Neurodivergenz

Neurodivergent zu sein, bedeutet, dass unser Gehirn anders funktioniert, als üblicherweise als „normal“ angenommen wird. Das heißt nicht, dass wir „unnormal“ sind – aber wir werden oft so angesehen.

Das Gegenteil von neurodivergent ist neurotypisch. Das Gehirn von neurotypischen Menschen funktioniert so, wie das als „normal“ angesehen wird.

Neurodiversität ist ein ähnliches Wort, aber es hat eine etwas andere Bedeutung. Neurodiversität heißt, zu akzeptieren, dass manche Menschen neurodivergent sind und manche nicht und dass das ganz normal und gut so ist.

Weitere Begriffserklärungen gibt es hier (auf Englisch).

Hier ist eine Erklärung der Person, die das Wort Neurodivergenz erfunden hat (auch Englisch).

Einige Neurodivergenzen sind z.B. Psychosen, Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder Narzisstische Persönlichkeitsstörung, ADHS, Depressionen, Legasthenie, Epilepsie, Down-Syndrom und viele weitere.

Es ist egal, ob die Neurodivergenz schon immer vorhanden war oder erst später im Leben auftrat.

Eine Person kann auch mehrfach neurodivergent sein, das heißt, mehrere Neurodivergenzen gleichzeitig haben.

Neurodivergenz ist kein medizinischer Begriff. Es ist ein Wort, das wir benutzen, um uns miteinander auszutauschen und für unsere gesellschaftliche Anerkennung und gegen unsere Diskriminierung zu kämpfen.

Wenn du den Begriff für dich nicht passend empfindest, musst du dich nicht so nennen. Du darfst dich aber neurodivergent nennen, wenn du denkst, dass es auf dich zutrifft.

Das Wort Neurodivergenz ist wertungsfrei. Es sagt nichts darüber aus, ob die Neurodivergenz als belastend empfunden wird und Leidensdruck verursacht. Es sagt auch nichts darüber aus, ob und wie stark die Neurodivergenz zu einer Behinderung führt.

Es gibt Menschen, die alle oder einige ihrer Neurodivergenzen als unangenehm empfinden und am liebsten ohne sie leben würden. Es gibt andere Menschen, die alle oder einige ihrer Neurodivergenzen ganz okay finden und nichts daran ändern möchten.

Mit dem Begriff soll auch keine Abschaffung enger gefasster Räume erzielt werden. Es ist immer noch sinnvoll, z.B. Gemeinschaften nur für Autist*innen oder nur für Borderliner*innen zu haben.

Das alles heißt auch nicht, dass jetzt plötzlich „alle“ neurodivergent sind. Es gibt tatsächlich erschreckend viele Menschen, die sehr neurotypisch sind.

Es macht Sinn, diesen weit gefassten Begriff zu haben, weil viele unserer Probleme und Eigenschaften mehrere Gruppen von Neurodivergenten betreffen. Zum Beispiel betrifft exekutive Dysfunktion nicht nur Menschen mit ADHS, sondern auch Depressive, Schizophrene, Autist*innen und viele mehr.

Wir haben viele ähnliche Erlebnisse und machen ähnliche Erfahrungen. Zum Beispiel haben nicht nur Autist*innen Meltdowns und Shutdowns. Nicht nur Borderliner*innen haben Probleme mit emotionaler Regulierung. Nicht nur Depressive kämpfen mit Schlaflosigkeit oder lähmender Müdigkeit.

Außerdem sind wir praktisch alle von Behindertenfeindlichkeit (Ableismus), Neuro-Normativität, Diskriminierung und einem Mangel an Rücksicht und Hilfeleistungen betroffen.

Ein weiterer Vorteil dieses weit gefassten Begriffes ist, dass mehrfach neurodivergente Menschen nicht aus dem Raster fallen, wie das in enger gefassten Räumen leider oft der Fall ist.

Der Begriff ermöglicht mehr Selbstbestimmung und weniger Pathologisierung als medizinische Diagnosebegriffe. Es ist okay, deine Neurodivergenz(en) toll zu finden, egal zu finden und es ist auch okay, sie zu hassen. Es ist Raum für Selbstdefinition abseits von psychiatrischen Kategorien.

Es ist auch Raum für Menschen, die nicht wissen, wo oder wie sie genau hineinpassen. Nicht alle haben eine Diagnose oder auch nur eine grobe Ahnung, wie genau ihre Neurodivergenz heißt.

Mit einem gemeinsamen, inklusiven Kampf für Neurodiversität und für alle neurodivergenten Menschen ist es auch leichter, für Menschen mitzukämpfen, die aufgrund ihrer Behinderungen oder Stigmatisierungen keine großen eigenen Gemeinschaften haben.

Der Zusammenschluss als neurodivergente Menschen hilft (hoffentlich) auch, den weit verbreiteten lateralen Ableismus zu bekämpfen, bei dem verschieden neurodivergente Menschen sich gegenseitig diskriminieren, wie z.B. das „beliebte“ Schlechtreden von Persönlichkeitsstörungen durch Autist*innen.

(Falls die Haters das hier lesen: Darüber rege ich mich seit mindestens einem Jahr auf. Das ist also kein Seitenhieb gegen euch. Küsschen.)

Der zusammenfassende Begriff der Neurodivergenz ermöglicht es uns, weniger Ausschlüsse zu erzeugen, effektiver gegen Ableismus zu kämpfen und uns gegenseitig zu unterstützen. Ziemlich cool, oder?

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