Janis über Sexualität, Beziehungen und Neurodivergenz

Transkript:

Hallo, ich bin Janis und ich möchte heute über das Thema Neurodivergenz und meine Sexualität reden. Zur Info: Ich bin Autist, selbstdiagnostiziert, allerdings jetzt, also ich beschäftige mich erst seit ein paar Monaten damit, aber die Symptome und alles, was damit zu tun hat, hab ich natürlich schon viel, viel länger, also schon seit ich ein Kind bin.

Also ich bin selber… ich hab mich lange als lesbisch definiert, mittlerweile weiß ich, dass ich mich auch in andere Menschen verlieben kann, aber ich hab bisher noch keinen Namen dafür gefunden, aber auf jeden Fall ist es so, dass ich mich eigentlich noch nie in Cis-Männer verliebt habe.

Es ist so, dass ich gemerkt habe, dass meine Sexualität anders ist als jetzt bei anderen Menschen, die ich kennengelernt habe und dass ich da auch viel Ausgrenzung erfahren hab, das heißt jetzt konkret, dass ich zum Beispiel an Stellen, wo andere Frauen empfindlich sind, überhaupt nicht empfindlich bin.

Und es kam dann oft schnell das Thema auf: Ja, warum reagierst denn du da nicht so, oder warum bist du da nicht so empfindlich und das ist halt für mich dann oft schlimm gewesen, weil es mir das Gefühl gab, ich bin nicht normal, ich bin irgendwie komisch, ich bin irgendwie, was weiß ich, und es war halt das eine, was sehr schwierig war.

Das andere, was auch in Beziehungen immer wieder schwierig war, was es auch schwierig gemacht hat, überhaupt Beziehungen zu finden, also ich hatte in meinem Leben bisher nur zwei Beziehungen, war, dass ich Probleme hab mit Initiative.

Also normalerweise erwartet man ja immer von jemanden, dass dann einer auf einen zukommt irgendwann und sagt: hey Schatz, keine Ahnung, wollen wir mal irgendwie kuscheln, oder wollen wir irgendwie, was weiß ich, oder auch bevor die Beziehung erst beginnt, erwartet man halt, dass jemand einfach so mit einem flirtet und auf einen zugeht und irgendwas macht.

Und das Problem war einfach, dass ich natürlich schon Gefühle empfunden habe für die Person, oder auch für Personen, mit denen ich nicht in einer Beziehung war, aber ich konnte das nie ausdrücken, also ich hatte da sehr große Schwierigkeiten, weil ich einfach nicht wusste: was ist der richtige Weg?, weil ich als Kind und Jugendliche oft als aufdringlich empfunden worden bin, weil ich einfach nicht wusste: Wie sagt man das, wie sagt man jemandem, dass man jemanden mag? Wie sagt man jemandem, dass man irgendwie Begehren empfindet für jemanden? Wie flirtet man mit jemandem?

Das war für mich alles eine total fremde Welt, also ich hab echt, als ich so 15, 16 war, nach einer Flirt-Schule gesucht oder so, aber das gab es halt nur, wenn überhaupt, für Hetero-Menschen und das hat halt dann für mich nicht gepasst, weil ich wollte ja nicht mit einem Mann flirten.

Und das war für mich sehr schwierig und oft, wenn ich dann doch irgendwann gesagt hab: Hey, also ich empfinde irgendwas für dich, wo ich dann gemerkt habe, ich muss es einfach sagen – sonst ist der Schmerz und diese Zerrissenheit und dieses: Ja, was ist, wenn sie auch was empfindet? Und wenn du es nicht sagst, dann passiert ja nichts – dann waren die Leute oft sehr überrascht, von wegen: Was? Davon hat man ja gar nichts gemerkt! Wirklich?

Oder auch, wenn es dann zu Beziehungen gekommen ist, dann war es auch so, dass ich dann oft gesagt bekommen habe, von wegen, ich wäre halt kalt und ich wäre faul und so, weil ich angeblich nicht so viel in die Beziehung investieren würde oder auch nicht so viel geben würde in der Beziehung, weil halt einfach nichts von mir kommen würde. Also mir hat eine sogar gesagt, ich wäre einfach prüde, weil von mir selber aus nichts kommt.

Und ich hab lange überlegt, warum das so ist, aber es ist nicht so, dass ich kein sexuelles Begehren hätte oder so. Ich hatte auf jeden Fall – aber mein Problem war immer: Wie äußere ich das? Wie kann ich auf Menschen zugehen? Weil ich einfach viele Sachen von Menschen einfach nicht verstanden habe, viele Verhaltensweisen und auch viele, viele so Zeichen, also weil mir auch immer gesagt worden ist: Ja, ich geb dir doch Zeichen und du müsstest es doch eigentlich merken, dass ich irgendwie was von dir will! Und dass es doch klar ist, dass man auch mal was dazu tun muss und so und das war für mich immer sehr, sehr schwierig, weil ich nicht wusste, warum, und was da genau los ist.

Und jetzt, wo ich natürlich weiß, dass ich Autist bin, ist das halt anders. Also da wird mir halt vieles klar. Und ich persönlich würde mir auch wieder eine Beziehung wünschen, aber mein Problem ist halt auch, dass ich einfach Angst habe, dann wieder in diese Sachen zu stapfen. Also, dass mir wieder gesagt wird: Also du bist irgendwie faul oder kalt oder was auch immer.

Was mir noch aufgefallen ist, ist, dass mir – ich hatte früher, am Anfang meiner Zeit, wo ich gemerkt habe, dass ich lesbisch bin, ganz viele, ich nenne es mal Internet-Beziehungen, also wir miteinander geflirtet haben und so, ohne halt uns gesehen zu haben, wo ganz viele gesagt haben: Um Gottes Willen! – aber wo ich gemerkt habe, dass mir das irgendwie leichter fällt, wenn die Person nicht so nah dran ist, also wenn es völlig reicht, mit der Person zu telefonieren und ihr da meine Liebe zu sagen oder halt eben per Schrift oder so.

Und das ist einfach so, dass ich mir manchmal wünsche, ich hätte einfach wieder so eine Internet-Beziehung, wo ich einfach mit jemandem flirten kann und irgendwie wieder so sagen kann, wie toll wir uns finden, und Liebes-Postkarten hin und her schicken und solche Dinge. Aber so jemanden zu finden, ist auch ziemlich schwer, weil die meisten Menschen, die ich kenne, wünschen sich halt schon irgendwie eine andere Art von Beziehung, dass man irgendwie halt in der Nähe wohnt und solche Sachen.

Ich hoffe, das war jetzt informativ für euch oder hilfreich oder so, und ich wünsche euch noch einen ganz schönen Tag. Ciao!

Empathie

(Das Video ist nicht Wort für Wort identisch, hat aber den gleichen Inhalt.)

In diesem Text werde ich Erklären, was Empathie ist, welche Formen von Empathie es gibt und dass Menschen ohne Empathie genauso wertvoll und menschlich sind wie Menschen mit Empathie. Das soll kein wissenschaftlicher Text werden, sondern eine Erklärung, um das Thema besser verstehen und besser damit umgehen zu können.

Wenn wir über Empathie reden, dann tun wir oft so, als wäre ganz klar, was Empathie überhaupt ist. In Wirklichkeit besteht Empathie aber aus ganz vielen Einzelteilen und nicht alle Menschen erleben jeden Teil davon.

Es gibt viele wissenschaftliche Texte, die Empathie in verschieden viele Teile aufteilen und diesen Teilen komplizierte Namen geben. Manche Aufteilungen benutzen den gleichen Namen für verschiedene Dinge. Empathie ist also offensichtlich gar nicht so einfach! Ich nehme hier meine eigene Aufteilung vor und gebe den Teilen einfachere Namen.

 

Was gehört zu Empathie dazu?

Gefühls-Erkennung

Viele Menschen erkennen ganz automatisch die Gefühle von anderen Menschen. Körpersprache, Tonfall, Bewegungen und Gesichtsausdrücke sind nonverbale Signale, die viele Menschen verstehen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Manchen Menschen (z.B. Autist*innen) fällt das schwer. Sie können vielleicht nur einfache und offensichtliche Gefühle erkennen. Andere Menschen können Gefühle gar nicht erkennen und müssen nachfragen, um zu wissen, wie sich jemand fühlt. Nicht alle Menschen können erkennen, wann sie nachfragen müssen. Manche Menschen können auch gar nicht fragen.

Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, Gefühle bei anderen zu erkennen, werden oft als abweisend oder ignorant wahrgenommen.

Wenn du willst, dass jemand anders deine Gefühle kennt, ist es deswegen oft zuverlässiger, einfach zu sagen, was du fühlst.

Die Gefühls-Erkennung kann erschwert werden, wenn die andere Person eine andere Körpersprache hat oder in einem ungewohnten Tonfall spricht. Zum Beispiel haben viele Autist*innen eine Körpersprache, die nicht-autistische Menschen nicht gut verstehen können. Manche Menschen lachen, wenn sie aufgeregt sind, was nicht mit Freude verwechselt werden sollte. Solche Dinge führen dazu, dass neurodivergente Menschen oft missverstanden werden.

Auch andere Behinderungen können diese nonverbalen Signale beeinflussen. Zum Beispiel kann es sein, dass Schmerzen oder Lähmungen zu einer Körperhaltung oder zu Bewegungen führen, die fälschlicherweise als Körpersprache verstanden werden. Eine Person, die noch nie sehen konnte, hat vielleicht auch nie Gesichtsausdrücke gelernt.

Auch in solchen Fällen kann es helfen, klar zu kommunizieren und nachzufragen.          

Gefühls-Übertragung

Wenn Menschen die Gefühle von anderen Menschen erkennen, kann es sein, dass sie die gleichen Gefühle selbst spüren. Die Gefühle werden also sozusagen von einer Person zur anderen „übertragen“.

Viele Menschen merken überhaupt nicht, wenn das passiert. Dann kann es sein, dass sie sich plötzlich traurig oder wütend fühlen, ohne zu wissen, dass sie das Gefühl von jemandem anders übernommen haben. Manche Menschen haben Probleme damit, eigene Gefühle zu erkennen (Gefühlsblindheit). Für sie kann Gefühls-Übertragung besonders verwirrend sein, da sie nicht nur nicht wissen, was sie fühlen, sondern auch nicht wissen, ob es ihr eigenes Gefühl ist oder von jemandem anders kommt.

Manche Neurodivergenzen (z.B. Borderline) können Menschen extrem empfänglich für Gefühle von anderen Menschen machen.

Diese Gefühls-Übertragung kann hilfreich sein, um andere Menschen zu verstehen und intuitiv herauszufinden, was sie gerade brauchen.

Nicht alle Menschen erleben diese Form von Gefühls-Übertragung. Auch das kann ein Vorteil sein, da es dadurch leichter sein kann, Menschen zu helfen, denen es schlecht geht, ohne selbst darunter zu leiden.

Gefühls-Erkennung ist Voraussetzung für diese Art von Gefühls-Übertragung. Wenn das Erkennen der Gefühle nicht klappt, kann die Übertragung auch nicht stattfinden.

Stellvertretendes Mitgefühl

Stellvertretendes Mitfühlen ist anders als Gefühls-Übertragung, da es absichtlich passiert, wenn jemand sich in eine andere Person hinein versetzt. Auf diese Weise kann man sich vorstellen, wie eine andere Person sich fühlt. Manche Menschen erfahren dadurch starke Gefühle.

Stellvertretendes Mitgefühl ist es zum Beispiel, wenn ich ein Kind auf einer Schaukel sehe und Freude empfinde, weil ich mir vorstelle, an Stelle des Kindes selbst auf der Schaukel zu sitzen. Ein anderes Beispiel ist, wenn sich jemand sich in den Finger schneidet und eine andere Person „aua“ sagt, weil sie sich vorgestellt hat, wie sich das anfühlen muss.

Um mit jemandem mitfühlen zu können, muss man nicht erkennen, wie die andere Person sich fühlt. Stattdessen basiert das Mitgefühl auf dem Erkennen der Situation.

Natürlich ist das Gefühl, das durch diese Art von Mitfühlen erzeugt wird, nicht immer das gleiche wie das, was die andere Person fühlt. Zum Beispiel kann das Kind auf der Schaukel in Wirklichkeit traurig sein, was ich nicht bemerken würde.

Nicht alle Menschen können mit anderen Menschen mitfühlen. Mitfühlen ist eine Art von Gefühls-Antwort.

Gefühls-Antwort

Gefühls-Antworten sind Gefühle, die Menschen als Reaktion auf die Gefühle oder Erlebnisse von anderen Menschen (oder auch Tieren oder Gegenständen) haben.

Es ist zum Beispiel eine Gefühls-Antwort, wenn ich mich freue, weil eine Freundin von mir einen Test bestanden hat, vor dem sie Angst hatte. Meine Freundin spürt in diesem Moment vielleicht etwas ganz anderes: Vielleicht hat sie Angst vor dem nächsten Test oder ist einfach nur müde. Eine Gefühls-Antwort ist also ein eigenes Gefühl, das sich auf jemanden anders bezieht.

Eine Gefühls-Antwort ist es zum  Beispiel auch, sich schlecht zu fühlen, nachdem man versehentlich jemanden verletzt hat oder besorgt zu sein, wenn es jemandem anders nicht gut geht.

Gefühls-Antworten können unfreiwillig entstehen und sehr intensiv sein. Mitleid würde ich als Gefühls-Antwort einordnen.

Viele Menschen, die Gefühle anderer schlecht erkennen oder keine Gefühls-Übertragung erleben, haben trotzdem Gefühls-Antworten. Aber es gibt auch Menschen, die überhaupt keine Gefühls-Antworten haben, wie zum Beispiel viele Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung.

 

Empathielosigkeit ist genauso menschlich wie Hyper-Empathie

Empathielosigkeit ist kein Schimpfwort.

Empathie ist keine einheitliche Erfahrung, sondern geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen und auf verschiedene Arten und Weisen.

Nur eine ganz bestimmte Menge und ganz bestimmte Arten, Empathie zu erleben, gelten als „normales“ Erleben neurotypischer Menschen.

Viele neurodivergente Menschen erleben Empathie anders als neurotypische Menschen. Viele von uns erleben Empathie nur teilweise. So gibt es zahlreiche Menschen, die keine Gefühls-Übertragung erleben, aber sehr wohl Gefühls-Antworten haben.

Andere von uns können nur bestimmte Gefühle empathisch wahrnehmen, weil zum Beispiel ihr eigenes Gefühls-Erleben gar nicht alle Gefühle beinhaltet.

Manche von uns erleben extrem starke Empathie, werden von empathischen Empfindungen, übertragenen Gefühlen, Mitleid und anderen Gefühls-Antworten geradezu überwältigt. Solche hyper-empathischen Menschen werden oft als „überempfindlich“ oder „zu sensibel“ angesehen.

Manche von uns empfinden auch überhaupt keine Empathie – weder Gefühls-Übertragungen noch Gefühls-Antworten jeglicher Form. Empathielose Menschen werden oft als gefühlskalte, manipulative Menschen ohne Gewissen angesehen.

Tatsächlich sind diese zahlreichen Arten, Empathie zu erleben oder eben nicht zu erleben, Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden – genauso wie Haarfarbe oder Schuhgröße. Es ist keine Voraussetzung für rücksichtsvolles Handeln, die Gefühle anderer Menschen verstehen oder nachempfinden zu können. Wer keine Reue und kein schlechtes Gewissen empfindet, verdient den gleichen Respekt und das gleiche Vertrauen wie Menschen, die für die Gefühle anderer Menschen empfänglicher sind.

Es gibt zahllose Gründe, andere Menschen gut zu behandeln. Empathie ist nur einer davon und Empathie allein reicht noch lange nicht aus, um zu gewährleisten, dass jemand andere Menschen nicht absichtlich verletzt.

Manche Menschen leiden darunter, dass sie zu viel oder zu wenig Empathie empfinden und es ist ihr gutes Recht, daran zu arbeiten.

Bewertet Menschen nach ihrem Handeln, nicht danach, was für Gefühle und Fähigkeiten sie haben oder nicht haben.

 

Neurodivergenz und Sexualität

Hier die Beiträge, die wir auf unseren Aufruf zu dem Thema erhalten haben. Ihr könnt uns natürlich auch gerne weiterhin Beiträge dazu schicken!


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Sexuelle Übergriffe

Anonym:

Meine Depression schlägt in das Gegenteil von dem um, was viele sagen: ich bin sexuell sehr aktiv und fordernd, trotz sexuellen Übergriffes in meiner Jugend, der schon beim Akt häufig zu Tränen führte. Ich habe angefangen Testosteron zu nehmen um zu transitionen und seitdem habe ich mich viel besser unter Kontrolle! Es sind eben doch die kleinen Erfolgserlebnisse. 🙂


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Suizid, Drogen und Selbstverletzung

fynn alex:

Ich habe eine Borderline Persönlichkeitsstörung.

Ein Teil der Symptomatik sind Identitätsunsicherheiten und -Schwankungen. Diese sind auch in Sexualität deutlich bemerkbar. Seit meinem 14. Lebensjahr „questione“ ich meine sexuelle Orientierung.

Dies ging teilweise innerhalb eines Tages von „homosexuell“ zu „pansexuell“ zu „asexuell“ und wieder zurück zu heterosexuell.

Inzwischen würde ich vage sagen, dass es irgendetwas in Richtung „pansexuell homoromantisch“ am ehesten trifft, doch so einfach ist das nicht da ich mir auch über mein Gender im Unklaren bin und die Schwankungen in meiner Sexualität ziemlich extrem sind.

Ein Teil davon ist die Hypersexualität, eine Phase in der der Sexualtrieb deutlich ansteigt.

Diese überlappen häufig mit manischen Phasen, die bei mir allerdings nicht sonderlich ausgeprägt sind. In der Hypersexualitätsphase passiert es mir häufig, dass ich impulsiv sexuellen Kontakt suche, dies dann aber sehr schnell bereue. Teilweise suche ich auch sexuellen Kontakt als Selbstverletzungsmethode, weil ich weiß wie sehr ich es bereuen werde, oder um dissoziative Phasen zu beenden. Dieses impulsive sexuelle Verhalten passiert meistens auch im Zusammenhang mit Drogen oder Alkohol. Diese Mischung führt dann zu einem meist suizidalen Low am nächsten Tag bei dem ich meistens extrem „sex-repulsed“ bin, was bedeutet, dass ich mich von Sex und dem Gedanken stark abgestoßen fühle. Durch die emotionale Unausgeglichenheit fängt dies meistens schon bei Körperkontakt an. In dieser Phase bekomme ich also Selbstverletzungsdränge von einer einfachen Umarmung weil mich der körperliche Kontakt so abstößt. Diese sexuellen Schwankungen machen eine funktionierende Beziehung sehr schwierig.


Inhalts-Hinweise für den folgenden Beitrag: Erwähnung von Traumatisierung

Lian:

Ich bin asexuell. Üblicherweise wird Asexualität definiert als: „Empfindet keine sexuelle Anziehung“. Da ich mit dem abstrakten Begriff „sexuelle Anziehung“ wenig anfangen kann, weiß ich nicht, ob das auf mich zutrifft. Ich finde viele Menschen durchaus schön und ansprechend, aber das erzeugt in mir keine Gedanken an Sexualität, deswegen nenne ich es „ästhetische Anziehung“.

Durch Traumatisierungen ist Sexualität für mich schwierig. Vieles ist mir sehr unangenehm und triggert mich. Ich brauche klare Kommunikation und viel Aufmerksamkeit, um das zu vermeiden.

Meine empfindlichen Sinne führen dazu, dass viele Gerüche, Geschmäcke und Empfindungen, die bei sexuellen Handlungen auftreten, für mich sehr unangenehm sind. Das führt dazu, dass ich nur unter sehr bestimmten Bedingungen und mit Menschen, die sehr bestimmte Bedingungen erfüllen, überhaupt angenehme Sexualität erleben kann. Viele sexuelle Handlungen sind für mich extrem unangenehm, daher ist auch nur eine sehr eng begrenzte Auswahl für mich eträglich.

Wenn alle Bedingungen erfüllt sind und ich eine*n passende*n Sexualpartner*in dafür habe, kann Sexualität für mich relativ angenehm und entspannend sein. Meine persönliche Bewertung ist: Es ist etwas weniger gut als eine Rückenmassage und etwas besser als Haare waschen.

Insgesamt ist es also etwas, was ich mir durchaus gelegentlich vorstellen kann. Da es aber sehr schwierig ist, passende Partner*innen zu finden und die richtigen Bedingungen herzustellen, ich sehr, sehr selten Lust darauf habe und das alles einfach anstrengend ist, findet es in meinem Leben im Moment nicht statt und ich vermisse es auch nicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch einmal Sexualität haben möchte. Ich habe zwar einige sehr schöne Erfahrungen gemacht, aber da sich das doch deutlich außerhalb meiner Wohlfühl-Zone befindet, ist es für mich auch ein Akt von Selbstfürsorge, es bleiben zu lassen.

Neurodivergenz

Neurodivergent zu sein, bedeutet, dass unser Gehirn anders funktioniert, als üblicherweise als „normal“ angenommen wird. Das heißt nicht, dass wir „unnormal“ sind – aber wir werden oft so angesehen.

Das Gegenteil von neurodivergent ist neurotypisch. Das Gehirn von neurotypischen Menschen funktioniert so, wie das als „normal“ angesehen wird.

Neurodiversität ist ein ähnliches Wort, aber es hat eine etwas andere Bedeutung. Neurodiversität heißt, zu akzeptieren, dass manche Menschen neurodivergent sind und manche nicht und dass das ganz normal und gut so ist.

Weitere Begriffserklärungen gibt es hier (auf Englisch).

Hier ist eine Erklärung der Person, die das Wort Neurodivergenz erfunden hat (auch Englisch).

Einige Neurodivergenzen sind z.B. Psychosen, Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder Narzisstische Persönlichkeitsstörung, ADHS, Depressionen, Legasthenie, Epilepsie, Down-Syndrom und viele weitere.

Es ist egal, ob die Neurodivergenz schon immer vorhanden war oder erst später im Leben auftrat.

Eine Person kann auch mehrfach neurodivergent sein, das heißt, mehrere Neurodivergenzen gleichzeitig haben.

Neurodivergenz ist kein medizinischer Begriff. Es ist ein Wort, das wir benutzen, um uns miteinander auszutauschen und für unsere gesellschaftliche Anerkennung und gegen unsere Diskriminierung zu kämpfen.

Wenn du den Begriff für dich nicht passend empfindest, musst du dich nicht so nennen. Du darfst dich aber neurodivergent nennen, wenn du denkst, dass es auf dich zutrifft.

Das Wort Neurodivergenz ist wertungsfrei. Es sagt nichts darüber aus, ob die Neurodivergenz als belastend empfunden wird und Leidensdruck verursacht. Es sagt auch nichts darüber aus, ob und wie stark die Neurodivergenz zu einer Behinderung führt.

Es gibt Menschen, die alle oder einige ihrer Neurodivergenzen als unangenehm empfinden und am liebsten ohne sie leben würden. Es gibt andere Menschen, die alle oder einige ihrer Neurodivergenzen ganz okay finden und nichts daran ändern möchten.

Mit dem Begriff soll auch keine Abschaffung enger gefasster Räume erzielt werden. Es ist immer noch sinnvoll, z.B. Gemeinschaften nur für Autist*innen oder nur für Borderliner*innen zu haben.

Das alles heißt auch nicht, dass jetzt plötzlich „alle“ neurodivergent sind. Es gibt tatsächlich erschreckend viele Menschen, die sehr neurotypisch sind.

Es macht Sinn, diesen weit gefassten Begriff zu haben, weil viele unserer Probleme und Eigenschaften mehrere Gruppen von Neurodivergenten betreffen. Zum Beispiel betrifft exekutive Dysfunktion nicht nur Menschen mit ADHS, sondern auch Depressive, Schizophrene, Autist*innen und viele mehr.

Wir haben viele ähnliche Erlebnisse und machen ähnliche Erfahrungen. Zum Beispiel haben nicht nur Autist*innen Meltdowns und Shutdowns. Nicht nur Borderliner*innen haben Probleme mit emotionaler Regulierung. Nicht nur Depressive kämpfen mit Schlaflosigkeit oder lähmender Müdigkeit.

Außerdem sind wir praktisch alle von Behindertenfeindlichkeit (Ableismus), Neuro-Normativität, Diskriminierung und einem Mangel an Rücksicht und Hilfeleistungen betroffen.

Ein weiterer Vorteil dieses weit gefassten Begriffes ist, dass mehrfach neurodivergente Menschen nicht aus dem Raster fallen, wie das in enger gefassten Räumen leider oft der Fall ist.

Der Begriff ermöglicht mehr Selbstbestimmung und weniger Pathologisierung als medizinische Diagnosebegriffe. Es ist okay, deine Neurodivergenz(en) toll zu finden, egal zu finden und es ist auch okay, sie zu hassen. Es ist Raum für Selbstdefinition abseits von psychiatrischen Kategorien.

Es ist auch Raum für Menschen, die nicht wissen, wo oder wie sie genau hineinpassen. Nicht alle haben eine Diagnose oder auch nur eine grobe Ahnung, wie genau ihre Neurodivergenz heißt.

Mit einem gemeinsamen, inklusiven Kampf für Neurodiversität und für alle neurodivergenten Menschen ist es auch leichter, für Menschen mitzukämpfen, die aufgrund ihrer Behinderungen oder Stigmatisierungen keine großen eigenen Gemeinschaften haben.

Der Zusammenschluss als neurodivergente Menschen hilft (hoffentlich) auch, den weit verbreiteten lateralen Ableismus zu bekämpfen, bei dem verschieden neurodivergente Menschen sich gegenseitig diskriminieren, wie z.B. das „beliebte“ Schlechtreden von Persönlichkeitsstörungen durch Autist*innen.

(Falls die Haters das hier lesen: Darüber rege ich mich seit mindestens einem Jahr auf. Das ist also kein Seitenhieb gegen euch. Küsschen.)

Der zusammenfassende Begriff der Neurodivergenz ermöglicht es uns, weniger Ausschlüsse zu erzeugen, effektiver gegen Ableismus zu kämpfen und uns gegenseitig zu unterstützen. Ziemlich cool, oder?

Neurodivergenz und Geschlecht

In unserem Aufruf haben wir um Texte zum Zusammenspiel von Neurodivergenz und Geschlecht gebeten, vor allem in Hinblick, wie sich Eure Neurodivergenz auf Euer Geschlecht(-sempfinden) auswirkt.

Hier sind einige Beiträge:

Lian schreibt:

Ich habe aufgrund meiner Neurodivergenz große Schwierigkeiten, mein Geschlecht zu benennen.

Ich wusste zwar schon als Kind, dass ich weder Mädchen noch Junge bin, aber nachdem mir Cisnormativität eingeimpft wurde, akzeptierte ich für lange Zeit mein Schicksal, als „Mädchen“ leben zu müssen, was zu unzähligen Meltdowns und jahrelangem Selbsthass führte.

Die Erkenntnis, dass Geschlecht eben nicht zwischen den Beinen, sondern im Kopf sitzt, war für mich ein Befreiungsschlag, machte mir aber auch bewusst, dass ich keine Ahnung habe, wie mein Geschlecht heißt.

Meine Versuche, mich als „Mann“ zu sehen, haben mir nur deshalb weniger geschadet, weil ich es weniger lang versuchte.

Ich begreife nicht, was „Frau“ oder „Mann“ unabhängig von Körperlichkeiten und Geschlechterrollen bedeuten. Für andere Geschlechter ist es genauso schwierig: Ich kann mir Definitionen durchlesen, aber nicht verstehen.

Also bin ich dazu übergegangen, nachzuforschen, wie ich mich fühle in Bezug auf Körperteile, Kleidung, Namen, Pronomen und Anrede.

Mein Verhältnis zu meinem Körper ist durchwachsen: Modifikationen an Hormonsystem und Reproduktionssystem wünsche ich mir hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen und weil ich meinen Uterus abgrundtief hasse. Ist das Dysphorie? Woher soll ich das wissen? Ich weiß nicht, ob ich meinen Uterus hasse, weil er nicht zu meinem „Geschlecht“ passt oder weil er mir Schmerzen bereitet. Woher wissen Leute so was?

Brüste stören mich meistens nicht, weil mein äußeres Erscheinungsbild mir gleichgültig ist.

„Herren“-Kleidung bevorzuge ich hauptsächlich deshalb, weil die Schnitte erträglicher sind und „Damen“-Kleidung für mich unaushaltbar unbequem ist.
Als Name kam immer nur etwas Geschlechtsneutrales in Frage. Außerdem hat mein selbstgewählter Name eine schöne Farbe. Mein Geburtsname hingegen ist hässlich und falsch.

Pronomen stören mich. Am liebsten sind mir neutrale Pronomen, aber im Alltag benutze ich im Moment „er“.

Als Anrede stört mich „Frau“ mehr als „Herr“, aber vermutlich nur, weil ich mir das „Herr“ wenigstens selbst raussuchen durfte.

Insgesamt habe ich beschlossen, dass eine Transition sinnvoll wäre und Anfang 2015 mit der Zwangs-Begleittherapie begonnen.

Das ist natürlich der absolute Horror. Nicht nur, dass mein Therapeut keine Ahnung von nicht-binären Geschlechtern oder meinen Neurodivergenzen hat; er versteht auch nicht, dass ich nicht im Gesamtbild „Geschlecht“ arbeite, sondern mit einzelnen Aspekten.

Wenn ich also sage, dass Geschlecht für mich nichts Körperliches ist, versteht er nicht, warum ich trotzdem körperliche Veränderungen will. Natürlich darf ich ihm nicht nochmal erklären, dass ich meinen Uterus hasse, denn er sagte mir schon ganz am Anfang, dass das kein Grund für eine Transition wäre. Dass ich mir mehr Körper- und Gesichtsbehaarung wünsche, wäre „so was wie eine Schönheits-OP“ und dass ich es hasse, als „Frau“ bezeichnet zu werden, findet er, wäre alleine kein Grund.
Er ist auch der Meinung, Leute mit „zu vielen psychischen Störungen“ sollten keine Transition machen. (Das sagte er mir ganz am Anfang, als er dachte, ich wäre total neurotypisch.) Er unterstützt mich zwar widerwillig, aber das alles schadet mir sehr und ich wünsche mir nur, einfach akzeptiert zu werden und gesundheitlich notwendige Behandlungen machen und aussuchen zu dürfen, ohne irgendwem beweisen zu müssen, irgendein Geschlecht zu haben, das ich nicht verstehe.

Anonym schreibt:

Geschlecht ist für mich weniger spielerischer Selbstausdruck und mehr eine Quelle für Anxiety in alle Richtungen. Ich versuche, das anders zu handhaben, so, wie ich mir die coolen lockeren Leute von Tumblr vorstelle, aber entspannt sein ist so anstrengend!

Nachdem ich von nichtbinären Geschlechtern erfahren habe, hab ich mir lange vorgeworfen, dass ich mir das einrede, um etwas Besonderes zu sein. Deswegen spürte ich dauernd nach, was mein eigentliches, wahres Geschlecht sein könnte. Ich befürchtete, das Geschlechterthema wäre nur eine Masche meines Kopfes, um mich fertig zu machen, und irgendwann würde er sich ein neues Thema schnappen und damit das selbe machen, und die Trans*-Sache wäre damit vergessen. Auf diese Masche reinzufallen, wäre mir peinlich gewesen. Mein Geschlecht kam mir genauso verschwommen und launisch vor wie alles andere an mir auch. Erst, als ich ein paar Monate lang mitnotierte, begann ich, mich als genderfluid zu sehen, statt bei jedem Wechsel zu denken, ich hätte mich geirrt und gelogen und das hätte alles keinen Zusammenhang.

Anders als viele (?) genderfluide Menschen drücke ich diese Veränderungen kaum durch Kleidung aus. Ich trage meist über längere Zeit nur verschiedene Varianten des selben, in erster Linie bequem. Zwar würde ich oft gerne maskuliner aussehen (eeeeinmal in schlechten Lichtverhältnissen für einen Typen gehalten werden, bitte!), aber selbst meinen Kleidungsstil oder meine Frisur dafür zu ändern sieht einfach nach zu viel Aufwand aus und ich lasse es. Und Phasen, in denen ich mit meinem Körper weniger klarkomme und mir verzweifelt Veränderungen wünsche, fallen oft mit allgemeiner Endzeitstimmung und Aussichtslosigkeit zusammen, und ich weiß nicht, in welche Richtung das zusammenhängt.

Egal, ob das eine realistische Befürchtung ist, oder ob ich mich falsch einschätze: Leute wissen zu lassen, dass ich genderqueer bin, traue ich mir und meinen Gesprächsskills oft nicht zu. Auch den richtigen Moment zu finden fällt mir schwer, und ohnehin befürchte ich, anmaßend zu sein. Deswegen bin ich sehr froh über Namens- & Pronomensschilder, Vorstellungsrunden, in denen zumindest die Pronomen vorkommen, und alle anderen Versuche, über solche Sachen selbstverständlich und an einer fixen Stelle zu reden. Dass ich obskure Pronomen verwende und einen Namen, der cisnormativ gesehen nicht zu meinem Aussehen passt, macht es für mich da allerdings auch einfach. Für andere Leute bringen diese Formate nicht so viel, solange die Verbindung von Namen und Pronomen mit Geschlecht aufrecht bleibt.

Mira schreibt:

Subjektive Geschlechtswahrnehmung zwischen ND-Kompensation und gesellschaftlichem Konstrukt.

Dieser Text wurde geschrieben aus der Sichtweise einer weißen, als weiblich gelesenen, nicht ganz cis-Frau, die einen Universitätsabschluss in einer Naturwissenschaft hat und mit AD(H)S und Depressionen diagnostiziert wurde.

Ich habe erst vor kurzem mein Geschlecht zu meiner Twitter-Bio hinzugefügt. “mostly cis” steht da. Das ‚mostly‘ hat dabei wirklich eine Bedeutung. In meinem Erwachsenenleben werde ich, soweit ich weiß, weiblich gelesen. Es ist nicht unpassend, aber nicht alles. Müsste ich es in Zahlen fassen, macht dieses “weiblich” so ca. 75% aus.

Wie ich mein Geschlecht wahrgenommen habe, unterlag in meinem Leben Schwankunkungen. Von einem wagen Abweichungsempfinden, über Spass mit ‚als männlich gelesen werden‘, keine Frau sein wollen, glücklich mit dem Frausein ist alles dabei. Aus heutiger Sicht spielt meine Neurodiversität dabei eine Rolle, ist aber vermutlich nicht die ganze Erklärung.

Während ich meinen Frauenkörper, als er sich in der Pupertät bildete, erstmal hasste, habe ich mich mit seiner Anatomie arrangiert. Das Bodyshaming, was mit so einem Frauenkörper kommt, ist bis heute der deutlich größere Teil meiner Akzeptanzprobleme meinem Körper gegenüber. Dies ist ein besonders schwieriges Thema, da ich erst mit über 30 diagnostiziert wurde und bis dahin, sämtliche Gefühle mit Nahrungsaufnahme kompensiert habe.

Bei Störungen der Exekutivfunktionen ist Körperpflege und Aussehen ein Projekt, wenn es nicht gerade ein Hyperfokus ist. In der Pupertät wurde ungekämmt und verratzt aussehen zum Style, denn sonst wäre ich einfach nur ungepflegt gewesen. Haarewaschen und Haarefärben machten subjektiv gleich viel Aufwand, also färbte ich mir die Haare regelmäßig. Die Identifikation mit meinem von der Gesellschaft zugewiesenen Geschlecht war nachrangig gegenüber der Identifikation mit gewissen Subkulturen.

In meinen Gedanken gab es immer einen Bruch zwischen meinem Gender und dem normgesellschaftlichen Konstrukt vom Weiblichen. Ich passte nicht so ganz in dieses Schema. Ich hätte es nicht geschafft mich z. B. jeden morgen zu schminken. Also wollte ich nicht ’so ein Mädchen‘ sein. Phasenweise wollte ich wegen Privilegien, die dem männlichen Geschlecht zuteil sind, selber männlich sein.

Wärend des Studiums an einer Technischen Universität war mein Freundeskreis überwiegend männlich*. Relativ dazu empfand ich mich in dieser Zeit als unglaublich weiblich, was sich auch in meiner Kleidung wiederspiegelte. Seit ich mich durch meinen Beruf wieder in einem sehr normierten Teil der Gesellschaft befinde, empfinde ich meine Abweichung vom Weiblichen wieder sehr deutlich.

Dieses Gefühl wird durch Kompensationsverhalten meiner Neurodiversität noch verstärkt: Meine Kleidung muss so viele Ansprüche erfüllen, dass typisch weibliche* Mode oft nicht in Frage kommt.

Mein Geschlecht weicht vom gesellschaftlich konstruierten ab, was teilweise mit meiner Neurodiversität erklärbar ist. Männliches Aussehen ist aus meiner Sicht einfacher zu handhaben. Allerdings reicht das nicht als Erklärung für meine Selbstwahrnehmung. Was diese 25% sind, bleibt zu entdecken.

Robin schreibt:

Trigger-Content: Vergewaltigung, SVV, Depressionen

Ich habe eine diagonistizierte PTBS (post-traumatische Belastungsstörung) sowie chronische Depressionen und definiere mein Geschlecht als nicht-binär, trans und weitestgehend neutrois. Außerdem habe ich viele Schutzmechanismen und „Ticks“ entwickelt, die ich selbst noch nicht so gut einordnen kann.
Bevor ich von „Neurogender“ gehört habe, konnte ich für mich selbst nicht in Worte fassen, warum ich sagen kann das ich mich doch manchmal weiblich fühle und warum. Mit meiner Neurodiversität habe ich es schon gar nicht in Verbindung gebracht.

Mein erstes Mal Sex war nicht freiwillig. Fast alle ersten sexuellen Erfahrungen musste ich mit meinem Vergewaltiger erleben. Mein ganzes darauffolgendes „Liebesleben“ wurde durch dieses Erlebnis geprägt. Immer wieder habe ich mir Partner gesucht, die mich erniedrigen und ausnutzen, bin aber so gut wie nie Beziehungen eingegangen. Dabei habe ich mich immer wieder in Situationen gebracht, die mir extrem unangenehm waren und für die ich mich im nachhinein schäme. In diesen Momenten fühle ich mich immer viel mehr als Frau und kann dieses Erleben eines Geschlechts einfacher in Worten und Gefühlen erfassen. Eine abgeschwächte Form dieses Empfindens kenne ich auch, wenn es um die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung von Frauen* in unserer Gesellschaft geht und ich mich in Schilderungen wiederfinde.
Lange Zeit habe ich mir wegen meines Sexualverhaltens selbst Schmerzen zugefügt. Mein Verhalten wideret mich manchmal so sehr an, dass ich mich vor mir und meinem Körper extrem ekle.

Zusätzlich dazu habe ich eine schwierige Familiengeschichte und darauf aufbauend chronische Depressionen. Mit dem Großteil davon habe ich unfreiwillig keinen Kontakt mehr was mich in der Annahme das ich und besonders auch mein Körper abstoßend und wertlos bin nur bestärkt. Nachdem meine Familie von der Vergewaltigung erfahren hat, wurde mir unterstellt, das ich Lügen erzähle oder mir das nur eingebildet habe. Ich weiß deswegen oft nicht wie ich dazu stehen soll, dass ich ein Problem mit meinem Körper und besonders meiner großen Brust habe. Hat es auch mit meiner Geschlechtsidentität zu tun oder eher damit das ich von Männern sexuell ausgenutzt wurde und nicht nur als Lustobjekt gesehen werden will?

Ich frage mich, ob ich mich überhaupt nicht mehr als Frau empfinden werde wenn ich meine Depressionen überwunden habe oder ob es noch in geschwächter Form erhalten bleibt und wie sich mein Körpergefühl verändern könnte. Ich würde gerne von anderen Menschen lesen denen es ähnlich geht, gerade auch weil mir vieles noch unklar ist und ich nicht weiß wie ich mich ausdrücken kann. Nachdem ich über verschiedene Neurogender gelesen habe würde ich mich am ehesten als Curogender und Traumatagender verstehen, auch wenn mein Empfinden da eher schwammig ist, da ich in jüngster Zeit kaum noch Flashbacks habe.

Falls ich noch einen Beitrag vergessen habe, oder falls jemand noch einen Beitrag hierzu einreichen möchte, bitten wir um Kontakt.

Selbstdiagnosen

Eine Selbstdiagnose ist eine Diagnose, die nicht von einer Fachperson (Ärzt*in, Psychiater*in, Therapeut*in usw.) gestellt wird, sondern von einer Person für sich selbst. Das heißt, dass sich zum Beispiel jemand informiert, was ADHS ist und dann feststellt, dass er*sie ADHS hat.

Selbstdiagnosen werden oft kritisiert und Menschen ohne professionelle Diagnose wird oft gesagt, dass sie sich nicht als Autist*in, Borderliner*in usw. bezeichnen dürfen.

In diesen Beitrag möchte ich darstellen, warum Selbstdiagnosen oft nötig sind und ernstgenommen und respektiert werden sollten.

CN: Erwähnung vom Tod am Ende des Artikels.

Warum sind Selbstdiagnosen nötig?

Für viele Menschen ist der Zugang zu korrekten professionellen Diagnosen durch zahlreiche Probleme erschwert:

  • Legaler Status: Nicht alle Menschen haben (kostenlosen) Zugang zu medizinischer, psychiatrischer oder therapeutischer Behandlung. Beispielsweise für Geflüchtete oder Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis besteht praktisch keine Möglichkeit, eine Behandlung oder Diagnose zu erhalten.

  • Sozialer und finanzieller Status: Viele Menschen können sich aus zeitlichen Gründen keine Behandlung oder Diagnostik leisten. Menschen ohne Krankenversicherung oder Leistungsanspruch, wie beispielsweise prekär Selbständige, haben ebenfalls keinen Zugang zu diesen Leistungen. Selbst wenn ein Leistungsanspruch besteht, wirken hohe Anreisekosten oft als zusätzliche Barriere.

  • Barrieren: Für viele Menschen ist es aus unterschiedlichsten Gründen sehr schwierig, Ärzt*innen oder Therapeut*innen zu erreichen. Körperliche Behinderungen, Ängste, exekutive Dysfunktion und vieles weitere können den Zugang zu Terminen und Behandlungsräumen erschweren oder unmöglich machen.

  • Diskriminierung und Ableismus (Behinderten-Feindlichkeit): In vielen Fällen ist es effektiv schädlich, eine Behandlung oder Diagnose zu verfolgen. Das psychiatrische System glänzt in vielen Fällen durch Nichtbehandlung, Fehlbehandlung und schädliche „Therapien“. Aber auch außerhalb ist Diskriminierung aufgrund von Neurodivergenzen oft völlig legal: Zum Beispiel erfordern manche Berufe medizinische Tauglichkeits-Zeugnisse, die nach einer therapeutischen oder psychiatrischen Behandlung nicht mehr zu erhalten sind. Auch auf private Versicherungen, zum Beispiel Berufsunfähigkeits-Versicherungen, können Diagnosen sich negativ auswirken.

  • Stigma: Psychiatrische und therapeutische Hilfe ist in unserer Gesellschaft immer noch stark stigmatisiert. Viele Menschen scheuen sich daher jahrelang, überhaupt entsprechende Hilfe zu suchen. Besonders Menschen, die für ihre (undiagnostizierten) Neurodivergenzen Gewalt erlebt haben, tun sich schwer damit.

  • Stereotype und Vorurteile: Viele Therapeut*innen und Psychiater*innen haben verinnerlichte Vorurteile darüber, wie bestimmte Neurodivergenzen aussehen und wer sie haben kann. Zum Beispiel wird oft behauptet, Autismus würde hauptsächlich oder ausschließlich Männer betreffen, ADHS gäbe es nur bei Kindern, Borderline nur bei Frauen und so weiter. Bestimmte Eigenschaften werden auch als Ausschlusskriterium benutzt, zum Beispiel behaupten viele „Profis“, dass Autist*innen generell nicht in der Lage wären, ein zusammenhängendes Gespräch zu führen.

  • Rassismus (sehr ableistischer Artikel), Sexismus und andere *ismen spielen oft eine große Rolle bei Fehldiagnosen oder Nichtdiagnosen.

  • Komorbiditäten: Manche Kombinationen werden als unwahrscheinlich oder unmöglich gesehen. Zum Beispiel bestreiten viele Menschen, dass es möglich ist, sowohl Autismus als auch Borderline zu haben, da sie angeblich genau das Gegenteil voneinander wären (was nicht stimmt). Manche Komorbiditäten maskieren sich auch gegenseitig. Zum Beispiel kann es sein, dass soziale Probleme weniger auffallen, wenn die entsprechende Person durch ADHS sehr hyperaktiv ist. Auch körperliche Behinderungen können Symptome maskieren.

  • Erlernte Fähigkeiten zur Kompensation und Anpassung: Besonders diejenigen von uns, die schon lange mit ihrer Neurodivergenz leben, entwickeln mit der Zeit Fähigkeiten, um mit dem Alltag und schwierigen Situationen umzugehen. Diese Methoden können Symptome teilweise maskieren. Es kann auch sein, dass es uns gelingt, mit bestimmten Situationen umzugehen (z.B. Schule oder Studium) und wir erst im Berufsleben oder im Familienalltag auf unüberwindbare Schwierigkeiten stoßen.

  • Blockaden: Lange Anreisewege zu spezialisierten Diagnosestellen, lange Wartezeiten, langwierige Diagnoseverfahren, Behandlungssperren und viele weitere Blockaden werden vom Gesundheitssystem willentlich in Kauf genommen. Diese Hindernisse treffen Leute mit Behinderungen, wenig Geld, wenig Zeit und anderen Schwierigkeiten natürlich besonders schwer.

Durch diese Auflistung wird klar, dass Menschen, die keine Diagnose oder keine korrekte Diagnose ihrer Neurodivergenz besitzen, sich oft in einer sehr schwachen und verwundbaren Situation befinden und besonders auf Unterstützung durch die neurodivergente Gemeinschaft angewiesen sind.

Menschen, die sich selbst diagnostizieren, sind oft nicht so privilegiert oder so wenig behindert, dass sie die Diagnose eigentlich nicht benötigen. Es sind oft die Menschen, die durchs System gefallen sind und die weder die richtige psychiatrische, medizinische oder therapeutische Unterstützung bekommen, noch vom sozialen System ausreichend aufgefangen werden.

Selbstdiagnosen sind oft das Resultat zahlloser Stunden verzweifelter Recherche, weil wir nicht wissen, was mit uns los ist, was wir tun können, um Hilfe zu bekommen oder welche Form von Hilfe wir überhaupt brauchen.

Daher sind die Stimmen von Menschen ohne professionelle oder formale Diagnose besonders wichtig. Es geht nicht darum, wie respektabel sie die Gemeinschaft nach außen präsentieren können, sondern darum, auch die Stimmen besonders marginalisierter und verwundbarer Menschen innerhalb unserer Gemeinschaft hörbar zu machen – und zwar in ihrer Gesamtheit, nicht nur in Bezug auf ein bestimmtes Thema.

Warum sollten wir Selbstdiagnosen akzeptieren und unterstützen?

Korrekte Diagnosen können uns helfen, richtige psychiatrische oder therapeutische Behandlung, einen Schwerbehindertenausweis, Arbeitsunfähigkeit und weitere Hilfeleistungen zu erhalten. Sie sind hauptsächlich ein Werkzeug für den Staat, um unsere Bedürfnisse abzuschätzen und für das medizinische, psychiatrische und therapeutische System, um herauszufinden, wie sie uns am besten helfen können.

Es ist auch verständlich, dass Diagnosen genutzt werden, um Gemeinschaften zu bilden mit Menschen, die viele Probleme und Eigenarten gemeinsam haben. Aber es ist ein Unding, dass dieses Werkzeug genutzt wird, um in unseren Gemeinschaften effektiv Ausschlüsse zu produzieren. Für gegenseitiges Empowerment, Austausch, Selbsthilfe und Aktivismus darf der Diagnosestatus keine Rolle spielen. Auch einige größere Organisationen zur Selbstfürsprache wie beispielsweise ASAN akzeptieren Selbstdiagnosen genauso wie formale Diagnosen.

Selbstdiagnosen sind ein Akt der Selbstbestimmung. Selbstbestimmung kommt im psychiatrischen, therapeutischen und medizinischen System oft zu kurz. Wir werden ignoriert, übergangen, uns wird gesagt, was uns helfen soll, auch wenn es nicht hilft und uns wird nicht geglaubt, wenn wir wissen, was wir brauchen.

Uns wird oft die Kompetenz abgesprochen, zu wissen, inwiefern wir selbst beeinträchtigt sind, welche Schwierigkeiten wir haben, welche Hilfe wir brauchen, welche Symptome und Beschreibungen auf uns zutreffen und welche nicht. Uns wird gesagt, dass „Profis“ mit einem entsprechenden Studium viel besser einschätzen können, was in unserem Kopf passiert, als wir selbst.

Viele von uns haben eine lange Liste von Fehldiagnosen. Gerade bei psychiatrischen Diagnosen ist es oft unerlässlich, als Patient*in kritisch zu prüfen, welche der gestellten Diagnosen wirklich zutreffen. Andersherum ist es auch möglich, herausfinden, dass Dinge zutreffen, die eben nicht diagnostiziert wurden.

Eine Diagnose ist kein zweifelsfreier Beweis und Diagnosen sind durchaus auch ein Politikum und ein Machtinstrument.

Selbstdiagnosen sind nicht zwangsweise weniger gründlich oder korrekt als formale Diagnosen. Die Diagnosekriterien, die beispielsweise im DSM 5 oder im ICD 10 aufgelistet sind, sind nicht ausschließlich für Ärzt*innen lesbar. Die komplizierte Sprache in diesen Dokumenten stellt zwar für viele Menschen eine Barriere dar, aber diese ist nicht zwangsweise unüberwindbar. Weiterhin sind in diesen Dokumenten sowohl Beispiele als auch Diagnoserichtlinien und Differentialdiagnosen aufgelistet (das heißt, andere Diagnosen, die ähnliche Symptome haben).

Mit ausreichender Recherche sind Selbstdiagnosen daher oft sogar hilfreicher für uns als Fremddiagnosen.

Es muss auch die Frage gestellt werden: Wem wird geschadet, wenn sich jemand eine falsche Selbstdiagnose stellt?

Ist die Person weniger eingeschränkt, weil sie die „falsche“ Bezeichnung für sich benutzt? Nein.

Hat die Person deswegen weniger Unterstützung verdient? Nein.

Hat die Person deswegen weniger das Recht, sich zu äußern und für sich selbst einzutreten? Nein.

Es wird immer Menschen geben, die sich falsch einsortieren – sei es beispielsweise durch Münchhausen-Syndrom, durch ärztliche Fehldiagnose oder durch falsche Selbstdiagnose. Dies darf jedoch kein Grund dafür sein, sämtliche Selbstdiagnostizierten auf den Prüfstand zu stellen, bis ihre Selbstdiagnose formal bestätigt wurde.

Es ist auch ein Irrglaube, dass behindertenfeindliche Organisationen und Menschen uns nur ernst nehmen würden, wenn wir alle genau die richtige Diagnose mit Brief und Siegel haben – sie nehmen uns so oder so nicht ernst. Jedes Argument ist diesen Leuten gleich lieb: Sie werden eine Selbstdiagnose benutzen, um zu behaupten, dass wir nicht glaubwürdig wären und eine formale Diagnose, um zu behaupten, dass wir nicht zurechnungsfähig wären.

Das Problem sind nicht Leute, die sich selbst diagnostizieren, Hilfe und Austausch suchen, an unserer Gemeinschaft teilnehmen und für unsere Rechte und Bedürfnisse eintreten. Das Problem sind Leute, die darauf beharren, ihre Erfahrung wäre die einzig richtige und keine anderen Beschreibungen akzeptieren. Das Problem ist das hasserfüllte Verhalten, die Machtkämpfe, das Mobbing, die Beschimpfungen und das Unterdrücken unbeliebter Stimmen und es ist völlig egal, ob dieses Verhalten von Leuten mit professioneller Diagnose oder mit Selbstdiagnose kommt.

Um gemeinsam kämpfen zu können, ist es nicht wichtig, dass jede Person die absolut richtige (Selbst-)Diagnose und Selbstbezeichnung besitzt. Die Einschränkungen und Behinderungen sind vorhanden, egal, ob sie korrekt benannt werden oder nicht.

Gemeinsam sind wir stärker. Und damit wir wirklich gemeinsam für unsere Rechte kämpfen können, ist es wichtig, dass wir nicht in Kleinkriege verfallen.

Wir müssen akzeptieren, dass viele von uns Komorbiditäten haben und dass wir auch bei identischen Diagnosen nicht alles komplett gleich erleben. Wir müssen die Leute mitnehmen, die keine großen eigenen Gemeinschaften haben, weil ihre Behinderungen es ihnen noch schwerer machen als uns. Wir müssen die Leute mitnehmen, die vom System sogar davon abgehalten werden, Zugang zu (korrekten) Diagnosen und dadurch zu Unterstützung zu bekommen.

Wir müssen dafür kämpfen, dass Diagnosen einfacher und schneller und richtiger zu erhalten sind und dass das psychiatrische und medizinische System unsere Rechte, unsere Bedürfnisse und unsere Selbstkenntnis respektiert.

Jede einzelne Person, die mit uns kämpfen will, macht uns stärker. Und wir müssen jede einzelne Person unterstützen, die nicht kämpfen kann. Weil wir besser sein müssen als dieses System. Weil es außer uns niemanden gibt, der es tut.

Weil die Leute, die wir in unserer Gemeinschaft nicht auffangen und beschützen können, im schlimmsten Fall sterben.

Beiträge gesucht: Neurodivergenz und Sexualität

Bist du neurodivergent (zum Beispiel Autist*in, ADHSler*in, Borderliner*in, depressiv, schizophren, hast eine PTBS, Zwangsstörung oder Anderes) und deine Neurodivergenz beeinflusst deine Sexualität?

Dann wünschen wir uns einen Beitrag von dir!

(Wir akzeptieren und unterstützen Selbstdiagnosen. Es ist auch okay, wenn du nicht weißt, wie deine Neurodivergenz heißt, sondern nur weißt, dass dein Kopf nicht so funktioniert wie der von den meisten Menschen.)

Wir hätten gerne einen Text darüber, wie deine Neurodivergenz deine sexuelle Orientierung, dein (Nicht-)Begehren, deine Vorlieben, deine Erfahrung von oder dein (Nicht-)Ausleben von Sexualität beeinflusst.

Ganz besonders würden wir uns natürlich über Beiträge von Schwarzen Leuten, People of Colour und behinderten Menschen freuen. Wenn es für dich schwierig ist, den Text zu schreiben, unterstützen wir dich gern.

Wenn du einen Text schreiben möchtest, kannst du uns zum Beispiel über unsere E-Mail-Adresse neuroqueer.blog@gmail.com kontaktieren. Wir sind auch auf Twitter mit dem Account @neuroqueer_blog. Bitte schreibt keine Texte als Kommentar auf diesen Post.

Wir bitten dich, die Textlänge auf ca. 600 Wörter zu begrenzen. Da es um Sexualität geht, darfst du gerne auch explizite Wörter benutzen und genau sagen, wovon du redest. Natürlich ist es auch okay, über ggf. vorhandene Traumatisierungen zu sprechen. Um Triggerwarnungen bzw. Content Notes werden wir uns kümmern.

Falls du einen Text einreichst, sag uns bitte, welchen Namen wir in der Veröffentlichung für dich benutzen sollen.

Bitte schick uns deinen Text bis zum 1. März 2016.

(Hinweis: Zum Thema Romantik und Beziehungen werden wir voraussichtlich zu einem späteren Zeitpunkt einen Aufruf starten.)

Selbstorganisation: realistische Tips

Es gibt unheimlich viele Texte, die beschreiben, wie Menschen sich dazu motivieren sollen, Dinge zu tun. Ich weiß nicht, für wen diese Tips geschrieben wurden, aber mit Sicherheit nicht für Leute wie mich.

In diesem Post will ich ein paar Tips für Leute wie mich zusammenstellen, die große Probleme mit Selbstorganisation haben oder damit, Dinge rechtzeitig oder überhaupt zu erledigen (siehe den Post exekutive Dysfunktion). Ich werde auch auf den Umgang mit Ängsten eingehen. Ich werde allgemeine Tips für die Benutzung von Organisations-Werkzeugen (Planer, Kalender, Listen…) zusammenstellen und am Ende verschiedene dieser Werkzeuge vorstellen und verlinken.

Ich kann nicht garantieren, dass diese Tips euch helfen, aber ich hoffe, dass sie zumindest für manche von euch nützlich sind!

1. Wie fange ich überhaupt an?

Wenn du überhaupt keine Organisation hast und (so wie ich) gar nichts auf die Reihe kriegst, kann es gut sein, von „unten her“ aufzubauen. Das heißt, zuerst die einfachen Dinge in den Griff zu kriegen, die dir keine Probleme bereiten werden.

Dabei geht es darum, den Tagesablauf und die regelmäßig anfallenden Aufgaben zu strukturieren, damit dir nicht unbedingt nachts um halb 2 nach dem Zähneputzen einfällt, dass du noch das Katzenklo putzen musst.

Hierbei ist es wichtig, ohne Druck zu arbeiten. Es darf kein Leistungsdruck entstehen. Du brauchst schaffbare Aufgaben und ein System, das auch Fehler verzeiht. Das Organisationssystem für die grundlegenden Dinge darf nichts enthalten, was dir Angst macht oder dich überfordert. Hier soll ein Hilfsmittel eingesetzt werden mit dem Ziel, den Energieaufwand für die Dinge zu verringern, die du sicher tun kannst. So bleibt am Ende mehr Energie für andere Dinge übrig und an schlechten Tagen schaffst du möglicherweise auch mit wenig vorhandener Energie dein Minimum.

Du könntest dir zum Beispiel eine Liste anlegen mit den täglich anfallenden Aufgaben, etwa: Zähneputzen, Frühstücken, Duschen, und so weiter. Wenn du diese Liste täglich benutzt, kannst du so den Kopf frei behalten für andere Dinge.

2. Angstbesetzte und große oder unangenehme Aufgaben

Dinge, die dir Angst machen, solltest du nicht auf derselben Liste notieren wie die grundlegenden Aufgaben. Wenn du zum Beispiel ein Notizbuch führst, sollten sie auf einer ganz anderen Seite stehen.

Es ist wichtig, dass dich die Angst vor wichtigen oder anstrengenden Aufgaben nicht davon abhält, die kleinen Dinge zu organisieren!

Bei großen, komplexen Aufgaben kann es helfen, sie in ihre Einzelschritte zu zerlegen und immer nur einen Schritt auf einmal zu machen. Wenn ich zum Beispiel die ganze Küche putzen muss, erschlägt mich diese riesengroße Aufgabe. Statt dessen schreibe ich mir jeden einzelnen Schritt auf: Den Kühlschrank ausmisten, das schmutzige Geschirr einsammeln, abwaschen und so weiter.

Bei Dingen, vor denen du Angst hast, kann es helfen, sich langsam heranzutasten.

Wenn ich zum Beispiel telefonisch einen Arzttermin ausmachen muss, verteile ich das auf mehrere Tage: Am ersten Tag suche ich mir eine Arztpraxis aus. Dann weiß ich schon ungefähr, was ich vorhabe, und wenn ich mir am zweiten Tag die Website anschaue, ist das nicht mehr so unheimlich. Am dritten Tag prüfe ich die Öffnungszeiten. Am vierten Tag rufe ich an.

Manchmal muss ich zwischen den einzelnen Schritten mehrere Tage Pause machen, um mich zu erholen. Das ist okay. Ich brauche eben unter Umständen ein paar Wochen, um einen Arzttermin auszumachen. Aber Schritt für Schritt wird die Aufgabe weniger bedrohlich.

3. Wenn gar nichts klappt und alles zu viel ist

Ich weiß, dass die meisten „Motivations-Tips“ sagen, dass du dich einfach zusammenreißen und das Zeug trotzdem machen sollst.

Das funktioniert vielleicht für manche Menschen, aber wenn du hier sehnsüchtig auf einen guten Tip hoffst, funktioniert es für dich offensichtlich genausowenig wie für mich.

Also hier der radikale Gegenvorschlag:

Mach weniger.

Und das meine ich ernst.

Du müsstest heute noch Geschirr spülen, einkaufen gehen, deine Hausarbeit schreiben und eine E-Mail beantworten, aber du hast keine Energie und das ist alles zu viel?

Okay.

Such dir eins von den Dingen aus. Das allerwichtigste. Und mach nur das. Danach hast du dir die Ruhe verdient, die du offensichtlich brauchst.

Und wenn das auch nicht klappt, dann lass es. Einfach so. Mach gar nichts.

Entscheide dich so früh wie möglich, deine restlichen Aufgaben für den Tag abzublasen. Denn jede Stunde, die du dich mit dem Gedanken quälst, was du heute alles nicht schaffen kannst, könnte eine Stunde sein, in der du dich statt dessen schonen und erholen könntest. Du hast diese Ruhe verdient.

4. Wie gewöhne ich mich daran, Organisations-Werkzeuge zu benutzen?

Wenn du so unorganisiert bist wie ich, wird es lange dauern und viele Anläufe brauchen, bis du dich an ein System gewöhnt hast.

Die Regel hier ist: Nicht verzagen!

Wenn du einen Eintrag in deinen Kalender machst und den Kalender für zwei Wochen vergisst, dann ist das nicht schlimm. Sobald du wieder daran denkst, mach einfach weiter.

Wenn du am Anfang sehr oft und lange den Kalender vergisst, dauert es vielleicht mehrere Monate, bis der Gedanke daran von alleine kommt. Aber es wird immer häufiger passieren.

Es kann helfen, die Dinge so zu platzieren, dass du sie nicht übersehen kannst.

5. Belohnungen

Überall heißt es immer: Belohne dich, wenn du etwas geschafft hast.

Ich unterschreibe das!

Belohne geschaffte Aufgaben mit Katzenstickern, bunten Zeichnungen in deinem Notizbuch, oder benutze eine App, die dich ganz automatisch für erledigte Aufgaben belohnt.

Aber nimm es nicht zum Anlass, dir Dinge, die dir guttun und Freude bereiten, so lange vorzuenthalten, bis du etwas geschafft hast. Selbstorganisation soll ein Hilfsmittel sein und darf kein Werkzeug werden, um dich zu bestrafen. Du hast Freude und Genuss verdient, auch, wenn du nur sehr wenig schaffst.

Ich möchte dir sogar empfehlen, dir an Tagen, an denen du gar nichts schaffst, ganz bewusst etwas besonders Schönes zu gönnen.

6. Eine kleine Auswahl an Organisationshilfen

6.1. Kalender oder Terminplaner(Papier)

Wir kennen sie alle! Der Vorteil ist, dass sich Termine auch im Voraus einfach eintragen und planen lassen. Der Nachteil ist, dass oft wenig Platz ist für zusätzliche Notizen ist.

6.2. Notizbuch oder Bulletjournal

Wie ein Bulletjournal funktioniert, ist zum Beispiel in diesem Post beschrieben.

Es lassen sich auch beliebige Abwandlungen und Vereinfachungen davon erstellen, die ganz genau den eigenen Bedürfnissen entsprechen.

Ein Notizbuch ist natürlich freier gestaltet als ein Bulletjournal.

6.3. Kanban

Kanban (Wikipedia-Link) ist ein System, in dem Aufgaben in verschiedene Spalten einsortiert werden, zum Beispiel: Zu erledigen, In Arbeit, Warten und Fertig.

Eine Website für Kanban ist zum Beispiel kanbanflow.

6.4. Todo-Listen, Post-Its und Notizzettel

Diese sollten ggf. an strategisch günstigen Stellen in der Wohnung angebracht werden. Grelle Farben und farbliche Markierung können bei der Benutzung helfen.

6.5. Kalender und Erinnerungen auf dem Handy oder PC

Diese haben den Vorteil, dass sie, im Gegensatz zu einem Kalender aus Papier, trotzdem auftauchen, wenn du sie vergessen hast.

6.6. Stoppuhren, Timer

Wenn du das Problem hast, dass du einfach die Zeit vergisst, dich in nutzlosen Aktivitäten verfängst und vor dich hin trödelst, ohne es zu merken, kann es helfen, Stoppuhren und Timer zu benutzen, die dich immer wieder daran erinnern, wie viel Zeit vergangen ist.

Es kann zum Beispiel helfen, die Zeit zu stoppen, wann du zum letzten Mal auf Twitter warst, damit du nicht alle 10 Minuten darauf schaust, sondern nur einmal pro Stunde. Es kann auch helfen, einen Timer zu stellen, damit du daran denkst, regelmäßig zu trinken und vieles mehr.

Eine Webseite, die einen Timer anbietet, ist zum Beispiel tomato-timer.

6.7. Gamification

Habitica ist eine Website und Handy-App, die Todo-Listen, tägliche Aufgaben und vieles mehr beinhaltet. Es ist gleichzeitig ein Spiel. Für erledigte Aufgaben kannst du Münzen sammeln oder Haustiere bekommen.

7. Beispiele (Fotos!)

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Texte gesucht: Neurodivergenz und Geschlecht

Wir suchen Texte, wie bei Euch Eure Neurodivergenz (alle Arten, auch mehrfach) und Euer Geschlecht (sei es cis Mann, cis Frau, trans, nichtbinär, agender, fluid, etc.) „zusammenspielen“. Im ersten Teil suche ich vor allem, inwieweit sich Eure Neurodivergenz auswirkt darauf, welches Geschlecht (falls überhaupt eines) Ihr seid, wie Ihr Euer Geschlecht denkt und fühlt und erlebt (falls überhaupt), und wie Ihr es ausdrücken oder nicht ausdrücken könnt (Äußerlichkeiten, evtl. auch medizinische Transition) und wie dieser Ausdruck sich auf Euer Leben (ggf. sozial, auch Gefühle, Denken etc.) wieder auswirkt.

Im zweiten Teil würde ich gerne den Fokus darauf richten, wie Euer (Nicht-)Geschlecht sich auf Eure Neurodivergenzen auswirkt. Wie Ihr im Zusammenhang mit Eurem Geschlecht die Neurodivergenzen erlebt. Wie dadurch (und evtl. auch durch andere Identitäten!) Diagnose(n) und Unterstützung zugänglich war oder nicht, usw.

Hier ist der Aufruf für Texte zum ersten Teil: Wir bitten um Texte, bis zu ca. 500 Wörter lang. (Nicht-)Geschlecht als Neurodivergente.

Einsendungen von Menschen mit anderweitig marginalisierten Identitäten (rassifiziert, nicht Mittelklasse, zusätzlichen körperlichen Behinderungen, Intersex, etc.) sind besonders willkommen. Genauso auch Einsendungen von Leuten mit mehrfachen Neurodivergenzen und/oder solchen, die besonders marginalisiert sind (z.B. Schizospektrum, Persönlichkeitsstörungen).

Für Rückfragen, und um Beiträge einzusenden, nutzt unseren Kontakt. Ihr könnt auch mich selbst kontaktieren.

Bitte sendet Beiträge bis Ende Januar ein. Wenn Euch das zu bald sein sollte oder alleine zu schreiben nicht gut geht, könnt Ihr aber gerne Euch melden. Wir finden bestimmt eine Lösung.

EDIT: Aus Gründen™ können Beiträge mindestens noch bis Ende der ersten Februar-Woche, also 7. Februar, eingereicht werden. Wenn Ihr also etwas schreiben wollt und es zum Ende Januar nicht schafft, aber bis 7. Februar, braucht Ihr nicht gesondert Kontakt aufnehmen.