielleicht Leute, die behaupten möchten, unsere Beziehung wäre keine „richtige Beziehung“, wenn wir nicht bald zusammen ziehen, schwanger werden, heiraten, ein Haus bauen und einen Baum pflanzen. Aber wir haben uns schon früh in unserer Beziehung dagegen entschieden, sie normgerecht zu führen. Wir sind schließlich auch keine der Norm entsprechenden Menschen.

Unser Kennenlernen über eine Website für Swinger war schon etwas unkonventionell. Für mich ist es aber sehr angenehm schon vor dem ersten Date ziemlich genau zu wissen, was auf mich im Bett zukommen könnte. Auch war durch die Art, wie wir uns gefunden hatten, zwischen uns ein Bewusstsein da, dass nichts muss, aber sehr viel kann.

Unkonventionell war auch der Zeitpunkt in unserer Beziehung, an dem ich feststellte, romantische Gefühle entwickelt zu haben. Wir waren schon wirklich lange zusammen. Es lief gut mit uns. Es gab nichts, was ich zwischen uns vermisste. Ich freute mich immer auf unsere Treffen. Doch plötzlich, ohne dass ich es kommen sah, war da eine größere, aufregendere, überwältigendere Form von Freude, wenn wir uns wiedersahen. „Schmetterlinge im Bauch“ beschreibt dieses für mich neue Gefühl wirklichlich sehr gut. So fühlt sich also Romantik an. Faszinierend.

Ich kann jedoch froh sein, nicht so schnell romantische Gefühle zu entwickeln. Bei meiner Arbeit muss ich mich nicht an die Regel aus dem Film „Pretty Woman“ halten, dass eine* Sexarbeiter*in ihre Kund*innen keines Falls küssen sollte, sonst kämen Gefühle ins Spie. An diese Regel halten sich einige Kolleg*innen tatsächlich. Nein, ich kann recht authentischen „Girlfriend-Sex“ anbieten. Manchmal bin ich sogar für romantische Klischees wie ein Abendessen bei Kerzenschein zu haben. Dass es okay sein kann, wenn ich mich da nicht ganz angemessen verhalte, weiß ich ja aus „Pretty Woman“.


Noam:

Hinweis: In diesem Beitrag werden Gewalt in Beziehungen und selbstdestruktives Verhalten erwähnt.

Ich bin genderqueer und bisexuell. Und bipolar. Oder zumindest liege ich auf dem bipolaren Spektrum, weiss aber noch nicht wo. Zwischenzeitlich wusste ich nicht ob meine Neurodivergenz sich auf mein Geschlecht oder meine Sexualität auswirkt.
Ersteres kann ich inzwischen mit Sicherheit sagen: nein. Zweiteres: schon irgendwie. In selbstzerstörerischen Zeiten scheine ich mehr auf Männer zu „stehen“. Ausserhalb dessen hatte ich Crushes auf alle Möglichen Menschen mit verschiedenen Geschlechtern. Das hat mich zwischenzeitlich sehr fertig gemacht, inzwischen kann ich besser damit umgehen.

Ich bin tendenziell in eher stark sexuellen Phasen in Beziehungen geschlittert. Im Laufe derer konnte das dann aber auch ins krasse Gegenteil umschwanken. Ich dachte dann etwas stimme mit der Beziehung nicht (Ursache-Wirkung Depressionen und so)
Manchmal war da was dran, manchmal auch weniger. In meiner ersten Beziehung erfuhr ich dafür Gewalt. In den darauffolgenden tat ich sie mir eher selbst an aus Angst vor dem was ich in der Ersten gelernt hatte.

Vor allem in der (hypo?)manie als auch in gemischten Episoden war destruktiver Sex Teil von meinem Leben.

In diesen Momenten war mir mein Gegenüber eigentlich egal (manche von ihnen mochte ich nicht mal. Auch den Sex mochte ich nicht), was mich zwischenzeitlich an meiner Bisexualität hat zweifeln lassen.

Hatte das tatsächlich noch mit Begehren zu tun oder war das einfach nur mein unkontrollierbares Ich?

Etwa 2010/11 hatte ich dann meinen bislang heftigsten Zusammenbruch. Nachdem ich danach einigermassen meine Wunden geleckt hatte konnte ich auch wieder zarteres Begehren empfinden und fand mich angenehm überrascht wie vielseitig dieses doch sein kann. Wie fein und unterschiedlich und wunderschön. Das war auch der Moment in dem ich Bi als Identität für mich zurückerobern konnte.

In der Scherbenreichen Zeit nach dem Zusammenbruch, nach der Depression und inmitten einer gemischten Episode durch die Medikamente, lernte ich dann meinen jetzigen Partner kennen.

Vor allem in gemischten Episoden empfinde ich sexuelles Begehren nicht immer als angenehm, als ein wenig überwältigend und hart. Diese Zwischenebe der Zärtlichkeit fehlt, die Ruhe fehlt. Es kann Spaß machen, es kann aber auch zerstören. Jemanden zu haben der immer wieder nachfragt „möchtest du das gerade?“ hilft mir mich nicht im Rausch zu verlieren. Auch wenn es erst seltsam war. Überhaupt war es seltsam gefragt zu werden.

Ich bin sicher nicht die einfachste Person um eine Beziehung zu führen, aber in dieser habe ich gelernt das es nicht unmöglich ist. Jede Episode ist auf ihre eigene Weise in Ordnung hier. Ich darf meinen Partner auch unabhängig von Sex lieben. Ich glaube das ist das Neuste für mich.

Es ist nicht immer leicht, Begehren immer wieder anderst (oder gar nicht) zu spüren. Zu akzeptieren dass auch meine Sexualität schwanken kann war schwer.

Also ja, ich glaube es wirkt sich sehr auf meine Beziehung aus, aber macht mich nicht unliebbar, auch wenn ich das zwischenzeitlich geglaubt habe.


Lian:

Hinweis: In diesem Beitrag wird Gewalt in Beziehungen erwähnt.

Beziehungen finde ich schwierig.

In dieser Hinsicht (und auch in anderen Bereichen) fühle ich meine Eigenschaften sehr treffend von der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung beschrieben: Ich habe große Probleme damit, emotionale Nähe aufzubauen und zuzulassen. Es fällt mir schwer, anderen Menschen zu vertrauen. Ich gehe Menschen meistens aus dem Weg, auch, wenn ich sie eigentlich mag. Es gibt immer nur sehr wenige Leute in meinem Leben, die ich nicht aktiv vermeide, und das hat noch mit keinem Menschen länger als ein paar Jahre angehalten.

Ich kann mich bei weitem nicht genug auf andere Leute einlassen, um an Beziehungen auch nur zu denken. Schon die Vorstellung, jemanden emotional so nah an mich heranzulassen, macht mir Angst. Es ist mir unheimlich, einer anderen Person so viele Möglichkeiten zu bieten, mich zu verletzen. Es ist mir unangenehm, mich so angreifbar zu machen.

Dazu kommt, dass das Einleiten und Aufrechterhalten von Beziehungen viel Mut und Energie braucht, die ich nicht habe.

Daher bezeichne ich mich als aromantisch. Ich weiß nicht, was meine romantische Orientierung wäre, wenn ich diese Schwierigkeiten mit Nähe und Vertrauen nicht hätte.

Ich bin also wegen meiner Neurodivergenzen aromantisch.

In der Vergangenheit hatte ich zwei längere Beziehungen. In einer davon war mein Partner gewalttätig. Ich blieb in der Beziehung, weil ich dachte, es wäre normal, und weil ich die finanzielle und materielle Sicherheit brauchte, die ich durch die Beziehung erlangte. Es war mir nicht möglich, Manipulation als solche zu erkennen.

Nach dem Ende dieser Beziehung fing ich bald eine neue Beziehung mit einem sehr liebevollen Partner an. Für mich war die Beziehung trotzdem nur der Versuch, existenzielle Sicherheit zu erlangen, mich „normal“ zu fühlen und den gesellschaftlichen Erwartungen an meine Sexualität und Romantik gerecht zu werden. Als mir das bewusst wurde, beendete ich die Beziehung.

Seitdem hatte ich nie das Bedürfnis, eine neue Beziehung anzufangen. Das ist okay.

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Janis über Sexualität, Beziehungen und Neurodivergenz

Transkript:

Hallo, ich bin Janis und ich möchte heute über das Thema Neurodivergenz und meine Sexualität reden. Zur Info: Ich bin Autist, selbstdiagnostiziert, allerdings jetzt, also ich beschäftige mich erst seit ein paar Monaten damit, aber die Symptome und alles, was damit zu tun hat, hab ich natürlich schon viel, viel länger, also schon seit ich ein Kind bin.

Also ich bin selber… ich hab mich lange als lesbisch definiert, mittlerweile weiß ich, dass ich mich auch in andere Menschen verlieben kann, aber ich hab bisher noch keinen Namen dafür gefunden, aber auf jeden Fall ist es so, dass ich mich eigentlich noch nie in Cis-Männer verliebt habe.

Es ist so, dass ich gemerkt habe, dass meine Sexualität anders ist als jetzt bei anderen Menschen, die ich kennengelernt habe und dass ich da auch viel Ausgrenzung erfahren hab, das heißt jetzt konkret, dass ich zum Beispiel an Stellen, wo andere Frauen empfindlich sind, überhaupt nicht empfindlich bin.

Und es kam dann oft schnell das Thema auf: Ja, warum reagierst denn du da nicht so, oder warum bist du da nicht so empfindlich und das ist halt für mich dann oft schlimm gewesen, weil es mir das Gefühl gab, ich bin nicht normal, ich bin irgendwie komisch, ich bin irgendwie, was weiß ich, und es war halt das eine, was sehr schwierig war.

Das andere, was auch in Beziehungen immer wieder schwierig war, was es auch schwierig gemacht hat, überhaupt Beziehungen zu finden, also ich hatte in meinem Leben bisher nur zwei Beziehungen, war, dass ich Probleme hab mit Initiative.

Also normalerweise erwartet man ja immer von jemanden, dass dann einer auf einen zukommt irgendwann und sagt: hey Schatz, keine Ahnung, wollen wir mal irgendwie kuscheln, oder wollen wir irgendwie, was weiß ich, oder auch bevor die Beziehung erst beginnt, erwartet man halt, dass jemand einfach so mit einem flirtet und auf einen zugeht und irgendwas macht.

Und das Problem war einfach, dass ich natürlich schon Gefühle empfunden habe für die Person, oder auch für Personen, mit denen ich nicht in einer Beziehung war, aber ich konnte das nie ausdrücken, also ich hatte da sehr große Schwierigkeiten, weil ich einfach nicht wusste: was ist der richtige Weg?, weil ich als Kind und Jugendliche oft als aufdringlich empfunden worden bin, weil ich einfach nicht wusste: Wie sagt man das, wie sagt man jemandem, dass man jemanden mag? Wie sagt man jemandem, dass man irgendwie Begehren empfindet für jemanden? Wie flirtet man mit jemandem?

Das war für mich alles eine total fremde Welt, also ich hab echt, als ich so 15, 16 war, nach einer Flirt-Schule gesucht oder so, aber das gab es halt nur, wenn überhaupt, für Hetero-Menschen und das hat halt dann für mich nicht gepasst, weil ich wollte ja nicht mit einem Mann flirten.

Und das war für mich sehr schwierig und oft, wenn ich dann doch irgendwann gesagt hab: Hey, also ich empfinde irgendwas für dich, wo ich dann gemerkt habe, ich muss es einfach sagen – sonst ist der Schmerz und diese Zerrissenheit und dieses: Ja, was ist, wenn sie auch was empfindet? Und wenn du es nicht sagst, dann passiert ja nichts – dann waren die Leute oft sehr überrascht, von wegen: Was? Davon hat man ja gar nichts gemerkt! Wirklich?

Oder auch, wenn es dann zu Beziehungen gekommen ist, dann war es auch so, dass ich dann oft gesagt bekommen habe, von wegen, ich wäre halt kalt und ich wäre faul und so, weil ich angeblich nicht so viel in die Beziehung investieren würde oder auch nicht so viel geben würde in der Beziehung, weil halt einfach nichts von mir kommen würde. Also mir hat eine sogar gesagt, ich wäre einfach prüde, weil von mir selber aus nichts kommt.

Und ich hab lange überlegt, warum das so ist, aber es ist nicht so, dass ich kein sexuelles Begehren hätte oder so. Ich hatte auf jeden Fall – aber mein Problem war immer: Wie äußere ich das? Wie kann ich auf Menschen zugehen? Weil ich einfach viele Sachen von Menschen einfach nicht verstanden habe, viele Verhaltensweisen und auch viele, viele so Zeichen, also weil mir auch immer gesagt worden ist: Ja, ich geb dir doch Zeichen und du müsstest es doch eigentlich merken, dass ich irgendwie was von dir will! Und dass es doch klar ist, dass man auch mal was dazu tun muss und so und das war für mich immer sehr, sehr schwierig, weil ich nicht wusste, warum, und was da genau los ist.

Und jetzt, wo ich natürlich weiß, dass ich Autist bin, ist das halt anders. Also da wird mir halt vieles klar. Und ich persönlich würde mir auch wieder eine Beziehung wünschen, aber mein Problem ist halt auch, dass ich einfach Angst habe, dann wieder in diese Sachen zu stapfen. Also, dass mir wieder gesagt wird: Also du bist irgendwie faul oder kalt oder was auch immer.

Was mir noch aufgefallen ist, ist, dass mir – ich hatte früher, am Anfang meiner Zeit, wo ich gemerkt habe, dass ich lesbisch bin, ganz viele, ich nenne es mal Internet-Beziehungen, also wir miteinander geflirtet haben und so, ohne halt uns gesehen zu haben, wo ganz viele gesagt haben: Um Gottes Willen! – aber wo ich gemerkt habe, dass mir das irgendwie leichter fällt, wenn die Person nicht so nah dran ist, also wenn es völlig reicht, mit der Person zu telefonieren und ihr da meine Liebe zu sagen oder halt eben per Schrift oder so.

Und das ist einfach so, dass ich mir manchmal wünsche, ich hätte einfach wieder so eine Internet-Beziehung, wo ich einfach mit jemandem flirten kann und irgendwie wieder so sagen kann, wie toll wir uns finden, und Liebes-Postkarten hin und her schicken und solche Dinge. Aber so jemanden zu finden, ist auch ziemlich schwer, weil die meisten Menschen, die ich kenne, wünschen sich halt schon irgendwie eine andere Art von Beziehung, dass man irgendwie halt in der Nähe wohnt und solche Sachen.

Ich hoffe, das war jetzt informativ für euch oder hilfreich oder so, und ich wünsche euch noch einen ganz schönen Tag. Ciao!

Neurodivergenz und Sexualität

Hier die Beiträge, die wir auf unseren Aufruf zu dem Thema erhalten haben. Ihr könnt uns natürlich auch gerne weiterhin Beiträge dazu schicken!


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Sexuelle Übergriffe

Anonym:

Meine Depression schlägt in das Gegenteil von dem um, was viele sagen: ich bin sexuell sehr aktiv und fordernd, trotz sexuellen Übergriffes in meiner Jugend, der schon beim Akt häufig zu Tränen führte. Ich habe angefangen Testosteron zu nehmen um zu transitionen und seitdem habe ich mich viel besser unter Kontrolle! Es sind eben doch die kleinen Erfolgserlebnisse. 🙂


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Suizid, Drogen und Selbstverletzung

fynn alex:

Ich habe eine Borderline Persönlichkeitsstörung.

Ein Teil der Symptomatik sind Identitätsunsicherheiten und -Schwankungen. Diese sind auch in Sexualität deutlich bemerkbar. Seit meinem 14. Lebensjahr „questione“ ich meine sexuelle Orientierung.

Dies ging teilweise innerhalb eines Tages von „homosexuell“ zu „pansexuell“ zu „asexuell“ und wieder zurück zu heterosexuell.

Inzwischen würde ich vage sagen, dass es irgendetwas in Richtung „pansexuell homoromantisch“ am ehesten trifft, doch so einfach ist das nicht da ich mir auch über mein Gender im Unklaren bin und die Schwankungen in meiner Sexualität ziemlich extrem sind.

Ein Teil davon ist die Hypersexualität, eine Phase in der der Sexualtrieb deutlich ansteigt.

Diese überlappen häufig mit manischen Phasen, die bei mir allerdings nicht sonderlich ausgeprägt sind. In der Hypersexualitätsphase passiert es mir häufig, dass ich impulsiv sexuellen Kontakt suche, dies dann aber sehr schnell bereue. Teilweise suche ich auch sexuellen Kontakt als Selbstverletzungsmethode, weil ich weiß wie sehr ich es bereuen werde, oder um dissoziative Phasen zu beenden. Dieses impulsive sexuelle Verhalten passiert meistens auch im Zusammenhang mit Drogen oder Alkohol. Diese Mischung führt dann zu einem meist suizidalen Low am nächsten Tag bei dem ich meistens extrem „sex-repulsed“ bin, was bedeutet, dass ich mich von Sex und dem Gedanken stark abgestoßen fühle. Durch die emotionale Unausgeglichenheit fängt dies meistens schon bei Körperkontakt an. In dieser Phase bekomme ich also Selbstverletzungsdränge von einer einfachen Umarmung weil mich der körperliche Kontakt so abstößt. Diese sexuellen Schwankungen machen eine funktionierende Beziehung sehr schwierig.


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Traumatisierung

Lian:

Ich bin asexuell. Üblicherweise wird Asexualität definiert als: „Empfindet keine sexuelle Anziehung“. Da ich mit dem abstrakten Begriff „sexuelle Anziehung“ wenig anfangen kann, weiß ich nicht, ob das auf mich zutrifft. Ich finde viele Menschen durchaus schön und ansprechend, aber das erzeugt in mir keine Gedanken an Sexualität, deswegen nenne ich es „ästhetische Anziehung“.

Durch Traumatisierungen ist Sexualität für mich schwierig. Vieles ist mir sehr unangenehm und triggert mich. Ich brauche klare Kommunikation und viel Aufmerksamkeit, um das zu vermeiden.

Meine empfindlichen Sinne führen dazu, dass viele Gerüche, Geschmäcke und Empfindungen, die bei sexuellen Handlungen auftreten, für mich sehr unangenehm sind. Das führt dazu, dass ich nur unter sehr bestimmten Bedingungen und mit Menschen, die sehr bestimmte Bedingungen erfüllen, überhaupt angenehme Sexualität erleben kann. Viele sexuelle Handlungen sind für mich extrem unangenehm, daher ist auch nur eine sehr eng begrenzte Auswahl für mich eträglich.

Wenn alle Bedingungen erfüllt sind und ich eine*n passende*n Sexualpartner*in dafür habe, kann Sexualität für mich relativ angenehm und entspannend sein. Meine persönliche Bewertung ist: Es ist etwas weniger gut als eine Rückenmassage und etwas besser als Haare waschen.

Insgesamt ist es also etwas, was ich mir durchaus gelegentlich vorstellen kann. Da es aber sehr schwierig ist, passende Partner*innen zu finden und die richtigen Bedingungen herzustellen, ich sehr, sehr selten Lust darauf habe und das alles einfach anstrengend ist, findet es in meinem Leben im Moment nicht statt und ich vermisse es auch nicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch einmal Sexualität haben möchte. Ich habe zwar einige sehr schöne Erfahrungen gemacht, aber da sich das doch deutlich außerhalb meiner Wohlfühl-Zone befindet, ist es für mich auch ein Akt von Selbstfürsorge, es bleiben zu lassen.

Neurodivergenz und Geschlecht

In unserem Aufruf haben wir um Texte zum Zusammenspiel von Neurodivergenz und Geschlecht gebeten, vor allem in Hinblick, wie sich Eure Neurodivergenz auf Euer Geschlecht(-sempfinden) auswirkt.

Hier sind einige Beiträge:

Lian schreibt:

Ich habe aufgrund meiner Neurodivergenz große Schwierigkeiten, mein Geschlecht zu benennen.

Ich wusste zwar schon als Kind, dass ich weder Mädchen noch Junge bin, aber nachdem mir Cisnormativität eingeimpft wurde, akzeptierte ich für lange Zeit mein Schicksal, als „Mädchen“ leben zu müssen, was zu unzähligen Meltdowns und jahrelangem Selbsthass führte.

Die Erkenntnis, dass Geschlecht eben nicht zwischen den Beinen, sondern im Kopf sitzt, war für mich ein Befreiungsschlag, machte mir aber auch bewusst, dass ich keine Ahnung habe, wie mein Geschlecht heißt.

Meine Versuche, mich als „Mann“ zu sehen, haben mir nur deshalb weniger geschadet, weil ich es weniger lang versuchte.

Ich begreife nicht, was „Frau“ oder „Mann“ unabhängig von Körperlichkeiten und Geschlechterrollen bedeuten. Für andere Geschlechter ist es genauso schwierig: Ich kann mir Definitionen durchlesen, aber nicht verstehen.

Also bin ich dazu übergegangen, nachzuforschen, wie ich mich fühle in Bezug auf Körperteile, Kleidung, Namen, Pronomen und Anrede.

Mein Verhältnis zu meinem Körper ist durchwachsen: Modifikationen an Hormonsystem und Reproduktionssystem wünsche ich mir hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen und weil ich meinen Uterus abgrundtief hasse. Ist das Dysphorie? Woher soll ich das wissen? Ich weiß nicht, ob ich meinen Uterus hasse, weil er nicht zu meinem „Geschlecht“ passt oder weil er mir Schmerzen bereitet. Woher wissen Leute so was?

Brüste stören mich meistens nicht, weil mein äußeres Erscheinungsbild mir gleichgültig ist.

„Herren“-Kleidung bevorzuge ich hauptsächlich deshalb, weil die Schnitte erträglicher sind und „Damen“-Kleidung für mich unaushaltbar unbequem ist.
Als Name kam immer nur etwas Geschlechtsneutrales in Frage. Außerdem hat mein selbstgewählter Name eine schöne Farbe. Mein Geburtsname hingegen ist hässlich und falsch.

Pronomen stören mich. Am liebsten sind mir neutrale Pronomen, aber im Alltag benutze ich im Moment „er“.

Als Anrede stört mich „Frau“ mehr als „Herr“, aber vermutlich nur, weil ich mir das „Herr“ wenigstens selbst raussuchen durfte.

Insgesamt habe ich beschlossen, dass eine Transition sinnvoll wäre und Anfang 2015 mit der Zwangs-Begleittherapie begonnen.

Das ist natürlich der absolute Horror. Nicht nur, dass mein Therapeut keine Ahnung von nicht-binären Geschlechtern oder meinen Neurodivergenzen hat; er versteht auch nicht, dass ich nicht im Gesamtbild „Geschlecht“ arbeite, sondern mit einzelnen Aspekten.

Wenn ich also sage, dass Geschlecht für mich nichts Körperliches ist, versteht er nicht, warum ich trotzdem körperliche Veränderungen will. Natürlich darf ich ihm nicht nochmal erklären, dass ich meinen Uterus hasse, denn er sagte mir schon ganz am Anfang, dass das kein Grund für eine Transition wäre. Dass ich mir mehr Körper- und Gesichtsbehaarung wünsche, wäre „so was wie eine Schönheits-OP“ und dass ich es hasse, als „Frau“ bezeichnet zu werden, findet er, wäre alleine kein Grund.
Er ist auch der Meinung, Leute mit „zu vielen psychischen Störungen“ sollten keine Transition machen. (Das sagte er mir ganz am Anfang, als er dachte, ich wäre total neurotypisch.) Er unterstützt mich zwar widerwillig, aber das alles schadet mir sehr und ich wünsche mir nur, einfach akzeptiert zu werden und gesundheitlich notwendige Behandlungen machen und aussuchen zu dürfen, ohne irgendwem beweisen zu müssen, irgendein Geschlecht zu haben, das ich nicht verstehe.

Anonym schreibt:

Geschlecht ist für mich weniger spielerischer Selbstausdruck und mehr eine Quelle für Anxiety in alle Richtungen. Ich versuche, das anders zu handhaben, so, wie ich mir die coolen lockeren Leute von Tumblr vorstelle, aber entspannt sein ist so anstrengend!

Nachdem ich von nichtbinären Geschlechtern erfahren habe, hab ich mir lange vorgeworfen, dass ich mir das einrede, um etwas Besonderes zu sein. Deswegen spürte ich dauernd nach, was mein eigentliches, wahres Geschlecht sein könnte. Ich befürchtete, das Geschlechterthema wäre nur eine Masche meines Kopfes, um mich fertig zu machen, und irgendwann würde er sich ein neues Thema schnappen und damit das selbe machen, und die Trans*-Sache wäre damit vergessen. Auf diese Masche reinzufallen, wäre mir peinlich gewesen. Mein Geschlecht kam mir genauso verschwommen und launisch vor wie alles andere an mir auch. Erst, als ich ein paar Monate lang mitnotierte, begann ich, mich als genderfluid zu sehen, statt bei jedem Wechsel zu denken, ich hätte mich geirrt und gelogen und das hätte alles keinen Zusammenhang.

Anders als viele (?) genderfluide Menschen drücke ich diese Veränderungen kaum durch Kleidung aus. Ich trage meist über längere Zeit nur verschiedene Varianten des selben, in erster Linie bequem. Zwar würde ich oft gerne maskuliner aussehen (eeeeinmal in schlechten Lichtverhältnissen für einen Typen gehalten werden, bitte!), aber selbst meinen Kleidungsstil oder meine Frisur dafür zu ändern sieht einfach nach zu viel Aufwand aus und ich lasse es. Und Phasen, in denen ich mit meinem Körper weniger klarkomme und mir verzweifelt Veränderungen wünsche, fallen oft mit allgemeiner Endzeitstimmung und Aussichtslosigkeit zusammen, und ich weiß nicht, in welche Richtung das zusammenhängt.

Egal, ob das eine realistische Befürchtung ist, oder ob ich mich falsch einschätze: Leute wissen zu lassen, dass ich genderqueer bin, traue ich mir und meinen Gesprächsskills oft nicht zu. Auch den richtigen Moment zu finden fällt mir schwer, und ohnehin befürchte ich, anmaßend zu sein. Deswegen bin ich sehr froh über Namens- & Pronomensschilder, Vorstellungsrunden, in denen zumindest die Pronomen vorkommen, und alle anderen Versuche, über solche Sachen selbstverständlich und an einer fixen Stelle zu reden. Dass ich obskure Pronomen verwende und einen Namen, der cisnormativ gesehen nicht zu meinem Aussehen passt, macht es für mich da allerdings auch einfach. Für andere Leute bringen diese Formate nicht so viel, solange die Verbindung von Namen und Pronomen mit Geschlecht aufrecht bleibt.

Mira schreibt:

Subjektive Geschlechtswahrnehmung zwischen ND-Kompensation und gesellschaftlichem Konstrukt.

Dieser Text wurde geschrieben aus der Sichtweise einer weißen, als weiblich gelesenen, nicht ganz cis-Frau, die einen Universitätsabschluss in einer Naturwissenschaft hat und mit AD(H)S und Depressionen diagnostiziert wurde.

Ich habe erst vor kurzem mein Geschlecht zu meiner Twitter-Bio hinzugefügt. “mostly cis” steht da. Das ‚mostly‘ hat dabei wirklich eine Bedeutung. In meinem Erwachsenenleben werde ich, soweit ich weiß, weiblich gelesen. Es ist nicht unpassend, aber nicht alles. Müsste ich es in Zahlen fassen, macht dieses “weiblich” so ca. 75% aus.

Wie ich mein Geschlecht wahrgenommen habe, unterlag in meinem Leben Schwankunkungen. Von einem wagen Abweichungsempfinden, über Spass mit ‚als männlich gelesen werden‘, keine Frau sein wollen, glücklich mit dem Frausein ist alles dabei. Aus heutiger Sicht spielt meine Neurodiversität dabei eine Rolle, ist aber vermutlich nicht die ganze Erklärung.

Während ich meinen Frauenkörper, als er sich in der Pupertät bildete, erstmal hasste, habe ich mich mit seiner Anatomie arrangiert. Das Bodyshaming, was mit so einem Frauenkörper kommt, ist bis heute der deutlich größere Teil meiner Akzeptanzprobleme meinem Körper gegenüber. Dies ist ein besonders schwieriges Thema, da ich erst mit über 30 diagnostiziert wurde und bis dahin, sämtliche Gefühle mit Nahrungsaufnahme kompensiert habe.

Bei Störungen der Exekutivfunktionen ist Körperpflege und Aussehen ein Projekt, wenn es nicht gerade ein Hyperfokus ist. In der Pupertät wurde ungekämmt und verratzt aussehen zum Style, denn sonst wäre ich einfach nur ungepflegt gewesen. Haarewaschen und Haarefärben machten subjektiv gleich viel Aufwand, also färbte ich mir die Haare regelmäßig. Die Identifikation mit meinem von der Gesellschaft zugewiesenen Geschlecht war nachrangig gegenüber der Identifikation mit gewissen Subkulturen.

In meinen Gedanken gab es immer einen Bruch zwischen meinem Gender und dem normgesellschaftlichen Konstrukt vom Weiblichen. Ich passte nicht so ganz in dieses Schema. Ich hätte es nicht geschafft mich z. B. jeden morgen zu schminken. Also wollte ich nicht ’so ein Mädchen‘ sein. Phasenweise wollte ich wegen Privilegien, die dem männlichen Geschlecht zuteil sind, selber männlich sein.

Wärend des Studiums an einer Technischen Universität war mein Freundeskreis überwiegend männlich*. Relativ dazu empfand ich mich in dieser Zeit als unglaublich weiblich, was sich auch in meiner Kleidung wiederspiegelte. Seit ich mich durch meinen Beruf wieder in einem sehr normierten Teil der Gesellschaft befinde, empfinde ich meine Abweichung vom Weiblichen wieder sehr deutlich.

Dieses Gefühl wird durch Kompensationsverhalten meiner Neurodiversität noch verstärkt: Meine Kleidung muss so viele Ansprüche erfüllen, dass typisch weibliche* Mode oft nicht in Frage kommt.

Mein Geschlecht weicht vom gesellschaftlich konstruierten ab, was teilweise mit meiner Neurodiversität erklärbar ist. Männliches Aussehen ist aus meiner Sicht einfacher zu handhaben. Allerdings reicht das nicht als Erklärung für meine Selbstwahrnehmung. Was diese 25% sind, bleibt zu entdecken.

Robin schreibt:

Trigger-Content: Vergewaltigung, SVV, Depressionen

Ich habe eine diagonistizierte PTBS (post-traumatische Belastungsstörung) sowie chronische Depressionen und definiere mein Geschlecht als nicht-binär, trans und weitestgehend neutrois. Außerdem habe ich viele Schutzmechanismen und „Ticks“ entwickelt, die ich selbst noch nicht so gut einordnen kann.
Bevor ich von „Neurogender“ gehört habe, konnte ich für mich selbst nicht in Worte fassen, warum ich sagen kann das ich mich doch manchmal weiblich fühle und warum. Mit meiner Neurodiversität habe ich es schon gar nicht in Verbindung gebracht.

Mein erstes Mal Sex war nicht freiwillig. Fast alle ersten sexuellen Erfahrungen musste ich mit meinem Vergewaltiger erleben. Mein ganzes darauffolgendes „Liebesleben“ wurde durch dieses Erlebnis geprägt. Immer wieder habe ich mir Partner gesucht, die mich erniedrigen und ausnutzen, bin aber so gut wie nie Beziehungen eingegangen. Dabei habe ich mich immer wieder in Situationen gebracht, die mir extrem unangenehm waren und für die ich mich im nachhinein schäme. In diesen Momenten fühle ich mich immer viel mehr als Frau und kann dieses Erleben eines Geschlechts einfacher in Worten und Gefühlen erfassen. Eine abgeschwächte Form dieses Empfindens kenne ich auch, wenn es um die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung von Frauen* in unserer Gesellschaft geht und ich mich in Schilderungen wiederfinde.
Lange Zeit habe ich mir wegen meines Sexualverhaltens selbst Schmerzen zugefügt. Mein Verhalten wideret mich manchmal so sehr an, dass ich mich vor mir und meinem Körper extrem ekle.

Zusätzlich dazu habe ich eine schwierige Familiengeschichte und darauf aufbauend chronische Depressionen. Mit dem Großteil davon habe ich unfreiwillig keinen Kontakt mehr was mich in der Annahme das ich und besonders auch mein Körper abstoßend und wertlos bin nur bestärkt. Nachdem meine Familie von der Vergewaltigung erfahren hat, wurde mir unterstellt, das ich Lügen erzähle oder mir das nur eingebildet habe. Ich weiß deswegen oft nicht wie ich dazu stehen soll, dass ich ein Problem mit meinem Körper und besonders meiner großen Brust habe. Hat es auch mit meiner Geschlechtsidentität zu tun oder eher damit das ich von Männern sexuell ausgenutzt wurde und nicht nur als Lustobjekt gesehen werden will?

Ich frage mich, ob ich mich überhaupt nicht mehr als Frau empfinden werde wenn ich meine Depressionen überwunden habe oder ob es noch in geschwächter Form erhalten bleibt und wie sich mein Körpergefühl verändern könnte. Ich würde gerne von anderen Menschen lesen denen es ähnlich geht, gerade auch weil mir vieles noch unklar ist und ich nicht weiß wie ich mich ausdrücken kann. Nachdem ich über verschiedene Neurogender gelesen habe würde ich mich am ehesten als Curogender und Traumatagender verstehen, auch wenn mein Empfinden da eher schwammig ist, da ich in jüngster Zeit kaum noch Flashbacks habe.

Falls ich noch einen Beitrag vergessen habe, oder falls jemand noch einen Beitrag hierzu einreichen möchte, bitten wir um Kontakt.