Texte gesucht: Neurodivergenz und Geschlecht

Wir suchen Texte, wie bei Euch Eure Neurodivergenz (alle Arten, auch mehrfach) und Euer Geschlecht (sei es cis Mann, cis Frau, trans, nichtbinär, agender, fluid, etc.) „zusammenspielen“. Im ersten Teil suche ich vor allem, inwieweit sich Eure Neurodivergenz auswirkt darauf, welches Geschlecht (falls überhaupt eines) Ihr seid, wie Ihr Euer Geschlecht denkt und fühlt und erlebt (falls überhaupt), und wie Ihr es ausdrücken oder nicht ausdrücken könnt (Äußerlichkeiten, evtl. auch medizinische Transition) und wie dieser Ausdruck sich auf Euer Leben (ggf. sozial, auch Gefühle, Denken etc.) wieder auswirkt.

Im zweiten Teil würde ich gerne den Fokus darauf richten, wie Euer (Nicht-)Geschlecht sich auf Eure Neurodivergenzen auswirkt. Wie Ihr im Zusammenhang mit Eurem Geschlecht die Neurodivergenzen erlebt. Wie dadurch (und evtl. auch durch andere Identitäten!) Diagnose(n) und Unterstützung zugänglich war oder nicht, usw.

Hier ist der Aufruf für Texte zum ersten Teil: Wir bitten um Texte, bis zu ca. 500 Wörter lang. (Nicht-)Geschlecht als Neurodivergente.

Einsendungen von Menschen mit anderweitig marginalisierten Identitäten (rassifiziert, nicht Mittelklasse, zusätzlichen körperlichen Behinderungen, Intersex, etc.) sind besonders willkommen. Genauso auch Einsendungen von Leuten mit mehrfachen Neurodivergenzen und/oder solchen, die besonders marginalisiert sind (z.B. Schizospektrum, Persönlichkeitsstörungen).

Für Rückfragen, und um Beiträge einzusenden, nutzt unseren Kontakt. Ihr könnt auch mich selbst kontaktieren.

Bitte sendet Beiträge bis Ende Januar ein. Wenn Euch das zu bald sein sollte oder alleine zu schreiben nicht gut geht, könnt Ihr aber gerne Euch melden. Wir finden bestimmt eine Lösung.

EDIT: Aus Gründen™ können Beiträge mindestens noch bis Ende der ersten Februar-Woche, also 7. Februar, eingereicht werden. Wenn Ihr also etwas schreiben wollt und es zum Ende Januar nicht schafft, aber bis 7. Februar, braucht Ihr nicht gesondert Kontakt aufnehmen.

Werbeanzeigen

Kompensation und Überkompensation

[Vielen Dank an @modern_dragon für diesen Gastbeitrag! – pe]

Kompensation und Überkompensation

Viele Menschen sind überrascht, wenn ich mich als AD(H)S-Betroffene zu erkennen gebe. Denn das Bild, das sie von AD(H)S haben, ist nur ein winziger Ausschnitt und nur eine der vielen Arten, wie sich diese spezielle Neurodivergenz manifestieren kann. Wenn in den Medien von AD(H)S die Rede ist, dann wird meistens das Stereotyp vom unkonzentrierten, hyperaktiven Grundschulkind, das mit seiner Unruhe seine Umwelt in den Wahnsinn treibt, zitiert; meistens wird nur an Jungen gedacht. Dass Konzentrationsschwierigkeiten und Hyperaktivität nur zwei von sehr vielen möglichen Symptomen sind und AD(H)S auch im Erwachsenenalter fortbesteht, wird ignoriert.

Ein zweiter Grund, warum ich üblicherweise nicht auffalle, ist meine Fähigkeit zur Kompensation. Um dieses Phänomen soll es in diesem Text hier gehen.

Was ich im folgenden schreibe, gilt wahrscheinlich auch für andere Neurodivergenzen, die mit emotionaler Dysregulation, Reizsensitivität und/oder exekutiver Dysfunktion einhergehen.

Was ist Kompensation eigentlich?

Die Wörterbuchdefinition (Der Kleine Wahrig. Wörterbuch der deutschen Sprache, München : dtv 1978) lautet: „kompensieren (med.): anatomische oder funktionelle Störungen eines Organes oder Organteiles durch gesteigerte Tätigkeit eines anderen Organs oder Organteiles ausgleichen.“

Kompensieren heißt also: Die Nachteile und Schwierigkeiten, die meine Neurodivergenz mit sich bringt, durch bestimmte Verhaltensweisen oder durch den Einsatz von mehr Energie und/oder Willenskraft ausgleichen.

Warum Kompensation nicht (immer nur) toll ist

Eins könnte ja jetzt denken: „Du kannst Deine Störung kompensieren (resp. dich manchmal, zeitweise oder fast immer so verhalten wie eine neurotypische Person)? Ist doch prima! Problem gelöst!“ Nicht ganz.

Kompensation kostet nämlich Kraft. Eins verbiegt sich, tut sich Gewalt an, treibt sich unglaublich hart an, um den Ansprüchen der Gesellschaft zu entsprechen. Kompensation heißt zumindest, dass mich Dinge (z.B. geistiges Arbeiten in unruhiger Umgebung) mehr Kraft kosten als neurotypische Menschen. Kompensation heißt, dass ich deswegen deutlich weniger Energiereserven habe und wesentlich schneller an die „ich kann nicht mehr”-Schwelle komme bzw. im Notfallmodus funktioniere. Kompensation heißt, dass mich dasselbe Arbeitspensum mehr erschöpfen kann als eine neurotypische Person (wenn Inhalt und Umstände der Arbeit mir nicht sehr entgegenkommen) und dass ich in der Folge auf die Dauer nicht so viel arbeiten kann.

Kompensationsstrategien können destruktiv sein. Dass ich in Bürojobs bis zu fünf Tassen starken Kaffee pro Tag trank, hatte nicht nur mit sozialem Jetlag zu tun, sondern war auch eine Art dysfunktionaler Selbstmedikation. Übermäßige Härte gegen sich selbst, Selbstabwertung und ständiges Sich-Antreiben führt zu Ruhelosigkeit, chronischer innerer Anspannung, kaputtem Selbstwertgefühl, dazu, sich nie eine Pause zu erlauben und in der Konsequenz Erschöpfung. Wenn mein Selbstwertgefühl daran hängt, wie viele unlustbesetzte Dinge ich bewältigen kann (weil das Beweisen, dass ich nicht faul, d*mm, undiszipliniert oder total verpeilt bin, ein wichtiger Teil meines Selbstbildes wurde), dann stelle ich Dinge, die mir Spaß machen und zur Regeneration beitragen, so oft hintenan, dass ich am Ende nie dazu komme.

Ein weiteres Beispiel ist das, was ich Notfallmodus nenne: Unter großem Druck kann ich nämlich kurzfristig (!) viel Energie mobilisieren und dadurch fokussiert und geistesgegenwärtig handeln. Im Grunde treibt mich die Notfallsituation in einen hyperfokussierten Zustand. Nur bleibt ein Notfall ein Notfall, und der damit verbundene Streß ist nichts, was ich immer haben muss. Bevor ich meine Diagnose bekam, wünschte ich mir oft, ich könnte diesen glasklaren Fokus und diese Effektivität, mit der ich unter großem Druck oft handeln kann, auch ohne den Druck haben. Mich einfach immer unter Stress zu setzen, wäre ein weiteres Beispiel einer destruktiven Kompensationsstrategie.

Ich weiß nicht, ob ich Hyperfokus als Kompensationsmechanismus zählen soll, da er sich meistens nicht absichtlich auslösen läßt. Hyperfokus hat seine Nebenwirkungen: Ich bin dann extrem auf Details fokussiert und vergesse das Große Ganze; Ich habe noch weniger Zeitwahrnehmung als normal; es fällt mir extrem schwer, auf eine andere Aufgabe umzustellen; ich merke oft körperliche Bedürfnisse nicht oder schiebe sie auf. Wenn ich aus dem Hyperfokus herauskomme, bin ich oft erschöpft und muß mich erstmal um meine körperlichen Bedürfnisse kümmern. In tiefem Hyperfokus arbeite ich sehr intensiv und habe danach oft keine große Konzentrationsfähigkeit oder exekutive Funktion mehr übrig.

Kompensationsstrategien funktionieren nicht immer. Manchmal versagt meine Kompensationsfähigkeit – unter Umständen unvorhergesehen. Dann hilft zum Beispiel kein gestellter Alarm, um mich pünktlich zu machen, ich vergesse meine Checklist, ich überhöre den Reminder, ich verliere mich in meinem Produktivitätssystem, oder ich kann mich partout nicht aufraffen, jetzt mit etwas anzufangen, das erledigt werden muß (auf das ich aber keine Lust habe).

Kompensationsstrategien kosten Zeit und Energie. Manche Dinge, die mir helfen, zu kompensieren, brauchen Zeit. Gerade die unschädlichen Strategien (etwa: Sport, Meditieren, gesundes Essen, … ) kosten auch etwas Energie, und wenn meine Energiereserven schon völlig aufgebraucht sind, ist das ein Problem.

Wenn das Fass voll ist

Wenn meine Kapazität, zu kompensieren, ihre Grenze überschritten hat, können unangenehme Dinge passieren:

  • Erschöpfung und depressive Zustände
  • Wutanfälle oder andere Gefühlsausbrüche
  • Panikanfälle
  • Blackouts, d.h. ich kann auf Erlerntes, sonst vorhandene Fähigkeiten, rationales Denken, Erinnerungen nicht zugreifen
  • ich mache Fehler (u.U. bei Dingen, die ich sonst problemlos hinbekomme); Dinge gehen dann erst recht schief, unter Umständen spektakulär.

Überkompensation

Manchmal sind oder erscheinen kompensierende AD(H)Sler_innen organisierter, leistungsfähiger und disziplinierter als durchschnittliche neurotypische Menschen. Wenn wir hyperfokussieren, kann es heißen: „Aber du kannst dich doch konzentrieren, wenn dich was interessiert!“ (was gern unzutreffenderweise gleichgesetzt wird mit „… wenn du nur willst!“). Dass Hyperfokus nur begrenzt oder gar nicht willentlich steuerbar ist und viele von uns kaum oder gar keine Zwischenstufen zwischen „vollkommen offen für alles, was gerade unsere Aufmerksamkeit erregt“ und Hyperfokus haben, wird dann übersehen. Das bedeutet nicht, dass wir weniger aufmerksamkeitsgestört sind. Es kann heißen, dass wir gerade gut funktionieren, weil die Umstände günstig sind, weil uns etwas interessiert oder weil uns eine bestimmte intellektuelle Anforderung leicht fällt. Und es kann sein, dass wir mit der Anpassung über das Ziel herausschießen und ohnehin alles hundertzehnprozentig machen wollen, oder dass wir so sehr fürchten, die Kontrolle zu verlieren, dass wir ins andere Extrem fallen.

Überkompensation kann sich dann zum Beispiel manifestieren als

  • Perfektionismus
  • zwanghaftes Verhalten
  • sich ständig antreiben und unter Druck setzen
  • nicht zur Ruhe kommen

Kompensationsfaktoren und -strategien

Die folgenden Dinge sorgen dafür, dass mich mein Alltag weniger Kraft kostet und erleichtern mir, wenn nötig, das Kompensieren:

  • neurodivergenz-kompatible Umwelt (für mich heißt das: Ruhe, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeiten, wenig Anforderungen auf einmal, Gefühl von Überblick, Ordnung und Kontrolle) nimmt mir die Anforderung ab, überhaupt zu kompensieren.
  • Wenn etwas neu und spannend ist, kann ich mich gut darauf konzentrieren
  • (genuines, nicht verordnetes) Interesse an einer Sache
  • Selbstorganisationstechniken und bewußtes (aber mir gemäßes) Zeitmanagement
  • Struktur schaffen – Struktur und Überblick helfen mir, sortiert und fokussiert zu bleiben; „mich sortieren“ (z.B. durch das Schreiben von Listen oder Plänen) ist ein konstruktiver Umgang mit mentalem Overload (der allerdings Zeit kostet).
  • Bewußt eingesetzte Zeitstruktur, Zeitkontingentierung
  • Meditation und Entspannungsübungen können mich in einem gewissen Umfang fokussierter und organisierter machen. Sie können allerdings auch meine Reizempfindlichkeit erhöhen.
  • Sport und Musizieren sind Aktivitäten, die mir helfen, mich zu regenerieren bzw. die meine Konzentrationsfähigkeit verbessern. Ausdauersport ist eine gute Gelegenheit, psychische Anspannung abzubauen.
  • In gutem Kontakt mit meinem Körper zu sein und auf körperliche Bedürfnisse (Essen, Trinken, Ruhe, Schlaf, Bewegung) zu achten, ist ein Resilienzfaktor; das hilft mir, fokussierter und „sortierter“ zu sein und mich weniger zu erschöpfen.

Schlusswort

Menschen, die sich ihrer neuro-atypischen Veranlagung nicht bewußt sind, (über)kompensieren oft automatisch und schieben den Verdacht, ihre Schwierigkeiten mit bestimmten Dingen könnten am Nervensystem liegen, weit von sich. Ich habe von wenigen Menschen so abwehrende Reaktionen auf meine Auseinandersetzung mit (meinem) AD(H)S bekommen wie von denen, bei denen ich vermute, sie könnten ebenfalls betroffen sein.

Ich halte Kompensation bis zu einem gewissen Grade für unvermeidlich, wenn eins in einer Welt zurechtkommen will, in der die Norm immer noch „neurotypisch“ heisst. Wenn ich allerdings bewusst mit dem Umfang und der Art meiner Kompensation umgehe, kann ich sie auch konstruktiver gestalten, destruktive Strategien abbauen, an ihrer Stelle weniger schädliche wählen und verinnerlichte Abwertung Schritt für Schritt durch einen freundlicheren Umgang mit mir selbst ersetzen.

Was sind Meltdowns?

Nemo:

Ein Meltdown ist das, was ich immer vorsichtig „Anfall“ nenne. Natürlich gibt es Tage, an denen komme ich so gar nicht klar, an denen ich nur noch heulend im Bett liege. Aber das ist nur der Regen vor dem Sturm. Ich bin Schizophren. Das sagten mir die Ärzte als ich 15 war. Ich leide an einer Psychose, sagten sie zu meinen Eltern.

Alles kann ein Auslöser für meine „Anfälle“ sein, meistens braucht es gar keinen wirklichen Auslöser, das macht mein Kopf dann alles von alleine. Ich könnte sagen, dass er sich ankündigt, aber das schwere Gefühl in der Brust und das Rauschen in meinem Kopf sind schon so unerträglich, dass es ab da eh kein Zurück mehr gibt.

Das Schlimmste ist dann die Flucht, die Flucht vor dem, was um mich herum ist. Ob ich gerade in der Schule bin, auf der Arbeit oder unterwegs mit Freunden, der Anfall kennt keinen Respekt. Wenn ich in einer sozialen Situation fest hänge, beginnt mein Körper damit, hin und her zu schaukeln, leise flüstere ich „Ich will nach Hause“ immer und immer wieder.

Jetzt merke ich sowieso nicht mehr, was um mich herum geschieht. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich diese grausame Phase so lange gezogen, bis ich irgendwo allein war. Wie ich oder mein Körper das aushalten ist mir bis heute nicht klar.

Zwischen 4 Wänden kauere ich am Boden, zitternd und heulend. Mein Kopf ist wie leer gefegt, dennoch höre ich Stimmen, die mir zurufen, was für ein schreckliches Wesen ich bin, dass mir etwas fehlt, dass ich nie hätte geboren werden sollen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schreie oder es sich nur so anfühlt.

Mein ganzer Körper schmerzt, als würde eine schwarze, brennende Masse sich unter meine Haut pressen und in jede einzelne Ader eindringen. Auf einmal quält mich jeder schmerzhafte Gedanke auf einmal, um mich herum seh ich nichts mehr, nur dunkle Schatten und Wände. Ich kann mir jetzt nicht mehr vorstellen, dass ich noch eine weitere Sekunde überlebe, während der nächste Atemzug mehr von dieser schwarzen Masse unter meine Haut lässt.

Oft schlage ich mich, raste aus und renne gegen die Wände, laufe im Kreis wie eine angestochene Sau, panisch und ziellos. Dann setzt die Tetanie ein. Meine Gliedmaßen verkrampfen sich. Wirklich merken tue ich das nicht, zu dem Zeitpunkt bin ich viel eher damit beschäftigt, mich mit meinen Gedanken im Kreis zu drehen. Zu versuchen, die von allen Seiten angeschossen kommenden Worte und Bilder irgendwie zu verarbeiten. Ich lande wie ein getroffener Vogel plump auf dem Boden, mein ganzer Körper wie in sich selbst gewickelt, verkrampft ringe ich nach Luft. Die Zuckungen wirken von außen sicher beängstigend, aber mich sieht ja niemand, vielleicht bilde ich mir das alles nur ein – der letzte Gedanke, zu dem ich dann nach Stunden irgendwann aus Erschöpfung einschlafe, oder auch das Bewusstsein verliere.


Lian:

Meltdowns definiere ich für mich über den Kontrollverlust. Ich kann nicht richtig denken und meine Handlungen kaum oder gar nicht steuern.

Ich bekomme Meltdowns als Reaktion auf Enttäuschungen, Frustration, Angst, Trauma-Trigger, allgemeine emotionale Belastung, Reizüberlastung, Stress und vieles andere. Ich erkenne meine Meltdowns stark in der Beschreibung anderer Autist*innen wieder.

Für mich bestehen Meltdowns aus 3 Stufen:

1) Vorstufe: Manchmal bahnt sich der Meltdown über Stunden oder 1-2 Tage an. Dann fühle ich mich unruhig, gereizt und bin sehr empfindlich. Alles ist unaushaltbar und nichts macht es besser. Ich nenne das „Ameisen unter der Haut“, weil ich nicht entkommen kann.

2) Zusammenbruch: Mein Gehirn hört auf, richtig zu funktionieren. Ich verbeiße mich an irgendeinem unangenehmen Thema, das gerade sehr präsent ist. Ich denke im Kreis. Ich bin davon überzeugt, dass es nie wieder besser wird. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Manchmal weine ich so heftig, dass ich mich davon übergeben muss.

In diesem Zustand mache ich oft anderen Menschen Vorwürfe, wenn ich davon überzeugt bin, dass sie „schuld“ sind. Manchmal blamiere ich mich auch öffentlich, z.B. indem ich meinen Meltdown live tweete. Ich bin oft verletzend gegenüber den Menschen, mit denen ich in diesem Zustand kommuniziere.

Ich bin überzeugt, dass meine Reaktion völlig angemessen und verhältnismäßig ist. Wenn mir z.B. mein Abendessen verbrannt ist, bin ich mir absolut sicher, dass ich ohne genau dieses Abendessen nie wieder glücklich sein kann, weil ich hungrig nicht schlafen kann, ohne Schlaf wird der morgige Tag furchtbar und alles danach wird auch schlimm und mein ganzes Leben wird nie wieder gut.

Der Zusammenbruch kann sich stundenlang hinziehen. Er ist extrem kräftezehrend und schädlich. Er zerstört Freundschaften und andere Beziehungen, lässt mich irrationale Entscheidungen treffen und bringt mich manchmal dazu, mich selbst zu verletzen.

Manchmal bekomme ich wie ein Zuschauer mit, was gerade passiert und wie irrational es ist. Vielleicht sehe ich die Lösung des Problems sogar genau vor mir. Ich kann aber den Lauf des Meltdowns trotzdem nicht beeinflussen und bin nicht in der Lage, die problemlösende Handlung umzusetzen.

3) Meltdown: Schließlich erreiche ich den völligen Meltdown, in dem ich den letzten Rest meiner Kontrolle verliere. Meistens kann ich diese Stufe verschieben, bis ich alleine bin. Manchmal zerschlage ich Gegenstände. Oft schlage ich mir gegen den Kopf oder auf die Oberschenkel, manchmal sitze ich auch einfach nur auf dem Fußboden und schaukele. Wenn ich es schaffe, setze ich mich in die Dusche und halte es dort aus. Ich verkrampfe und zittere am ganzen Körper. Ich kann nicht sprechen oder anderweitig kommunizieren.

Das dauert normalerweise nur einige Minuten. Wenn es ein schlimmer Meltdown ist, wiederholen sich aber Stufe 2 und 3 mehrmals im Wechsel.

Als Kind und Teenie habe ich mich während Meltdowns oft mit meinem Bruder gestritten. Es kam auch vor, dass ich körperlich aggressiv wurde. Als Kind verband ich Meltdowns mit einem Gefühl allumfassender, unhaltbarer, grundloser Wut. Mit der Zeit änderte sich das zu einem Gefühl bodenloser Verzweiflung.

Meltdowns sind der Grund, warum ich Angst vor alltäglichen Dingen wie Telefonieren, Terminen, sozialer Interaktion und anderen anstrengenden Situationen habe, die Meltdowns auslösen können.


projectenigma:

Ich habe neulich Meltdowns can be silent (Autism Spectrum Explained) [Übersetzung: Meltdowns können lautlos sein] gelesen. Dort schreibt Creigh, dass sich Meltdowns auch nach innen richten können. Also nicht nur Schreien, Dinge werfen, und ähnliches, sondern auch schlimme Gedanken und Gefühle gegen eine_n selbst.

Bei mir ist das fast nur so. Ich bin in der Situation oft daheim. Dann liege ich zum Beispiel im Bett. Dabei Gefühle von Selbsthass. Und Gedanken, alles hat keinen Sinn, ich bin schlecht, ich sollte mich von allen Leuten zurückziehen.

Oder ich stehe in der Küche und heule. Dabei auch ähnliche Gedanken, so die Küche ist Mist und ich werde daran nie etwas ändern können und ich bin schlecht und werde nie etwas hinbekommen.

Wenn Personen dabei sind, kann es auch sein, dass ich sie anmeckere. Tipps, was gut für mich sein könnte, funktionieren sowieso nicht. Das denke ich und sage das auch. Ständiges “Ich weiß nicht” kann auch so eine Aussage sein.

Häufig ist irgendeine Frustration, die von außen klein erscheint, der Anlass für eine solche Art Meltdown. Beim Gemüse-Schneiden in meiner Küche fallen zu viele Stücke davon auf den Boden. Ich bekomme sonst irgendetwas, was ich hinbekommen “sollte”, nicht hin. Oder ich bekomme von außen etwas gesagt, was mich frustiert. Egal, ob das berechtigt ist oder nicht. Oder ich bin schon sehr reizüberflutet und jemand spricht mich trotzdem an.

Was mir wirklich hilft, ist mir noch nicht so ganz klar. Wenn eine Person das ganze (mit) ausgelöst hat, ist es wohl meistens gut, wenn diese Person mich erst einmal in Ruhe lässt. Selbst wenn ich mit ihr_ihm “streite”. Dinge besprechen/klären geht besser hinterher. Denn währenddessen ist sowieso alles schlimm und falsch. Wenn eine Sache mich frustriert hat und das geht, z. B. bei Küchenarbeiten, kann es helfen, mir diese Arbeit abzunehmen. Wenn jemand es schafft, mir klarzumachen, dass etwas nicht so eilig und wichtig ist, kann das den auslösenden Druck und Frust absenken, so dass ich nicht noch tiefer “reinrutsche”. Dann kann es sein, dass ich mich manchmal recht schnell wieder erhole.

Manchmal sind Meltdowns bei mir kurz, nur ein paar Sekunden bis Minuten. Manchmal ist es länger, mit “Aufs” und “Abs”. Oft habe ich prinzipiell noch die Möglichkeit, mit einem kleinen Eck meines Verstandes mitzubekommen, was los ist, und mit Anstrengung z. B. irgendwie zu sagen, was helfen kann. Das dann aber nicht unbedingt freundlich und gut kommuniziert.

Hinterher ist das dann emotional weit weg. Ich habe nicht mehr so viel Verbindung zu dem, was war. Wenn ich im Meltdown jemand unfreundlich angegangen bin, fällt es mir schwer, das von mir aus anzusprechen, vor allem wenn das mündlich war. Es ist natürlich okay und gut, wenn andere mich dann darauf ansprechen, damit das geklärt werden kann.

Ist das nun Meltdown, was ich erlebe? Auch ohne ganz vollen Kontrollverlust? Auch wenn “nur” eine Weile meine Emotionen Wellen schlagen (Redewendung)?


Wir würden uns gerne noch weitere Berichte dieser Art wünschen, um sie in einem 2. Teil zu veröffentlichen! Ihr könnt sie an neuroqueer.blog@gmail.com schicken oder euch über unseren Twitter-Account mit uns in Verbindung setzen. 

Stimming

Was ist Stimming?

Stimming ist ein englischer Begriff für „selbststimulierendes Verhalten“. Das Wort bezeichnet Dinge, die wir tun, um uns selbst kontrollierte Sinneseindrücke zu verschaffen.

Im Deutschen fehlt ein entsprechender Begriff.

Stimming wird oft als „Herumzappeln“, als „Nervosität“ oder „Unruhe“ fehlinterpretiert.

Es gibt unheimlich viele verschiedene Stims.

Ein paar Beispiele:

  • Im Sitzen hin und her schaukeln
  • Auf Gegenständen oder den Fingern herumkauen
  • Wörter oder Geräusche immer wieder wiederholen
  • Ins Licht blinzeln oder in flackernde Lichter starren
  • Schnippsen oder klatschen
  • Mit den Händen wedeln
  • An Dingen riechen
  • Salz lecken
  • Den Kopf gegen die Wand schlagen
  • Stricken
  • Eine Decke ganz fest um sich wickeln
  • und unzählige weitere Dinge.

Wie ihr seht, gibt es Stims für jeden einzelnen Körpersinn: Für den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn, Geruchs- und Geschmackssinn sowie fürs Sehen und Hören.

Viele Stims basieren auf Wiederholung, wie das Schaukeln, Springen oder Blinzeln. Komplexe Tätigkeiten mit viel Wiederholung wie zum Beispiel Häkeln, Stricken, das Zeichnen von geometrischen Mustern, das Lösen von Puzzles oder Zauberwürfeln usw. können durchaus auch Stims sein.

Andere Stims basieren auf einem konstanten, kontrollierten Sinneseindruck. Hierzu zählen besonders Druck-Stims, also zum Beispiel der Einsatz von beschwerten Decken oder anderen Menschen, um Druck auf den eigenen Körper zu erzeugen, aber auch das feste Einwickeln einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers. Aber auch zum Beispiel kopfüber vom Bett zu hängen, kann ein Stim sein.

Sichtbares Stimming wird von Außenstehenden oft für überflüssig und sinnlos gehalten. Sehr häufig wird intensives Stimming auch als „krankhaftes“ Verhalten betrachtet.

Warum stimmen wir?

Stimming ist aber nicht „krankhaft“, und es ist auch alles andere als sinnlos oder überflüssig. Im Gegenteil!

Stimming kann uns helfen, zum Beispiel eine Reizüberlastung durch kontrollierte, starke Sinneseindrücke auszugleichen. Es kann uns beruhigen und uns helfen, Belastungen auszuhalten. Es kann Stress und Ängste verringern und kann uns dabei helfen, uns auf andere Dinge zu konzentrieren.

Abgesehen davon macht Stimming auch unheimlich viel Spaß! Viele von den Menschen, die sehr viel und intensiv stimmen, sind sehr empfindlich gegen Sinneseindrücke. Wir nehmen die durch Stimming erzeugten Reize sehr stark wahr und wenn sie uns gut tun, bereitet uns das sehr viel Freude. Schon ein schwingender Stuhl in einem Wartezimmer kann für manche von uns aus einer angsterfüllten Situation eine euphorische Stim-Party machen.

Stimming kann auch ein Teil von unserer neurodivergenten Körpersprache und Kommunikation sein. Viele von uns wedeln zum Beispiel energisch mit den Händen, um sich auszudrücken. Manche Menschen machen Geräusche, die ihre Stimmung viel besser ausdrücken können als Wörter. Gemeinsames Stimming kann uns manchmal besser miteinander verbinden als ein Gespräch.

Wer stimmt?

Alle Menschen stimmen hin und wieder. Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen Neurodivergenzen stimmen häufiger als neurotypische Menschen. Wir sind auch stärker auf Stims angewiesen, um unseren Zustand und die Reizaufnahme zu regulieren.

Ist Stimming schädlich?

Kurz gesagt: Nein!!!

Nein.

NEIN!!!!!

Stimming ist nicht schädlich. Im Gegenteil! Für viele von uns ist es absolut notwendig, um klarzukommen.

Leider ist Stimming sehr stark stigmatisiert. Viele von uns wachsen mit ständigen Ermahnungen auf. „Sitz doch mal still“, „Dein Gezappel macht mich ganz unruhig“, „Nimm die Finger aus dem Mund“ und ähnliche Anweisungen sind vielen von uns hinlänglich bekannt.

Schädliche „Therapien“ wie ABA versuchen sogar, autistischen Kindern das Stimming gewaltvoll abzugewöhnen und bezeichnen das dann als „Förderung“!

Aber das Abtrainieren von Stimming führt nicht dazu, dass wir weniger autistisch sind, weniger ADHS haben oder unser Gehirn plötzlich anders funktioniert. Es führt nur dazu, dass uns eine der wichtigsten Methoden fehlt, um die enorme Belastung durch Sinneseindrücke und Gefühle auszugleichen!

Die Stigmatisierung von Stims ist behindertenfeindliche Scheiße.

Sollte ich mir Stims abgewöhnen?

Wenn ein bestimmter Stim dich selbst stört, wünschst du dir vielleicht, ihn dir abgewöhnen zu können. Manche von uns haben Stims, die uns selbst schaden. Dazu gehören zum Beispiel: sich gegen den Kopf zu schlagen, sich die Haut aufzukratzen oder aufzubeißen, mit den Gelenken knacken, bis sie wehtun und vieles andere.

Stims können auch problematisch für uns sein, wenn sie nicht sozial akzeptiert sind oder als „eklig“ angesehen werden. Dazu gehören zum Beispiel: In der Nase oder in den Ohren bohren, (nicht-sexuelle) Berührungen am Intimbereich, laute stimmliche Stims und vieles andere.

Es besteht überhaupt keine Pflicht, sich solche Stims abzugewöhnen! Wenn es für dich okay ist oder wenn es dir zu mühsam wäre, sie dir abzugewöhnen, dann ist das ganz allein deine Entscheidung. Nur du selbst darfst bestimmen, was du mit deinem Körper machst, auch dann, wenn es ihm schadet! Wenn Menschen dich für deine Stims verurteilen, sind es schlechte Menschen.

Prinzipiell ist es erfahrungsgemäß unmöglich, sich Stims ersatzlos abzugewöhnen. Wenn wir sie bleiben lassen, wird das Bedürfnis nach kontrollierter Reizerzeugung nicht geringer. Daher können wir uns Stims meistens nur abgewöhnen, indem wir sie durch andere Stims ersetzen.

Wie kann ich schädliche Stims ersetzen?

Es ist oft schwierig, einen bestimmten Stim durch einen anderen zu ersetzen, da wir oft selbst nicht genau wissen, welche Sinneseindrücke der Handlung uns am wichtigsten sind.

Wenn jemand zum Beispiel an den Fingern kaut, ist das nicht nur ein Sinneseindruck, sondern viele verschiedene: Da ist zum einen das Gefühl, etwas mit den Fingern zu tun zu haben. Zum anderen gibt es einen geschmacklichen Eindruck. Der Kiefer ist ebenfalls beschäftigt. Das Beißen verursacht auch ein hörbares Geräusch. Außerdem entsteht eine starke Stimulation des Tastsinns an der Zunge, an den Lippen und an den Fingern.

Manchmal sind nur einige Komponenten eines Stims wichtig. In dem Fall könnte es zum Beispiel ausreichen, statt auf den eigenen Fingern auf einem Beißspielzeug herumzukauen. Für andere Menschen kann es aber auch nötig sein, zusätzlich den Tastsinn an den Fingern zu stimulieren.

Ein anderes Beispiel ist es, wenn sich jemand oft gegen den Kopf schlägt. Dadurch entsteht ein Geräusch, ein Druck am Kopf und eine Stimulation des Gleichgewichtssinns. Manche Menschen können diesen Stim dadurch ersetzen, dass sie zum Beispiel auf einem Trampolin springen oder kräftig hin und her schaukeln. Für andere ist es wichtiger, ein lautes Geräusch zu hören, und wieder andere können diesen Stim zum Beispiel durch einen Druckverband um den Kopf ersetzen. (Ich persönlich brauche je nach Situation alle drei.)

Wenn du einen bestimmten Stim wirklich dringend ersetzen willst, musst du damit rechnen, dass es viele Versuche brauchen wird. Manchmal klappt es auch nicht oder nur teilweise. Das ist okay. Du bist niemandem neurotypisches Verhalten schuldig!

Tipps für den Alltag

Das Schöne an Stimming ist, dass es sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt. Es kann jedoch schwierig sein, sich über gesellschaftliche Normen und das Stigma hinweg zu setzen. Oft wird erwartet, dass wir uns ruhig verhalten, weil ständige Bewegungen und Zappeln als Nervosität, Unsicherheit oder Angst angesehen wird. Manche Stims werden auch als „verrücktes“ oder „krankhaftes“ Verhalten angesehen.

Es gibt unzählige Gegenstände, die sich als Stim-Spielzeuge benutzen lassen. Dazu gehört zum Beispiel Kinderspielzeug: Blinkende Bälle, Flummis, Spielzeugautos, Fingerfallen oder Rasseln können sich gut dazu eignen.

Es gibt auch Spielzeug, das explizit dafür hergestellt wird, um Menschen Beschäftigung für ihre Finger zu bieten. Stimtastic ist zum Beispiel ein Online-Shop, der Stim-Spielzeuge verkauft.

Baby-Beißringe oder Beiß-Schmuck für Erwachsene können viel angenehmer zum Kauen sein als Fingernägel.

Ich kann euch nur empfehlen, euch über das angelernte Stigma und soziale Normen hinwegzusetzen und die Stim-Spielzeuge zu benutzen, die euch gut tun.

Wir müssen uns für Stimming nicht rechtfertigen. Lasst uns zusammen stimmen und das soziale Stigma gegen Stimming endlich abschaffen!

Exekutive Dysfunktion oder: Warum kriege ich nichts hin?

Was ist Exekutive Dysfunktion?

Exekutive Dysfunktion beschreibt im weitesten Sinne Probleme damit, Dinge zu tun. Das klingt sehr allgemein – und ist es auch. Der Begriff ist relativ unbekannt, was dazu führt, dass diejenigen von uns, die Exekutive Dysfunktion haben, oft selbst nicht wissen, was das Problem ist.

Wir halten uns für „faul“, „kaputt“, sind von den vielen Aufgaben des Alltags komplett überfordert und wissen einfach nicht, warum. Wir schieben Dinge wochen-, monate- oder jahrelang vor uns her, egal, wie dringend wir sie erledigen wollen oder müssen. Das „Vor-Sich-Herschieben“ wird oft auch Prokrastination genannt, aber Prokrastination im klassischen Sinne wird meistens durch Ängste verursacht, während Exekutive Dysfunktion etwas ist, das uns unser Leben lang und überall begleitet.

Exekutive Dysfunktion tritt besonders häufig bei Autismus, ADHS, Schizophrenie und anderen Neurodivergenzen und psychischen Krankheiten auf, ist aber nicht darauf beschränkt.

Was umfasst die Exekutive Dysfunktion?

„Exekutive Funktionen“ ist der allgemeine Begriff für die Fähigkeit, Aufgaben anzufangen, fortzusetzen und abzuschließen. Exekutive Dysfunktion, also eine Störung der Exekutiven Funktionen, behindert uns entsprechend darin. Mit dem Wort „Aufgabe“ ist hier ganz allgemein irgendein Ding gemeint, das getan werden soll, also zum Beispiel „ein Glas Wasser trinken“, „das Zimmer aufräumen“ oder „eine Abschlussarbeit schreiben“.

1. Aufgaben anfangen

Menschen mit Exekutiver Dysfunktion haben oft Probleme damit, Aufgaben zu beginnen.

Viele von uns haben Schwierigkeiten, Körpersignale wie Durst, Hunger oder Müdigkeit wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Deswegen vergessen wir oft, Aufgaben anzufangen, um diese körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Gesprochene Anweisungen sind für viele von uns schwierig zu verarbeiten. Wenn wir sie nicht aufschreiben, vergessen wir die Hälfte der Anweisungen sofort.

Aber auch, wenn wir genau wissen, was wir machen müssen, können wir es oft nicht machen, weil der Impuls zum Anfangen ausbleibt. Wir sind sozusagen startbereit, aber der Startschuss kommt einfach nicht.

Wir stehen oft überfordert vor der Gesamtaufgabe und sind unfähig, uns die Einzelschritte zu überlegen, die dafür nötig sind. Den Menschen ohne Exekutive Dysfunktion fällt das so leicht, dass sie meistens nicht einmal bemerken, dass zum Beispiel „Duschen“ nicht eine einzelne Aufgabe ist, sondern aus ganz vielen einzelnen Schritten besteht: Ich muss ins Bad gehen, mich ausziehen, das Wasser aufdrehen, dann muss ich die Shampooflasche nehmen, mir die Haare waschen, dann muss ich das Shampoo wieder ausspülen, dann das Duschgel nehmen, meinen Körper waschen und so weiter.

Viele von uns sind auch schon von der schieren Anzahl der Möglichkeiten überfordert, um eine Aufgabe zu lösen. Wir können uns nicht entscheiden, welches Kapitel unserer Abschlussarbeit wir zuerst schreiben, welche der 15 Tassen wir aus dem Schrank nehmen, ob wir über die Ampel oder durch die Unterführung gehen.

Gedächtnisprobleme können auch eine Rolle spielen, wenn wir zum Beispiel etwas, das wir einmal gelernt haben, in einer neuen Umgebung überhaupt nicht mehr anwenden können.

Diese Probleme führen dazu, dass wir oft schon beim Gedanken an eine komplizierte Aufgabe verzweifeln. Wir bleiben oft „stecken“ und anstatt eine Aufgabe zu erledigen, schaffen wir gar nichts mehr.

2. Weitermachen und Dranbleiben

Menschen mit Exekutiver Dysfunktion haben oft Probleme damit, an einer Aufgabe dranzubleiben, sie ohne Ablenkung oder unerwünschte Unterbrechungen fortzusetzen.

Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis/ Arbeitsgedächtnis können dazu führen, dass wir ständig vergessen, was wir gerade tun. Wir können uns nicht mehr erinnern, was wir gerade eben gemacht haben und wir haben oft zusammenhanglose Gedankengänge, die es schwer machen, eine Aufgabe lückenlos durchzuführen.

Konzentrationsschwierigkeiten und leicht ablenkbar zu sein ist auch ein Teil von Exekutiver Dysfunktion. Schon eine kurze Unterbrechung kann dazu führen, dass wir gar nicht mehr wissen, wo wir stehen geblieben waren und sehr lange brauchen, um wieder in die vorherige Tätigkeit hineinzufinden.

Viele von uns haben Probleme mit der Impulskontrolle, das heißt, wir lenken uns oft selbst ab, weil uns irgendwas ganz Wichtiges einfällt, das wir jetzt sofort unbedingt machen müssen, oder weil wir versuchen, viel zu viele Sachen gleichzeitig zu machen.

Ganz im Gegenteil kann es für uns aber auch manchmal extrem schwierig sein, wichtige Ablenkungen überhaupt wahrzunehmen. Das nennt sich Hyperfokus, das heißt, wir sind so konzentriert auf eine Aufgabe, dass wir alles andere komplett vergessen.

Viele von uns haben auch Probleme damit, zu erkennen, wann eine Pause oder Unterbrechung notwendig ist.

3. Aufgaben beenden und abschließen

Für Leute mit Exekutiver Dysfunktion kann es schwierig sein, eine Aufgabe zu unterbrechen oder zu beenden. Wie beim Anfangen fehlt uns der Impuls dafür. Wir machen einfach mit unserer momentanen Tätigkeit weiter, weil wir unsere Konzentration und unseren Gedankenstrang sehr schlecht selbständig unterbrechen können oder weil wir fürchten, nach einer Unterbrechung nie wieder hineinzufinden.

Aufgaben zu wechseln, ist für uns besonders schwierig, weil wir dazu nicht nur unsere momentane Aufgabe unterbrechen oder beenden müssen, sondern auch noch eine neue Aufgabe anfangen müssen – und damit haben wir wieder die zuvor beschriebenen Probleme.

Für viele von uns ist es auch schwierig, eine Aufgabe vollständig abzuschließen, weil wir durch Ablenkungen und Unterbrechungen immer aufhören, bevor wir fertig sind. Ein chronisches Problem für viele Menschen mit Exekutiver Dysfunktion ist das Ansammeln unzähliger angefangener Projekte, die sie niemals beenden.

Welchen Einfluss hat Exekutive Dysfunktion auf unser Leben?

Probleme mit Exekutiven Funktionen begleiten die meisten von uns unser ganzes Leben lang. Für viele von uns bestimmt es unseren kompletten Lebensablauf oder zumindest Teile davon.

Die Stärke der Exekutiven Dysfunktion kann abhängig sein von äußeren Umständen, Stresslevel, dem emotionalen und gesundheitlichen Zustand und vielen weiteren Faktoren. Verständnis und Unterstützung im Alltag können erheblich dazu beitragen, die Beeinträchtigung durch unsere Exekutive Dysfunktion zu verringern.

Wie zuvor beschrieben hat Exekutive Dysfunktion viele verschiedene Komponenten. Nicht alle von uns haben mit allen diesen Punkten Schwierigkeiten. Für manche Menschen kann es schwieriger sein, mit Ablenkungen umzugehen, andere haben größere Probleme mit der Aufgabenplanung.

Menschen, deren Leben stark von Exekutiver Dysfunktion beeinflusst ist, haben zum Beispiel Probleme mit dem Haushalt, mit dem Einkaufengehen, mit Körperflege, in der Schule, im Studium, beim Lernen, bei Hausarbeiten, aber auch damit, Termine wahrzunehmen, Papierkram zu erledigen, Freundschaften zu pflegen, einen Beruf oder Hobbies auszuüben.

Was kann helfen?

Was helfen kann, ist stark davon abhängig, welcher Teil der Exekutiven Funktionen uns am meisten Probleme macht.

  • Todo-Listen können helfen, um den Überblick über zu erledigende Aufgaben zu behalten.

  • Notizen können dabei helfen, sich mehrere Aufgaben oder die Einzelschritte zu merken. Sie können auch helfen, nach einer Ablenkung oder Unterbrechung den Faden wieder zu finden.

  • Erinnerungen, Alarme und Timer können helfen, um Anfangs- und End-Impulse zu geben.

  • Festgelegte Routinen können ebenfalls nützlich sein, um Anfangs- und End-Impulse zu geben.

  • Routinen können auch dabei helfen, um die Auswahl zu erleichtern: Wenn ich die gleichen Dinge immer auf die gleiche Art und Weise erledige, muss ich mir nicht jedes Mal lange überlegen, wie ich es dieses Mal machen will.

  • Medikamente können mit einigen Teilen der Exekutiven Funktionen helfen. Sie helfen manchen Leuten mehr, anderen weniger, manchen gar nicht. Nicht alle Menschen können überhaupt Medikamente nehmen. Medikamente sind keine Zauberei, aber einen Versuch kann es durchaus wert sein.

  • Das Zerlegen von großen Aufgaben in kleinere Teile und Einzelschritte kann sehr hilfreich für Leute sein, die von der Aufgabenplanung überfordert sein. Es ist oft überfordernd, sich eine ganze komplizierte Aufgabe auf einmal vorzunehmen. Wer zum Beispiel Schwierigkeiten hat, sich dazu zu motivieren, das ganze Zimmer aufzuräumen, hat es vielleicht leichter, nur eine einzelne Schublade aufzuräumen oder nur den Staub zu wischen. Es ist okay, wenn du eine Aufgabe, die andere Leute total einfach finden, schon anspruchsvoll findest und aufteilen musst!

  • Überforderung, Stress und Überlastung haben für viele von uns einen negativen Einfluss auf die Exekutive Dysfunktion. Daher kann es helfen, wirklich nur so viel zu machen, wie wir können, auch, wenn das viel weniger ist als bei anderen Menschen.

 

Ein paar Worte zum Schluss

Wenn du Probleme mit Exekutiven Funktionen hast, bist du damit nicht alleine!

Exekutive Dysfunktion ist etwas, das Menschen sehr stark behindern kann. Wie stark du damit kämpfen musst, sagt nichts über deine Intelligenz, deine Kreativität oder deinen Wert als Mensch aus. Du bist nicht „faul“ oder „kaputt“.

Es ist okay, wenn du Ausreden erfinden musst, um durchzukommen. Es ist okay, wenn du weinen musst, weil du mal wieder gar nichts hinbekommen hast. Du hast es verdient, dass auf deine Schwierigkeiten Rücksicht genommen wird. Exekutive Dysfunktion ist eine Behinderung, für die du nichts kannst.

Diejenigen von euch, die keine Exekutive Dysfunktion haben, möchte ich bitten, auf uns Rücksicht zu nehmen. Nehmt es uns nicht übel, wenn wir Abmachungen oder Termine nicht einhalten können. Wir geben uns Mühe.