Binder: Infosammlung

Binder sind eine Wissenschaft für sich. Weil sie auch nicht gerade billig sind, ist es schwierig, viele durchzuprobieren – und möglichst der erste sollte zufriedenstellend passen. Hier meine kleine Zusammenfassung von allem, was ich weiß, in der Hoffnung, dass es irgendwem was bringt.
Wenn ihr Erfahrungsberichte, Fragen, Hinweise, Anmerkungen und Ergänzungen habt, meldet euch! Ich werde auch gern den Artikel um mehr Infos (oder Links oder Fotos) erweitern.

Einige Infos vorneweg

  • Binder sind nicht gesundheitsschädlich. Ja, wenn ihr monatelang jeden Tag einen Binder tragt, wird sich das Gewebe anpassen und eure Brüste werden danach auch ohne Binder platt gequetscht aussehen. Das ist nicht gefährlich.
  • Zu enge Binder, billige Binder und Bandagen können sehr wohl gesundheitsschädlich sein! Das kann sogar soweit gehen, dass deine Knochen sich verschieben (!!!). Trage keinen zu engen Binder oder selbstgemachte Bandagen, und besonders nicht, wenn du noch nicht komplett fertig gewachsen bist!
  • Ein Binder sitzt richtig, wenn er die Brüste platt drückt, aber am Rest vom Körper nur gut anliegt. Er darf nirgendwo anders quetschen. Fettgewebe in Form schieben ist okay – Striemen hinterlassen oder wirklich Druck ausüben ist NICHT okay.
  • Es ist möglich, in einem Binder unbehindert zu atmen. Wenn du in deinem Binder nicht gut atmen kannst, trägst du den falschen Binder. Wähle eine größere Größe oder einen Binder aus elastischem Material.
  • Sport-BHs haben eine andere Funktion als Binder. Um die Brüste platt zu drücken, muss oft eine sehr kleine Größe gewählt werden, und das ist gesundheitsschädlich.
  • Binder funktionieren nicht für alle. Manche Leute mögen den Druck auf der Brust nicht. Andere Leute bekommen von einem stramm sitzenden Binder einen Juckreiz, der sie sehr stört. Manche Leute können sich an diese Dinge gewöhnen, andere nicht.
  • Binder sind keine Pflicht. Nein, auch ein Transmann muss keinen Binder tragen, wenn er das Gefühl nicht mag, sich keinen leisten kann oder aus irgend einem anderen Grund eben keinen Binder trägt. Deal with it.
  • Um die Größe für den Binder zu messen, … nein, ich gebe auf. Du musst auf der Website des Herstellers schauen, weil sie alle ihre eigenen Maßtabellen und Messsysteme haben. Manche wollen, dass du an der weitesten Stelle der Brust misst, andere wollen, dass du oberhalb der Brust misst, andere wollen den Wert von unterhalb der Brust. Viel Glück.

Einige Hersteller/Händler

Hilfreiche Links

Ich würde so gern Binder tragen, aber…

  • …ich habe das Gefühl, keine Luft zu bekommen / fühle mich eingeengt: Wähle einen halb langen Binder aus dünnerem, elastischen Material (je kürzer, desto besser), z.B. Danae Trans-Vormer Basic, und geh vielleicht eine Größe hoch. Die Brust wird dann ggf. nicht ganz so flach wirken. Unter Umständen ist aber auch ein Binder mit Klettverschluss sinnvoll (z.B. T-Kingdom 1480 oder Danae mit Klettverschluss), der sich bei Bedarf lockern lässt.
  • …es sieht komisch aus, macht komische Wulste: Versuch mal, eine Größe hochzugehen (ja). Das passiert meist bei großen Brüsten. Mit einem größeren Binder hast du mehr Spielraum, um das Gewebe in Form zu bringen. Zusätzlich kann es hier sinnvoll sein, einen langen Binder zu wählen.
  • …ich bin nicht so gelenkig und kann mir so etwas enges nicht über den Kopf ziehen: Binder, die einen Verschluss auf der Vorderseite haben, sind sehr leicht anzuziehen.

Auswahl des richtigen Binders

  1. Verschlussart

    Die Verschlussart bestimmt, die einfach oder schwer der Binder angezogen werden kann, wie stramm er sitzen kann und wie er ggf. durch die Kleidung hindurch zu sehen ist.

    1. Reißverschluss
      Vorteile: Mit einem Reißverschluss (bei Danae auf der Vorderseite) ist der Binder sehr einfach anzuziehen. Er kann auch relativ fest verarbeitet werden und dadurch sehr stramm sitzen, ohne beim Anziehen ein zu großes Problem darzustellen.
      Nachteile: Ein Binder mit einem Reißverschluss ist nicht verstellbar. Er passt entweder, oder eben nicht. Außerdem ist der Reißverschluss durch dünne Kleidung zu sehen. Der Ausschnitt sitzt auch oft sehr weit oben, sodass er nur unter Shirts mit sehr engem Ausschnitt verschwindet.
    2. Klettverschluss
      Vorteile: Mit einem Klettverschluss (Bei T-Kingdom unter der Achsel, bei Danae auf der Vorderseite) ist der Binder einstellbar. Er kann stramm angelegt werden oder bei Bedarf gelockert werden. Es ist auch festes Material verwendbar. Er passt sich an die Körpergröße an. Der Verschluss unter der Achsel ist nur bei ärmellosen oder sehr engen Shirts ein optisches Problem. Außerdem kann der Klettverschluss helfen, sehr widerspenstige Brüste in Form zu drücken, weil er auch schräg geschlossen werden kann.
      Nachteile: Das Schließen des Klettverschlusses unter der Achsel kann ohne Hilfe in eine ziemliche Fummelei ausarten. Ich fand es sehr anstrengend. Auf der Vorderseite ist es allerdings ziemlich einfach.
    3. Häkchen
      Vorteile: Mit Häkchen (habe ich bisher nur unter der Achsel gesehen) lässt sich der Binder sehr einfach verschließen. Die Angelegenheit ist außerdem etwas flacher und weniger störend als ein Klettverschluss. Durch die Verschlussmöglichkeit kann er stramm sitzen und mit relativ weitem Ausschnitt geschnitten werden, sodass er optisch kaum stört.
      Nachteile: Wenn nur eine Reihe Häkchen gesetzt ist, ist der Binder nicht einstellbar.
    4. Kein Verschluss – zum Überziehen
      Vorteile: Ein Binder ohne Verschluss verschwindet unter den meisten Shirts, auch unter ärmellosen Hemden. Es gibt Menschen, die sie einfacher zum Anziehen finden – das ist nicht meine Erfahrung.
      Nachteile: Ich finde sie verdammt schwer anzuziehen. Wenn ein Binder ohne Verschluss stramm sitzen soll, ist es für mich eher schmerzhaft, ihn über die Arme zu ziehen. Wenn er groß genug ist, damit ihn bequem anziehen kann, quetscht er mir nicht genug, um ihn unter einem T-Shirt zu tragen. Weiterhin ist er ebenfalls nicht einstellbar. Die Größe muss das Optimum zwischen „Ich kann ihn anziehen“ und „Er macht die Brüste platt“ sein – das heißt viel Durchprobieren.
      Hinweis: Manchmal wird empfohlen, diese Binder „von unten“ anzuziehen, also mit den Beinen zuerst. Wie das gehen soll, ist mir völlig unverständlich, weil ich nach wenigen Zentimetern auf unüberwindbare Hüftknochen stoße. Aber vielleicht bringt es ja wem was.
  2. Größe

    Selbstredend ist die Größe des Binders ein wichtiger Faktor. Welche Größe optimal ist (eher die größere oder die kleinere?) hängt sehr von der Verarbeitungsart des Binders ab. Insbesondere die Verschlussart spielt eine große Rolle.

    Bei einstellbaren Verschlussarten (Klettverschluss oder Häkchen mit mehreren Reihen) besteht viel Spielraum und der Binder kann an den eigenen Körper optimal angepasst werden.

    Aufpassen: Wenn der Binder zu klein ist, wirst du ihn trotzdem nicht anziehen können!

    Ein Binder ohne Verschluss, der zu klein ist, lässt sich nicht anziehen.
    Nein, auch nicht mit Luft Anhalten und Quetschen und ziehen. Du wirst ihn nicht über bekommen. Punkt.

    Verschiedene Hersteller bieten verschiedene Größen an. Was beim einen Hersteller S heißt, heißt beim anderen XS oder M. Im Zweifelsfalle nachmessen und die Größentabelle des Herstellers anschauen!
    Der kleinste Binder, den ich bisher gefunden habe, ist Größe XXS von gc2b, bei 71 cm Brustumfang (ich würde sogar sagen, eher kleiner, aber das steht halt in der Größentabelle). Die größten Binder, die ich bisher gesehen habe, finden sich bei Underworks und gehen bis über 140 cm Brustumfang.

  3. Waschen

    Manche Binder lassen sich nur mit der Hand waschen. Von Underworks habe ich gelesen, dass sie ziemlich zerfleddern, wenn sie mit der Maschine gewaschen werden.
    Gc2b empfiehlt Handwäsche, schreibt aber gleich dazu, dass du den Binder auch in die Maschine werfen kannst.
    Die Binder von Danae gehen ebenfalls in die Waschmaschine.
    Falls möglich, ist es natürlich schonender, einen Binder mit der Hand zu waschen. Er wird dann einfach länger halten.

  4. Material und Verarbeitungsart

    Die Materialien und Verarbeitungen, die ich bisher kennengelernt habe, sind folgende:

    1. Elastisches Material ohne Stütznähte (z.B. Danae Trans-Vormer Basic)
      Binder aus elastischem Material ohne Stütznähte sind sehr gut geeignet, um sie einfach überziehen zu können. Der Effekt wird entsprechend geringer ausfallen, dafür ist der Tragekomfort sehr hoch.
    2. Das Modell Brustpanzer (z.B. T-Kingdom Model 1480)
      Das Modell Brustpanzer besitzt an der Vorderseite einen sehr steifen, unelastischen Teil aus sehr dickem Material. Dieser kann Unebenheiten etc. sehr gut kaschieren.
    3. Unelastisches, dünnes Material (z.B. die 5-Euro-Ebay-Variante)
      Billiges Zeug. Sie sind aber nur genau dann ungefährlich, wenn du ganz tief einatmen kannst, ohne Widerstand zu spüren. Das bedeutet auch, dass solche billigen Binder nur ungefährlich sind, wenn sie die Brüste nur ein bisschen abbinden.
    4. Festes, mehrlagiges Material mit Stütznähten (z.B. gc2b), bzw. einfach sehr festes Material (Danae mit Option „extra fest“)
      Binder, die sehr fest verarbeitet sind, sind entsprechend schwierig anzuziehen. Der Effekt ist dafür besser. Es fühlt sich meiner Meinung nach aber auch sehr einengend an. Wenn du das Gefühl hast, in deinem Binder keine Luft zu kriegen, wähle dünneres Material. Der Vorteil von Stütznähten ist, dass sie die Brüste besser in Form halten und ein Verrutschen behindern.
    5. Fest verarbeitetes, aber immer noch elastisches Material (z.B. Danae Trans-Vormer Sport)
      Angenehm zu tragen bei gleichzeitig vernünftigem Effekt, wenn du Glück hast. Wenn du Pech hast, kann es die Brüste wie ein Sport-BH nach oben schieben und funktioniert gar nicht. Bei Rückenproblemen und Problemen mit engen Kleidungsstücken würde ich so einen Binder zuerst probieren.
  5. Länge des Binders

    1. Volle Länge bis über den Hosenbund
      Lange Binder eignen sich besonders gut, um ihn ohne etwas darüber anzuziehen. Bei dicken bzw. fetten Menschen kann ein langer Binder zusätzlich die Hüften ein wenig zusammendrücken und somit für eine geradere Körperform sorgen, die maskuliner wirkt. Außerdem ist kein ggf. abstehender Rand auf dem Bauch zu sehen und der Binder neigt weniger stark zum Verrutschen.
      Ein weiterer Vorteil ist, dass lange Binder im Winter sehr warm sind – der Nachteil ist, dass sie im Sommer ebenfalls ziemlich warm sind.
      Ein Nachteil kann sein, dass sie auch ziemlich auf den Bauch drücken. Ich fühle mich in einem langen Binder sehr eingeengt und habe das Gefühl, schlecht atmen zu können. Außerdem ist ein langer Binder ohne Verschluss natürlich noch schwieriger anzuziehen als ein kurzer.
    2. Kürzerer Binder, halbe Länge
      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es einfach ist, sich vom BH auf einen kurzen Binder umzugewöhnen.
      Sie können weder Bauch noch Hüften in Form drücken, was je nach Vorliebe ein Vorteil oder ein Nachteil sein kann.
      Je nach Material kann ein kurzer Binder auch gut als Ersatz für ein Bikini-Oberteil geeignet sein.
  6. Brustgröße und Brustform

    Die Größe und Form der Brust ist natürlich ausschlaggebend für die Wahl des Binders. Kleine Brüste und Brüste mit breiter Wurzel, die von sich aus bereits weit hinter der Achsel verschwinden, sind am einfachsten zu kaschieren – hier würde ich empfehlen, Verschluss und Verarbeitungs-Art des Binders nach Tragekomfort auszuwählen. Bereits ein kaum drückender Binder aus elastischem Material kann einen ausreichenden Effekt erziehen. (Denkt dran: Der Brustkorb von Leuten ohne Boobs ist auch kein Brett. Eine kleine Wölbung erzielt einen natürlichen Effekt.)

    Die Binder von gc2b sollen auch für große Brüste gut geeignet sein. Generell gilt für große Brüste, dass kleiner (enger) nicht unbedingt besser ist, weil es dann keinen Spielraum mehr gibt, um das Gewebe in Form zu schieben.

    Bei Brüsten jeder Form und Größe gilt: Das Zurechtrücken des Gewebes nach dem Anziehen ist die halbe Miete! Dazu solltest du unter den Achseln unter den Binder greifen und die Brüste nach außen und unten schieben.
    Es gibt auch sehr „widerspenstige“ Brüste, die sich kaum zurechtrücken lassen bzw. sehr schnell wieder ausbrechen.
    Je nach Schnitt des Binders und Körperform kann es auch sein, dass der Binder die Brüste gar nicht abbindet oder sie sogar nach oben schiebt und noch prominenter macht. Das ist insbesondere ein Risiko, wenn der Binder keine Stütznähte hat, die die Brüste in Form bringen (z.B. Danae). Binder mit Stütznähten oder einem rauhen Innenmaterial (z.B. gc2b) können helfen, ein Verrutschen des Gewebes zu verhindern.
    Wahrscheinlich ist in so einem Fall ein maßgeschneiderter oder angepasster Binder die beste Wahl.
    Wenn du mit dieser Problematik Erfahrungen hast und eine Lösung gefunden hast: bitte sag mir, welche das war!

  7. Lieferzeit

    Wer schnell und am besten vorgestern einen Binder will, sollte nicht unbedingt aus den USA bestellen. Erfahrungsgemäß kommen Artikel aus Asien innerhalb von 1-2 Wochen, aus der EU binnen weniger Tage. Auf Bestellungen aus den USA hab ich schon monatelang gewartet. Das ist auch in Hinsicht auf möglichen Umtausch des Artikels zu beachten.

  8. Preis

    Binder sind leider ziemlich teuer. Die 5-Euro-Ebay-Variante lohnt sich nicht, da du mit deiner Gesundheit vermutlich einen höheren Preis bezahlst. Viel Unterschied gibt es bei den Bindern nicht – zusammen mit Versandkosten war ich immer bei um die 50 Euro. (An dieser Stelle der freundliche Hinweis: Wenn du einen Binder hast, den du nicht trägst, schenke oder verkaufe ihn weiter – viele von uns haben wenig Geld und haben große Schwierigkeiten, die 50€ für einen neuen, professionellen Binder auszugeben.)

Fotos und Erfahrungsberichte

High Performance Velcro Short von Lesloveboat (Juya), Größe L

bei einer BH-Größe von ca. 70E (ungefitted hätte ich wohl 75B/C getragen)

Toll: fühlt sich erträglich an.

Nervig: Der festere Stoff geht nicht über die gesamte Vorderseite, sondern endet kurz unter dem Halsausschnitt. Es ist deswegen sehr leicht, die Brüste oben herauszudrücken, wenn der Klettverschluss nicht unten deutlich weniger eng ist als oben. Dadurch steht der untere Teil aber zu weit ab und macht auch unter weiterer Kleidung eine deutliche Kante.

Der Klettverschlussteil auf der Seite ist extrem fest/dick und saß bei mir so, dass er ganz stark auf die Rippen drückte, wenn ich zB ein bisschen zusammengekauert dasaß.
Während ich den Klettverschluss meistens eng/in der Mitte zumachte, fühlte sich der Binder an den Schultern zu eng an, egal wie locker er war. Also: Nervig bewegungseinschränkend. Andererseits hatte ich nie Verspannungen (wie mit falsch sitzenden Sport-BHs immer).
Die Brüste ließen sich praktisch gar nicht in Form schieben.

Danae Trans-Vormer 102 Basic

BH-Größe ca. 65 B-C

danaebasic
Kein Verschluss, halbe Länge. Das Material ist sehr elastisch und weich. Dieser hier ist mir eigentlich ein bisschen zu groß (Größe S), aber der Effekt ist trotzdem okay. Den trage ich an Tagen, an denen ich mit dem Druckgefühl nicht klarkomme.

Danae Trans-Vormer 104 Sport

BH-Größe ca. 65 B-C

danaesport
Reißverschluss vorne, halbe Länge (Größe XS). Das Material ist immer noch elastisch, der Binder gibt sehr guten Halt und einen guten Plättungs-Effekt. Durch den Reißverschluss nur unter schlabberigen Oberteilen schön.

Danae Trans-Vormer 103 Singlet, Option Extra Fest

BH-Größe ca. 65 B-C

danaelangextrafest
Langer Binder ohne Verschluss, mit der Option „Extra fest“, Größe XS. Das Material ist sehr steif und gerade so elastisch, dass ich es aus- und anziehen kann. Nur für sehr gelenkige und leidensfähige Menschen zu empfehlen. Nächstes Mal werde ich entweder eine Größe größer nehmen oder kein extra festes Material.

T-Kingdom 1480

BH-Größe ca. 65 B-C

tkingdom1480
Klettverschluss unter der linken Achsel. Das Material auf der Brust ist sehr steif und fest – ein Brustpanzer.

Billigzeug

BH-Größe ca. 65 B-C

ebay
Billiger Noname-Binder von Ebay, der mir unvermutet gut passt. Der Verschluss ist eine Reihe Häkchen. Das Material ist dünn und unelastisch. Ich kann ihn nur deshalb tragen, weil er zwar eng genug ist, um meine Brüste abzudrücken, aber ansonsten weiter ist als mein Körper. Das bedeutet, dass der Effekt nicht besonders gut ist und dass der Binder am Bauch absteht.

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Neurodivergenz und Geschlecht

In unserem Aufruf haben wir um Texte zum Zusammenspiel von Neurodivergenz und Geschlecht gebeten, vor allem in Hinblick, wie sich Eure Neurodivergenz auf Euer Geschlecht(-sempfinden) auswirkt.

Hier sind einige Beiträge:

Lian schreibt:

Ich habe aufgrund meiner Neurodivergenz große Schwierigkeiten, mein Geschlecht zu benennen.

Ich wusste zwar schon als Kind, dass ich weder Mädchen noch Junge bin, aber nachdem mir Cisnormativität eingeimpft wurde, akzeptierte ich für lange Zeit mein Schicksal, als „Mädchen“ leben zu müssen, was zu unzähligen Meltdowns und jahrelangem Selbsthass führte.

Die Erkenntnis, dass Geschlecht eben nicht zwischen den Beinen, sondern im Kopf sitzt, war für mich ein Befreiungsschlag, machte mir aber auch bewusst, dass ich keine Ahnung habe, wie mein Geschlecht heißt.

Meine Versuche, mich als „Mann“ zu sehen, haben mir nur deshalb weniger geschadet, weil ich es weniger lang versuchte.

Ich begreife nicht, was „Frau“ oder „Mann“ unabhängig von Körperlichkeiten und Geschlechterrollen bedeuten. Für andere Geschlechter ist es genauso schwierig: Ich kann mir Definitionen durchlesen, aber nicht verstehen.

Also bin ich dazu übergegangen, nachzuforschen, wie ich mich fühle in Bezug auf Körperteile, Kleidung, Namen, Pronomen und Anrede.

Mein Verhältnis zu meinem Körper ist durchwachsen: Modifikationen an Hormonsystem und Reproduktionssystem wünsche ich mir hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen und weil ich meinen Uterus abgrundtief hasse. Ist das Dysphorie? Woher soll ich das wissen? Ich weiß nicht, ob ich meinen Uterus hasse, weil er nicht zu meinem „Geschlecht“ passt oder weil er mir Schmerzen bereitet. Woher wissen Leute so was?

Brüste stören mich meistens nicht, weil mein äußeres Erscheinungsbild mir gleichgültig ist.

„Herren“-Kleidung bevorzuge ich hauptsächlich deshalb, weil die Schnitte erträglicher sind und „Damen“-Kleidung für mich unaushaltbar unbequem ist.
Als Name kam immer nur etwas Geschlechtsneutrales in Frage. Außerdem hat mein selbstgewählter Name eine schöne Farbe. Mein Geburtsname hingegen ist hässlich und falsch.

Pronomen stören mich. Am liebsten sind mir neutrale Pronomen, aber im Alltag benutze ich im Moment „er“.

Als Anrede stört mich „Frau“ mehr als „Herr“, aber vermutlich nur, weil ich mir das „Herr“ wenigstens selbst raussuchen durfte.

Insgesamt habe ich beschlossen, dass eine Transition sinnvoll wäre und Anfang 2015 mit der Zwangs-Begleittherapie begonnen.

Das ist natürlich der absolute Horror. Nicht nur, dass mein Therapeut keine Ahnung von nicht-binären Geschlechtern oder meinen Neurodivergenzen hat; er versteht auch nicht, dass ich nicht im Gesamtbild „Geschlecht“ arbeite, sondern mit einzelnen Aspekten.

Wenn ich also sage, dass Geschlecht für mich nichts Körperliches ist, versteht er nicht, warum ich trotzdem körperliche Veränderungen will. Natürlich darf ich ihm nicht nochmal erklären, dass ich meinen Uterus hasse, denn er sagte mir schon ganz am Anfang, dass das kein Grund für eine Transition wäre. Dass ich mir mehr Körper- und Gesichtsbehaarung wünsche, wäre „so was wie eine Schönheits-OP“ und dass ich es hasse, als „Frau“ bezeichnet zu werden, findet er, wäre alleine kein Grund.
Er ist auch der Meinung, Leute mit „zu vielen psychischen Störungen“ sollten keine Transition machen. (Das sagte er mir ganz am Anfang, als er dachte, ich wäre total neurotypisch.) Er unterstützt mich zwar widerwillig, aber das alles schadet mir sehr und ich wünsche mir nur, einfach akzeptiert zu werden und gesundheitlich notwendige Behandlungen machen und aussuchen zu dürfen, ohne irgendwem beweisen zu müssen, irgendein Geschlecht zu haben, das ich nicht verstehe.

Anonym schreibt:

Geschlecht ist für mich weniger spielerischer Selbstausdruck und mehr eine Quelle für Anxiety in alle Richtungen. Ich versuche, das anders zu handhaben, so, wie ich mir die coolen lockeren Leute von Tumblr vorstelle, aber entspannt sein ist so anstrengend!

Nachdem ich von nichtbinären Geschlechtern erfahren habe, hab ich mir lange vorgeworfen, dass ich mir das einrede, um etwas Besonderes zu sein. Deswegen spürte ich dauernd nach, was mein eigentliches, wahres Geschlecht sein könnte. Ich befürchtete, das Geschlechterthema wäre nur eine Masche meines Kopfes, um mich fertig zu machen, und irgendwann würde er sich ein neues Thema schnappen und damit das selbe machen, und die Trans*-Sache wäre damit vergessen. Auf diese Masche reinzufallen, wäre mir peinlich gewesen. Mein Geschlecht kam mir genauso verschwommen und launisch vor wie alles andere an mir auch. Erst, als ich ein paar Monate lang mitnotierte, begann ich, mich als genderfluid zu sehen, statt bei jedem Wechsel zu denken, ich hätte mich geirrt und gelogen und das hätte alles keinen Zusammenhang.

Anders als viele (?) genderfluide Menschen drücke ich diese Veränderungen kaum durch Kleidung aus. Ich trage meist über längere Zeit nur verschiedene Varianten des selben, in erster Linie bequem. Zwar würde ich oft gerne maskuliner aussehen (eeeeinmal in schlechten Lichtverhältnissen für einen Typen gehalten werden, bitte!), aber selbst meinen Kleidungsstil oder meine Frisur dafür zu ändern sieht einfach nach zu viel Aufwand aus und ich lasse es. Und Phasen, in denen ich mit meinem Körper weniger klarkomme und mir verzweifelt Veränderungen wünsche, fallen oft mit allgemeiner Endzeitstimmung und Aussichtslosigkeit zusammen, und ich weiß nicht, in welche Richtung das zusammenhängt.

Egal, ob das eine realistische Befürchtung ist, oder ob ich mich falsch einschätze: Leute wissen zu lassen, dass ich genderqueer bin, traue ich mir und meinen Gesprächsskills oft nicht zu. Auch den richtigen Moment zu finden fällt mir schwer, und ohnehin befürchte ich, anmaßend zu sein. Deswegen bin ich sehr froh über Namens- & Pronomensschilder, Vorstellungsrunden, in denen zumindest die Pronomen vorkommen, und alle anderen Versuche, über solche Sachen selbstverständlich und an einer fixen Stelle zu reden. Dass ich obskure Pronomen verwende und einen Namen, der cisnormativ gesehen nicht zu meinem Aussehen passt, macht es für mich da allerdings auch einfach. Für andere Leute bringen diese Formate nicht so viel, solange die Verbindung von Namen und Pronomen mit Geschlecht aufrecht bleibt.

Mira schreibt:

Subjektive Geschlechtswahrnehmung zwischen ND-Kompensation und gesellschaftlichem Konstrukt.

Dieser Text wurde geschrieben aus der Sichtweise einer weißen, als weiblich gelesenen, nicht ganz cis-Frau, die einen Universitätsabschluss in einer Naturwissenschaft hat und mit AD(H)S und Depressionen diagnostiziert wurde.

Ich habe erst vor kurzem mein Geschlecht zu meiner Twitter-Bio hinzugefügt. “mostly cis” steht da. Das ‚mostly‘ hat dabei wirklich eine Bedeutung. In meinem Erwachsenenleben werde ich, soweit ich weiß, weiblich gelesen. Es ist nicht unpassend, aber nicht alles. Müsste ich es in Zahlen fassen, macht dieses “weiblich” so ca. 75% aus.

Wie ich mein Geschlecht wahrgenommen habe, unterlag in meinem Leben Schwankunkungen. Von einem wagen Abweichungsempfinden, über Spass mit ‚als männlich gelesen werden‘, keine Frau sein wollen, glücklich mit dem Frausein ist alles dabei. Aus heutiger Sicht spielt meine Neurodiversität dabei eine Rolle, ist aber vermutlich nicht die ganze Erklärung.

Während ich meinen Frauenkörper, als er sich in der Pupertät bildete, erstmal hasste, habe ich mich mit seiner Anatomie arrangiert. Das Bodyshaming, was mit so einem Frauenkörper kommt, ist bis heute der deutlich größere Teil meiner Akzeptanzprobleme meinem Körper gegenüber. Dies ist ein besonders schwieriges Thema, da ich erst mit über 30 diagnostiziert wurde und bis dahin, sämtliche Gefühle mit Nahrungsaufnahme kompensiert habe.

Bei Störungen der Exekutivfunktionen ist Körperpflege und Aussehen ein Projekt, wenn es nicht gerade ein Hyperfokus ist. In der Pupertät wurde ungekämmt und verratzt aussehen zum Style, denn sonst wäre ich einfach nur ungepflegt gewesen. Haarewaschen und Haarefärben machten subjektiv gleich viel Aufwand, also färbte ich mir die Haare regelmäßig. Die Identifikation mit meinem von der Gesellschaft zugewiesenen Geschlecht war nachrangig gegenüber der Identifikation mit gewissen Subkulturen.

In meinen Gedanken gab es immer einen Bruch zwischen meinem Gender und dem normgesellschaftlichen Konstrukt vom Weiblichen. Ich passte nicht so ganz in dieses Schema. Ich hätte es nicht geschafft mich z. B. jeden morgen zu schminken. Also wollte ich nicht ’so ein Mädchen‘ sein. Phasenweise wollte ich wegen Privilegien, die dem männlichen Geschlecht zuteil sind, selber männlich sein.

Wärend des Studiums an einer Technischen Universität war mein Freundeskreis überwiegend männlich*. Relativ dazu empfand ich mich in dieser Zeit als unglaublich weiblich, was sich auch in meiner Kleidung wiederspiegelte. Seit ich mich durch meinen Beruf wieder in einem sehr normierten Teil der Gesellschaft befinde, empfinde ich meine Abweichung vom Weiblichen wieder sehr deutlich.

Dieses Gefühl wird durch Kompensationsverhalten meiner Neurodiversität noch verstärkt: Meine Kleidung muss so viele Ansprüche erfüllen, dass typisch weibliche* Mode oft nicht in Frage kommt.

Mein Geschlecht weicht vom gesellschaftlich konstruierten ab, was teilweise mit meiner Neurodiversität erklärbar ist. Männliches Aussehen ist aus meiner Sicht einfacher zu handhaben. Allerdings reicht das nicht als Erklärung für meine Selbstwahrnehmung. Was diese 25% sind, bleibt zu entdecken.

Robin schreibt:

Trigger-Content: Vergewaltigung, SVV, Depressionen

Ich habe eine diagonistizierte PTBS (post-traumatische Belastungsstörung) sowie chronische Depressionen und definiere mein Geschlecht als nicht-binär, trans und weitestgehend neutrois. Außerdem habe ich viele Schutzmechanismen und „Ticks“ entwickelt, die ich selbst noch nicht so gut einordnen kann.
Bevor ich von „Neurogender“ gehört habe, konnte ich für mich selbst nicht in Worte fassen, warum ich sagen kann das ich mich doch manchmal weiblich fühle und warum. Mit meiner Neurodiversität habe ich es schon gar nicht in Verbindung gebracht.

Mein erstes Mal Sex war nicht freiwillig. Fast alle ersten sexuellen Erfahrungen musste ich mit meinem Vergewaltiger erleben. Mein ganzes darauffolgendes „Liebesleben“ wurde durch dieses Erlebnis geprägt. Immer wieder habe ich mir Partner gesucht, die mich erniedrigen und ausnutzen, bin aber so gut wie nie Beziehungen eingegangen. Dabei habe ich mich immer wieder in Situationen gebracht, die mir extrem unangenehm waren und für die ich mich im nachhinein schäme. In diesen Momenten fühle ich mich immer viel mehr als Frau und kann dieses Erleben eines Geschlechts einfacher in Worten und Gefühlen erfassen. Eine abgeschwächte Form dieses Empfindens kenne ich auch, wenn es um die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung von Frauen* in unserer Gesellschaft geht und ich mich in Schilderungen wiederfinde.
Lange Zeit habe ich mir wegen meines Sexualverhaltens selbst Schmerzen zugefügt. Mein Verhalten wideret mich manchmal so sehr an, dass ich mich vor mir und meinem Körper extrem ekle.

Zusätzlich dazu habe ich eine schwierige Familiengeschichte und darauf aufbauend chronische Depressionen. Mit dem Großteil davon habe ich unfreiwillig keinen Kontakt mehr was mich in der Annahme das ich und besonders auch mein Körper abstoßend und wertlos bin nur bestärkt. Nachdem meine Familie von der Vergewaltigung erfahren hat, wurde mir unterstellt, das ich Lügen erzähle oder mir das nur eingebildet habe. Ich weiß deswegen oft nicht wie ich dazu stehen soll, dass ich ein Problem mit meinem Körper und besonders meiner großen Brust habe. Hat es auch mit meiner Geschlechtsidentität zu tun oder eher damit das ich von Männern sexuell ausgenutzt wurde und nicht nur als Lustobjekt gesehen werden will?

Ich frage mich, ob ich mich überhaupt nicht mehr als Frau empfinden werde wenn ich meine Depressionen überwunden habe oder ob es noch in geschwächter Form erhalten bleibt und wie sich mein Körpergefühl verändern könnte. Ich würde gerne von anderen Menschen lesen denen es ähnlich geht, gerade auch weil mir vieles noch unklar ist und ich nicht weiß wie ich mich ausdrücken kann. Nachdem ich über verschiedene Neurogender gelesen habe würde ich mich am ehesten als Curogender und Traumatagender verstehen, auch wenn mein Empfinden da eher schwammig ist, da ich in jüngster Zeit kaum noch Flashbacks habe.

Falls ich noch einen Beitrag vergessen habe, oder falls jemand noch einen Beitrag hierzu einreichen möchte, bitten wir um Kontakt.