Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

Hinweis: Dieser Text thematisiert Ableismus, Suizidgedanken und Selbstverletzung. Er enthält ableistische Begriffe, erwähnt Schwierigkeiten mit Essen und erwähnt Gewalt und Mobbing.

Es kostet einen hohen Preis, sich zu verstellen

Ich habe fast mein ganzes Leben lang versucht, möglichst „normal“ zu wirken. Das fing an, als ich als Kind emotionale Gewalt, Ausgrenzung, Drohungen und Beschimpfungen erlebte, weil ich mich zu „behindert“, zu „komisch“ und „unheimlich“ verhielt. Mir wurde regelmäßig erklärt, ich sei „verrückt“, „psycho“, ich würde „ins Irrenhaus“ gehören, ich würde mich „wie so ein Autist“ verhalten und vieles weitere.

So lernte ich schon früh, dass ich meine „ungewöhnlichen“ Verhaltensweisen um jeden Preis verstecken musste. Das gelang natürlich nicht immer. Meine Körpersprache, das ewige Zappeln und mein ständiges Stimming, meine ungewöhnliche Körperhaltung, meine weinerlichen Reaktionen auf Toilettenspülungen, volle Busse, helles Licht, mein unbeholfenes Sozialverhalten und Reaktionen auf emotionale Überlastung ließen mich immer irgendwie „anders“ erscheinen. Ich hatte Hobbies, für die ich ausgelacht wurde, weil sie „ungewöhnlich“ waren.

Meine Entwicklung brauchte in vielen Bereichen einfach viel, viel länger als bei anderen Menschen. Ich schaffte es nie, mein Zimmer ordentlich zu halten. Es war teilweise so schmutzig, dass ich Ungeziefer unter dem Bett hatte.

Mit zehn spielte ich noch heimlich in meinem Bett mit meinen Fäkalien. Körperpflege fiel mir schwer: Ich putzte mir nur selten die Zähne. Ich wusch mir meine Haare nicht und badete wochenlang nicht. Ich warf meine getragene Kleidung auf den Fußboden in meinem Zimmer und wenn der Kleiderschrank leer war, zog ich irgendwas aus dem Haufen heraus und zog es an, egal, wie schmutzig es war. Als ich mit zwölf anfing, unter den Achseln zu schwitzen, war ich davon überfordert und hörte erstmal komplett damit auf, T-Shirts zu wechseln.

Ich war vergesslich. Ich vergaß Hausaufgaben. Ich vergaß meinen Rucksack in der Schule oder zu Hause. Ich stand überrascht und ohne das benötigte Fahrrad vor der Schule, als Verkehrs-Schulung war – obwohl wir am Vortag darüber gesprochen hatten. Ich ging nach dem Sportunterricht ohne Hose nach Hause. Ich vergaß Abmachungen, Termine, Regeln, Anweisungen, Namen – so ziemlich alles.

Natürlich machten diese Schwierigkeiten mich zu einem optimalen Mobbing-Opfer in der Schule und in Freizeit-Veranstaltungen.

All das brachte meine Aufsichtsperson nicht etwa auf die Idee, Hilfe zu holen. Statt dessen schrie sie mich an – denn für sie war klar, dass ich das alles mit Absicht machte: „Du bist doch so schlau.“

Die Tatsache, dass ich schnell lernen konnte und, wenn ich einen guten Tag hatte, in der Schule gute Leistungen bringen konnte, war auch für meine Lehrer*innen ein eindeutiges Zeichen, dass ich nur nicht „wollte“ und „faul“ war.

Je bewusster ich mir über meine Andersheiten wurde, desto stärker kämpfte ich dagegen an. Jede Kleinigkeit hinterfragte ich danach, ob sie „normal“ genug war.

Ich hörte auf, meine Arme beim Gehen oder Sitzen nach oben zu halten, weil das „komisch“ aussah. Ich hörte auf, auf T-Shirts herumzukauen, weil davon der Kragen ausleierte und das „hässlich“ war.

Ich hinterfragte jede Minute meine Körperhaltung. War ich zu verkrampft? Zu schief? Die Beine darfst du nicht zweimal umeinander schlagen, das sieht auch „komisch“ aus. Nein, du darfst nicht nervös zwinkern. Hör auf mit dem Schaukeln, hör auf zu zappeln, das sehen doch die anderen.

Ich konnte nicht alles unterdrücken: Ich hörte nie wirklich damit auf, zu zappeln (ADHS, juhu). Ich biss mir die Finger blutig (mach ich noch immer). Ich konnte es mir nicht abgewöhnen, Papier zu essen.

Als Teenager fing ich an, mich selbst zu verletzen, weil meine Meltdowns als bösartige Wutanfälle interpretiert wurden. Selbstverletzung war das einzigste, was Meltdowns abbrechen konnte und auf diese Art und Weise Strafen für diese „Wutanfälle“ verhindern konnte.

Mit der Zeit entwickelte ich langsam die Fähigkeit, mit einigen Dingen klarzukommen, die vorher schwierig für mich waren. Bis ich achtzehn war, hatte ich meine Körperpflege einigermaßen im Griff. Bis ich zwanzig war, hatte ich mir durch ungebetene Kommentare anderer Menschen einigermaßen zusammengereimt, was „angemessene“ Kleidung war und wie oft ich sie zu wechseln hatte. (Das mit dem Sauberhalten meines Lebensraums schaffe ich bis heute nicht.)

Das machte den Weg frei für Überkompensation: Jeden Tag duschen und Beine rasieren. Dreimal am Tag Zähne putzen. Mich selbst dafür hassen, „komisch“ zu sein. Meine eigenen Reaktionen verachten. Meine Wahrnehmung nicht ernst nehmen: Salzige Erdnüsse dürfen nicht wehtun, weil sie „normalen“ Leuten nicht wehtun. Duschen müssen angenehm sein, nicht schlimm, weil „normale“ Leute Duschen gut finden. Sex musst du mögen, nicht eklig finden, weil „normale“ Leute Sex toll finden.

Ich konnte so vieles nicht selbst einschätzen und verließ mich zu 100% auf die Meinung anderer – was spätestens dann explodierte, wenn verschiedene Leute widersprüchliche Meinungen hatten.  

Also gab es Menschen, deren Meinung wichtiger war als die anderer Menschen. Ich konnte nur Klamotten anziehen, von denen nahestehende Leute mir sagten, dass sie okay aussahen. Nur Frisuren tragen, von denen sie mir sagten, dass sie okay waren. Nur Hobbies haben, von denen sie mir sagten, dass es gute Hobbies waren. Nur Dinge mögen, die sie auch mochten. Sie hatten dadurch viel Kontrolle über mich, oft, ohne es zu bemerken.

Ich hörte auf jeden Kommentar, auch, wenn er an ganz andere Leute gerichtet war – alles war gut genug, um für mich zur Richtlinie zu werden, wie ich auszusehen, mich zu bewegen, zu kleiden, zu verhalten hatte; was ich denken-fühlen-mögen sollte.

Die Kompensationsstrategie für die Vergesslichkeit war Panik: Wenn ich alle 5 Sekunden an ein Ding denke, weil ich Panik davor habe, kann ich es nicht vergessen. Wenn ich andauernd Panik habe, irgendwas vergessen zu haben, ist es wahrscheinlicher, dass ich mich wieder daran erinnere.

Den ganzen Tag aufgeregt und panisch zu sein, sorgt also dafür, dass ich Ansprüchen von außen besser gerecht werden kann. Mich auf Brechen und Biegen nach völlig willkürlichen Regeln zu richten, die ich mir aus dem Verhalten meines Umfeldes ableite, macht mich weniger auffällig. Mein ganzes Verhalten, Leben, Fühlen von anderen, neurotypischeren Menschen verifizieren zu lassen, lässt mich „normaler“ wirken.

Es macht mich auch kaputt.

Diese ständige Selbstkontrolle ist ein massiver Dauerstress. Es gibt kein Loslassen, kein Abschalten, keine Ruhe: Auch, wenn du alleine bist, kontrollierst du jede deiner Bewegungen, dein Aussehen, deine Gedanken und Gefühle. Wenn du mit anderen Menschen zusammen bist, suchst du ständig nach Hinweisen, wie du dich verhalten musst.

Es gibt keine Rückzugsorte, denn vor der verinnerlichten Kritik kannst du dich nicht verstecken.

Das ist der Preis, den Leute wie ich fürs „Normalsein“ bezahlen.

Weil es eben nicht allen so geht

Und dann wird uns ständig gesagt: „Das geht doch allen so.“ (Der Spruch ist das Zwillingskind von „stell dich nicht so an“.)

Wenn du darüber redest, wie beschissen es dir mit vielen Dingen geht, bekommst du endlos viel Bestätigung, dass das eine völlig normale Erfahrung wäre.

„Niemand geht gerne arbeiten.“ Wie viele Leute bekommen Suizidgedanken, wenn sie an Arbeit denken? Wie viele Leute denken jeden Tag auf der Arbeit: „Das hier bringt mich um“? Wie viele Leute sitzen auf der Arbeit heulend auf dem Klo und hauen den Kopf gegen die Wand? Wie viele Leute verstecken sich im Keller, um ein paar Minuten Ruhe zu haben vor dem Lärm, den Lichtern, den Menschen, den ganzen DINGEN, die dort passieren?

„Es ist normal, ein bisschen vergesslich zu sein.“ Wenn das so wäre, wäre „ich hab meine Hausaufgaben vergessen“ keine „billige Ausrede“. Dann würde es Leuten nichts ausmachen, wenn du ihren Geburtstag vergisst. Es wäre nicht peinlich, bei der Ärztin einen neuen Termin ausmachen zu müssen, weil du vergessen hast, dass heute ja schon Mittwoch war.

Aber das begriff ich nicht. Ich glaubte, was mir gesagt wurde: „Das ist normal. Du bist normal.“

Ich erwartete von mir, genauso viel zu können wie alle anderen. Kein Problem zu haben. Telefonieren musste ich aushalten können. Den Lärm musste ich aushalten können. Es musste okay für mich sein, dass meine Gedanken auf ein bestimmtes Thema gezwungen wurden, dass kein Platz war für die Dinge, an die ich denken wollte. Fühlt es sich für alle Menschen so an, wie ihr ganzes Bewusstsein aus ihrem Kopf zu popeln, wenn sie Gedanken an ein bestimmtes Thema unterdrücken müssen, weil sie sich auf etwas anderes konzentrieren sollen?

Kriegen alle Leute Herzrasen, wenn das Telefon klingelt? Kriegen alle Leute es manchmal einfach nicht hin, gesprochene Sprache zu verstehen? Sind alle Menschen von früh bis spät angespannt und panisch, weil sie die Liste von Dingen, die sie erledigen müssen, alle paar Sekunden wiederholen müssen, um sie nicht zu vergessen? Frieren alle anderen auch manchmal einfach ein und können sich mehrere Minuten lang gar nicht mehr bewegen?

Ist es üblich, alle 3 Minuten auf die Uhr zu schauen, damit du weißt, wie viel Zeit vergangen ist? Müssen alle Leute sich schon Stunden, bevor sie einen Termin haben, in ein hohes Stresslevel versetzen, um nicht zu vergessen, dass sie noch was vorhaben?

Sind wirklich alle anderen auch jeden Tag, an dem sie mit Wecker aufstehen müssen, so müde, dass sie sich bei jedem Schritt, bei jeder Bewegung fragen, wann sie endlich zusammenbrechen? Dass sie darauf hoffen, von einem Auto angefahren zu werden oder einfach bewusstlos oder tot umzufallen, damit sie endlich, endlich ausruhen können?

Kämpfen alle Leute mit den Tränen, wenn der Lärm und die Menschen und das Denken und das Erinnern und das DINGE TUN einfach zu viel sind? Jeden Tag?

Nein.

Aber das hat mir niemand gesagt. Sie haben sich mein Gejammer angehört und gesagt: „Das geht doch jedem mal so.“

Ich zwang mich dazu, Dinge zu tun, die mir schadeten. Ich ignorierte meine Schmerzen in lauten Umgebungen, die anderen Leuten nichts ausmachten. Ich achtete nicht darauf, welches Essen ich überhaupt essen konnte, sondern aß dann halt weniger, wenn mir der Geschmack zu intensiv war. Wer braucht schon Nährstoffe?

Ich erlaubte mir nicht, zu sagen, wie viel Kraft es mich kostete, Dinge zu tun, die anderen Menschen selbstverständlich vorkamen. Ich durfte es nicht zeigen, denn das wäre nicht „normal“ gewesen.

Ich konnte mir nicht einmal selbst eingestehen, dass es mich überlastete und kaputt machte. Ich hatte keine Worte dafür. Ich hatte kein Verständnis für diese Form von Überlastung.

Ich war allein mit dieser Erfahrungswelt. Es gab keine Menschen in meinem Leben, die mich verstanden, wenn ich sagte: „Der Tag war einfach zu viel.“ Oder: „Ich kann heute keine Musik ertragen.“ Oder: „Ich kann da nicht anrufen.“

Die einzige zuverlässige Antwort auf solche Aussagen war eben diese: „Das geht doch allen mal so.“

Wenn „ich schaffe das nicht“ mutiger ist als „ich schaffe das“

Mir war klar, dass ich mit vielen Dingen Schwierigkeiten hatte, die anderen leicht fielen. Aber es wurde mir nicht geglaubt. Statt dessen wurde mir großzügig versichert, dass ich es sehr wohl hinkriegen würde.

Mir war schon gegen Ende der Schulzeit klar, dass ich einen Arbeitsalltag nicht aushalten würde, denn bereits der stressarme Schulalltag, in dem ich nur meine Zeit absitzen musste und unter der Bank zeichnen, schreiben, lesen, oder einfach vor mich hinträumen konnte, überforderte mich stark. Aber auf meine Zweifel bekam ich stets dieselbe Antwort: „Da gewöhnst du dich dran. Das schaffst du schon.“

Ich sagte, dass ich Angst davor hatte, allein an einen fremden Ort zu fahren. „Das schaffst du schon.“

Ich wurde nach 2 schlaflosen Nächten und den Tränen nahe in einem Stadtviertel, in dem ich mich nicht auskannte, allein gelassen: „Die Bushaltestelle ist in diese Richtung. Das findest du schon.“

Wenn ich jemanden bat, mich abzuholen, war die Antwort: „Du kennst doch den Weg. Das findest du schon.“

Jedes Mal, wenn ich Zweifel an meinen Fähigkeiten äußerte, wurde mir bestätigt, dass ich es schon schaffen würde. Das ist nett gemeint, aber es schadete mir massiv:

Denn ich glaubte anderen Menschen diese Fehleinschätzung. Ich glaubte ihnen, dass ich „normal“ war. Ich glaubte ihnen, dass ich genau die gleichen Fähigkeiten hatte wie die anderen „normalen“ Menschen.

Das überlastete mich nicht nur gnadenlos, sondern brachte mich auch oft in gefährliche Situationen. Ich fuhr allein in fremde Städte. Ich hatte allein in fremden Städten Meltdowns. Ich irrte heulend mit kiloschwerem Gepäck nachts durch fremde Städte. Ich wurde von Leuten ausgenutzt, die erkannten, wie aufgelöst und hilflos ich war. Ich hatte keine Ahnung, warum mir so etwas passierte, warum ich nicht, wie alle anderen „normalen“ Menschen, mit solchen Situationen zurechtkam.

Mit irgendwelchen Leuten Treffen ausmachen? Kein Problem. Machen ja alle. Nur, dass ich die Leute und Situationen oft komplett falsch einschätzte, was wiederum oft zu Belästigungen und unangenehmen Situationen führte.

Beziehungen? Kein Problem. Machen ja alle. Das resultierte für mich in fünf Jahre Gewaltbeziehung.

Arbeiten? Kein Problem. Neben dem Studium jobben? Kleinkram. Ich verstand nicht, warum ich alle 2-3 Jahre komplett zusammenbrach und gar nichts mehr machen konnte.

Vollzeitjob? „Du bist doch so schlau. Du gewöhnst dich dran.“ Ich glaubte ihnen.

Nach dem Ende meines Studiums dauerte es noch 6 Monate, bis ich endgültig zusammenklappte. Als mein Bachelorzeugnis im Briefkasten war, war ich schon arbeitsunfähig geschrieben.

Ich hab mich nicht daran gewöhnt.

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „normal“ wirken.

Jeder Muskel in meinem Körper muss mir bewusst sein. Ich muss sie alle bewachen, damit auch ja keiner anfängt mit dieser wohligen, rhythmischen Bewegung.

Meine Ohren müssen gespitzt sein. Ich muss jeden Ton in meiner Umgebung in mich aufsaugen, gesprochene Worte mit höchster Konzentration herausfiltern – und ich verstehe doch nur die Hälfte – und das, was ich nicht verstehe, aus dem Kontext herleiten. Ich muss lächeln. Ich muss die Leute anschauen. Aber nicht zu lange! Wie lange ist „normal“? Ich muss lügen, weil das schneller geht als Nachdenken – irgendwas nacherzählen, was ich schonmal von irgendwem gehört habe, weil ich keine Zeit hab, in mir selbst nach einer Antwort zu suchen. Es geht nicht darum, was für ein Mensch ich bin. Es geht nicht darum, was ich mag, was ich denke, was ich fühle. Es geht nur darum, „normal“ zu wirken.

Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „normale“ Dinge tun.

Ich muss Aufgaben erfüllen, die mich zum Heulen bringen. Ich muss mich durch knirschende Zähne, höllische Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und bleierne Erschöpfung kämpfen. Ich muss die körperlichen Überlastungsreaktionen hinnehmen. Ich muss die Suizidgedanken akzeptieren und verschweigen. Ich muss die Panik verstecken. Ich muss den Selbsthass runterschlucken.

Ich muss so viel Kaffee in mich reinschütten, dass mir schlecht davon wird. Ich muss mich durch Alpträume und Sekundenschlaf und Zitter-Anfälle und Meltdowns prügeln, um noch einen Arbeitstag vor dem Wochenende schaffen zu können. Ich muss das Wochenende im Bett verbringen und versuchen, bis Montag wieder geradeaus laufen zu können.

Ich darf die Dinge nicht tun, die es erträglicher machen würden, weil ich dann nicht mehr „normal“ wirken würde.

Es geht nicht darum, dass ich einen aushaltbaren Alltag habe. Es geht nicht darum, mich mit meinen Tätigkeiten wohlzufühlen. Es geht nicht darum, ein lebenswertes Leben zu führen. Es geht nur darum, genausoviel hinzukriegen wie alle anderen „normalen“ Menschen auch.

Ja: Wenn ich mir wirklich Mühe gebe, kann ich „es schaffen“. Für eine Weile. Bis ich zusammenbreche – oder sterbe.

Nach dem letzten Zusammenbruch habe ich mich dagegen entschieden.

Ich versuche nicht mehr, Menschen in die Augen zu schauen, wenn ich mit ihnen rede, wenn mir das unangenehm ist. Ich versuche nicht mehr, stillzuhalten, wenn ich mich bewegen muss. Ich beiße nicht mehr die Zähne zusammen, wenn es zu laut und zu hell und zu viel ist, sondern ich schütze mich davor. Ich kaufe kein „normales“ Essen mehr, sondern solches, das ich auch essen kann. Ich riskiere nicht mehr meine Sicherheit, indem ich mir ohne Begleitung Aktionen vornehme, die mich überfordern.

Ich gehe nicht mehr arbeiten.

Ich entscheide mich dagegen, mein Leben zu riskieren, nur um kapitalistischen Ansprüchen zu genügen.

Ich entscheide mich dagegen, jeden Tag nur zu überstehen, statt ihn zu erleben.

Ich entscheide mich dafür, meine Einschränkungen zu akzeptieren.

Ich entscheide mich dafür, mich zu schützen. Mein Leben zu schützen.

Ich entscheide mich für mich.

Und das bedeutet: Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein.

Werbeanzeigen

Exekutive Dysfunktion oder: Warum kriege ich nichts hin?

Was ist Exekutive Dysfunktion?

Exekutive Dysfunktion beschreibt im weitesten Sinne Probleme damit, Dinge zu tun. Das klingt sehr allgemein – und ist es auch. Der Begriff ist relativ unbekannt, was dazu führt, dass diejenigen von uns, die Exekutive Dysfunktion haben, oft selbst nicht wissen, was das Problem ist.

Wir halten uns für „faul“, „kaputt“, sind von den vielen Aufgaben des Alltags komplett überfordert und wissen einfach nicht, warum. Wir schieben Dinge wochen-, monate- oder jahrelang vor uns her, egal, wie dringend wir sie erledigen wollen oder müssen. Das „Vor-Sich-Herschieben“ wird oft auch Prokrastination genannt, aber Prokrastination im klassischen Sinne wird meistens durch Ängste verursacht, während Exekutive Dysfunktion etwas ist, das uns unser Leben lang und überall begleitet.

Exekutive Dysfunktion tritt besonders häufig bei Autismus, ADHS, Schizophrenie und anderen Neurodivergenzen und psychischen Krankheiten auf, ist aber nicht darauf beschränkt.

Was umfasst die Exekutive Dysfunktion?

„Exekutive Funktionen“ ist der allgemeine Begriff für die Fähigkeit, Aufgaben anzufangen, fortzusetzen und abzuschließen. Exekutive Dysfunktion, also eine Störung der Exekutiven Funktionen, behindert uns entsprechend darin. Mit dem Wort „Aufgabe“ ist hier ganz allgemein irgendein Ding gemeint, das getan werden soll, also zum Beispiel „ein Glas Wasser trinken“, „das Zimmer aufräumen“ oder „eine Abschlussarbeit schreiben“.

1. Aufgaben anfangen

Menschen mit Exekutiver Dysfunktion haben oft Probleme damit, Aufgaben zu beginnen.

Viele von uns haben Schwierigkeiten, Körpersignale wie Durst, Hunger oder Müdigkeit wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Deswegen vergessen wir oft, Aufgaben anzufangen, um diese körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Gesprochene Anweisungen sind für viele von uns schwierig zu verarbeiten. Wenn wir sie nicht aufschreiben, vergessen wir die Hälfte der Anweisungen sofort.

Aber auch, wenn wir genau wissen, was wir machen müssen, können wir es oft nicht machen, weil der Impuls zum Anfangen ausbleibt. Wir sind sozusagen startbereit, aber der Startschuss kommt einfach nicht.

Wir stehen oft überfordert vor der Gesamtaufgabe und sind unfähig, uns die Einzelschritte zu überlegen, die dafür nötig sind. Den Menschen ohne Exekutive Dysfunktion fällt das so leicht, dass sie meistens nicht einmal bemerken, dass zum Beispiel „Duschen“ nicht eine einzelne Aufgabe ist, sondern aus ganz vielen einzelnen Schritten besteht: Ich muss ins Bad gehen, mich ausziehen, das Wasser aufdrehen, dann muss ich die Shampooflasche nehmen, mir die Haare waschen, dann muss ich das Shampoo wieder ausspülen, dann das Duschgel nehmen, meinen Körper waschen und so weiter.

Viele von uns sind auch schon von der schieren Anzahl der Möglichkeiten überfordert, um eine Aufgabe zu lösen. Wir können uns nicht entscheiden, welches Kapitel unserer Abschlussarbeit wir zuerst schreiben, welche der 15 Tassen wir aus dem Schrank nehmen, ob wir über die Ampel oder durch die Unterführung gehen.

Gedächtnisprobleme können auch eine Rolle spielen, wenn wir zum Beispiel etwas, das wir einmal gelernt haben, in einer neuen Umgebung überhaupt nicht mehr anwenden können.

Diese Probleme führen dazu, dass wir oft schon beim Gedanken an eine komplizierte Aufgabe verzweifeln. Wir bleiben oft „stecken“ und anstatt eine Aufgabe zu erledigen, schaffen wir gar nichts mehr.

2. Weitermachen und Dranbleiben

Menschen mit Exekutiver Dysfunktion haben oft Probleme damit, an einer Aufgabe dranzubleiben, sie ohne Ablenkung oder unerwünschte Unterbrechungen fortzusetzen.

Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis/ Arbeitsgedächtnis können dazu führen, dass wir ständig vergessen, was wir gerade tun. Wir können uns nicht mehr erinnern, was wir gerade eben gemacht haben und wir haben oft zusammenhanglose Gedankengänge, die es schwer machen, eine Aufgabe lückenlos durchzuführen.

Konzentrationsschwierigkeiten und leicht ablenkbar zu sein ist auch ein Teil von Exekutiver Dysfunktion. Schon eine kurze Unterbrechung kann dazu führen, dass wir gar nicht mehr wissen, wo wir stehen geblieben waren und sehr lange brauchen, um wieder in die vorherige Tätigkeit hineinzufinden.

Viele von uns haben Probleme mit der Impulskontrolle, das heißt, wir lenken uns oft selbst ab, weil uns irgendwas ganz Wichtiges einfällt, das wir jetzt sofort unbedingt machen müssen, oder weil wir versuchen, viel zu viele Sachen gleichzeitig zu machen.

Ganz im Gegenteil kann es für uns aber auch manchmal extrem schwierig sein, wichtige Ablenkungen überhaupt wahrzunehmen. Das nennt sich Hyperfokus, das heißt, wir sind so konzentriert auf eine Aufgabe, dass wir alles andere komplett vergessen.

Viele von uns haben auch Probleme damit, zu erkennen, wann eine Pause oder Unterbrechung notwendig ist.

3. Aufgaben beenden und abschließen

Für Leute mit Exekutiver Dysfunktion kann es schwierig sein, eine Aufgabe zu unterbrechen oder zu beenden. Wie beim Anfangen fehlt uns der Impuls dafür. Wir machen einfach mit unserer momentanen Tätigkeit weiter, weil wir unsere Konzentration und unseren Gedankenstrang sehr schlecht selbständig unterbrechen können oder weil wir fürchten, nach einer Unterbrechung nie wieder hineinzufinden.

Aufgaben zu wechseln, ist für uns besonders schwierig, weil wir dazu nicht nur unsere momentane Aufgabe unterbrechen oder beenden müssen, sondern auch noch eine neue Aufgabe anfangen müssen – und damit haben wir wieder die zuvor beschriebenen Probleme.

Für viele von uns ist es auch schwierig, eine Aufgabe vollständig abzuschließen, weil wir durch Ablenkungen und Unterbrechungen immer aufhören, bevor wir fertig sind. Ein chronisches Problem für viele Menschen mit Exekutiver Dysfunktion ist das Ansammeln unzähliger angefangener Projekte, die sie niemals beenden.

Welchen Einfluss hat Exekutive Dysfunktion auf unser Leben?

Probleme mit Exekutiven Funktionen begleiten die meisten von uns unser ganzes Leben lang. Für viele von uns bestimmt es unseren kompletten Lebensablauf oder zumindest Teile davon.

Die Stärke der Exekutiven Dysfunktion kann abhängig sein von äußeren Umständen, Stresslevel, dem emotionalen und gesundheitlichen Zustand und vielen weiteren Faktoren. Verständnis und Unterstützung im Alltag können erheblich dazu beitragen, die Beeinträchtigung durch unsere Exekutive Dysfunktion zu verringern.

Wie zuvor beschrieben hat Exekutive Dysfunktion viele verschiedene Komponenten. Nicht alle von uns haben mit allen diesen Punkten Schwierigkeiten. Für manche Menschen kann es schwieriger sein, mit Ablenkungen umzugehen, andere haben größere Probleme mit der Aufgabenplanung.

Menschen, deren Leben stark von Exekutiver Dysfunktion beeinflusst ist, haben zum Beispiel Probleme mit dem Haushalt, mit dem Einkaufengehen, mit Körperflege, in der Schule, im Studium, beim Lernen, bei Hausarbeiten, aber auch damit, Termine wahrzunehmen, Papierkram zu erledigen, Freundschaften zu pflegen, einen Beruf oder Hobbies auszuüben.

Was kann helfen?

Was helfen kann, ist stark davon abhängig, welcher Teil der Exekutiven Funktionen uns am meisten Probleme macht.

  • Todo-Listen können helfen, um den Überblick über zu erledigende Aufgaben zu behalten.

  • Notizen können dabei helfen, sich mehrere Aufgaben oder die Einzelschritte zu merken. Sie können auch helfen, nach einer Ablenkung oder Unterbrechung den Faden wieder zu finden.

  • Erinnerungen, Alarme und Timer können helfen, um Anfangs- und End-Impulse zu geben.

  • Festgelegte Routinen können ebenfalls nützlich sein, um Anfangs- und End-Impulse zu geben.

  • Routinen können auch dabei helfen, um die Auswahl zu erleichtern: Wenn ich die gleichen Dinge immer auf die gleiche Art und Weise erledige, muss ich mir nicht jedes Mal lange überlegen, wie ich es dieses Mal machen will.

  • Medikamente können mit einigen Teilen der Exekutiven Funktionen helfen. Sie helfen manchen Leuten mehr, anderen weniger, manchen gar nicht. Nicht alle Menschen können überhaupt Medikamente nehmen. Medikamente sind keine Zauberei, aber einen Versuch kann es durchaus wert sein.

  • Das Zerlegen von großen Aufgaben in kleinere Teile und Einzelschritte kann sehr hilfreich für Leute sein, die von der Aufgabenplanung überfordert sein. Es ist oft überfordernd, sich eine ganze komplizierte Aufgabe auf einmal vorzunehmen. Wer zum Beispiel Schwierigkeiten hat, sich dazu zu motivieren, das ganze Zimmer aufzuräumen, hat es vielleicht leichter, nur eine einzelne Schublade aufzuräumen oder nur den Staub zu wischen. Es ist okay, wenn du eine Aufgabe, die andere Leute total einfach finden, schon anspruchsvoll findest und aufteilen musst!

  • Überforderung, Stress und Überlastung haben für viele von uns einen negativen Einfluss auf die Exekutive Dysfunktion. Daher kann es helfen, wirklich nur so viel zu machen, wie wir können, auch, wenn das viel weniger ist als bei anderen Menschen.

 

Ein paar Worte zum Schluss

Wenn du Probleme mit Exekutiven Funktionen hast, bist du damit nicht alleine!

Exekutive Dysfunktion ist etwas, das Menschen sehr stark behindern kann. Wie stark du damit kämpfen musst, sagt nichts über deine Intelligenz, deine Kreativität oder deinen Wert als Mensch aus. Du bist nicht „faul“ oder „kaputt“.

Es ist okay, wenn du Ausreden erfinden musst, um durchzukommen. Es ist okay, wenn du weinen musst, weil du mal wieder gar nichts hinbekommen hast. Du hast es verdient, dass auf deine Schwierigkeiten Rücksicht genommen wird. Exekutive Dysfunktion ist eine Behinderung, für die du nichts kannst.

Diejenigen von euch, die keine Exekutive Dysfunktion haben, möchte ich bitten, auf uns Rücksicht zu nehmen. Nehmt es uns nicht übel, wenn wir Abmachungen oder Termine nicht einhalten können. Wir geben uns Mühe.