Stimming

Was ist Stimming?

Stimming ist ein englischer Begriff für „selbststimulierendes Verhalten“. Das Wort bezeichnet Dinge, die wir tun, um uns selbst kontrollierte Sinneseindrücke zu verschaffen.

Im Deutschen fehlt ein entsprechender Begriff.

Stimming wird oft als „Herumzappeln“, als „Nervosität“ oder „Unruhe“ fehlinterpretiert.

Es gibt unheimlich viele verschiedene Stims.

Ein paar Beispiele:

  • Im Sitzen hin und her schaukeln
  • Auf Gegenständen oder den Fingern herumkauen
  • Wörter oder Geräusche immer wieder wiederholen
  • Ins Licht blinzeln oder in flackernde Lichter starren
  • Schnippsen oder klatschen
  • Mit den Händen wedeln
  • An Dingen riechen
  • Salz lecken
  • Den Kopf gegen die Wand schlagen
  • Stricken
  • Eine Decke ganz fest um sich wickeln
  • und unzählige weitere Dinge.

Wie ihr seht, gibt es Stims für jeden einzelnen Körpersinn: Für den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn, Geruchs- und Geschmackssinn sowie fürs Sehen und Hören.

Viele Stims basieren auf Wiederholung, wie das Schaukeln, Springen oder Blinzeln. Komplexe Tätigkeiten mit viel Wiederholung wie zum Beispiel Häkeln, Stricken, das Zeichnen von geometrischen Mustern, das Lösen von Puzzles oder Zauberwürfeln usw. können durchaus auch Stims sein.

Andere Stims basieren auf einem konstanten, kontrollierten Sinneseindruck. Hierzu zählen besonders Druck-Stims, also zum Beispiel der Einsatz von beschwerten Decken oder anderen Menschen, um Druck auf den eigenen Körper zu erzeugen, aber auch das feste Einwickeln einzelner Körperteile oder des ganzen Körpers. Aber auch zum Beispiel kopfüber vom Bett zu hängen, kann ein Stim sein.

Sichtbares Stimming wird von Außenstehenden oft für überflüssig und sinnlos gehalten. Sehr häufig wird intensives Stimming auch als „krankhaftes“ Verhalten betrachtet.

Warum stimmen wir?

Stimming ist aber nicht „krankhaft“, und es ist auch alles andere als sinnlos oder überflüssig. Im Gegenteil!

Stimming kann uns helfen, zum Beispiel eine Reizüberlastung durch kontrollierte, starke Sinneseindrücke auszugleichen. Es kann uns beruhigen und uns helfen, Belastungen auszuhalten. Es kann Stress und Ängste verringern und kann uns dabei helfen, uns auf andere Dinge zu konzentrieren.

Abgesehen davon macht Stimming auch unheimlich viel Spaß! Viele von den Menschen, die sehr viel und intensiv stimmen, sind sehr empfindlich gegen Sinneseindrücke. Wir nehmen die durch Stimming erzeugten Reize sehr stark wahr und wenn sie uns gut tun, bereitet uns das sehr viel Freude. Schon ein schwingender Stuhl in einem Wartezimmer kann für manche von uns aus einer angsterfüllten Situation eine euphorische Stim-Party machen.

Stimming kann auch ein Teil von unserer neurodivergenten Körpersprache und Kommunikation sein. Viele von uns wedeln zum Beispiel energisch mit den Händen, um sich auszudrücken. Manche Menschen machen Geräusche, die ihre Stimmung viel besser ausdrücken können als Wörter. Gemeinsames Stimming kann uns manchmal besser miteinander verbinden als ein Gespräch.

Wer stimmt?

Alle Menschen stimmen hin und wieder. Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen Neurodivergenzen stimmen häufiger als neurotypische Menschen. Wir sind auch stärker auf Stims angewiesen, um unseren Zustand und die Reizaufnahme zu regulieren.

Ist Stimming schädlich?

Kurz gesagt: Nein!!!

Nein.

NEIN!!!!!

Stimming ist nicht schädlich. Im Gegenteil! Für viele von uns ist es absolut notwendig, um klarzukommen.

Leider ist Stimming sehr stark stigmatisiert. Viele von uns wachsen mit ständigen Ermahnungen auf. „Sitz doch mal still“, „Dein Gezappel macht mich ganz unruhig“, „Nimm die Finger aus dem Mund“ und ähnliche Anweisungen sind vielen von uns hinlänglich bekannt.

Schädliche „Therapien“ wie ABA versuchen sogar, autistischen Kindern das Stimming gewaltvoll abzugewöhnen und bezeichnen das dann als „Förderung“!

Aber das Abtrainieren von Stimming führt nicht dazu, dass wir weniger autistisch sind, weniger ADHS haben oder unser Gehirn plötzlich anders funktioniert. Es führt nur dazu, dass uns eine der wichtigsten Methoden fehlt, um die enorme Belastung durch Sinneseindrücke und Gefühle auszugleichen!

Die Stigmatisierung von Stims ist behindertenfeindliche Scheiße.

Sollte ich mir Stims abgewöhnen?

Wenn ein bestimmter Stim dich selbst stört, wünschst du dir vielleicht, ihn dir abgewöhnen zu können. Manche von uns haben Stims, die uns selbst schaden. Dazu gehören zum Beispiel: sich gegen den Kopf zu schlagen, sich die Haut aufzukratzen oder aufzubeißen, mit den Gelenken knacken, bis sie wehtun und vieles andere.

Stims können auch problematisch für uns sein, wenn sie nicht sozial akzeptiert sind oder als „eklig“ angesehen werden. Dazu gehören zum Beispiel: In der Nase oder in den Ohren bohren, (nicht-sexuelle) Berührungen am Intimbereich, laute stimmliche Stims und vieles andere.

Es besteht überhaupt keine Pflicht, sich solche Stims abzugewöhnen! Wenn es für dich okay ist oder wenn es dir zu mühsam wäre, sie dir abzugewöhnen, dann ist das ganz allein deine Entscheidung. Nur du selbst darfst bestimmen, was du mit deinem Körper machst, auch dann, wenn es ihm schadet! Wenn Menschen dich für deine Stims verurteilen, sind es schlechte Menschen.

Prinzipiell ist es erfahrungsgemäß unmöglich, sich Stims ersatzlos abzugewöhnen. Wenn wir sie bleiben lassen, wird das Bedürfnis nach kontrollierter Reizerzeugung nicht geringer. Daher können wir uns Stims meistens nur abgewöhnen, indem wir sie durch andere Stims ersetzen.

Wie kann ich schädliche Stims ersetzen?

Es ist oft schwierig, einen bestimmten Stim durch einen anderen zu ersetzen, da wir oft selbst nicht genau wissen, welche Sinneseindrücke der Handlung uns am wichtigsten sind.

Wenn jemand zum Beispiel an den Fingern kaut, ist das nicht nur ein Sinneseindruck, sondern viele verschiedene: Da ist zum einen das Gefühl, etwas mit den Fingern zu tun zu haben. Zum anderen gibt es einen geschmacklichen Eindruck. Der Kiefer ist ebenfalls beschäftigt. Das Beißen verursacht auch ein hörbares Geräusch. Außerdem entsteht eine starke Stimulation des Tastsinns an der Zunge, an den Lippen und an den Fingern.

Manchmal sind nur einige Komponenten eines Stims wichtig. In dem Fall könnte es zum Beispiel ausreichen, statt auf den eigenen Fingern auf einem Beißspielzeug herumzukauen. Für andere Menschen kann es aber auch nötig sein, zusätzlich den Tastsinn an den Fingern zu stimulieren.

Ein anderes Beispiel ist es, wenn sich jemand oft gegen den Kopf schlägt. Dadurch entsteht ein Geräusch, ein Druck am Kopf und eine Stimulation des Gleichgewichtssinns. Manche Menschen können diesen Stim dadurch ersetzen, dass sie zum Beispiel auf einem Trampolin springen oder kräftig hin und her schaukeln. Für andere ist es wichtiger, ein lautes Geräusch zu hören, und wieder andere können diesen Stim zum Beispiel durch einen Druckverband um den Kopf ersetzen. (Ich persönlich brauche je nach Situation alle drei.)

Wenn du einen bestimmten Stim wirklich dringend ersetzen willst, musst du damit rechnen, dass es viele Versuche brauchen wird. Manchmal klappt es auch nicht oder nur teilweise. Das ist okay. Du bist niemandem neurotypisches Verhalten schuldig!

Tipps für den Alltag

Das Schöne an Stimming ist, dass es sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt. Es kann jedoch schwierig sein, sich über gesellschaftliche Normen und das Stigma hinweg zu setzen. Oft wird erwartet, dass wir uns ruhig verhalten, weil ständige Bewegungen und Zappeln als Nervosität, Unsicherheit oder Angst angesehen wird. Manche Stims werden auch als „verrücktes“ oder „krankhaftes“ Verhalten angesehen.

Es gibt unzählige Gegenstände, die sich als Stim-Spielzeuge benutzen lassen. Dazu gehört zum Beispiel Kinderspielzeug: Blinkende Bälle, Flummis, Spielzeugautos, Fingerfallen oder Rasseln können sich gut dazu eignen.

Es gibt auch Spielzeug, das explizit dafür hergestellt wird, um Menschen Beschäftigung für ihre Finger zu bieten. Stimtastic ist zum Beispiel ein Online-Shop, der Stim-Spielzeuge verkauft.

Baby-Beißringe oder Beiß-Schmuck für Erwachsene können viel angenehmer zum Kauen sein als Fingernägel.

Ich kann euch nur empfehlen, euch über das angelernte Stigma und soziale Normen hinwegzusetzen und die Stim-Spielzeuge zu benutzen, die euch gut tun.

Wir müssen uns für Stimming nicht rechtfertigen. Lasst uns zusammen stimmen und das soziale Stigma gegen Stimming endlich abschaffen!

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15 Gedanken zu „Stimming

  1. Pingback: Stimming auf neurotypisch. | Erdlingskunde

  2. Pingback: Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein. | neuroqueer

  3. Dear Lian, Du bist mir total sympathisch und ich mag Deine Themen. Gleichzeitig wollte ich gerne etwas zum Stimming sagen. Meine Tochter – sie ist sieben – macht auch die ganze Zeit immer wieder immer gleiche Bewegungen oder spielt mit etwas hin und her. Und ich kann es deswegen nicht ertragen, weil ich davon nervös werde und Schmerzen in den Augen bekomme und – es erschöpft mich unendlich. Ich wollte gerne, dass Du weißt, dass es durchaus Leute gibt, die so „wedelnde“ Bewegungen wahnsinnig anstrengend finden. Ich lehne es nicht grundsätzlich ab. Ich sage zu meiner Tochter immer: Bitte! Mach das irgendwo anders, aber nicht neben mir. Ich kann es eben nicht aushalten. Ich leide unter chronischer Müdigkeit und allein das Sehen oder Hören „unruhiger“ Bewegungen raubt mir eine Menge meiner wenigen Kraft.

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    • Es ist immer voll okay, zu sagen, was man selber gerade nicht aushält. Wichtig ist nur, gerade bei Kindern, ihnen nicht das Gefühl zu geben, dass ihr Stimming allgemein irgendwie „unangemessen“ oder „komisch“ ist. Und ich denke, wenn du sagst: „Das tut mir nicht gut, mach das bitte woanders“ kommt das gut rüber.
      Meistens geht es auch, Ersatz-Stims zu finden, die für die anderen Anwesenden aushaltbar sind. Kommunikation ist da halt wichtig, was geht und was geht nicht.
      Für mich (und wahrscheinlich für viele andere Leute) ist es super schwierig, wenn einfach nur gesagt wird: „Lass das.“ Oder: „Das stört mich, hör auf damit.“ Weil: Ich KANN nicht einfach aufhören. Als Kind war das für mich schlimm, weil ich das Bedürfnis hatte, mich zu bewegen, mir das aber verboten wurde, ohne mir eine Alternative zu bieten. Inzwischen kenne ich die Alternativen, aber wenn ich solche Sprüche höre, erinnert mich das immer an diese Schimpfe, die ich als Kind deswegen bekommen hab, deswegen reagier ich da immer noch nicht gut drauf.
      Aber wenn jemand sagt: „Hey, das Geräusch tut mir in den Ohren weh, kannst du das lassen“ – das ist natürlich voll okay. Mach ich ja auch oft genug mit anderen Leuten so.

      Also ich denke der Punkt ist: Verschiedene Leute haben verschiedene Bedürfnisse und manchmal ist es schwierig, einen Kompromiss zu finden. Aber solang die Sache respektvoll bleibt, geht es eigentlich immer.

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  4. Vielen Dank, dass Du dieses Video gepostet hast. Ich stimme auch, fühle mich deswegen aber oft schlecht, weil ich das Gefühl habe, dass das komisch wäre. Verbal stimmen in der Öffentlichkeit traue ich mich nicht, dank Dir ist jetzt aber mein Ziel für 2016, mich zu trauen, vor meinen Freund_innen mehr zu stimmen! (Die haben auch nichts dagegen, denke ich, aber man bewahrt sich solche Ängste und Verhaltensmuster ja auf, wenn man einmal gehört hat „lass das doch!“.)
    Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich autistisch bin oder nicht. Es ist aber sehr hilfreich, andere Leute zu sehen, die stimmen. Danke, dass du Stimming für mich ein bisschen normaler gemacht hast. Ich brauchte das. Ich traue mich jetzt ein bisschen mehr.

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  5. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #245

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